Das Vorspiel

Das Klassik-Milieu.

Das Milieu klassischer Musik ist ein ganz eigenes, in dem viel Geld fließt in die Multiplikationsindustrie, in die Stardirigenten und die Musiker (Orchestermusik dürften mit von den straffsten Tarifverträgen unter den Künstlerberufen haben; Orchestermusiker legen auf die Minute genau ihr Instrument ab bei Probenende). Das sind Informationen um diesen Film herum oder Vorstellungen, die einen ganz eigenen Teil der Kulturwelt charakterisieren, die klassische Repertoir-Musik, teils mit Zuhörern, die jede Note kennen und Abweichungen heftig bekritteln. 

Ein Milieu, das einerseits von Genie und Größe (Richard Wagner oder Pavarotti) schwärmt, andererseits einen enorm engen Fokus auf diese Kunst wirft. 

Einen atemberaubend nahen und ziemlich unverstellten Blick wirft nun Ina Weisse, die mit Daphne Charizani auch das Drehbuch geschrieben hat, mit großartigen Schauspielern (sowohl gestandenen als auch Nachwuchs!) auf ein Randgebiet der großen Klassik, auf eine Musikschule und gleichzeitig auf die Lebenskrise einer klassischen Geigerin und Musiklehrerin, auf Anna Bronsky (Nina Hoss), eine Geigerin, die Talent beim Vorspielen sieht und sich dafür verwendet, dass Alexander (Ilja Monti) einige Probemonate Stunden bei ihr nehmen darf, sie werde ihn schon auf Vorspielniveau bringen, behauptet sie. 

Anna ist verheiratet mit dem Franzosen Philippe (Simon Abkarian), einem Instrumentenbauer; so richtig funktioniert die Ehebeziehung nicht mehr. Der gemeinsame Sohn ist Jonas (Serafin Mishiev), der nach dem Wunsch der Eltern Geiger werden soll; Eishockey interessiert ihn mehr. Vor allem beobachtet er neidisch, wie die Mutter Energie in die Förderung von Alexander steckt; er selbst kommt sich benachteiligt vor. 

In eine weitere Problemsituation bringt Musikerkollege Christian (Jens Albinus) Anna mit der Bitte, sie möchte in seinem Quintett mitspielen. 

Die Enge dieses Klassik-Milieus zeichnet Weisse gnadenlos mit einer Kamera, die keine Weite zulässt, die immer selbst wie fest eingefügt ins klassische Milieu wenig Spielraum, wenig Gestaltungsraum hat und umso mehr verblüfft, wenn sie mal Gassi gehen darf und ganz kurz großartige Bilder von einem Flüsslein, von Bäumen, von einer Brücke einfängt.

Auch die Penetranz der Klassik bringt Weisse kompromisslos zur Geltung mit ewigem Üben, Üben, Üben und nochmal und nochmal und nochmal, was Nina Hoss gnadenlos und unirritierbar fordert und verlangt. 

Zur Verstärkung dieses Effektes schreckt Cutter Hansjörg Weißbrich vor schmerzhaften Schnitten nicht zurück – Schnitte, die in Erinnerung bleiben – vom Geigenspiel auf die Töne scharfer Eishockeykanten auf Eis, von Yehudi Menuhin auf den schrillsten Ton, den eine Hobelbank produzieren kann. Solche Dinge konterkarieren aufs Schärfste die anfangs scheinbare Bravheit von Buch und Inszenierung, den TV-asthmatischen Rhythmus und einige typisch deutsche Subventionskinosätze, wie „Ich stinke“, „Was machst Du denn hier?“, „Ich guck mal, ob ich noch was anderes finde“, „Die Guten kannst ja hier reintun“ – und war dann doch nur täuschende Ouvertüre. 

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