Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen (ARD, Sonntag, 8. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Bunt wie ein Kinderfasching.
Unterbezahlte Polizisten in München. Auswüchse des Finanz-Kapitalismus.

„Bauchlandungen, die einen stärker machen“.
„Ich habe in meine Tampons geweint“
.

Aus dem bunten, wild verquirlten Münchner Wimmelbild soll der Zuschauer herausermitteln, was Dominik Graf nach dem Drehbuch von Günter Schütter unter der redaktionellen Oberaufsicht von Cornelia Ackers dem öffentlich-rechtlichen Rest-Zuschauer am Sonntagabend zutrauen will.

Die Quintessenz dürfte als eine schallende Ohrfeige für den ungezügelten Finanz- und Immobilienkapitalismus gedacht sein, dass einfache Polizisten in München, um leben zu können, zusätzliche Finanzquellen erschließen müssen. Einer arbeitet nebenher als Escort.

Die neue Münchner Truppe vom Polizeiruf 110, die bei ihrem ersten Auftritt wie eine Leuchtgestalt daherkam, weil endlich die Erdenschwere des hochneurotischen Vorgängerkommissars weg war, wirkt diesmal schon wie routiniert, außerdem hat sie auf ihre spannendste Figur verzichtet, den Bruder der neuen Kommissarin, die dadurch gleich weniger schillernd, dafür einsamer und TV-gewöhnlicher daherkommt.

Diese Truppe muss die Geschäftsräume einer Finanzhandelsfirma verwanzen und erfährt dadurch vom Handel mit den MTT-Aktien. Da sie alle gewiefte Börsianer sind – natürlich nicht – und hier schon ist das Drehbuch von Schütter löchrig, plausibel zu machen, wie sie überhaupt auf die irre Geldvermehrungsidee kommen – , was nicht stimmt, aber der Film erweckt empirisch den Eindruck, dass wer Räume eine Finanztransaktionsfirma verwanzt, gleich den Börsenhandel inhaliert, also die Truppe kommt auf die Idee, mit diesen Aktien zu spekulieren, da sie Einblick in die Firma bekommen, die sie Tag und Nacht überwachen. Und da sie alle in Finanznöten sind oder Schulden haben, beleihen sie Besitz, borgen sich Geld und fangen damit an, auf MTT zu spekulieren; da kann nichts schief gehen.

Diese Phase, wie die MTT-ler vor den Börsenbildschirmen sitzen und die Polizeirufler hinter den Überwachungsschirmen, montiert Graf wie einen lustigen Kindergeburtstag.

Sie übertreiben es. Die Spekulation geht schief, da die Börse den Handel aussetzt. Die Untersuchungen beginnen und mit ihnen die Vertuschungs- und Bestechungsversuche, genau ist das alles nicht so richtig nachvollziehbar, umso mehr als der Film in TV-asthmatischer Kurzatmigkeit geschnitten ist, dann sich wieder nicht einkriegt vor wunderschön nächtlichen Naturaufnahmen mitten aus Münchens Au und dann müssen ja auch noch Annäherungs- und Liebesversuche in den Film, originellerweise Küssen im Kopfstand unter der Dusche, und jede Menge andere Dinge, die mit der Story herzlich wenig zu tun haben, an denen sich Dominik Graf aber offenbar nicht sattsehen kann.

Für den Drehbuchschreiber: er schaue sich Official Secrets an: wie hier präzise und mit extremer Thrillerspannung ein einziger Fall nachgebaut wird in einer Stunde 50 Minuten, während hier für 90 Minuten nur ein Kuddelmuddelfall verwurstet wird. Ein Drehbuch muss ja nichts erklären, aber klar machen, was es erzählen will, das sollte es schon.

Gscheiter wäre, eine einfache klare Geschichte zu nehmen und nicht so eine verkopfte, verzopfte, kompliziert-komplexe mit den Börsengeschichten; und die einfache Geschichte stattdessen nachvollziehbar zu erzählen, da bleibt keine Zeit für Kindereien wie Zeitrafferaufnahmen über die Bahngleise, da gewinnt man Zeit, die menschlichen Charaktere differenzierter darzustellen und sie nicht auf die Probleme mit Geld (und Ficken) zu reduzieren und sie deshalb nicht richtig nachvollziehbar emotionale Ausbrüche spielen zu lassen.

Es gibt auch besonders misslungene Szenen, zum Beispiel diejenige im Hotel Seefeld in Tirol, wodurch aus der Imagewerbung ein Rohrkrepierer wird. Da möchte man nicht hin. Aber auch viele Verletzungsszenen wirken schlecht gearbeitet. Oder die Szene, bei welcher einer der Typen mit einer roten Ketchup-Tube mit einer Flüssigkeit wie Öl drin hantiert, das ist schon unrealistisch gemacht, und wie er die Flüssigkeit der Frau ins Gesicht spritzt und der Zuschauer weiß nicht, spinnt die Frau oder war da etwas anderes drin als Öl? Die Aufklärung folgt später, wenn es zu spät ist. Das sind alles Beweise für die Absicht von BR-Boss und ARD-Sprecher Ulrich Wilhelm (der mit dem Kanzlerinnengehalt!),  bei einer Erhöhung der Zwangsgebühr noch mehr Minderqualität zu liefern und dabei  gleichzeitig auf mehr Akzeptanz durch das Publikum zu spekulieren.

Wie beim Fersehen sprechen sie alle schöne ganze Sätze und parodieren das auch noch – aber was soll die Redakteurin denken, wenn mal keine ganzen Sätze mehr im Drehbuch stehen. Es sind Sätze, die für die TV-Redakteure gedacht sind, die intellektuellen Anspruch markieren und die meist mit den Figuren, die sie sagen und den Zusammenhängen der Story wenig zu tun haben („Ich habe in meine Tampons geweint“ – das machen möglicherweise Zwangsgebührentreuhänderinnen, wenn sie wieder neue, nur schwer verfilmbare Krimidrehbücher in die Hände bekommen wie dieses).
Intellektuelle Eitelsätze, die zwar die Eitelkeit des Autors abbilden, nicht aber zur Figurcharakterisierung beitragen; eben nicht dem Volk aufs Maul geschaut. Da wären die Fernsehredakteure offenbar überfordert. Sätze, die den Intellekt von Fernsehredakteuren kitzeln mögen, nicht aber den des Zuschauers, da sie meist in kaum einem Zusammenhang zum Fortgang der Geschichte stehen.

„Häng das nicht an die große Glocke, sonst sind wir geliefert.“
„Das ist das München bei Nacht, das muss man wegschnapsen.“
„Das sind die Opernfestespiele am Max-Josephs-Platz“ (die hört man offenbar bis zur Ettstraße, damit trägt Graf zwar ein Momentum zu seiner Münchenliebe bei, hilft aber der Geschichte nicht weiter).
„Für jemand, der nicht im Wertpapiergeschäft tätig ist, hast Du eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“.
„Und wenn man endlich schlafen kann, dann erwacht man mit einem Kissen zwischen den Beinen“.

Der Zwangsgebührenzahler sieht nicht ein, warum der Staat ihn zwingt, solch unausgegorenes Halbzeugs (was zwar ein schönes Production-Design hat, in dem der Regisseur seinen Giallo-Romantizismus auslebt): Schöne Lichtspiele. Schönbildfernsehen, Bildschönfernsehen, romantische Unterführungen, Kneipen, Steilufer mit Treppen, nächtliche Brücken und Kanäle, romantische Lichtung inklusive Schießerei, romantisch beleuchtete Freauenkirche), was noch dazu unsauber erzählt wird, zu finanzieren, bei dem das Interesse in keinem Moment richtig Tritt fassen kann.

Wenn sie schon so wenig Zeit und Geld haben, warum müssen solche Geschichten immer so kompliziert und dafür nur oberflächlich gearbeitet sein?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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