Was gewesen wäre

Wenn Wessis Ossis spielen,
kann der Filmtitel nur ein Konjunktiv sein.

Die DDR hat die Menschen kaputt gemacht.
Das lässt jedenfalls die Figur der Astrid vermuten.
Jetzt diskutiert sie das Gesinnungsthema mit ihrem wohlbeleibten Lover in einem Hotel in Budapest. (Den kennt sie seit zwei oder drei Monaten – in Budapest läuft ihr der Ex-Lover von vor dreißig Jahren in der DDR über den Weg. Das verursacht die Probleme im Film).

Hier quälen sich Schauspieler damit, ein unspielbares Drehbuch halbwegs plausibel auf die Leinwand zu bringen, sie sprechen die Sätze knapp, möglichst sachlich, sie werfen bedeutungsvolle Blicke, sie haben in den Dialogen vor allem Informationen auszutauschen, die das Drehbuch nicht in Spielform bringen kann, so gibt es viele Talks in Hotelzimmern, in Restaurants, in Bars, auf Brücken, am Flughafen und dann noch Zeitsprünge dreißig Jahre zurück in die DDR.

Dem Zuschauer werden Bruchstücke an Szenen vorgesetzt und er soll sich zusammenreimen, was sich Autor Gregor Sander, der einen eigenen Roman – offenbar ohne Drehbuchprofessionalität – zum Drehbuch umgeschrieben hat und den Regisseur Florian Koerner von Gustorf, auch er offenbar wenig bekleckert vom Regiegenius, auf die Leinwand bringen soll.

Was wollen diese Menschen auf der Leinwand? Wollen sie die Liebe untersuchen, junge Liebe in der DDR, 3-Monats-Liebe gestandener Semester (Patient und Ärztin) auf Kennenlern- oder Liebestrip in Budapest?

Erschwerend kommt hinzu die oft nuschelige Aussprache der Akteure (sowas fällt weniger ins Gewicht, wenn ein Drehbuch Stringenz hat; was hier nicht der Fall ist; hier ist es ein Flickenteppich, das den Namen Drehbuch nicht verdient).

Zur Halbzeit statt Pause wird DDR-Disco reingehauen.

Dann gehts weiter mit Erzählungen von einer Tante in Darmstadt, von der Ausreise aus der DDR; der Partner mimt Pseudointeresse. Es folgt ein Mädelsgespräch in der DDR. Dann sitzt einer am Münchner Flughafen und die Mädels kriegen Krach. Dann kommt die Wiederbegegnung. Die wird zwar mit großen Augen und verlegenem Lächeln kurz überspielt und dann wird weitergeredet wie bei einer normalen Geschäftsbesprechung.

Das Kino als Erklärkino dessen, was es nicht kinematographisch zu schildern vermag. Man hat das Gefühl, die Schauspieler erzählen halt das Drehbuch, aber nicht eigene Erfahrungen und Erlebnisse.

Derweil schaut der wohlbeleibte Wessi in Wien sorgenvoll auf einer Parkbank. Dann will er abhauen. Sie will es nicht. Und immer noch dauert der Film über 20 Minuten. Der Film wird erweitert um eine Einladung von Sascha und Julius zu einem ungarischem Künstlerehepaar. Hier nochmal OrbanBashing (kommt gut bei öffentlich-rechtlichen Fernsehredakteuren, ist aber kein Kriterium für einen guten Film, den die Leute dann auch anschauen wollen).

Dann kommt es zur erneuten Liebesszene zwischen der alten Astrid und dem alten Julius und die wirkt so, als ob die Schauspieler das als Spielauftrag verstehen, mehr ist nicht, dass die so eine Geschichte hinter sich haben sollen, ist nicht da.

Dann ein historischer Gesprächsexkurs bei Künstlers. Und dann Erlebnisse und man hat immer den Eindruck, es sind nicht die eigenen Erlebnisse der Schauspieler, es sind gut präparierte Sätze. Und immer noch kein Ende. Oh je, und jetzt wollen sie nochmal an die Grenze fahren, die Alten, Wohlgenährten. Der dominante Eindruck bleibt, gute Schauspieler befolgen Regieanweisungen. Für spannendes Kino ist das zuwenig.

Dass dieser Eindruck entsteht, hat viel mit dem Drehbuch (und der ungelenken Regie) zu tun, das sich die Figuren viel zu wenig gründlich überlegt hat, das sie nur als Spielfiguren erfunden hat vor dem Hintergrund der großen geschichtlichen Probleme, – die auf diese Art keinerlei Relevanz erhalten.

Grundübel der deutschen Drehbuchkultur, dass sie keine Geschichten plausibel/glaubwürdig erzählen kann. Aber es läge auch an den Schauspielern, solche hirnverquasten Drehbücher mit unspielbaren Rollen abzusagen, einen Gefallen haben sich hier Christiane Paul, Ronald Zerhfeld, Sebastian Hülk und Barnaby Metschurat nicht getan.

Wieder einer der Filme, der vermutlich mit einer bestechenden Exposépräsentation die Förderer überzeugen konnte, obwohl in der Endausfertigung alle Klarheiten beseitigt waren … weil: das Detail, die Dialoge machen die Musik, machen den Film – und nicht das Exposé.

Ein Film, bei dem mir nicht klar wird, was er wirklich erzählen will, außer einer diffusen DDR-Aufarbeitung – und wie diese Menschen heute noch gestört sind – vielleicht.

Hier scheint Andreas Schreitmüller von Arte einmal mehr auf ein Treatment hereingefallen zu sein.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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