Euforia

Erodierende italienische Familie. 

Familienverhältnisse zwischen Karriere, Koks, Klinik und Katholizismus. Letzterer spielt allerdings nur noch eine Rolle als Erwerbsquelle für den Protagonisten Matteo (Riccardo Scamarcio). Er ist ein Yuppie, ein Junkie, ein erfolgreicher Geschäftsmann, schwul, wohnhaft in chicem Loft in Rom. Irgendwas mit Architektur- und Designbusiness, nicht so wichtig, Hauptsache beim Klerus eine Präsentation haben. Hinfahren mit dem eigenen Fahrer Arturo. Und Geschäftsidee in Abu Dabi, ein Flüchtlingslager. Irgendwie mit der Barmherzigkeit. Auch die große italienische Kunst, Madonnen von Raffaelo, spielen nur eine Rolle fürs Business, die kann man auf dem Mobilphon scrollen und ins Design integrieren. Restauration der Harpyenmadonna gesponsert von Kosmetikkonzern. Mitleid als Geschäftsmodell. 

Kind ist Matteo geblieben insofern er ausgelassen tanzt unter der Dusche oder auf seltsamen Gefährten über seine Terrasse braust und dabei Leuchtbogen schwingt. Sein älterer Bruder Ettore (Valerio Mastandrea) – ein wunderbarer Besetzungsgegensatz – ist Lehrer und hat einen Tumor. Matteo nimmt ihn auf in Rom für die Zeit der Untersuchungen und Behandlungen. Sein wahrer Zustand wird ihm verschwiegen. 

Ettore hat einen Sohn. Seine Frau Elena (Valentina Cervi) hat sich von ihm getrennt. Valeria Golino, die mit Francesca Maricano und Valia Santella auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert diese Zeit des Aufenthaltes von Ettore bei Matteo in Rom. Als pralle Erzählung. 

Es gibt einen Ausflug zum Familiensitz, ein Treffen der ganzen Familien bei Mama in Nepi; die sich wundert, dass die beiden Brüder so wenig Gespräch miteinander hätten. 

Der Film von Valeria Golino schwebt und rattert in vollster Italienita über die Leinwand; es gibt Auseinandersetzungen, die Frage der Hemden für die Reise oder das Problem vom vollgekoksten Matteo mit einem Bodybuilder, dem er einen blasen möchte; es wird gegessen, über die Krankheit geredet, vor allem hintenrum, die Brüder kommen doch noch ins Gespräch, auch über die Schwulität; aber es bleibt keine Zeit, sich festzubeißen oder letzte Wahrheiten zu ergründen. 

Jeder lebt nach seiner Wahrheit und manche vertragen sich miteinander. Mitmenschlichkeit ist keine Routine mehr, ist auch kein Stil, ist ein Kraut, was ab und an auftaucht und dann noch daneben geht, wenn Matteo Elena einlädt, in der Hoffnung, das baue Ettore auf. Die italienische Familie, sie lebt noch, aber nur noch der Form halber nach den (freien?) Regeln der neuen Zeit, sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. 

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