Archiv für 3. Oktober 2019

Bei manchen deutschen Filmen verteilt stefe am Ende der Review eine „Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!“. Es handelt sich dabei um Filme (ab und an auch um Fernsehproduktionen), die mit Hilfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes produziert wurden, also mit Zwangsgebührengeldern.

stefe gibt mit dieser Roten Karte zu verstehen, dass er der Meinung ist, die Macher des Filmes sollten für eine Zeit vom Bezug von Zwangsgebührengeldern gesperrt werden, weil sie den Anspruch an ein öffentliches Interesse nicht erfüllen, meist nicht gut genug dafür sind.

stefe nimmt dabei die Position eines jener vermutlich in die Millionen gehenden Haushalte mit geringem Einkommen ein, die aber nicht gering genug sind, um von der Zwangsgebühr nach Professor Paul Kirchhof befreit zu werden. Es handelt sich um Haushalte, für die Euro 17.50 pro Monat schmerzhaft sind, ein Geld, was die nicht einfach entbehren können, Haushalte auch, die wenn sie wählen könnten, lieber auf das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes verzichteten, statt es so teuer zu bezahlen.

stefe möchte damit aber auch klarstellen, dass er ein Interesse an einem funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk als einem eminent wichtigen, demokratischen Player hat, dass er ihn für unentbehrlich hält, gerade im Hinblick auf die Gründungsideen: dass so was wie die Nazizeit nie wieder passieren soll. Insofern ist stefe in Zeiten des aufkommenden Populismus besorgt: dagegen wurde doch just der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegründet, dass so was nicht passiert.

Offenbar hat sich dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk massiv fehlentwickelt.

Die Finanzierung mittels Haushaltzwangsgebühr nach Professor Paul Kirchhof ist sozial unausgewogen, sie belastet einkommensschwache Haushalte proportional massiv stärker als einkommensstarke Haushalte, in Termini einer Steuer gesprochen: sie stellt eine unfaire umgekehrt proportionale Steuer dar, eine Strafsteuer: je weniger Einkommen ein Haushalt hat, desto höher fällt der Steuersatz aus. Es soll keiner sagen, das dürfen die einkommensschwachen Haushalte nicht als ungerecht empfinden.

Zumindest sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus diesem Grund noch sorgfältiger mit den Geldern umgehen. Deshalb ärgert sich stefe, wenn damit Filme finanziert werden, die so gar nicht für die Öffentlichkeit, für ein Interesse über dasjenige von die Zwangsgebührengelder freigebenden Funktionären hinaus von Belang sind.

Gerade jetzt, zum Zeitpunkt des 30. Jahrestages des Mauerfalls, haben diese Funktionäre viel Geld für eine Schwemme von Filmen freigegeben, die, man kann es ruhig so zusammenfassen, in die Binsen gehen, die null und nichts zu einer öffentlichen Diskussion, geschweige zum Umgang mit dem beunruhigenden, wachsenden Populismus beitragen, die bestenfalls für den Schulunterricht geeignet sind; dann aber sollen die bittschön mit Geldern der Kultusministerien und nicht mit unfair finanzierten Zwangsgebührengeldern ermöglicht werden.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht es sich selbst aber auch schwer. Er hat ein wachsendes Legitimationsproblem nicht nur wegen seinem Programm, wegen der sozial ungerechten Finanzierung, sondern auch wegen irrsinniger Pensionsverpflichtungen. Er gerät finanziell immer mehr in die Bredouille; denn er ist organisiert wie ein träger staatlicher Verwaltungsapparat. Die Mitarbeiter streiken für höhere Tariflöhne, die sich der Rundfunk mit seinem Legitimationsproblem aber nicht leisten kann.

Hinzu kommt dass Ulrich Wilhelm (ehemaliger Regierungssprecher und heute BR-Intendant mit einem Einkommen in der Höhe der Bundeskanzlerin) mit schlechtem Stil auf die Zwangssituation reagiert. Als ARD-Vorsitzender hat er klargestellt, dass das Programm unter zu wenig Zwangsgebührengeld leide, es gebe bereits jetzt mehr Wiederholungen und weniger Drehtage. Mit anderen Worten: weil Ihr uns nicht genügend Zwangsgebühren zahlt, machen wir minderwertiges Programm. Das ist miserabler Stil und verschlechtert die Lage noch mehr.

Es scheint, dass die Mananger an den Spitzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes für die heutigen Anforderungen (mit weniger Geld einen aufregenden, demokratieenthusiastischen Rundfunk zu machen, der gegenüber dem Populismus klar Kante zeigt und nicht ins doofe Diffamierungsspiel einstimmt) nicht mehr die geeigneten Figuren sind. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Die Gefahr in dieser Entwicklung besteht allerdings darin, dass die Kräfte, die die gänzliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes fordern, Auftrieb erhalten, es sind zum Teil die Kräfte, die auch die AfD nach oben spülen. Dagegen hilft nur ein radikaler Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes inklusive dessen Finanzierungssystems – eines Rundfunkes, der sich wieder auf seinen Ursprungszweck besinnt: Demokratie lebendig und vielfältig erhalten.

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Ehrbar. Wir haben niemandem etwas getan, sagen britische Schlossbewohnerinnen. Ein zentraler, deutscher Moralbegriff wird zum Kinofilmthema. Ein Hund, der die Menschen betrachtet, kann nur ehrbar sein. Bild eines extrem seltenen, japanischen Frauenberufes. Ein abwechslungsreicher italienischer Bilderbogen über Geschlechternormalität. Wiederaufgetaucht: ein französischer Killer mit Herz in New York. In den USA wehren sich die Ausschusspuppen, ein Ende des Rassenfanatismus scheint denkbar und ehrbar arbeiten sie sich am Klonthema ab. In Potsdam sind die Gartenzwerge los. Eine Literturverfilmung aus dem Subventionsland. Eine ordentliche internationale Doku über einen Spezialsport. Gebrauchte Nummer aus Deutschen Landen nicht ganz so frisch auf den Tisch. Auf DVD gab es eine kunstvolle Installation inklusive Katholizismus-Bashing und eine japanische Meisteranimation über den ersten, ernsten Konflikt in einem ganz jungen Leben.

Kino
WE HAVE ALWAYS LIVED IN A CASTLE
Die Reichen im Schloss haben doch den Armen im Dorf nichts getan.

DEUTSCHSTUNDE
Zwei große Darsteller als kontrastierende Interpreten des Pflichtbegriffes.

ENZO UND DIE WUNDERSAME WELT DER MENSCHEN
Vielleicht der traumhafteste Tumorfilm überhaupt.

AMA-SAN
Ein extensiv-poetischer Tauchgang hinab zu den Tränen der Götter.

NORMAL
Die Wucht des konservativen Geschlechterkampfes, der die Fortpflanzung im Blick hat.

LEON DER PROFI
Immer noch gut komponiert – wie eine Beethoven-Sinfonie.

SKIN
Enttätowierung in den USA.

UGLY DOLLS
Die sind doch andersfähig, diese Puppen mit Mängeln!

GEMINI MAN
Stupende Klonerei.

DATSCHE
Die große Welt im kleinen Datschenreich gespiegelt.

ZWISCHEN UNS DIE MAUER
Ehrbares Vor-Mauerfallmelodram.

MEMORY GAMES
Gedächtnissport als Geschäftsmodell.

EINE GANZ HEISSE NUMMER 2.0
Lauwarm ist das neue Heiß.

DVD
MIRAI
Ein kleines Schwesterchen kann zum ganz großen Problem für das ältere Brüderchen werden.

LUZ
Katholizismus-Bashing auf Kunstniveau.

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Stupendes Klonen.

Mit Gemini ist eigentlich ein Zwilling gemeint. Es gibt ein- und zweieiige Zwillinge. Das ist aber nicht das Thema in Ang Lees (oder war es ein Klon von ihm?) Film nach dem Drehbuch von David Benioff, Billy Ray und Darren Lemke, mit Gemini ist hier ein Klon gemeint.

Mit einem solchen von sich selbst bekommt es Protagonist Will Smith als bester amerikanischer Geheimdienstkiller Henry Brogan zu tun. Über 72 Kills hat er schon hinter sich.

Ang Lee fotografiert das großartig, wie Henry aus weiter Distanz von einem Hügel aus sein 72. Opfer mit einem Zielfernrohr in einem vorbeibrausenden Hochgeschwindigkeitszug auf freier Strecker niederschießt. Fast wäre noch ein Mädchen dazwischen gekommen.

Henry will in Rente gehen. Jetzt erfährt er, wer das Opfer war und nach und nach wird ihm klar, dass auf ihn ein Killer angesetzt ist. Das ist eine so weit hochkonventionelle Geschichte und das sieht man mit 3D im 4K-präparierten Film in einem der anspruchsvollst ausgerüsteten Kinosäle Deutschlands, im Dolby Cinema im Mathäser in München, besonders deutlich.

Der in seiner Rente gejagte Killer kann noch die Kollegin Danny Zakarweski (Mary Elizabeth Winstead) auf seine Seite ziehen und sich auf den treuen Kolumbianer Baron (Benedict Wong) verlassen.

Von Georgia aus fliehen sie über Kolumbien (hier bekommt er es mit einem besonders hartnäckigen Verfolger zu tun, der ihm verblüffend ähnlich sieht) bis nach Budapest, Heerscharen von Killern auf den Fersen, immer wieder finden die Verfolger Henry, die offenbar aus dem Geheimdienst selbst stammen.

Bis Henry klar wird, dass sein Dienst ihm seinen eigenen Klon, dreißig Jahre jünger, auf den Hals hetzt. Stupend daran ist nicht die Klonthematik im evolutionären Sinne, oder ob so ein Klon sich nicht doch durch das Leben, da die Natur unendlich raffiniert ist, anders entwickelt, andere Eigenheiten, Nuancen, stupend ist – und auch das besonders deutlich durch die maximale Kinoqualität – wie die wahren Herren des Klonens hier nicht Henrys Gegenspieler Jack Willis (Douglas Hodge) und dessen Wissenschaftler sind, sondern die unsichtbaren Heerscharen, die an den Computern aus Will Smith Pore um Pore einen 30 jahre jüngern Kinoklon animieren.

Das macht aber auch deutlich, dass Klonen eine ziemlich sterile, fruchtlose Angelegenheit ist. Aber das muss ja auch mal geklärt werden.

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Hund mit Rennfahrerphilosophie.

Er heißt Enzo, ist ein Golden Retriever und kann nicht sprechen. Dank Kinotechnik und Synchrosprecherei gibt der Film von Simon Curtis (Frau in Gold, My Week with Marilyn) nach dem Drehbuch von Mark Bomback nach dem Roman von Garth Stein tiefe Einblicke in die Hundeseele, in das Hundedenken, das in seinem nächsten Leben vielleicht ein Menschenleben sein wird, laut seiner eigenen mongolischen Weltsicht. Inosfern ist die Rührgeschichte seines Herrchens Denny (Milo Ventimiglia), die als solche perfekt erzählt ist, ganz erträglich. Ob es zeitgemäß ist, solch einfachen Rührgeschichten zu erzählen, mag auf einem anderen Blatt stehen.

Rennfahrer Denny kauft sich aus einem Wurf Welpen denjenigen, der ihn mit dem unwiderstehlichsten Blick anschaut. Über zehn Jahr langer begleitet Enzo, den sein Herrchen und Rennfahrer in Hochachtung vor Ferrari so genannt hat, Denny auf seinem Lebens- und Karriereweg, die Heirat mit Eve (Amanda Seyfried), die Tochter Zoe (Ryan Kiera Armstrong), die Krebserkrankung der Mutter und dass Denny deswegen seine Rennfahrerlaufbahn erst mal nicht weiter verfolgt, der Tod von Eve, der hässliche Streit ums Sorgerecht von Zoe mit den Schwiegereltern Maxwell (Martin Donovan) und Trish (Kathy Baker) und einige Wendungen, die der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, ist ein schönes Märchen; da ist Enzo – und nicht mal kitischig – ab und an beteiligt, er kennt die Wirkung von Peperoni im Hundemenü …. Und was Enzo im nächsten Leben wird, das dürfte wohl klar sein.

Dass ein Hund auch halluzinieren kann, das war mir neu, dass er von einem wild gewordenen Spielzeugzebra träumt … man lernt nie aus.

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Ehrbares Mauer(blümchen)kino.

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls kommt eine Flut von Einheitsfilmen ins Kino (Fritzi, Deutschstunde, Im Niemandsland).

Dieser Film von Norbert Lechner (Ente gut, Tom und Hacke) möchte besonders akkurat sein nach einem Drehbuch von Susanne Fülscher nach dem Roman von Katja Hildebrand.

Erst überschüttet uns die Protagonistin und Ich-Erzählerin Anna (Lea Freund changiert zwischen Lächeln und Heulen) mit einem Voice-Over-Wortschwall, dem es gelingt, jedlich Spannung aus der Geschichte zum Vornherein zu entfernen.

Der Film spielt 1986. Anna fährt mit einer kirchlichen Gruppe aus dem Westen zu einer Begegnung mit einer kirchlichen Gruppe nach Ostberlin. Dort lernt sie den Pastorensohn Philipp (Tim Bülow) kennen. Norbert Lechner inszeniert das etwas linkisch, Anna fällt förmlich der Unterkiefer runter, während die viel diskretere Liebe auf den ersten Blick im Hintergrund zwischen dem Westler und einem junge Ostler spannender wirkt. Das ist von Nachteil für die so offensichtlich und ganz ohne Geheimnis und Erotik inszenierte Begegnung zwischen Ana und Philip, die seltsam unerotisch und uninspiriert bleibt. Das mag damit zusammenhängen, dass für die Darstellerin offenbar gilt, dass schauspielen gleich lächeln oder heulen, alle Gefühle abrufbereit zu haben und der immer gleich entschiedene Gang und die verschränkten Arme (Posen) bedeutet und auf gar keinen Fall „sein“ oder „wahrnehmen“, „empfinden“. Das ist schade und verleiht dem Film so einen biederen, aber auch ehrlich gemeinten Anstrich.

Der Gedanke ist nicht abwegig, dass auch dieser Mauerfilm die neuen Generationen über die Zeit der Trennung im Lande aufklären, informieren will, über barsche Grenzkontrollen, Überwachung, Wachtürme, Todesstreifen. Weshalb er sich am ehesten für Schulen empfehlen dürfte.

Während ein Publikum, das im aktuellen Kinoprogramm das Weltkino verfolgt, doch Maßstäbe anlegen dürfte, denen so ein Film nie und nimmer genügen kann.

Auch hier misslingt einmal mehr der Versuch des deutschen Subventionskinos, ein Kinotraumpaar zu etablieren, weil grad so gar nichts knistert zwischen den beiden, weil auch viel zu unklar ist, ob er sich um ein weiteres, x-beliebiges Liebesverhältnis handelt, so abgebrüht sehen sie aus, oder ob es doch mehr ist. Es wirkt so, als spielten die uns Liebe vor, statt dass sie gemeinsam ihre Liebe entdecken. Es wirkt wie eine eiskalt schauspielerisch abgelieferte Liebe.

Die Dramatisierung der Literaturvorlage erscheint breitbeinig wie im Entenwatschelgang („Anna, hast du wirklich keine Lust auf Pizza?“ – = TV-Biederdialoge). Deutsche TV-Subventionsware.
Melancholische Musik: Ich hatt‘ einen Kameraden?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers, der sich nicht ernst genommen fühlt!

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Ausschussware.

Oder andersfähig, das wäre die positive Beschreibung der titelgebenden Minderqualifizierung von deformierten, missgebildeten oder fehlerhaften (nur ein Auge, Zahnlücken, keine Nase) Produkten in einer automatisierten Stofftierfabrikation.

Der Prozess der Aussortierung der Produkte, die die Perfektions- und Qualitätsanforderungen nicht erfüllen: mit Greifarmen werden sie von Robotern gepackt und durch ein Rohr abwärts nach Uglyville entsorgt. Hier herrscht Highlife, niemand kennt die Sorgen der Perfektion, der makellosen Schönheit. Einzig ein Mädel träumt davon, die Welt, die es außerhalb geben müsse, zu erforschen.

Das Mädel gewinnt Mitstreiter, die machen sich in diesem Film von Kelly Asbury (Die Schlümpfe 3- Das verlorene Dorf, Gnomeo und Juliet) nach dem Drehbuch von Alison Peck, Robert Rodriguez + 4 auf den Weg den Entsorgungsschacht hinauf aus zwingender logischer Überlegung, dass da, wo sie herkommen das Andere sein müsse.

In dieser anderen Welt werden sie gleich mit der Auslese der Perfektesten der Perfekten konfrontiert, mit einer Show im Sinne von „Spielzeugland sucht die makelloseste Puppe“. Sie marschieren stracks mitten in die Show hinein.

Ein Zwischentwist ist, dass sie keinen Erfolg haben und wieder zurück nach Uglyville geschickt werden, jetzt im Bewusstsein, Ausschussware zu sein. Depression senkt sich über Uglyville, bevor das ultimative Aufbäumen der Spielzeugfiguren zum krönenden, versöhnlichen Countdown führt. Der wirkt etwas arg versöhnlerisch.

Die Thematik aber ist nichtsdestotrotz stark, während deren Behandlung schnell etwas schlicht erscheint auch durch die moralinisch angehauchten Songs, dass man sich selber sein soll, dass man seine Träume wahr machen soll; was immerhin impliziert, dass Schönheit kein Wert an sich ist und dass, wer sie hat, sich darüber nichts einbilden soll. So könnte für Uglyville auch das Motto gelten: ist der Ruf erst ruiniert… Die deutsche Synchro ist ordentlich, transportiert die positive Botschaft.

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Coole Gartenzwerge
oder Datschen- statt Kirchenasyl?

In der Laubenkolonie ist der Mensch Gartenzwerg in dem Sinne, dass das Reich so klein ist, dass er als großer König und Herrscher dasteht; wenn auch viel belächelt, ist sie der Traum vieler Menschen, das eigene Reich, in das keiner dreinredet außer der Vereinsordnung und dem Vereinspräsidenten Herrn Winter (Karl-Heinz Schulze); der jovial kein Auge zudrückt, aber freundlich um Verschiebung des Zeltes um einen Meter bittet. Die Melodie der Laubenpieper.

In die Kolonie bei Potsdam kommt diesen Sommer ungewohntes Leben. Valentine (Zack Segel) aus New York will in der Datsche seines verstorbenen Großvaters den Sommer verbringen. Er stößt dort auf einen illegalen Gast, Adam (Kunie Kuforiji) ist Flüchtling, ein Geduldeter, ein unbehaglicher Status, er hat sich heimlich in der scheinbar unbewohnten Datsche eingenistet; die Pflanzenzeichnungen und das versteckte Gärtlein geben einen Hinweis auf sein Potential.

Bald schon gesellen sich Zorro aus Argentinien (Juan Carlos Lo Sasso), Stefan aus Bayern (Luis Lüps) und Maria (Marie Céline Yildirim) dazu – das Berlin-Flair bringt sie zusammen und in die Datsche.

Adam wird in die Gruppe aufgenommen, überwindet seine Angst. Die Bedrohung geht von Gregor aus (Christian Harting); er ist der Aufpasser-Nachbar, der Rassist, der misstrauisch mit seinem Hund durch die Anlage schleicht.

Es kommt zum Aufmerksamkeitswettbewerb zwischen einem Wildschwein, das den Garten von Herrn Winter verwüstet hat und dem Rassisten, der eine Selbstverbrennung inszenieren will; daraus resultiert ein buntes, internationales Fest im Garten von Valentine als Höhepunkt.

Dann ist der Orkan vorbei, es kann Winter werden, das Wasser in den Leitungen wird abgestellt und anderthalb frisch anregende Kinostunden sind auch vorbei, skurril wie ein Gartenzwerg, auf kleinem Raum die Welt gespiegelt.

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Arm/Reich/Unversöhnlich.

Wir haben Dinge immer wieder dahin zurückgestellt, wo wir sie her hatten. Wir leben für uns und haben keinen Streit mit niemandem. So und ähnlich lautet die Selbstdarstellung der 19-jährigen Merricat (Taissa Farmiga). Sie lebt zurückgezogen mit ihrer Schwester Constance (Alexandra Daddario) und ihrem Onkel Julian (Crispin Glover) auf dem Familienschloss der Blackwoods, das außerhalb eines britischen Dorfes gelegen ist.

Merricat ist die verschlossene, strenge, verstört wirkende der beiden Schwestern, sie hat einen Gang, als ob die Füße aus Holz seien, der auf einen inneren Automatismus – oder Abwehrmechanismus schließen lässt, sie beschäftigt sich mit Zaubersprüchen (auch im Sinne der Abwehr) und kennt sich mit Giften extrem gut aus, während Constance die sinnliche, offenere ist, das zeigt sich auch an den Kleidungen (Mode der 50er Jahre).

Onkel Julien ist der Bruder des verstorbenen Vaters, er sitzt im Rollstuhl und versucht eine Familiengeschichte der Blackwoods zu schreiben. Nur Merricat verlässt das Anwesen einmal die Woche, das ist dienstags, für die Einkäufe marschiert sie ins Dorf. Das ist für sie ein Spießrutenlaufen, denn die Blackwoods sind nicht beliebt bei den Dörflern.

Constance verlässt das Anwesen gar nicht (das würde sich nur lohnen, wenn man nach Amerika führe, meinte der Vater). Sie hatte eine dem Vater nicht genehme Affäre mit einem Dorfjungen; worauf dieser Job, Geliebte und Auto verlor; das demonstriert die Macht der Blackwoods.

Die drei Personen leben ein ruhiges, wohlaustariertes Leben in ihrem „Castle“ mit großem Umschwung; das Vermögen liegt in bar in einem Tresor im Schloss. Die Eltern der beiden Schwestern sind umgebracht worden, vergiftet; die Schwestern kamen kurzfristig laut Schlagzeilen der Zeitungen in Verdacht, aber mehr offenbar nicht.

So schwebt ein ungelöstes Geheimis über dem Dreierhaushalt in einer Atmosphäre, die Stacie Passon nach dem stimmigen Drehbuch von Mark Kruger nach dem Roman von Shirley Jackson sowohl mit exquisiter und ebenso exquisit beleuchteter Ausstattung als auch mit exzellenter Schauspielerführung auf die Leinwand bringt.

In dieses morbid-skurrile Schlossbiotop dringt Neffe Charles (Sebastina Stan) ein. Er ist der Sohn des Bruders des Vaters der beiden Töchter; er ist ein rein materialistischer Typ, der nicht begreifen kann, wie Merricat Silbermünzen, Uhren und andere Wertsachen einfach im Boden vergräbt. Er verführt Schwester Constance. Er setzt Entwicklungen in Gang, die sich dramatisch steigern, die Merricat in ihrem Text beschreibt, der zwei Wochen vor dem Heute beginnt, „letzten Dienstag“ … und die Tonspur, teils mit Schlagerschnulzen, gibt die nicht ganz tragisch-ernste Erzählposition vor, die noch durch den Ernst der Darstellung gewinnt.

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Wie von Sinnen wanzt sich die Kamera in diesem Film von Guy Nattiv an alles ran, was ihr irgendwie skandalisierbar scheint, insbesonder die Nazi-Tattoos auf der titelgebenden Skin (Haut). Diese gehört Bryon Widner (Jamie Bell) und ist über und über übersät mit den übelsten Nazisymbolen und Zahlen, denn Bryon ist ein fanatischer Anhänger der White-Supremacy-Bewegung in der sektiererischen Gruppe „Vinlander’s Social Club“. Wobei nichts über die Beweggründe von Bryon zu erfahren ist, warum er sich hier aufgehoben fühlt. (Eher in die Richtung zeigt The Believer – Inside a Skinhead)

Der Film beginnt allerdings später, er beginnt mit der Enttättowierung von Bryon, einer äußerst schmerzhaften Behandlung über 612 Sitzungen. Insofern ist von Anfang an klar, was Guy Nattiv erzählen will: die Geschichte einer Bekehrung eines Neonazi/Nationalisten/Rassisten, was eh schon ein Wunder ist, dass sowas offenbar passiert und es geschieht nicht ohne die tätige Mithilfe des FBI sowie einer anonymen Sponsorin, die die Enttätowierungstortur bezahlt.

Anlass für die Gesinnungsrevision ist die Liebe von Bryon zu Julie (Danielle Macdonald) einer pummeligen Mutter von drei Töchtern, die für Geld – und nur des Geldes wegen – mit ihren musikalischen Mädels bei nordischen Festen der Rechtsradikalen mit Musik- und Gesangsnummern auftritt (hier wäre ein Hinweis auf Midsommar angebracht, wo solche Auftritte allen Ernstes vielleicht zwei Drittel des Filmes füllen).

Auch die Entstehung dieser Liebe wird weniger subjektiv nachvollziehbar als mehr pro forma – oder der Vollständigkeit halber – nacherzählt. Denn wichtiger scheint dem Film die massive Moralkeule, selbstverständlich von der korrekten Seite her, mit der aufgezeigt werden soll, dass eine Abkehr von Nationalismus/Irrationalismus/Neofaschismus möglich sei. Wenn da nicht mal der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Wobei der Film sich auf eine Originalgeschichte beruft mit Originalfotos des Protagonisten und des FBI-Führungsoffiziers und dabei wird auch deutlich gemacht, dass es offenbar eine ganze Anzahl von Überwechslern gebe. Der Film will zeigen, wie „menschlicher Abfall“ in „menschliche Wesen“ verwandelt wird und das leistet er mit einer Überdosis Moralin.

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Unter dem Aspekt der Frage „was ist normal“ pickt Adele Tulli in ihrem smarten Dokumentarilm signifikante Momente aus dem modernen Leben der italienischen Industriegesellschaft heraus, montiert sie zu einem eleganten, abwechslungsreichen Bilderbogen mit nicht gerade erbaulicher Aussage.

Erst zeigt dieser Menschen in Situationen, in denen sie sehr fokussiert sind. Das sind Schwangere, die unter Wasser bei Gymnastik beobachtet werden. Dann werden einem Mädchen Ohrlöcher gestochen. Ein kleiner Bub wird vom Vater für das nächste Cart-Rennen gebrieft. In einem Park gibt es Kinderwagengymnastik für junge Mütter. In einer Fabrik wird halbautomatisch Kinderspielzeug hergestellt, Bügeleisen, Bügelbrett, Eimer und auf dem Katalog erscheint ein Mädchen, das wie Amanda aus der Ohrlochstechszene aussieht.

Was erst als Skurrilidee für Fundstücke aus dem Leben erscheint, wendet sich zusehends zur Frage der Attraktivität der Geschlechter, Alpha-Männer, die Frauen für sich gewinnen wollen. Andererseits Frauen, die sich für Alphamänner anziehend herrichten wollen. Balzgebaren. Alpha-Männer zeigen ihre Fokussierung auch in Videogames, Kriegsspielen.

Erst scheint der Begriff „normal“ im Sinne von Fokussierung. Dann wendet er sich in das herkömmliche Geschlechter-Rollenspiel, das zu Ehe und Fortpflanzung führt. Auch da fällt es der Filmemacherin nicht schwer, ’normale‘, geläufige Beispiele für das konservative, wenig emanzipiert Geschlechterrollenverständnis zu finden, vom Jungesellinnenabschied bis zur Ehe-Verhaltens-Beratung für die Frau im Brautkleidschäft.

Dieses Rollenverständnis zementieren Szenen von Pole-Dance über die Motorrockerbraut, das Teeniegekreische bei der Autogrammstunde des Stars Antony, das Fotoshooting für das Vorgaukeln eines Traumpaares bis zum Schönheitswettbewerb.

Aber „normal“ ist auch, immerhin das ein kleiner Fortschritt, die Szene einer Hochzeit zweier Männer auf der Bühne eines prächtigen Opernhauses. Die Kirche (nebst ihr auch die Brautkleidberatung) findet mahnende Worte zur Vergänglichkeit dieses Rollenbildes, zu Treue und zum Umgang damit, dass Männer sich plötzlich jüngeren Frauen zuwenden.

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