Das freiwillige Jahr

Deutsches Leben: eine gewisse Hilflosigkeit. 

Ulrich Köhler (In My Room, Schlafkrankheit), der mit Henner Winckler auch das Drehbuch geschrieben hat, schaut dieses Mal noch genauer hin auf das deutsche Leben. 

Dabei konstatiert er „eine gewisse Hilflosigkeit“. Das Zitat blendet er geschickt aus einem laufenden Fernseher in einer frühen Szene ein; es kann programmatisch gelesen werden. Dabei offenbart er – vielleicht unfreiwillig – auch „eine gewisse Hilflosigkeit“ der deutschen Filmkultur, die auch hier mit konsequenter Abwesenheit von Charme und Humor glänzt. 

Es gibt einen trockenen Witz, der passiert, wenn der Vater der Hauptfigur, Urs (Sebastian Rudolf), von zwei Männern zusammengeschlagen wird, weil die glauben, er wolle eine Frau vergewaltigen. Nachdem sich der Irrtum geklärt hat (er wollte lediglich die Tochter bändigen), bedankt er sich für deren Zivilcourage. 

Köhler erzählt, und das ist schon mal ungewöhnlich für einen deutschen Film, eine Begebenheit aus dem deutschen Alltag, wie sie überall im Lande passieren könnte. 

Die Tochter von Urs, das ist die Hauptfigur Jette (Maj-Britt Klenke), soll für ihr Freiwilliges Jahr in Costa Rica zum Flughafen gebracht werden. Es ist ihr anzusehen, dass sie das mit gemischten Gefühlen tut, weil gerade die Liebe zu Mario (Thomas Schubert) am Aufflammen ist. 

Die Abfahrt von zuhause und der Weg zum Flughafen gestalten sich holprig, auch weil Urs selbst in einer gewissen Lebens- und Liebeskrise zu stecken scheint; ein häufiges Phänomen bei Eltern, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Er hat Geheimnisse mit seiner Sprechstundenhilfe Nicole (Katrin Röver); also er ist auch nicht so ganz auf dem Damm. 

Auf dem Weg zum Flughafen will er noch nach seinem Bruder Falke (Stefan Stern) schauen. Dieses kleine Extempore auf der Fahrt zum Flughafen bringt die Reisepläne von Jette vollends durcheinander und stellt ihr ganzes Vorhaben in Frage; bietet aber just den Stoff für die filmische Erzählung. 

Köhler erzählt die Abfolge der Ereignisse und deren Einfluss auf den Fortgang der Handlung, die in einer Verhinderung des Abfluges mündet, konsequent und spannend. Immer möchte man wissen wie es weitergeht und immer kommen menschliche Hindernisse dazwischen, fällen die Protagonisten Entscheidungen aus dem Bauch heraus, die man jedenfalls keine langweilige Lebensplanung nennen kann. In Krisensituationen, da werden Menschen interessant, wie sie reagieren, wie sie handeln und werfen insegesamt einen erhellenden Blick auf die Kultur in einem Lande – und nebenbei, wie hier, auch auf die Filmkultur und deren unerfüllte Sehnsucht nach dem „echten“ Leben. 

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