Der Junge und die Wildgänse

Donne moi des ailes (gib mir Flügel).

In der Art einer schnellen, entspannten Reportage berichtet Nicolas Vanier (Belle und Sebastian) vom Sommer seines Lebens, vom Coming-of-Age von Thomas, 14, (Louis Vazquez). 

Thomas lebt bei seiner Mutter (Mélanie Doutey) und deren neuen Freund. Er soll drei Wochen bei seinem leiblichen Vater Christian (Jean-Paul Rouve) in der Camargue verbringen. Dieser möchte dort eine bedrohte Art von Wildgänsen ansiedeln. Er hat Eier dabei, die ausgebrütet werden und sich an ihn als Leitgans gewöhnen sollen, damit er sie in den Norden von Norwegen bringen kann, von wo sie im Herbst zu ihrem Flug nach Südfrankreich starten sollen. Damit sie das lernen, fliegt er mit einem Leichtmetallflugzeug voraus, allein das garantiert schon für genügend abhebende Fotografie. 

Die Erzählung ist überaus stimmig: Thomas hat überhaupt keine Lust hinzufahren, er ist auf Videospiele und solchen Kram fixiert und ahnt nicht im geringsten, was auf ihn zukommen wird, was ihn – auch alters- und entwicklungsgemäß – erwartet. 

Unversehens gerät Thomas in den Coming-of-Age-Strudel hinein, über den Aufbau einer Beziehung zu den Gänsen, wie der überraschenden Begegnung mit einem skandinavischen Mädchen, aber auch im Alleinflug übers Meer und durch einen Orkan, wie er sich von der Kindheit häutet, und genau so ist die überraschte Reaktion der Erwachsenen hervorragend inszeniert: ihre Ungläubigkeit, ihre Verzweiflung, als hätten sie keine Ahnung vom Coming-of-Age und dann ihre übertriebene Freude, wie alles gut gegangen ist. 

Im Hintergrund erlebt der Vater den üblichen Hickhack und Verhinderungsmechanismus seiner Institution, den Kampf gegen die Trockenlegung der Sümpfe und damit Vernichtung des Winter-Überlebensraumes der Wildgänse aus industriell-kapitalistischem Interesse, was er allerdings mit viel Pfiff und wenig Aufwand konterkariert oder der bürokratische Hemmschuh aus Norwegen. 

Selbstverständlich spielen die sozialen Medien im Hintergrund auch mit und ohne Internet und Youtube geht schon gar nichts, schon gar keine moderne Heldentat.

Es ist nicht übertrieben, wenn Thomas sich als ein Nils Holgersson sieht. Und Nicolas Vanier braucht sich vor Selma Lagerlöf nicht verstecken.

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