Chatliebe.

Im Roman von Daniel Glattauer geht es um die Chatliebe zwischen einem Linguisten und einer Pianistin. Durch einen blöden Zufall kommt der Mailkontakt zwischen beiden zustande. Die Pianistin lebt mit einem Dirigenten in einer eingeschlafenen Ehe. Der Linguist will sich von seiner Freundin, mit der er gar nicht erst zusammenwohnt, trennen.

Der Roman scheint voll zu sein von prima Beobachtungen über Beziehungen, scheint die Fantasien, die sich durch den Chatkontakt zwischen den beiden entwickeln, sensibel zu beschreiben und muss gut unterfüttert sein mit Bonmots zu den Themen.

Kürzlich lief im Kino So wie Du mich willst aus Frankreich mit einem ähnlichen Thema. Dort war Juliette Binoche die großartige Protagonistin, die sich unter falschem Account in einen jungen Mann verliebt und Liebesvariationen durchfächelt.

Im deutschen Kino hat jetzt Vanessa Jopp diesen Roman nach dem Drehbuch von Jane Ainscough verfilmt. Dabei fällt zum Vornherein das Spielerische aus Frankreich weg, denn Linguist Leo (Alexander Fehling) kommt unter seiner direkten Adresse in Kontakt mit Emmi (Nora Tschirner). Sie beschwert sich bei ihm, will ein Abo kündigen, weil seine Adresse mit der eines Verlages zum Verwechseln ähnlich ist. Da sich Emmi Rothner gleich mehrfach beschwert und der Linguist Lunte riecht, dass er es hier mit einer geistig beschlagenen Person zu tun hat, fängt er an, die Geschichte zum Laufen zu bringen (wobei bei den Klarnamen vermutlich beide schnell die volle Identität des anderen hätten recherchieren können).

Vanessa Jopp fängt den Film leichterhand und schwungvoll an. Das Drehbuch tut erst so, als sei Leo der Protagonist. Das füllt Alexander Fehling fantastisch aus, er ist ein Blickfang auf der Leinwand. Allerdings scheinen sich Ainscough und Jopp zu wenig getraut zu haben, sich cineastischer Kunstgriffe zu bedienen, um der Gefahr des Hörspiels, was dieser lange Chat-Dialog unweigerlich birgt, zu entgehen.

Im Gegenteil: Ainscough und Jopp laufen voll in die Hörspiel-Falle, was schnell zu einem Abfall der dramaturgischen Spannung führt. Ferner kann sich Ainscough nicht für eine Hauptperson entscheiden, das haben die Franzosen mit der Konzentration auf die Binoche deutlich klüger gelöst.

Hier wird plötzlich, wie Emmi auf der Leinwand und nicht nur auf der Tonspur erscheint, auch sie als eine Hauptfigur behandelt. Während der Handlungsfaden von Leo plötzlich wie abgebrochen wirkt. Er hat noch seine Auseinandersetzungen mit Marlena (Claudia Eisinger); über seine Schwester Adrienne (Ella Rumpf), die in einer lesbischen Beziehung steht, gibt es zudem Infos über seine Familie. Und die Mutter Vera (Eleonore Weisgerber) stirbt. Vater ist längst abgehauen.

Was fehlt, ist das Kino zum Hörspiel. Am häufigsten sitzen die Protagonisten vor dem PC oder dem Mobilphon, lesen Texte oder schreiben welche, oft lesen sie sie laut oder sie werden von ihnen aus dem Off auf die Tonspur aufgesprochen. Das ist so spannend wie ein Film aus einem Tonstudio.

Und dann unendlich viele Szenen, in welchen er oder sie auf eine Antwort wartet oder wie der Blitz nach dem Gerät greift oder es unbeachtet lässt. Hier fehlt der Wagemut, das Auge des Zuschauers, das mit Kinoerwartung kommt, mit Aufregendem zu beschäftigen, ohne selbstverständlich den beachtlichen Texten die Show zu stehlen. Ein arges Defizit. Immerhin gibt es Ausflüge ans Meer, so dass das unterbeschäftigte Kinoauge wenigstens ab und an ins Weite schweifen kann.

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