Isadoras Kinder (Stream – Kino on demand)

Kunst und Leben. 

Isadora Duncan war eine der aufregendsten Tänzerinnen des frühen 19. Jahrhunderts. 1913 verlor sie ihre beiden Kinder durch eine Unachtsamkeit ihres Chauffeurs. Diesen Schicksalsschlag verarbeitete sie Jahre später in der Choreographie „La Mère“ nach der Musik von Alexander Scriabin. 

Damine Manivel, der mit Julien Dieudonné auch das Drehbuch geschrieben hat, baut aus dem Stoff ein meditatives Triptichon. 

Im ersten Teil stellt er uns den Sachverhalt aus Sicht von Isadora Duncan dar. Die Schauspielerin Agathe Bonitzer hat die Autobiographie von Isadora Duncan, in der sie den Weg aus der Trauer zum Tanzen wieder beschreibt. Daraus liest Bonitzer vor. Sie geht in einen Ballettsaal, denn im Buch ist auch die Choregraphie für „La Mère“ enthalten, faszinierende Grafiken. Bonitzer versucht, die Choregraphie Schritt für Schritt nachzutanzen, eine gelungene Einführung in dieses Ballett. 

Im zweiten Teil konzentriert sich Manivel auf Manon Carpentier und Marika Rizzi, die für den 28. November 2018 eine Aufführung des Balletts im Pariser Theater Carré Magique planen. Wenn ich das richtig einschätze, dürfte das der 100. Jahrestag der Uraufführung sein. Manivel begleitet die beiden Künstlerinnen bei den Proben, bei Gesprächen auch am Meer. Immer wieder schweift sein Blick ganz beiläufig auf Kinder, auf Eltern mit Kindern. 

Von der Aufführung selber bekommt der Zuschauer hier im Kino nichts mit. Die Kamera sucht ruhig einige Zuschauerreihen ab während der Vorstellung, filmt andächtige, beeindruckte, schöne Gesichter. Am Schluss bleibt die Kamera auf Elsa Wolliaston hängen, einer älteren Dame und selbst eine tänzerische Berümtheit für afrikanischen Tanz. 

Der Film begleitet Elsa Wolliaston auf ihrem Heimweg von der Aufführung. Da das nicht besonders spektakulär ist, auch wenn die Dame am Stock einen signalroten Mantel trägt, bleibt Zeit genug zu reflektieren, wie die Tanzaufführung in dieser einen Zuschauerin nachwirken mag. 

Später wird Wolliastons ganz persönlicher Bezug zu dem Thema sichtbar und – das war wohl zu erwarten – sie selbst deutet einige der Bewegungen aus der Choreographie an. 

So durchwirken die Themen Verlust, Realität, Kunst, Verarbeitung von Realität in der Kunst und damit Transport der Gefühle auf eine höhere, eine verbindlichere, ein allgemeingültige Ebene den Film. Diese Vermutung wird unterstützt durch das Zitat von Duncan, dass doch sie selbst nicht die Choreographien erfunden haben, dass sie diese nur – vielleicht durch die besondere Lebenssituation – von ganz woandersher ablesen konnte, dass die schon immer existiert habe. 

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