In die Tränen der Götter hinabtauchen.

„Laut den Mythen Japans entsteht das Meer aus den Tränen der Götter.
Unter Wasser gibt es keinen Ton.
Dafür sieht man viele Dinge.
Zwischen den Felsen existiert eine fantastische Welt.
Es braucht Mut, um sie zu betrachten.
Doch ohne Monster keine Reise. Viele alte Leute sagen, der Beruf der Ama-San sei höllisch.
Und manchmal frage ich mich selbst, warum ich diese schwere Arbeit gewählt habe.“
(Aussage einer der Protagonistinnen am Anfang des Filmes)

Zum Atemanhalten.

Mir geht die Luft schon aus, wenn eine der Protagonistinnen dieser Extensiv-Doku von Claudia Varejao von der Meeresoberfläche bis auf den Meeresgrund hinuntergetaucht ist. Dabei fängt die Arbeit auf dem Grund erst an. Mit Messer bewaffnet, ohne Sauerstoffflasche, einem Taucheranzug, der oben mit einem Kopftuch abgeschlossen wird, durchsuchen sie den Grund nach Fischen, Austern, Kreiselschnecken und bringen den Fang in einen Markierungsring an der Oberfläche.

Es dürfte sich um einen der seltensten – und gleichzeitig ältesten – Berufe handeln. Er wird nur von Frauen ausgeübt und dies bis zu einem Alter von um die 70 Jahren.

Der dem Film vorangestellte Text einer der Taucherinnen ist der einzige Kommentar und breitet über die Taucherinnen und ihr Leben einen Schleier aus Geheimnis und Tiefe.

Claudia Varejao beschreibt deren Leben als normales japanisches Leben. Das besteht aus ausgiebigem Kochen, Fernsehschauen, Ahnenverehrung, religiöser Andacht (es sind Buddhisten), sich mit den Kindern beschäftigen, Glühwürmchenfangen. Männer kommen nur ganz am Rande vor.

Der einzige männliche Protagonist ist der Kapitän des Schiffes, der die Frauen zu ihren Tauchgängen hinausfährt. Es ist ein langes Ritual, sich für den Tauchgang vorzubereiten. Besonders die Kunst, das Kopftuch zu binden, ist hochentwickelt, das zeigt sich bei den Versuchen einer Anfängerin.

Nach dem Tauchen wieder in der Welt der Menschen anzukommen, ist ein weiteres Ritual. Allein das Ausziehen des Tauchanzuges. Der Kopf muss nachher warm gehalten werden. Die Frauen machen in einem Aufenthaltsraum ein Lagerfeuer, ruhen sich drumherum liegend und den Kopf warm verpackt aus. Dann braten sie Köstlichkeiten aus dem Meer.

So ein Extremberuf schafft ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Das zeigen gemeinsame Essen und Feiern, bei denen auch Lieder, die ihren Beruf behandeln, vorgetragen werden.

Es ist ein Film, der dem Zuschauer ein ganz eigenes Erlebnis vermittelt, der auf jeden Kommentar, jedes Statement verzichtet. Die Taucherinnen sind keine Selbstdarstellerinnen. Sie sind hochkonzentriert auf ihre Aufgabe. Sie werden nach ihren Fängen bezahlt.

Bei einer Geselligkeit gibt der Kapitän zu verstehen, dass sein Traum wäre, dass sie mehr fangen würden, denn dann würde er auch mehr verdienen; ein Hinweis auf eine sich verschlechternde Fanglage? Aber das wäre das höchste, was hier an Gejammere erlaubt wäre. Eher ein Späßchen vom Kapitän, er als Spanner habe schon Früchte so klein wie Pflaumen zu Gesicht bekommen.

Der Betrachter fragt sich, warum den Beruf nur Frauen ausüben. Warum sie das bis ins hohe Alter hinein tun und warum sie bis auf die Neopren-Anzüge und Taucherbrillen sich nicht weiter modernisieren, warum sie nicht auf Sauerstoffflaschen zurückgreifen.

„Das Leben trägt uns mal nach oben, mal nach unten.“

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