Geschredderte Porsches und Zahnimplantate.

Das Vorhaben von Michael Klier, der mit Karin Aström auch das Drehbuch geschrieben hat, ist schwierig und mutig zugleich: den Umgang von drei Brüdern und einer Schwester mit ihrer behinderten Schwester und deren Übersiedlung in ein Heim möglichst direkt und unvestellt zu schildern.

Es handelt sich um eine künstlerisch-bürgerliche Familie. Die Eltern sind schon tot, die Kinder erwachsen. Heli (Jördis Triebel) wohnt mit der behinderten Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) im elterlichen Einfamilienhaus und kümmert sich seit Jahren um Ginnie; dafür hat sie ihre künstlerischen Ambitionen mit der Malerei aufgegeben.

Die Brüder sind außer Haus. Tommie (Hanno Koffler) ist Jazzer, kein Karrierist, nicht besonders erfolgreich, Frederik (Kai Schieve) ist hochkulturbürgerlicher Musiker; sein Interesse gilt seinen geschredderten Porsches und den dadurch nötig gewordenen Zahnimplantaten und den durch diese ausgelösten Ängsten, bei einem Konzert (er spielt Oboe) könnten die Implantate herausfallen, Bruno (Florian Stetter) ist der Geisteswissenschaftler („Ethnologie und nicht Philosophie“, korrigiert er), will nach Mali und isst Äpfel so, dass ganze Stücke ihm dabei aus dem Mund auf den Boden fallen und er kümmert sich nicht drum; mit seiner Kreideschluck-Stimme scheint er alle immer wie ein Apotheker beschwichtigen zu wollen.

Die Handlung des Filmes spielt am Tag vor und am Tag der Abreise von Ginnie, alle sind dafür zusammengekommen. Es wird nicht diskutiert, was man ihr mitgeben soll, was da bleibt, wie man es mit Besuchen hält, oder wie die Geschwister künftig den Kontakt pflegen wollen, wer die Vormundschaft übernimmt, ob man für sie eine Patientenverfügung erstellen soll; es geht nicht um konkrete Problem, die mit der Umsiedlung von Ginnie verbunden sind, was doch ein Minimum an Handlungsfaden vorgeben könnte, anhand dessen sich die Charaktere der Familie bestens herauskristallisieren könnten; stattdessen werden lauter papierene Dialoge geführt werden, die Hintergrund-Informationen über die Geschwister liefern, die von wenig Interesse sind.

Überhaupt leidet der Film an katastrophalen handwerklichen Mängeln. Das Filmemachen als Schreinerhandwerk genommen, liefert Michael Klier einen Tisch, der vier verschieden lange Beine und eine löchrige, wellige, durchängende Tischplatte hat. Es sind Problem des Drehbuches, der Inszenierung und der Performance, weshalb dem Film jegliche Street-Credibility abgeht.

Bei der Hauptfigur ist nicht klar, welcher Art genau die Behinderung ist, wie weit es Hirnschäden sind, wie weit Schäden der Motorik, der Physis, welche Art Intelligenz die Figur hat, welche Art Emotionalität; Ginnie macht Dinge, die sie als Monster erscheinen lassen, sie stellt Essen in die Mikrowelle und lässt es anbrennen, Küchenbrand wäre sofort möglich, sie zerschnippelt Dinge mit einer Schere, egal was, sie schmeißt Besteck aus der Schublade auf den Boden. Sie wird so charakterisiert, dass man sie nicht eine Sekunde allein lassen darf. Das tun aber die Geschwister, weshalb sie verantwortungslos mit der Schwester umgehen, als ob sie keine Ahnung hätten und nicht mit ihr aufgewachsen wären. An solchem Verhalten hätte der Regisseur just Familie plausibel machen können; das verliert sich ja nicht, wenn es von Klein auf geübt ist, auch wenn die Kinder ausgeflogen sind. Es fehlt Ginnie weitgehend die natürliche Motorik, die bleibt, wenn bei einem Menschen gewisse, die Rationalität steuernde, Gehirnteile deaktiviert sind.

Mag sein, dass Michael Klier Street-Credibility mit allen Mitteln vermeiden wollte, um ja nicht in die Schublade des TV-Themenfilmes zu geraten. Was aber will er uns stattdessen erzählen? Dass die Mitglieder solch bürgerliche-künstlerischer Familien alle Idioten seien? Setzt er sich da nicht selber dem Verdacht aus?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Hinterlassen Sie einen Kommentar