Land des Honigs

An den Rändern Europas – Hatidze und Muzo.

Als ob ein ganz großer Dramatiker oder Schriftsteller – wie Shakespeare, Dickens oder Dostojweski – das Drehbuch geschrieben hätte, erzählen die Dokumentaristen Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov ein Jahr aus dem Leben der 63-jährigen Imkerin Hatidze.

Sie lebt mit ihrer seit vier Jahren bettlägrigen Mutter Nazife in einem Einraum-Steinhaus in einem verlassenen, verfallenden Ruinendorf in den Bergen Nordmazedoniens. Elementardramatik pur: die Mutter weiß, dass sie der Tochter zu Last fällt und triezt diese damit, dass sie noch lange leben und ihr somit Schmerzen zufügen würde.

Im Gespräch mit der Mutter, warum Hatidze ledig geblieben sei, schiebt die Mutter die Schuld auf den lange verstorbenen Vater, der mit den Angeboten der Kuppler nicht einverstanden gewesen sei – wenn es denn wahr ist.

Aufopferung der Tochter für die Mutter. Den Lebensunterhalt der beiden bestreitet die Tochter mit Imkerei, nachhaltig, natürlich, ohne Zugabe von Zucker. Sie hat einen kleinen Garten mit ganz ungewöhnlichen Bienenstöcken und sie pflegt auch „Fenster“, das sind Bienenstöcke im Dorf, in den Ruinen, an felsigen Abhängen. Hier ist jeweils eine schwere Steinplatte der „Deckel“.

Mit dem Besuch eines solchen Stockes an einem steinigen Abhang beginnt der Film in einer ungewöhnlich großartigen Kinolandschaft. Hatidze gewinnt den Honig behutsam mit bloßen Händen und nur etwas Rauch.

Allein dieses Leben mit der Mutter und den Bienen böte Stoff genug für eine lange Dokumentation, kommen doch noch Marktbesuche in Skopje oder das Verjagen von Wölfen nachts im Winter mit einer Fackel und hellen Rufen hinzu, zu schweigen von der Landschaft und dem Gesicht von Hatidze, in welches ihre Geschichte tief eingeschrieben ist. Dabei ist das erst der Anfang, die erste Stufe der Dramatik.

Gegen Sommer hin marschieren Türken, wie Hatidze vermutet, auf dem Nachbargrundstück auf mit einem Wohnwagen, blau bemalten Bienenkästen und einer großen Kuhherde. Eine Familie, die nach dem Prinzip lebt: jedes Jahr ein Kind. Und auch hier wäre allein die robuste Kindheit dieses Nachwuchses eine Dokumentation wert, wie schon ein kleiner Bub eine Kuh mit einem Seil einfängt, wie er Geburtshilfe leistet bei einem Kalb; das ist nicht zimperlich, umso mehr als der Vater nicht der geborene Vater scheint, noch der geborene Viehhirt noch der geborene Imker.

Das hat seinen Preis: 50 tote Kälber gegen Ende des Sommers. Ein grundsätzlicher Konflikt entwickelt sich mit Hatidze. Die Kinder kosten Geld. Honig bringt Geld. Je mehr Honig, desto mehr Geld. Aber Honig sollte behutsam geerntet werden. Die Hälfte sollte, so Hatidze, den Bienen gelassen werden. Ein Händler bietet dem Vater Hussein viel Geld, so dass er seine Bienen ausbeutet. Dadurch werden sie aggressiv und greifen die Bienen von Hatidze an; deren Bienen durch schonende Behandlung friedlich bleiben.

Zwischen den beiden Ansichten ist der aufsässige Junge Muzo, den der Vater seine Bienenstöcke ernten lassen möchte. Aber Muzo freundet sich mit Hatidze an, sie gewinnt sein Vertrauen und er lernt wissbegierig den guten Umgang mit den Bienen, wodurch es zum Konflikt mit seinem Vater kommt, auch das eine Drama, das für einen ganzen Spielfilm gut wäre.

Flugzeuge mit ihren Kondensstreifen am Himmel erinnern daran, dass die Zivilisation nicht weit ist. Aber menschliche Dramen scheren sich nicht um Zivilisationsgrenzen. Dass die Dokumentaristen Kotevska und Stefanov diese Leute gefunden haben und wie die Geschichte selbst eine unvorhersehbare Dramatik entwickelt, das dürfte für dokumentarische Filmemacher wie ein Sechser im Lotto sein. Sie haben daraus einen Film gemacht, der einem im Gedächtnis bleibt, der vielleicht als einer der stärksten des Jahres oder sogar darüber hinaus in Erinnerung bleiben dürfe.

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