Paris Calligrammes

Ulrike Ottinger blickt zurück auf ihr Leben, das ohne Paris nicht zu denken ist, ohne die Buchhandlung Calligrammes, die ihr in den frühen 60ern das Entree ins Pariser Künstlerleben brachte wie auch ihr Studium der Radiertechnik bei Johnny Friedlaender und für sie ebensowenig ohne die Fotos, Radierungen und Filme, die sie gemacht hat. 

Ihre Prägung hat Ottinger von Konstanz nach Frankreich gezogen: schon als kleines Kind habe sie mit ihren Eltern nur französische Filme gesehen und der erste deutsche Film, das sei eine Art Kulturschock gewesen, erzählt sie in dieser künstlerischen Autobiographie die etwas vom Schmökern in den Kisten eines Bouquinisten hat. 

Klar wird dabei, wie sehr Paris in dieser Nachkriegszeit ein künstlerisch-geistiges Zentrum war von Existanzialisten und Dadisten, von Autoren und Filmemachern und später in den 60ern von aufsässigem Studententum mit den Studentenunruhen, die weltweit Schlagzeilen machten, aber auch mit der brutalen und bis heute weitgehend verschwiegenen und äußert blutigen Niederschlagung von Algeriendemos. 

Der Film ist zeitgenössischer Lebensbericht, Kulturreport und auch der Ansatz einer Werkschau der Künstlerin, die mit dem Filmemachen erst angefangen hat, nachdem sie 69 Paris verlassen hat. Es ist somit ein Fitzelchen europäischer Kulturgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts, was Ottinger ohne allezu strikte Einteilung nach Zwischentiteln, die Themenbereiche skizzieren, auf der Leinwand ausbreitet. 

Die Konstanzer Isetta kommt vor, mit der sie nach Paris aufgebrochen ist. Aus der Zeit stammt viel Schwarz-Weiß-Archivfootage über das Nachkriegs- und 60er-Jahre- Paris. Ottinger blättert im Gästebuch von Fritz Picard, dem deutschstämmigen Inhaber der Buchhandlung Caligrammes: die Geistes- und Kunstwelt hat sich hier die Klinke in die Hand gegeben. 

Es war insofern eine übersichtliche Zeit mit klaren Positionen. Das wird einem erst bewusst, wie diffundiert geistige und künstlerische Bewegungen heute sind, wie kaum eine es zu einer dominierenden Top-Prominenz bringt, außer vielleicht eine Greta in der Umweltbewegung.

Ab und an bringt Ottinger einen Hinweis auf die Entstehung eines ihrer Filme, nach einem Rundgang durch ein Museum zeigt sie detailliert genau, wie sie sich für einen ihrer Filme hat inspirieren lassen. 

Aber Ottinger ist nicht reine Kulturfrau. In Paris liebte sie es, in der Früh durch die Markthallen zu streifen, die Armen zu beobachten, wie diese den Müll nach Essbarem durchwühlen. 

Es ist eine erschöpfende Überfülle an Bildern, Filmausschnitten, historischem Footage, wie der Eröffnung der Cinématheque, Studentendiskussion im Theater von Jean-Louis-Barrault und Madeleine Renault oder die kolonial gefärbten Paraden zum 14. Juillet, andere Spuren der Kolonialgeschichte und und und

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