Schön gedacht

von Jan Ole Gerster und seinem Drehbuchautor Blaz Kutin: eine Mutter in den Mittelpunkt zu stellen, die selbst sich hat die Künstlerambition kaputt machen lassen und die jetzt nicht anders kann, als dies bei ihrem Sohn zu wiederholen, ihn zwar in Richtung Pianist zu schubsen, aber immer, wenn der Befreiungsschlag in der Luft liegt, diesen zu verhindern.

Der Film guckt sich das in der Situation an, in der dieser Sohn Victor (Tom Schilling, der mit Oh Boy – auch von Jan Ole Gerster – seinen Durchbruch hatte) auch als Komponist durchstarten will. Das Konzert ist schon angekündigt. Der Sohn wohnt bei der Oma (Gudrun Ritter), ist auf Distanz zu seiner Mutter, um sich vor ihr zu schützen. Oma macht ihm auch die Wäsche und wohnt in einem niedlichen Hexenhäuschen.

Omas Tochter Lara (Corinna Harfouch) ist die Titel- und Hauptfigur des Filmes. Sie hat ihre Violinistenkarriere abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Sie hat den sicheren Job einer Abteilungsleiterin in der öffentlichen Verwaltung vorgezogen. Das überall angekündigte Konzert ihres Sohnes ist ihr nicht entgangen. Das treibt sie um. Das stellt offenbar ihr eigenes Leben in Frage. Sie kann es nicht aushalten, dass der Sohn jetzt möglicherweise – und sogar als Komponist – berühmt wird.

So zittrig Laras rauchersüchtigen Finger sind, so kann sie das miese Mutterspiel nicht lassen. Sie versucht mit allen Mitteln, ihren Sohn vor dem Konzert zu Gesicht zu bekommen, um ihn an die Mutterleine zu nehmen. Die Frage ist, wer diesen Kampf gewinnt.

Das ist schön gedacht und ziemlich glaubwürdig: das Mutterthema, Mütter und Verhinderung der Söhne, vielleicht nicht das große gesellschaftliche Thema, ein übles alleweil, andererseits vielleicht öfter da als vermutet.

Jedenfalls gibt es wenige Menschen, die den Vibe eines Künstlerberufes geschmeckt, erfahren haben und die das dann lassen können und mit einer bürgerlichen Existenz vollauf glücklich und zufrieden sind, ohne anderen gleich die künstlerischen Ambitionen kaputtreden zu müssen.

Das Problem des Filmes scheint mir die Bestzung mit der Hauptrolle. Frau Harfouch spielt diese Mutter als eine durchgängig bösartige, missmutige Person, die ständig von schlechtem Gewissen geplagt ist oder wie die Klischee-Hexe im Kindermärchen (wobei die garantiert köstlicher ist). Sie wirkt so wie Leinwandgift. So wie ich den Film verstehe, besteht diese Gestörtheit ja nicht grundsätzlich in der Person, die ist nicht Konstituens, sondern im Verhältnis zur Kunst und darin, selbst nicht reüssiert zu haben, und es anderen nicht gönnen zu können.

Es mag an mangelnder Rollenvorbereitung der Darstellerin liegen, – auch an der mangelnden Hauptrollenkultur im Filmland – aber auch an mangelndem psychologischem Durchdringen des Drehbuches, auch durch den Regisseur. Insofern kann er vielleicht ebenfalls zur Verantwortung gezogen werden, zu schweigen von der Casterin Nina Haun, die offenbar die Schwere der Rolle unterschätzt hat – oder die verzweifelt nach eine Schauspielerin Ausschau gehalten hat, die es in Deutschland – mangels Filmkultur – überhaupt nicht gibt. Frau Harfouch jedenfalls spielt die Rolle der Lara in einer einzigen, versteinerten Pose; das ist menschlich armselig und einfältig – da sie die Pose immerhin durchzieht in jedem einzelnen Bild, so halten dies viele im armen Filmland bereits für beachtliche Darstellungskunst.

Denn Lara würde sich viel zu sehr von ihrem Sohn abhängig machen, wenn sie sich selbt deswegen das Leben versauen lassen würde, ständig nur unwirsch ist wie Frau Harfouchs Anna. Wäre nicht viel eher zu vermuten, dass diese sogar Mechanismen und Lebenslügen entwickelt hat, wie saugut es ihr geht ohne die Kunst, dass sie überhaupt nicht in jeder Sekunde darunter leiden muss, dass sie sogar ein offensives Verhältnis zur Kunst hat und der Schmerzpunkt – den Frau Harfouch durchgehend spielt – nur in den Momenten zu Tage tritt, wo der Sohn ins Spiel kommt? So aber, wie Frau Harfouch die Anna spielt, ist es eine Frau ohne Lebenslüge, aber voller Ranküne. Das ist langweilig.

Der Film ist gut genug gedacht, so dass er ein Remake in Amerika oder Frankreich verdiente, wo es die entsprechende Filmkultur und die entsprechenden Schauspielerinnen gibt, die nicht in TV- und Subventionsstar-Routinen erstarrt sind und glauben in so einem Fall, das durchgehend belämmerte Weibchen spielen zu müssen, das sich krampfhaft an einer Handtasche oder an einer Sektflasche festhält – oder andernfalls ständig zur Zigarette greifen muss.

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