Aquarela

Die Wucht des Wassers

hat Katastrophenpotential.

Das bedeutet wiederum nicht, wenn einer, Viktor Kossakovsky, einen Film darüber macht, dass dieser ein Katastrophenreißer wird, getrieben von Sensationsgier, schließlich widmet er den Film Alexander Sokurov, dessen Werk wiederum ein respektvoll, aber genau betrachtendes ist, ja vielleicht verwundert staunendes sogar. So dürfte auch die Haltung dieses Filmes zur Naturgewalt sein und so ist sie auch.

Obgleich der Film nicht davor zurückschreckt, bei einer Orkankatastrophe in Florida die riskante Position eines Frontberichterstatters einzunehmen und im tobenden Sturm durch eine menschenleere Palmenallee mit umgenknickten Bäumen zu fahren.

Das wird auch deutlich in Russland, im Norden, wo das Eis auf dem Meer schmilzt. Obwohl die Schneeschmelze drei Wochen früher eingesetzt hat als üblich, fahren die Russen immer noch mit ihren PKWs im Caracho über das nicht mehr ganz so tragfähige Eis. Mit zahlreichen Einbrüchen.

Mit einer faszinierenden Betrachtung der Vorgänge um solche Fahrten und Einbrüche herum, fängt der Film an. Er lässt offen, wo die Kamera steht (selber einbruchgefährdet?). Oft ist sie nah dran an den Männern, die versuchen mit einem diffizilen Verfahren einen eingebrochenen PKW zu bergen; da sinkt auch immer mal wieder ein Helfer ein. Das Eis gefriert sofort. Atemberaubend.

Ebensowenig sensationsheischerisch lassen Kossakovsky und seine Kamera sich beeindrucken von Gletscherabrüchen am Meeresrand; die vielfältigen Vorgänge ergeben ein Bildmaterial, das weit über das Dokumentatorische hinausgeht, das sich begeistern lässt von Strukturen und Mustern, vom langsamen Umwälzen des Wassers unter dem Eis, von Gletscherabbrüchen, die wie in Zeitlupe unter Wasser versinken, sich wieder aufbäumen, wieder versinken, aus der Nähe, aus der Ferne. Und plötzlich taucht dazwischen ein Segelschiff auf, das sich gegen den Strom zwischen den Abbruchteilen ruhig bewegt. Einmal fährt majestätisch ein kleiner Eisberg, groß wie eine Segeljolle, an dieser vorbei. Stummes Schauspiel.

Stumm ist der Film aber ganz und gar nicht. Diese bedrohlichen Geräusche, dieses Dröhnen, die tauendes Eis oder abbrechende Eisberge ergeben, werden elektronisch noch gewaltig verstärkt und verändert, aufgemotzt.

Dann sind die Bilder wieder wie abstrakte Strukturen, Schraffuren, Grafiken, wellende Gebilde oder mächtige Sturzwellen, Sturzbäche oder in Venezuela ein Wasserfall aus kaum zu schätzender Höhe.

Großartig am Film von Kossakovsky ist auch, dass er gänzlich auf erklärende Kommentare verzichtet, dass er die Schauplätze nicht ineinander schneidet, auch ganz auf eine Systematik verzichtet, sich Zeit lässt, beim einen Sujet mehr, beim anderen weniger. So kommt ein Film zustande, bei dem kaum was vorherzusehen ist und der immer wieder überrascht mit neuen Aspekten auf die Naturgewalt Wasser in den verschieden Aggregatszuständen und so den Blick öffnet auf diese unendlich größere Dimension dessen, was wir täglich und gedankenlos gewohnheitsmäßig aus dem Wasserhahn oder aus der Wasserflasche zu uns nehmen oder benutzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.