Zumindest in bildungsbürgerlicher Hinsicht ein beachtliches Stück deutsches Kino zum Begriff der „Pflicht“, Drehbuch von Heide Schwochow nach dem Roman von Siegfried Lenz in der Regie von Christian Schwochow.

Der Begriff der Pflicht ist in Deutschland ein hochmoralischer, hochunmoralischer Begriff, aufgeladen mit den schlimmsten Exzessen des Dritten Reiches, die haben ja nur ihre Pflicht getan, die haben ja nur die Nachbarn und Mitbürger, mit denen sie vorher kein Problem hatten, ins KZ und in die Gaskammer geschickt, haben sie ausgeplündert.

Es ist allerdings der literarische Trick von Siegfried Lenz, dass er diese Implikationen des Begriffes so nicht auftischt oder ausspricht. Er nimmt sich ein höchst idyllisches und überschaubares menschliches Biotop dicht hinterm Meer vor, in welchem dieser problematische Pflichtbegriff zu wüten, sein Unwesen zu treiben und Konflikte auszulösen beginnt.

Ein Backsteinhaus mit Reetdach. Hier führt Polizist Ole Jepsen sein strenges, absolut pflichtbewusstseinsdominiertes Regime; Ulrich Noethen spielt ihn als undurchdringlichen Mann, als einen Patriarchen, bei dem nicht mal der Gedanke an eine Pflichtverletzung aufkommen könnte und bei dem auch nach Ende der Nazizeit keine Läuterung eintritt; er ist zwar kein Roboter, aber es ist auch kein Platz für einen allfälligen Gewissenskonflikt, wenn er gegen seinen Nachbarn vorgegeht.

Dieser Nachbar ist der Maler Max Ludwig Nansen. Tobias Moretti spielt ihn als gereifter Charakterdarsteller. Er ist ein Vertreter moderner Kunst, die vom Naziregime als „entartete Kunst“ klassifiziert wird.

Diese beiden Darsteller legen ihr ganzes schauspielerisches Gewicht in die Verteidigung ihres jeweiligen Pflichtbegriffes.

Nansens Gemälde der letzten fünf Jahre werden beschlagnahmt unter der ungerührten Aufsicht von Polizeiinspektor und gleichzeitig Nachbar Jepsen. Zwischen die Mühlen dieser Auseinandersetzung gerät Sohn Siggi von Jepsen, der einen guten Draht zum Maler und zur Kunst hat und erfahren muss, was für eine brandgefährliche Sache ein Sonnenuntergang sein kann. Die Position zwischen den beiden hat zur Folge, dass der Sohn (als Bub wird er von Levi Eisenblätter dargestellt), dass der junge Mann Siggi, jetzt von Tom Gronau verkörpert, im Gefängnis landet.

Hier soll Siggi, damit fängt der Film als Rahmenhandlung an, einen Aufsatz schreiben zum Thema „Die Freuden der Pflicht“. Das fällt ihm erst schwer, dann aber füllt er Kladde um Kladde, eine schöne, erzählerische Einrahmung.

Die Schwochows, Mutter die Autorin, Sohn der Regisseur, erzählen diese Geschichte mit heiligem Ernst in gediegenen, wohlgesetzten Bildern, die sich an der romantischen und der Naturmalerei orientieren und nicht etwa an entarteter Kunst, die hier selbst unter die Räder eines bestimmten Pflichtbegriffes gerät. Die Schwochows zeigen ein bedächtig-episch-literarisches Kino, nordisch spröd und mit dem Charme karger, wohlgesetzter Dialoge.

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