Kill me today, tomorrow I’m sick! (12. – 15. März, Werkstattkino München)

Alles Fiktion.

Mit dieser Behauptung geben sich Joachim Schroeder und Tobias Streck einen Freibrief für ihren fulminanten Spielfilm, einer superben Jugoslawien-Persiflage mit glänzendem Cast, der sich den Zunder des Hasses, der nach dem Tode Titos in Form des Balkankrieges über Jugoslawien kam, zunutze macht und erstaunt die internationale Gemeinschaft betrachtet, die hilf-und erfolgsarm versucht, mit gut gemeinten Initiativen die Demokratie zum Erblühen zu bringen. 

Da ja alles erfunden ist, heißt die internationale Organisation OSCE, die versucht, eine moderne Demokratie im Kosovo aufzubauen. Die Figur, an der das festgemacht wird, ist Anna (Karin Hanczewski). Sie kommt in Pristina als die neue Abteilungsleiterin Medien an, voller Weltverbesserungsenthusiasmus und Ideale und leider ohne jede Ahnung von den Balkanrealitäten; auch spricht sie weder Serbisch, Bosnisch noch Alabanisch. Das werden sich die Übersetzer in ihrem Sinne balkanesisch zunutze machen. 

Ihr Fahrer ist Plaka (Carlo Ljubek), der außerhalb Jugoslawiens auch nichts mit der Welt anfangen kann, der bei seiner Rückkehr aus Wien gleich seinen 5er Citroen der UCK „spenden“ muss, und der einen Touch jugendlichen Belmondos in das Balkanflair der Filmes und damit eine schwebende Leichtigkeit in das Geschehen bringt. 

Anna ist zäh, sie ist nicht leicht, wie die übrigen Mitglieder der Mission, zum Einknicken vor den Umständen zu bringen; Fatalismus liegt ihr fern. Bei einer Lieferung zweier Kühe und eines Traktors an einen serbischen Bauern (der gar nichts damit anfangen kann), da ist sie noch reinzulegen, weil sie einfach rein gar nichts versteht, wie denn auch, wenn Plaka dem Bauern zuflüstert, er soll freundlich nicken und den Traktor würde ein Bekannter von ihm schon abkaufen. Es folgt ein Gut-Menschen-Bild der Übergabe von Kühen und Traktor wie wir sie aus den Medien zur Genüge kennen, wenn der reiche Westen in armen Ländern Gutes tut, zu tun glaubt und es sich und uns belegen will.

Den Witz, SFOR, KFOR, next time: what for?, den kann Anna bald schon selber zitieren. Aber mit dem Radiosender bleibt sie stur. Plaka muss mithelfen „Radio One Kosovo“ aufzubauen. Sie tun das bei seinem Bruder Burim (Eray Egilmez). Der betreibt eine Autowaschanlage. Offiziell. Inoffiziell haben die beiden längst einen lukrativen Schwarzhandel und ein Beschaffungsgeschäft auch für das internationale Personal aufgezogen. 

Hinter Kisten versteckt in einer Lagerhalle wird das Studio gut getarnt installiert. Und da Meinungsfreiheit, Toleranz der Ethnien untereinander, der Einsatz für die Gleichberechtigung von Frauen, geschlechtlich abweichende Liebe in der Gegend lebensgefährlich ist, wird nur mit verstellten Stimmen und Identitäten gesendet. 

Das Radio wird Schauplatz für den dramatischen Show-Down, nachdem es bereits Tote auch bei der Mission gegeben hat, weil die eben auch nicht alle ganz sauber sind oder Grundregeln wie keine Beziehungen untereinander oder mit Bosniaken, Hände weg von den Albanerinnen etc., nicht einhalten können. 

Es berührt in der Mission Sigi Zimmerschied als Wimmer, der um seinen toten Hund trauert und mit dessen Leine spazieren geht. Überhaupt ist der Cast ausgesprochen filmaffin, schöne, gutaussehende Menschen entwickeln eine ganz besondere Wirkung, wenn sie Böses tun. Henryk M. Broder spielt einen Zyniker. Und der Historiker Michael Wolffsohn tritt in einer Fernsehsendung als er selbst auf, in „Woffsohns‘ historische Leckerbissen“ als Sahnhäubchen auf dieser wie Flan genießbaren Balkankriegssatire; die gerade durch die Freiheit, die sie künstlerisch beansprucht, vielleicht näher an die Wahrheit herankommt, als so manch todernst und gut gemeinter Kriegsaufarbeitungsfilm. 

Weitere Vorstellungstermine siehe hier.

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