Little Joe

Unwucht des Designs auf Kosten des Seins.

Das kann man Jessica Hausner, die mit Géraldine Bajard auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht absprechen, dass sie ein Äuglein (also wie man für andere Dinge sagt: ein Händchen) für Design hat. Das führt sie gleich zu Beginn eindrücklich und faszinierend vor. Alles in geometrischen Mustern. Farblich dominierend in Steril- und Laborgrün gehalten. Eine Kamera kreist über unendlichen Reihen von quadratischen Mustern. Es sind Pflanzen, die in einem Gewächshaus eines Labors unter fast sterilen Bedingungen gezogen werden. Ein Teil der Kästchen hat Pflanzen mit grünen Blättern und roten Blüten, die erst Kapseln sind, sich dann als Büschel von Fäden öffnen, die Pollen freisetzen. 

In anderen Gevierten sind es erst dunkle Setzlinge. Zwischen die engen Reihen der Gewächstische zwängen sich Wissenschaftler und Personal in grünen Hygieneanzügen. Es wird über den Fortgang des Versuches diskutiert. Bald wird klar, dass die Hauptfigur und Wissenschaftlerin Alice (Emily Beecham) es mit den Vorschriften aus wissenschaftlichem Ehrgeiz nicht ganz so genau nimmt, konkretes Ziel: Teilnahme an der Flower Fair. 

Alice möchte eine Pflanze züchten, die nicht durch ihren Anblick erfreut, sondern die durch ihren Wohlduft im Menschen Glücksgefühle erzeugt. Leider unterlässt es Hausner eine für einen Laien plausibel nachvollziehbare Erklärung für den Versuch abzugeben, insofern bleibt die Angelegenheit hypothetisch im Designraum hängen. 

Alice ist ein Workaholic, hat regelmäßige Besprechungen mit einer Psychiatrin. Ihr Bub Joe (Kir Connor) lebt bei ihr. Vater Ivan (Sebastian Hülk) lebt einsam in einerm Steinhaus auf dem Lande. Es klingt immer wieder die Problematik der Mutter an, die ihr Kind nicht losslassen will, es aber auch nicht dem Vater gönnt, obwohl sie keine Zeit für das Kind hat. Sie schenkt ihm dafür eine Versuchspflanze, die viel Wärme brauche und tauft die Biokreation „Little Joe“, das ist ihre Art Mutterliebe. 

Jessica Hausner erfindet noch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Chris (Ben Whishaw), der sich gefälligst in die forschungsfokussierte ältere Frau verlieben soll; damit das Thema „Liebe am Arbeitsplatz“ antippend. Auch das bleibt mehr als theoretische Behauptung denn als realistische Inszenierung in Erinnerung. Diese versucht klar zu kommen damit, was Jessica Hausner mit ihrem Film erzählen will. Und kommt nicht so recht klar damit. 

Überzeugend sind die Bilder, die ausgewählten, feinen Grafiken gleichen. Aber es wirkt auch so, als habe sich alles diesem Bilderfokus und dem graphischen Design zu unterwerfen. Als komme die Geschichte – welche genau ist es? – zu kurz. Will uns die Filmemacherin klar machen, wie schwierig es für eine mittelalte Karrierefrau sei, Familie und wissenschaftliche Laufbahn in Einklang zu bringen? Oder die Ablösungsproblematik und gleichzeitig ein Coming-of-Age mit Pollen? Oder versucht die Filmemacherin Zweifel an der Wisssenschafts- und Forschungspraxis anzumelden, denn oft wischt sie den Eindruck, die Pollen seien gefährlich (Oxytocin oder Cytokinin) weg, nachdem Szenen früher das Gegenteil erzählt haben, die Sache mit dem Hund Bello von der Mitarbeiterin Bella (Kerry Fox), bei der vollends unklar wird, ob sie verrückt geworden ist oder der Hund vom Pollen. 

So ergibt sich keinerlei dramatische Steigerung oder Spannung. Es folgt Bildbetrachtung auf Bildbetrachtung. Ein schöner Designkatalog aus den Innereien eine Biochemielabors. Befächelung des Auges mit edler Graphik. Die japaneske oft knochenknackige Sounduntermalung vermag auch nicht weiter zu erhellen. 

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