Langes Echo

Der Film von Veronika Glasunowa und Lukasz Lakomy ist zwar von 2016. Das macht ihn nicht weniger eindrücklich. Er besticht nicht nur durch den vollständigen Verzicht auf die dokumentarchronischen Statements von „Talking Heads“, sondern auch durch eine ruhige, unaufdringlich anwesende Kamera, die nicht Neutralität vorgibt, sondern perzeptiv teilnehmend ist, die sich aus der Stillebenhaftigkeit zu Recht eine reiche fotografische Ausbeute verspricht. 

Die Dokumentaristen haben sich 2016 in der Zechenstadt Dobropolje aufgehalten. Sie schildern das Leben dort mitten im Krieg in der Ostukraine; so dass sich einem selbstverständlich immer die Frage nach der Sinnigkeit eines solchen Krieges stellt. 

Über den Besuch des örtlichen Musuem gibt es einen knappen Abriss der Geschichte, der um 1900 gegründeten Stadt. Es war eine Retortenstadt auf dem Grundstück eines Großgrundbesitzers. Die Einwohner kamen aus allen Himmelsrichtungen und sprachen verschiedene Sprachen. Sie lebten von den Zechen. Die Frau, die das Filmteam durch das Museum führt und darüber erzählt, ist eine der hervorragend ausgewählten Protagonistinnen des Filmes; sie betreibt einen Single-Club, bei dem es um Verkuppelung geht; denn im Donbass geraten die Verhältnisse und auch die Beziehungen durch den Krieg durcheinander. 

Ein Taxifahrer afrikanischen Ursprungs, der schon zu Sowjetzeiten ins Donez kam, hat einiges zu erzählen über die Verwertung von Leninstatuen nach der Wende beispielsweise. Jugendliche machen sich ihre Lage mit einer Technoband erträglich. Sie haben Überlebenshumor, aber allzu mutig sind nicht alle, wenn es darum geht, den Feind zu benennen, da ist Dima am Deutlichsten, woher die Geschosse kamen. 

Ein Tierfreund hält einige Exoten, einen Pfau und möchte seinen Mini-Zoo ausbauen. Aktuell geht es darum, in Donezk einen Geko, ein Chamäleon, zu erstehen. Braucht er einen Passagierschein? Eine Frau unterhält einen Massagesalon mit Elektrogeräten. Die sollen den von Krieg und Zeche geschundenen Männern Erleichterungen in Gelenken und Muskeln verschaffen. Ein Detail sind Veteranen, die sich dabei filmen lassen, extra dafür haben sie ihre mit Orden und Medaillen vollgehängten Militärjacken angezogen. 

Es gibt Ehrenkundgebungen für die Gefallenen, es gibt eine herzzerreißende Beerdigung. Seit wir Corona erfahren haben, sind wir diesem Donez deutlich näher gerückt, ja man blickt neidisch auf Menschen, die sich noch nahe kommen dürfen und dies mit einer Herzlicheit, wie sie in unserer Wohlstandsgesellschaft doch weitgehend auf der Strecke geblieben ist.

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