Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Wie ein Tsunami

fegt Christoph Schlingensief in diesem Film von Bettina Böhler über die Leinwand und macht einem schmerzlich bewusst, wie dösig das Land doch seit seinem frühen Tod 2010 geworden ist: zusehends ermattende GroKo, die nur noch um ihr Überleben kämpft, um die Pfründen. 

GroKo-Demokratieauffassung durch den Geldsegen von Draghi: Geld verteilen statt die Demokratie trainieren. Ein Wohlstandsboom, der offenbar für kulturelle Provokation immun macht, diese gar nicht zulässt. Oder: es braucht Corona, um wieder Leben in die Politbude zu bringen.

Sicher, Schlingensief ist ein Provokateur, er gefällt sich in der Rolle, er ist ein geistiger Wirbelwind, ein Rabbatzmacher, nicht ein bedacht Langsamer, kein Grübler. Er will Aufsehen erregen, er regt sich auf über Verlogenheiten und Missstände der Demokratie, er sucht die Grenzüberschreitung, das ist so bei Provokateuren. Er hatte noch ein Gegenüber, Reibungsfläche. Das ist bei der heutigen lethargischen Gesellschaft offensichtlich nicht mehr der Fall. 

Bettina Böhler montiert aus privatem Super-8-Material, das bis in Schlingensiefs Kindheit zurückgeht, als sein Vater, ein Apotheker, seinen einzigen Sohn, der nur nach sechs mühsamen Versuchsjahren zustande gekommen ist, filmte, den hoffnungsvollen, der selber früh schon mit dem Filmen anfing und als Zehnjähriger schon Regie führte, wie er in einer der vielen dazwischemontierten Interviewstellen sagt.

Bettina Böhler ist eine beachtliche Schnittmeisterin; die Liste der von ihr geschnittenen Filme bei IMDb ist lang und prominent. So führt sie Regie auf ihrem ureigensten Feld und kann aus einer Fülle von Originalmaterial schöpfen und so auf Talking Heads verzichten. 

Die Montage im Film kann natürlich noch viel mehr den Eindruck von Unermüdlichkeit, von unerschöpflicher Energie erzeugen als eh schon da ist, bis auf die späten Aufnahmen, wie Schlingensief von Krankheit gezeichnet ist und das auch weiß und dies selbst in sein künstlerisches Tun einfließen lässt. 

Es gibt Ausschnitte aus vielen seiner Filme, aus Theater- und Operninszenierungen, aus Straßenaktionen, Talkrunden, Interviews, seinen Afrika- und Flüchtlingsaktivitäten. Was einem bewusst macht, wie künstlerische Aktionen, die sich um Flüchtlinge kümmern seit der Grenzöffnung 2015, kaum mehr Resonanz finden; das Thema Flüchtlings“krise“ hat sich breit davor gestellt. 

Leben wir inzwischen in einer nicht mehr provozierbaren Republik, die sich selbst zerfleischt mit ihren Extremismus- und Abgrenzungsthemen? Hat Schlingensief dem Land mehr gebracht als nur den momentanen Aufruhr oder hat sich das Land just deshalb noch mehr immunisiert gegen künstlerische Fundamentalkritik? Ist Schlingensief mehr als nur bunte Anekdote geblieben? Ist Schlingensiefs Hinterlassenschaft mehr als nur ein zweistündiger Film, der einem immerhin kurzfristig die trägen Gedanken im Kopf aufwirbelt? War er mehr als nur ein kultureller Windmacher, der den Kultbedarf einer gewissen intellektuellen Schicht befriedigte und Politpappfiguren aus der Fassung brachte?

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