Tommaso und der Tanz der Geister

Italienaufenthalt,

Romaufenthalt. Ja, ein Romfilm ist es auch noch, was Abel Ferrara uns zeigt und höchst atomsphärisch von Kameramann Peter Zeitlinger immer so aufnehmen lässt, als sei es wirklich das Auge desjenigen, der nur vorübergehend in citta ist, der alles aufsaugen will, der den Moment der ewigen Stadt erfassen will. 

Ein Willem-Defoe-Film ist es dazu. Grad hat man ihn noch frisch in Erinnerung aus Der Leuchtturm. Im ersten Take, bei dem er durch den Innenhof eines römischen Wohnblocks geht – dazu schallt Pavarotti aus einem Fenster – huscht einem kurz durch den Kopf, Dafoe, ach den kennen wir jetzt in und auswendig, dieses markante Gesicht. Aber schon bei der Italienischlehrerin ist er voll und ganz der Künstler, der in Italien Ruhe sucht, Inspiration und wie sich später herausstellt auch Heilung von seinen früheren Exzessen. 

Tommaso lebt bürgerlich mit einer Frau aus der Ukraine und der kleinen Tochter Deedee (die Darstellerin heißt Anna Ferrara) in wilder Ehe. Er versucht zu schreiben, schreibt an einem Drehbuch, hebt ab in Traumwelten, wobei er offenbar nicht immer unterscheiden kann, was Traum, was Realität ist. 

Tommaso kann bei einer Therapiegruppen ellenlang aus seinem früheren versauten Leben berichten – er ist sechs Jahre trocken; er bekommt es nicht aus seinem Kopf, der Mann ist immer auf der Suche nach der idealen Frau, zB als Nacktbedienung in einer Bar. 

Tommaso gibt Schauspielkurse, macht Yoga. Er hat Angstträume, wenn er von hoch oben im Mietshaus auf die enge Römergasse runterschaut und Nikki mit dem Töchterchen kommen sieht, die Angst, sie könnte vors Auto laufen. Oder die Angst, es könnte den beiden was zustoßen, wenn Nikki mit dem Töchterchen in der Metro statt mit der Taxe fahren will. 

Tommaso kann sich schnell auch in der Rolle des zu Unrecht verhafteten, desjenigen, der doch nur die Wahrheit wollte, hineinträumen oder gar – reine Künstlerseele – sich als Märtyrer wie Christus neben anderen Gekreuzigten als Kunstaktion vorm Römer Bahnhof angenagelt sehen und dann noch vorwurfsvoll in die großartige Kamera blicken. 

Der alte Schlawiner dringt immer wieder durch in Tommaso. Wenn er nach der Therapiegruppe die Blondine noch nach Hause begleiten will durch die römischen Gassen. Ach, das liegt so in der Luft; aber auch für die Kamera ist sie unberührbar entrückt hinter der Windschutzscheibe eines Motorrades. 

Der Film schildert glaubwürdig pralles, römisches Leben und stellt die Frage nach dem Künstlertum, nach dem Künstlersein darin. Einmal wird das Thema von Partnerschaft und Geiselnahme durch Partnerschaft angesprochen. So dürfte es zumindest der Künstler verstehen. 

Überraschend gelöst wird auch die Szene mit dem Penner, der nachts besoffen auf der Straße grölt. Tommaso bekommt Angst um den Schlaf von Deedee, schreit erst vom Balkon aus zurück, andere Nachbarn mischen sich ein; der Penner hört nicht auf; Tommaso geht aggressionsgeladen auf die Straße runter. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, die nicht nach Klischee verläuft. Io sono chi sono. Jesus oder Künstler und ganz im Gegensatz dazu, kleiner Privatier in spießig organisierter Familie. 

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