Die Tochter des Spions

Kalt-Kriegs-Blüte.

Mit ihrer Dokumentation über Ieva Lesinska / Evelyn Dorn blättern Jaak Kilmi & Gints Grube ein eher seltenes Schicksal als Folge des Kalten Kriegs auf: das der Tochter eines Doppelagenten und Überläufers des KGB, die von allem nichts wusste. 

Ieva Lesinska lebt als Kind mit ihrer leiblichen Mutter in Lettland, während ihr Vater inzwischen mit einer anderen Frau als sowjetischer Kulturdiplomat bei der UN in New York akkreditiert ist. Als Kind verbringt sie eine Zeit in Moskau, weil ihre Eltern sich dort fürs Spionagegeschäft schulen lassen; deshalb haben sie Kameras, mit denen sie selbstverständlich auch ihr Kind fotografieren; gut für die Dokumentaristen!

1978 erhält Ieva eine Einladung ihres Vaters nach New York. Sie soll einige Wochen mit ihm in den USA verbringen. Sie fertigt Notizbücher an von den Eindrücken. Die amerikanische Wohlstandswelt ist für sie eine erschütternde Entdeckung. 

Dann nimmt der Vater sie mit nach Washington, um ihr vor ihrer Rückreise noch diese Stadt zu zeigen. Sie checken in einem vornehmen Hotel ein. Dort offenbart ihr der Vater, dass er gedenke überzulaufen und ihr stehe es frei, bei ihm und seiner jetzigen Frau zu bleiben oder sich an die Botschaft der UdSSR zu wenden, sie habe von allem nichts gewusst, um nach Lettland zu ihrer leiblichen Mutter und ihren Freundinnen zurückzukehren. 

Eine unvermittelte und heftige Entscheidung für eine junge Frau. Jetzt wird die Familie plötzlich hochbewacht, gelangt in die Schlagzeilen und muss eine neue Identität annehmen, alles zurücklassen. 

Ieva fällt in ein Niemandsland und wird zu Evelyn Dorn, beginnt unter dieser Identität ein neues, auch nicht gerade freies Leben in den USA. 

Die beiden Dokumentaristen haben mit der Protagonistin gedreht, wie sie an Wirkorte zurückkehrt, wie sie in Fotoalben, Notizbüchern, Zeitungsausschnitten blättert. Es gibt Super-8-Material von ihren ersten Eindrücken in New York. Es gibt überhaupt erstaunlich viel Archivmaterial für die Tochter eines Geheimdienstlers; andererseits wiederum nicht. Deshalb gibt es mit Darstellern, die nach Evelyn und ihrem Vater ausgesucht und hergerichtet sind, nachgestellte Szenen. Mit ihnen wurden leicht vergilbte Fotos nachgeschossen, was dem TV-gerechten Film einen speziellen Charme verleiht. 

Was waren das für Auswüchse des Kalten Krieges, was ist das für ein Leben, wenn man von einem Tag auf den anderen seine bisherige Geschichte negieren muss, wie vom Himmel mit erfundener Biographie in eine neues Umfeld fällt? Sie meint denn auch, richtig gelacht habe sie nie; sie wäre, wenn es das damals schon gegeben hätte, ein Grufty geworden und ihr Lächeln war ein trauriges Lächeln. 

Ievas Vater stirbt noch vor Ende des Kalten Krieges. Nach dem Fall der Mauer nimmt sie ihren alten Namen an, arbeitet zuerst bei Radio-Free-Europe in München und geht 1991 zurück nach Lettland. Allerdings ist da der Film zu Ende; was ja sicher auch eine spannende Frage wäre, wie sie in der alten Welt wieder aufgenommen wurde. 

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