Jeannette – L’Enfance de Jeanne d’Arc

Krieg ist eine mentale Sache

Frieden auch. 

Deswegen ist egal, wo er stattfindet. In den Köpfen zuerst. Was in den Köpfen abgeht, das in einem Film zu zeigen, ist vorerst gar nicht so simpel. Was ist ein guter Ort für den Geist? Wüste, aus ihr soll das Wort gekommen sein, in der Wüste sprach der Herr zu Jesus. 

Bruno Dumont hat sich als Ort für eine solche Auseinandersetzung eine der idyllischsten Uferstreifen des französischen Flusses Maas (La Meuse) ausgesucht, von feinem Sand gesäumt, immer wieder auch bewachsen von niedrigem Gebüsch, Eindruck einer lichtdurchfluteten Steppenlandschaft. Passionsästhetik. Sie ist die Bühne für die Auseinandersetzungen, die den Weg für die Taten von Jeanne d’Arc bahnen, für ihr Erweckungserlebnis. 

Es ist eine friedliche, unaufdringliche Landschaft, meist weidet eine kleine Schafherde in der Nähe. Die Protagonistin Jeannette (Lise Leplat Prudhomme) hütet die Tiere am Fluß. Sie verbringt viel Zeit allein oder mit ihrer Schwester Hauviette (Lucile Gauthier). 

Allein macht sie sich Gedanken über Gott und die Welt und über die Besatzung von Teilen Frankreichs (der Film spielt 1425) durch die Engländer. Jeannette glaubt an Gott, zweifelt aber an seiner Gerechtigkeit angesichts der Untaten der englischen Soldaten. 

Sie unterhält sich darüber mit ihrer Schwester oder mit der doppelten Ordensschwester Madame Gervaise (Aline Charles und Elise Charles). Sie beackert Gewissenskonflikte. Sie ist überzeugt, dass die Engländer aus Frankreich rausgejagt werden müssen. 

Bruno Dumont Vorlage für diesen Film ist das Theaterstück von Charles Peguy. Er inszeniert es als eine Meditation, als ein Musical mit Tanznummern, die expressiv sind und an Ausdruckstanz erinnern. 

Es folgt ein Schnitt: 5 Jahre später. Jeannette (jetzt: Jeanne Voisin) wird sich bald schon Jeanne nennen. An der politischen Lage im Frankreich hat sich nicht viel geändert. Orléans wird von den Briten belagert. 

Jeanne erlebt ihre Berufung mit der Vision von drei Heiligen. Die fordern sie auf, in die Schlacht einzugreifen. Das muss sie erst mal mit sich selber ausmachen. Dann mit anderen. Denn die Meinung im Lande ist defätistisch, die Franzosen finden sich ab mit der Lage.

Jeanne fühlt sich berufen, die Engländer zu vertreiben. Aber sie weiß nicht wie. Ihr Onkel soll sie zu wichtigen Politikern führen. Erstmal wird nichts draus. 8 Monate später folgt der Abmarsch in die Schlacht. 

Dazwischen gibt es Selbstversicherung, Gebet und Abschied als dialogintensive Szenen, immer begleitet von Bewegungen, der Onkel spricht seinen Text wie Rap oder Hip-Hop. 

Ein Film, der durchgehend bestimmt ist vom Thema des Gewissens, des Glaubens und des Problems zu handeln, ungesetzlich zu handeln, ein ewiger menschlicher Konflikt, wie in den letzten Jahren beim Afghanistan-Konflikt, beim Syrien-Konflikt, aktuell wieder in der Bundesrepublik mit der lauter werdenden Forderung nach Einsätzen überall auf der Welt. Handeln oder Beten? Man wünschte diesen Politikern, sich wenigstens soviel Zeit zu nehmen für ihre Gedanken- und Gewissensbildung wie Bruno Dumont sich für seine Jeanne nimmt. 

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