Drei Dinge haben mich schnell für diesen Film von Ari Aster vereinnahmt, nebst dem positiven Erlebnis mit seinem Vorgängerfilm Hereditary.

Die anfänglich Bildfolge setzte im Kopf quasi Eselsbrückbauaktivitäten in Gang.

Zuerst, wie auf einer Buchseite als Standbild eine helle Wimmelschilderung einer glücklichen Gesellschaft als Standbild behauptet wird. Dann teilt sich diese Seite, wird nach rechts und nach links zurückgezogen. Es folgen Bildsequenzen mit einer winterlich grau-blauen Waldlandschaft. Zu alle dem noch keine Tonspur. So fängt ein Horrorfilm doch gut an. Dann ein Blick über eine nächtliche Siedlung. Jetzt wird die Sequenz von einem schrillen Wecker- oder Telefonton unterbrochen. Es fängt die kleine Vorgeschichte vor den Titeln an.

Es meldet sich der Anrufbeantworter von „Ardors Residence“. Die Herrschaften liegen im Bett und rühren sich nicht. Am anderen Ende der Leitung ist höchst beunruhigt die Tochter Dani (Florence Pugh). Etwas stimmt nicht. Als Zweites hat mich vereinnahmt, wie die Kollegen von Freund Christian (Jack Reynor), diesen versuchen davon abzubringen, zu viel Zeit für seine ständig problematische und anrufende Freundin zu opfern; er solle sich nicht in ihre Probleme reinziehen lassen. Dinge, die einem bekannt vorkommen.

Und auch als Drittes der Moment, in dem klar wird, dass Christian der Freundin vorgeschlagen hat, sie und seine Studienkollegen beim Sommertrip nach Skandinavien zu begleiten. Und wie sie alle contre coeur das natürlich gut finden; dabei wollten sie ursprünglich ohne fahren. Auch das wird charmant nachvollziehbar erzählt.

Ab da fangen allerdings meine Probleme mit diesem Film an. Schwups sind Dani, Christian, Pelle (Wilhelm Blomgren), Josh (William Jackson Harper) und Mark (Will Poulter) in einem sonderbaren, offenbar von einer Art Sonnenanbeter-Sekte in Beschlag genommenen Gelände in einer Gemeinschaft von lauter weißgewandeten Menschen.

Der Vorwand für den Trip ist der, dass Josh und Christian diesen schwedischen Kult für ihre Doktorarbeit erforschen wollen.

Ari Aster breitet nun die verbleibenden zwei Stunden dieses konfliktfreie Lagerleben vor uns aus, kann sich nicht satt sehen an Ringelreihen und anderen Tänzen, an festlichen Mählern, an Kult, Zeremonien, an der Ausstattung eines Schlafhauses mit Wanddekorationen und lauter Einzelbetten, an Details über diese Gemeinschaft, in der niemand mehr als 72 werden soll, dann ist Zeit, sich vom Felsen zu stürzen.

Das Problem bei der Schilderung dieser Sektengemeinschaft ist, dass sie jeglicher Plausibilität entbehrt; also das Ökonomisch-Organisatorische ist nicht nachvollziehbar. Es wird zwar behauptet, es sei eine in sich geschlossene Gruppe von Menschen, abgeschottet und nach strengen Regeln lebend; filmerzählerisch aber wird die Stimmung eines Sommercamps erweckt – auf Informationen, die das als Sekte plausibel machen, wird verzichtet. Aster verliert sich in der reinen Illustration, als ob er begeistert sei davon.

Irgendwann reisen Simon (Archie Madekwe) und Connie (Ellora Torchia) ab – oder werden sie abgereist? Das überrascht, ist doch bis jetzt der Eindruck einer freien, freiwilligen Gemeinschaft entstanden; jetzt wird aber behauptet, es handle sich um eine streng abgeschirmte Gemeinschaft.

Auch ist das Verhalten der amerikanischen Studenten vollkommen unkritisch. Sie stellen keine Fragen, werden nicht misstrauisch, sie machen einfach mit. Die beiden Doktoranden versuchen zwar an Informationen über die Runen zu gelangen; müssen vorsichtig sein. Sie haben keine skeptische Distanz zu den Vorgängen, sie wirken integriert.

Es ist auch der ökonomische Ablauf nicht plausibilisert, dass es eine geschlossene Gemeinschaft sei, also in einem gewissen Sinne autark; das würde deutliche Hinweise auf die entsprechende Landwirtschaft erfordern. Insofern fehlt jedes Element, was den erwartbaren Horror spannend machen könnte.

Es wird sozusagen zweidimensional erzählt oder nur illustriert wie auf dem Anfangsbild. Auch der Sinn der geforderten Menschenopfer ist nicht ersichtlich, der durch solche erzeugte Gemeinschaftssinn nicht spürbar.

Der Film erinnert insofern an den Faschismus, als auch der sich an endlosen Ringelreihen hübsch geschmückter Frauen ergötzte wie auch an Maibaum und Maikönigin im Juni.

Gegen diese Festgefahrenheit auf der Illustrierschiene versucht Ari Aster ab und an mit heftigen Effekten anzukämpfen. Wenn ein Zaubertrunk gemixt wird, muss nach Eingießen des Saftes ein leinwandfüllender Wirbel wie bei einem Orkan (auch mit akustischem Wirbel unterstützt) ins Bild. Beim Maientanz, wenn der Protagonistin schwindlig wird, wird dieser Schwindel exzessiv in Bilderchaos umgemünzt. Wenn es um blutige Dinge geht, dann bleiben sorgfältig inszenierte Blutspuren zurück, die sind fast gemäldehaft schön, aber nicht spannungserzeugend. Und wenn die Protagonisten alle tot sind, dann ist der Film aus. Das ist schon wieder klassisch. Der Unterschied dort ist nur, dass vorher ein Drama stattgefunden hat. Hier wurde es nur illustriert. Kino als naive Buchmalerei.

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