Lebe schon lange hier

Die Produktivität des Wartens,

ist eines der Bonmots aus diesem Film; könnte gerade so gut als „die Produktivität der Musse“ oder des Müssiggängers bezeichnet werden. Aus dem Fenster schauen. Nicht aus dem Fenster zum Hof, wie bei Hitchcock, bei dem ein Mord in einer gegenüberliegenden Wohnung vermutet wird, hier im Film von Sobo Swobodnik (6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde der NSU) geht es um den Blick aus dem Fenster auf die Kreuzung Zehdenicker Str. / Gormann- und Chorinerstraße. Man darf annehmen, dass es sich bei der Wohnung, die hier die Beobachterposition einnimmt, um die Wohnung des Filmemachers handelt.

Der Zeitraum der Blicke hinaus betrifft ein Jahr, von Sylvester bis Sylvester. Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht, was gerade auch winters und nachts faszinierende Stimmungen abgibt.

Die Tonspur beschreibt den Beobachterort, also die Wohnung, die selber nie im Bild ist, bis auf mal ne Ecke vom Balkon (oder gibt es einen Blick von einer gegenüberliegenden Wohnung kurz reingeschnitten?); man hört Schritte, einen Staubsauger, das Radio, den Anrufbeantworter, Dusche oder Rasierapparat. Aber es gibt auch eine Sprecherstimme, die Aphorismen, Gedanken, Bonmots, Literarisches, alltäglich oder zum Zeitgeschehen zitiert.

Der Film beobachtet übers Jahr das Leben dieses Mikroorganismus‘ von Kreuzung. Mal ist er auf Balkondistanz, mal ist die Kamera auf der Straße.

Es gibt Routinen, Figuren, die immer wieder auftauchen: der alte Herr mit der Tüte, der das Maskottchen der Kreuzung, eine Katze, füttert; die Straßenreinigung hinterlässt eine dunkle Spur; immer wieder werden Pakete angeliefert, Plakate geklebt oder es gibt Stadtführungen mit dem Fahrrad.

Es gibt Impressionen wie aus einer Überwachungskamera aber auch inszenierte Szenen mit einem Hochzeitspaar, mit einem Musiker, einem Guerillagärtner, einem Mann im Bademantel mit Zebrakopf.

Es ist so, als sei der Film die Verfilmung eines Zettelkastens, was einem Menschen so begegnet an Zitaten, Plakaten, kleinen Erkenntnissen, Reflektionen zum Zeitgeschehen oder zum Tod, der Vergänglichkeit; die Plakate verweisen auf das Berliner Kulturleben; es gibt einen Straßenmusiker, ein Hochzeitspaar; Passanten und Paare, Kindergärten, hübsche Frauen und Arbeiter.

Dann wieder der Blick in den Nachthimmel mit dem Vollmond oder auf die Dächer, wo eine Traube von Männern sich an einem Funkmasten zu schaffen macht und als dramatischer Höhepunkt landet sogar ein Heli auf der Kreuzung.

Das Leben ist ein steter Fluss; man muss nur hinschauen, man muss es sehen – und festhalten und mit Zeitlupe lässt es sich sogar entschleunigen.

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