Sorry, we missed you

Scheinselbständigkeit.

Eine weitere Zusammenarbeit von Regisseur Ken Loach und Autor Paul Laverty (Hier in der Review zum letzten Film der beiden, Ich Daniel Blake, hier gibt’ Links zu weiteren Reviews). 

Immer wieder schafft es der Kapitalismus, die Errungenschaften von Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften auszuhebeln, zum Beispiel mit den Mitteln der Scheinselbständigkeit speziell in neuen Jobs, wie Paketausfahrer. 

Der Fall, den sich Autor und Regisseur genauer unter die Lupe nehmen, handelt von der Firma PDF. Ricky Turner (Kris Hitchen) ist verheiratet mir Abbie (Debbie Honeywood). Sie haben die beiden wunderbaren Kindern Seb (Rhys Stone), der gerade in der heftigsten Schulablehnungs- und Sprayerpubertät steckt und die kleinere Lisa Jane (Katie Proctor). 

Ricky war ein tüchtiger Arbeiter, viel Muskeln wenig Grütz, wie er sich selber charakterisiert, ein Arbeitstier also. Was er alles schon gemacht hat, zählt er in der ersten Szene auf. Hier sitzt er seinem künftigen Chef Maloney (Ross Brewster) gegenüber. Dieser erklärt ihm die Regeln der „Selbständigkeit“, die eine Scheinselbständigkeit ist in dem Sinne, dass sie so viele Risiken wie möglich auf den Arbeiter abwälzt, so viel Gewinn wie möglich für den Kapitalisten sichert. 

Vor allem muss er sich erst mal verschulden: wenn er den Transporter selber kauft, so kostet ihn das 465 Pfund im Monat, wenn er einen mietet, so kostet ihn das 65 Pfund am Tag. Es gibt zudem einen saftigen Bußenkatalog, wenn er den Job nicht richtig erfüllt. Das Gewerbe ist gnadenlos. Aber Ricky ist in der Klemme. Er und Abbie sind verschuldet. Sie haben ihr kleines Vermögen in der letzten Immobilienkrise verloren. 

Abbie ist mobile Pflegerin. Sie betreut Pflegebdürftige für einen Pflegedienst. Dazu braucht sie ein Auto. Dieses wird jetzt an Zahlung gegeben für den Lieferwagen von Ricky. Er bewährt sich im Job, obwohl es Ausbeutung pur ist. 

Auch für Abbie wird es härter, ihre Pflegefälle zu besuchen, da sie jetzt auf den Bus angewiesen ist. Auf Abby vereinigen die Autoren alle Elemente der Menschlichkeit, der guten Seele, auch des gesunden Menschenverstandes; das wird die Familie noch brauchen. 

Sohn Seb bereitet den Eltern ständig Probleme, weil er nicht zur Schule geht, weil er mit seinen Freunden Wände besprayt, weil er kein Interesse an der Schule hat, obwohl er intelligent ist. Ihm ist im Moment nicht klar, welchen Einsatz die Eltern bringen, um ihm die Schulbildung zu ermöglichen. 

Laverty und Loach nützen meisterhaft das Konfliktpotential, was die angespannte Situation in der Familie birgt: der zu wenig Schlaf, der Stress, die Schulden und dann der Anruf aus der Schule oder von der Polizei wegen dem Sohn. Das wird extrem für Ricky, dessen Chef kein Privatleben duldet, der brutal beim kleinsten Fehler dem Fahrer eine schlechtere Tour zuweist. 

Alles droht zusammenzubrechen, wie der Schlüssel zum Lieferwagen von Ricky verschwindet, und noch mehr an den Rand des Möglichen treiben die Filmemacher ihn, indem sie ihn von Jugendlichen auf der Suche nach Kreditkarten und Handys in den Sendungen überfallen lassen. 

Sicher, eine vergleichbare Realität als Dokumentarfilm würde vermutlich gänzlich anders aussehen. Aber Laverty und Loach kristallisieren aus vielen in diesem Randbereich der Gesellschaft vorfindbaren Teilen ein Puzzlebild heraus, das absolute Glaubwürdigkeit hat und ein erschütterndes Bild davon liefern, wie die Gesellschaft von der Mitte heraus zu bröseln beginnt, wie eine Familie schnell an den Rand der Katastrophe gelangt, wenn nur zu einer Lage, die kaum mehr Spielraum lässt, ein weiterer Belastungsfaktor hinzukommt. 

Man kann sich fragen, warum so ein Film in Deutschland nicht gemacht wird, obwohl es die gleichen Phänomene der Ausbeutung auch hier gibt. Fragen Sie mal einen Busfahrer einer der vom MVG beauftragten Peripherielinien, wie dessen Arbeitsbedingungen aussehen. 

Hinzukommt, was den Film so meisterlich macht, dass England eine Tradition des Soziodrams hat, dass sich dort auch die Schauspieler finden lassen, die einen Arbeiter oder eine Pflegerin oder einen Rotzjungen glaubwürdig darstellen können. 

Filmkritiker kennen das Problem von der Kundenseite her: immer kommt es wieder vor, dass eine Pressevorführung angesagt ist, dass die Kopie noch nicht da ist; das Paket sei unterwegs heißt es; es ist ja zu verfolgen wo. Filmkritiker tendieren in solchen Fälle, in denen sie mit ungewissem Ausgang warten müssen, nicht unbedingt zu den Menschen, die einen solchen Film von Ken Loach schon gesehen oder verstanden zu haben scheinen….

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