Madame

Genfer Bourgoisie.

Ganz persönlich.
Vom langen Weg zu sich selber.

Autobiographisches Filmen ist heute leichter denn je aufgrund des technischen Fortschrittes bei den Digitalkameras und der günstigen Preise. Autobiographisches Filmen ist heute aber auch schwerer denn je, denn es geht darum, zumindest bei Leuten, die oft die Kamera zücken, aus der Fülle des Materials die entscheidenden Szenen zu finden und diese zu einer spannenden Geschichte zu montieren.

Das gelingt Stéphane Riethauser, dem jungen Genfer, hervorragend und das bei Material, das weit ins letzte Jahrhundert zurückreicht, in die Zeiten, als Oma eine der ersten Frauen in Genf mit Führerschein und eigenem Auto war.

Riethauser setzt aus seinem und seiner Familie reichen Fundus in Parallelmontage die Geschichte seiner Oma und die seiner eigenen Entwicklung vom verhätschelten Bürgerkind zum selbstbewussten Studenten, der vor Versammlungen der schwulen Liberation-Bewegung spricht, zu einer spannenden Geschichte zusammen.

Immer schaut er auf die Vergangenheit von der Gegenwart aus, in der er der Oma (die ist vor 15 Jahren gestorben) auch nach dem Outing noch nicht alles erzählt. Dieser Blick vom Heute verleiht gerade den Kinderbildern eine zweite Ebene dazu.

Und so komplex sein Weg von den ersten Gefühlen einem Mitschüler gegenüber über bewusst gepflegte Beziehungen zu Freundinnen, um ja nicht anders zu sein oder das Soldatentum, über erste platonische, homoerotische Schüler- und Studentenfreundschaften, Nuttenerlebnisse bis endlich zu gelebter Schwulität ist, so komplex oder auch unglücklich ist die Geschichte seiner Oma, die nach einer ersten sehr frühen, vom Vater erzwungenen Heirat in der Hochzeitsnacht erstmals einen nackten Mann gesehen hat und gleich im Nachthemd Reißaus genommen hat über weitere unglückliche Beziehungen bis zur Position, wo sie der Liebe entsagt, sich der Poesie und mit 83 der Malerei zuwendet und ihre ganze Liebe dem erstgeborenen Enkel entgegenbringt.

Oma bleibt im Film, auch wenn Stéphane über seine eigene Entwicklung spricht, mit den häufigen Anrufen auf seinem Anrufbeantworter präsent. Sie wollte aus ihm einen richtigen Mann machen.

Schummrig rollengefügig bleibt mittendrin die Ehe seiner Eltern, sein Vater Luc, der Sohn der Oma, der selbst viele Kasperlmomente in den selbstgedrehten Schmalspielfilmen zeigt und ein merkwürdiges Frauenbild offenbart. Er scheint sich auf seine Rolle als Familienvater festgefahren zu haben und Mutter ebenso. Diese Ehe wird nicht weiter hinterfragt. Hier wird die Fassade der intakten Familie aufrecht erhalten, bei der die Info, dass der Sohn schwul sei, wie in Bajonett ins Herz des Vaters dringt.

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