Berlin Alexanderplatz

Aufschließen zum Weltkino?

Der Film von Burhan Qurbani (Wir sind jung – Wir sind stark), der auch hier wieder das Drehbuch mit Martin Behnke geschrieben hat, lässt hoffen. 

Mehrere Indizien sprechen dafür. Da ist die Dichtersubstanz vom Kaliber eines Alfred Döblin. Sein Roman „Berlin Alexanderplatz“ war die Vorlage fürs Drehbuch. Somit traut sich das deutsche Kino an das große menschliche Drama vom kleinen Mann, der ein guter Mensch sein will und doch nur immer tiefer ins Unglück hineingerät. 

Diesen Franz, anfangs „Francis“, spielt Welket Bungué. Zusammen mit seinem zwiespältigen Förderer und gleichzeitig auch Antagonisten Reinhold (Albrecht Schuch), bilden die beiden Männer ein darstellerisches Leinwandtraumpaar. 

Als dritter Punkt für den Weg zum internationalen Kino kommt die unverschämt kühne, agile und begeisterte Kamera von Yoshi Heimrath hinzu, die Bilder einfängt, die einen geschmeidigen Schnitt ermöglichen, sowie die Musik ebenbürtig wie auch die Dialogregie von Qurbani, der die Leute oft recht leise sprechen lässt und das hört sich noch besser an, wenn Döblintexte die Grundlage bilden. 

Drei Kinostunden, die sich lohnen und die wie im Fluge vergehen. 

Es gibt allerdings ein Grundproblem. Da hatten die Macher die geniale Idee, die Franzrolle einem Flüchtling zuzuschreiben. Das ist nun allerdings eine auf den ersten Moment bestechende Idee, in die sich die Macher vermutlich auch so verknallt haben, dass sie an ihr nicht mehr rütteln mochten.

Hierbei grätscht allerdings die Realität dem Dichter dazwischen. Ein Flüchtling ist einer, der schon alles verloren hat, ist einer wie Francis, der schon einiges im Leben angestellt, also auf dem Kerbholz hat. Sein erstes Interesse ist es, hier überhaupt Fuß zu fassen, Anerkennung zu finden, womöglich die Staatsbürgerschaft zu erlangen. 

Döblins Franz Bieberkopf hat das alles schon. Er ist ein Mensch, der hier von Geburt hier gelebt hat und trotzdem mit dem Leben nicht zurechtkommt, wie es sich ihm bietet. Das ist eine Grunddiskrepanz in der Konstruktion des Filmes, dass dieser Flüchtling, der hier noch gar nicht angekommen ist, sich schon so verhält, wie einer, der nie Flüchtling war. Insofern hinkt der Film konzeptionell gewaltig; wobei ihm andererseits diese Flüchtlingsfolie, die über den Döblin-Text gehalten wird, eines der Elemente sind – nebst Regie und Kamera – die diesen Döblin so ungeheuer frisch erscheinen lassen und vor allem so, dass man nicht glauben möchte, dass er aus deutschen Kinosubventionslanden mit all seinen Behinderungen des Filmemachens kommt. 

Man muss ein bisschen genauer hinschauen, um noch Relikte jenes unsäglichen Kinos zu finden, die momentweise dem Film den Schwung nehmen. Meiner Ansicht nach liegt das vor allem bei den Darstellern. Joachim Król als Obergangster Pums ist sehr subventionssaturiert, fernab vom frischen Wind des Wettbewerbes; er spricht zwar nicht schlecht, aber gegenüber internationalen Figuren hat er wie weniger Blutzirkulation, wirkt im Film wie ein ausgebleichter Punkt. Er muss so eine Kritik auch ertragen können, sitzt er doch vermutlich sehr gut gefüttert im wettbewerbsverachtenden Stroh der Subvention (von Film und Fernsehen). 

Ähnliches gilt für fast alle Frauenrollen. Diese wirken momentweise immer wieder mehr wie Wachsfiguren oder wie harte Subventionsschauspielerei: auf Position gehen und seinen Satz hinknallen, leistungsorientiert. Hier möchte ich aber namentlich niemandem zu Nahe treten; es sind prinzipiell keine schlechten Schauspielerinnen; aber zu den internationalen Stars scheint mir noch eine deutliche Differenz zu bestehen. Diese Schauspielerdefizite haben zur Folge, dass ab und an Szenen wie Klischeeszenen schematisch rüberkommen (zB die Szene mit Reinhold und der Frau, die weint)

Die Karriere, die dieser Franz macht, erinnert teilweise auch mehr an Un Prophete, der aus dem Gefängnis heraus Verbrecherkarriere macht, als an Franz Biberkopf. 

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