Pavarotti

Das Leben ist zu kurz für Exklusivität

Dieses Argument von Luciano Pavarotti haut allen Kleingeistern eins um die Ohren. Mit diesem Argument entwaffnet Pavarotti den Vorwurf eines Managers von Decca, einer Plattenfirma, mit der er einen Exklusivvertrag schließt, dass er gleichzeitig auch Platten mit der Firma seiner Frau besinge. Bei solch entwaffnender Offenheit kann nur Einigung zur Zufriedenheit aller zustande kommen. 

Das Argument ist aber auch typisch für Pavarotti, der seine Musik mit der Menschheit teilen will, die Liebe, das Familiäre, dem die Opernwelt allein schnell zu eng wird; der Drang zur Sprengung des Systems. 

Pavarotti war der erste, der eine Life-Übertragung einer Oper ins Kino gesungen hat, heute ein wichtiger Einkommensfaktor fürs viele Lichtspielhäuser. Insofern ist der Film von Ron Howard (The Beatles: Eight Days a Week, Rush – Alles würden Sieg, Inferno, Solo: A Star Wars Story) nach dem Drehbuch von Mark Monroe im Kino erst recht richtig. 

Der Film selbst ist wie eine große Oper gebaut. Die Ouvertüre fängt exotisch im Amazonasgebiet an (dass es in Manaus ein Opernhaus gibt, wissen wir spätestens seit Fitzcerraldo von Werner Herzog mit Klaus Kinski), ist sonst noch üblich-dokumentarisch, die Anfänge, Kindheitsbilder, Archivaufnahmen, opernfachbegrenzt. 

Dann weiten (sowohl Regisseur als auch Protagonist) das Auditorium – obwohl Howard nach jener dokumentarischen Methode arbeitet, die Archivmaterial, hier auch nie gezeigtes, privates, Opernclips, Statements von Familienmitgliedern, Ehefrauen, Kindern, anderen Sängern, Impresarios, Opernkritikern ineinanderschneidet – hin zum ersten Höhepunkt, das ist der Auftritt der drei Tenöre. 

Dann geht’s furios weiter mit der Begegnung mit Lady Di, mit der Öffnung der Oper zur Rockmusik, mit dem Auftritt mit Bono mit „Miss Sarajevo“ bei „Pavarotti und Friends“ in Modena und der damit verbundenen Wohltätigkeit, die Pavarotti weltweit aktiv werden ließ.

Als dunklere Gegenstimmen, als „scenas madre“ (Schlüsselszenen) setzt Howard die Tetanus-Infektion als Kind (zwei Wochen Koma) ein, die schwere Erkrankung einer Tochter, die privaten Affären, die Scheidung von der ersten Frau, das Drama mit den Zwillingen, von denen nur das Mädchen die schwere Geburt überlebt. 

Dann geht es erschütternd auf das Ende zu mit dem Auftritt in der Rolle jenes Tenors, der von seinem bevorstehenden Tod weiß, wie Pavarotti nach dem letzten Ton minutenlang wie es scheint, reglos stehen bleibt, mit dem Mund wie die letzten Silben noch mal widerkaut und nochmal und nochmal, dann schließt sich der Mund, schaut erst ernst, verzieht sich zu einem strahlenden, milden Lächeln. Dieses wiederum erinnert an Pavarottis Humor, seine Herzlichkeit, auch seine Albernheit, immer für einen Spaß zu haben, sein hohes C ganz unangestrengt zu stemmen. 

Der schiere Staatsakt bei seiner Beerdigung mit einem Flugzeugeschwader, was über der Trauergemeinde den letzten Salut gibt. Große Oper. Pavarotti entlässt den Zuschauer beseelt aus dem Kino, der fragt sich, woran es liegt, dass manche Stimmen ganz anders als andere, einen so direkt in der Seele treffen, besonders mit dem „künstlich“ erzeugten hohen C. 

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