Der Krieg in mir

Stalin-Line

ist ein Freizeitpark in Weißrussland, ein Kriegspark und kein Vergnügungspark, in welchem Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg vor zahlreichem Publikum nachgespielt werden. Es ist kein rühmliches Kapitel für die Wehrmacht. Sie hat in Weißrussland beim Rückzug nach dem Motto „tote Zone“ gehandelt: 628 Dörfer wurde niedergebrannt mit allen üblen menschlichen Opfern. 

Der Opa des souveränen Autodokumentaristen Sebstian Heinzel war hier beteiligt, hat sich Schusswunden geholt. Mit Autodokumentarist ist gemeint, ein Dokumentarfilmer, der sich selber als Subjekt und Leitfigur im Film sieht. Heinzel ist auf der Suche nach der Kriegsvergangenheit seines Opas. Er möchte mehr über ihn erfahren, mit dem er als Kind viel zusammen war und von dem er vermutlich mehr als nur das verschmitzte Lächeln geerbt hat, auch militärische Tugenden wie Disziplin, Gehorsam, voller Einstaz, sich einer Sache unterordnen, die zum Gelingen eines Filmes nicht weniger wichtig sind als zum Gewinnen eines Feldzuges. 

Weißrussland sei auch die Zeit gewesen, über die Opa am wenigsten geredet habe, meint der Vater des Filmemachers, ein erfolgreicher Gechäftsmann, der wenig Zeit für seine Kinder hatte. 

Heute wohnt Heinzel in einem Biohof im Schwarzwald, hat selber zwei Kinder. Aber die Kriegsträume lassen ihn nicht los. Auch zog und zieht es ihn immer wieder nach Weißrussland, das in gewisser Weise ein weißer Fleck in seiner Familiengeschichte, vermutlich sogar in seiner DNA ist. 

Heinzel fragt nach der Vererbung von Traumata, besucht eine Wissenschaftlerin in Zürich, die dabei eine Maus verliert und ein berühmter amerikanischer Epigenetiker ist dort zu Gast. Für solche Leute besteht kein Zweifel, dass Extremsituationen, wie der Opa sie im Krieg erlebt, sich einprägen und auf die nächsten Generationen übertragen. Der Mensch selbst macht sich dabei empfindungslos seinem Körper gegenüber, aber interessanterweise entwickelt er – auch in den folgenden Generationen – erhöhte Risikobereitschaft, die sich beim Dokumentaristen beispielsweise darin zeigt, dass er in Belarussia einen Fallschirmabsprung ganz allein sich traute. 

Heinzels Hauptfrage ist, was verbindet ihn mit seinem Vater, mit seinem Großvater. Der Vater selbst zeigt sich bereit, mitzuwirken im Film, sich befragen zu lassen; somit wird es auch ein Film über eine Annäherung zwischen einem Vater und einem Sohn, zwischen den bislang wenig Austausch stattgefunden hat und die wohl mehr verbindet als nur die Ähnlichkeit in Physiognomie und das etwas verkniffene Lächeln.

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