Archiv für 12. September 2019

Heikle Verhältnisse. In Griechenland kommen zwei Frauen mit vibrierend ähnlichen Schicksalen zusammen. In Argentinien gibt es Familie hautnah. In Frankreich libertiniert der Freiheitsbegriff im dunklen Wald. In Belgien sieht es unter der glatten Oberfläche unglatt aus. An der Côte d‘ Azur hat das leichte Mädchen eine unleichte Freundin. In Kolumbien geht es um die diffizile Beziehung zwischen Indigenen und den Weißen. In Berlin gibt’s Coming-of-Age auf Leben, Tod und Ertrinken, an der Nordsee funkt es im Chat zwischen einem Linguisten und einer Pianistin und irgendwo in Deutschland geht es ungelenk um Behinderte. Im Fernsehen gab es Hintergründe zum Bau von Schloss Neuschwanstein und harte Kost über Kindersoldaten in Afrika.

Kino
DAS WUNDER IM MEER VON SARGASSO
Das Wunder ist der Traum von der griechischen Küste gegen griechische Frauenschicksale.

DIE UNTERGEGANGENE FAMILIE – FAMILIA SUMERGIDA
In Argentinien ist nicht so sicher, ob „intakte“ Familie so intakt ist.

LIBERTE
Die andere Seite der Freiheit: wenn die Triebe über den Menschen regieren.

INTRIGO – SAMARIA
Wie aus einer Dokumentation eine kriminalistische Recherche wird.

EIN LEICHTES MÄDCHEN – UNE FILLE FACILE
So leicht ist leicht nicht für alle Mädchen.

THINKING LIKE A MOUNTAIN
Man sollte hinhören auf die Natur, von den Indios lernen.

SCHWIMMEN
Gedankenlosigkeit in der Unsicherheit der Pubertät und die leichte Verfügbarkeit von Bildern über Smartphone setzen dramatische Ereignisse in Gang.

GUT GEGEN NORDWIND
Wie verfilme ich einen Chat, der Hörspielcharakter hat?

IDIOTEN DER FAMILIE
Gut gemeint.

TV
GEHEIMNISVOLLES SCHLOSS NEUSCHWANSTEIN
Der Kini war, was den Bau des Schlosses betrifft, alles andere als verrückt.

WRONG ELEMENTS
En starker Film über ehemalige Kindersoldaten in Afrika – das Zwangsgebührenfernsehen enthält diesen starken Tobak seinen 20.00-Uhr-Zuschauern vor.

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Geschredderte Porsches und Zahnimplantate.

Das Vorhaben von Michael Klier, der mit Karin Aström auch das Drehbuch geschrieben hat, ist schwierig und mutig zugleich: den Umgang von drei Brüdern und einer Schwester mit ihrer behinderten Schwester und deren Übersiedlung in ein Heim möglichst direkt und unvestellt zu schildern.

Es handelt sich um eine künstlerisch-bürgerliche Familie. Die Eltern sind schon tot, die Kinder erwachsen. Heli (Jördis Triebel) wohnt mit der behinderten Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) im elterlichen Einfamilienhaus und kümmert sich seit Jahren um Ginnie; dafür hat sie ihre künstlerischen Ambitionen mit der Malerei aufgegeben.

Die Brüder sind außer Haus. Tommie (Hanno Koffler) ist Jazzer, kein Karrierist, nicht besonders erfolgreich, Frederik (Kai Schieve) ist hochkulturbürgerlicher Musiker; sein Interesse gilt seinen geschredderten Porsches und den dadurch nötig gewordenen Zahnimplantaten und den durch diese ausgelösten Ängsten, bei einem Konzert (er spielt Oboe) könnten die Implantate herausfallen, Bruno (Florian Stetter) ist der Geisteswissenschaftler („Ethnologie und nicht Philosophie“, korrigiert er), will nach Mali und isst Äpfel so, dass ganze Stücke ihm dabei aus dem Mund auf den Boden fallen und er kümmert sich nicht drum; mit seiner Kreideschluck-Stimme scheint er alle immer wie ein Apotheker beschwichtigen zu wollen.

Die Handlung des Filmes spielt am Tag vor und am Tag der Abreise von Ginnie, alle sind dafür zusammengekommen. Es wird nicht diskutiert, was man ihr mitgeben soll, was da bleibt, wie man es mit Besuchen hält, oder wie die Geschwister künftig den Kontakt pflegen wollen, wer die Vormundschaft übernimmt, ob man für sie eine Patientenverfügung erstellen soll; es geht nicht um konkrete Problem, die mit der Umsiedlung von Ginnie verbunden sind, was doch ein Minimum an Handlungsfaden vorgeben könnte, anhand dessen sich die Charaktere der Familie bestens herauskristallisieren könnten; stattdessen werden lauter papierene Dialoge geführt werden, die Hintergrund-Informationen über die Geschwister liefern, die von wenig Interesse sind.

Überhaupt leidet der Film an katastrophalen handwerklichen Mängeln. Das Filmemachen als Schreinerhandwerk genommen, liefert Michael Klier einen Tisch, der vier verschieden lange Beine und eine löchrige, wellige, durchängende Tischplatte hat. Es sind Problem des Drehbuches, der Inszenierung und der Performance, weshalb dem Film jegliche Street-Credibility abgeht.

Bei der Hauptfigur ist nicht klar, welcher Art genau die Behinderung ist, wie weit es Hirnschäden sind, wie weit Schäden der Motorik, der Physis, welche Art Intelligenz die Figur hat, welche Art Emotionalität; Ginnie macht Dinge, die sie als Monster erscheinen lassen, sie stellt Essen in die Mikrowelle und lässt es anbrennen, Küchenbrand wäre sofort möglich, sie zerschnippelt Dinge mit einer Schere, egal was, sie schmeißt Besteck aus der Schublade auf den Boden. Sie wird so charakterisiert, dass man sie nicht eine Sekunde allein lassen darf. Das tun aber die Geschwister, weshalb sie verantwortungslos mit der Schwester umgehen, als ob sie keine Ahnung hätten und nicht mit ihr aufgewachsen wären. An solchem Verhalten hätte der Regisseur just Familie plausibel machen können; das verliert sich ja nicht, wenn es von Klein auf geübt ist, auch wenn die Kinder ausgeflogen sind. Es fehlt Ginnie weitgehend die natürliche Motorik, die bleibt, wenn bei einem Menschen gewisse, die Rationalität steuernde, Gehirnteile deaktiviert sind.

Mag sein, dass Michael Klier Street-Credibility mit allen Mitteln vermeiden wollte, um ja nicht in die Schublade des TV-Themenfilmes zu geraten. Was aber will er uns stattdessen erzählen? Dass die Mitglieder solch bürgerliche-künstlerischer Familien alle Idioten seien? Setzt er sich da nicht selber dem Verdacht aus?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Unter eleganter Oberfläche.

Während Intrigo – Tod eines Autors überkomplex war, scheint dieser Intrigo von Daniel Alfredson nach dem Roman von Hakan Nesser zuerst eher unterkomplex.

Er gibt auch gleich zu Beginn den Hinweis, dass man bei keinem Menschen, der beispielsweise ins Abendrot hinein einen Fluss entlang joggt, wissen könne, was er für Geheimnisse in sich trage.

Der Film macht sich eine Kunst daraus, Menschen mit genau dieser Oberfläche zu schildern, denen man unter keinen Umständen kompliziertere Sachverhalte zutraute. Er macht die Kinoeleganz zur Methode, zur Kunst; damit bannt er die Zuschauer.

Eine junge Frau, Paula (Phoebe Fox), ist an eine Filmschule angenommen worden und macht jetzt eine Doku über eine damals verschwundene Mitschülerin. Deren Vater Jacob (Jeff Fahey) sitzt als Mörder im Gefängnis. Der gewalttätige Mann, der seine Tochter zu schlagen pflegte, bewohnte mit dieser und seiner Frau ein einsames Gehöft, das Samaria heißt. In dieses dringt die Dokumentaristin unerlaubt ein und filmt die Innenräume.

Wie zufällig trifft sie in der Stadt den früheren Klassenlehrer Henry (Andrew Buchan). Der arbeitet jetzt in der Werbewirtschaft. Er lebe in Antwerpen mit einer Cora zusammen und sei nur aus beruflichen Gründen hier. Nach anfänglichem Widerstand lässt er sich überreden, Paula bei ihrer Dokumentation zu helfen. Er kann im feinen Holzbungalow der Eltern von Paula unterkommen. Er brauche keine Angst vor Beziehungsgeschichten haben, sagt ihm Paula, sie sei lesbisch.

Der Film lässt die beiden Material zu dem Fall sammeln, alte Fotos und Videos sichten, Leute aufsuchen, die mit Vera (Mille Brady) zu tun hatten. Dabei entwickelt sich die Dokumentation zusehends zur kriminalistischen Recherche mit Spuren und Fehlspuren, dabei konsequent weltkinostilistisch an der filmisch eleganten Oberfläche bleibend, zu welchem Eindruck die steril-saubere deutsche Synchronisation ihr Teil beiträgt. Damit schafft der Film sein ganz eigenes Faszinosum mit dieser konsequenten Oberflächenschilderung, dabei nie den Eingangssatz vergessend, dass sich darunter Dinge befinden könnten, die alles andere als glatt sind.

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Reisebericht mit Schwerpunkten.

Alexander Hick ist für seinen Dokumentarfilm mehrere Wochen durch die Sierra Nevada de Santa Marta Colombia gereist. Die wird von vier indigenen Stämmen seit 500 Jahren bewohnt, nachdem ein Kolonialistengemetzel sie in die Berge getrieben hat.

Für seine Reise durfte Hick nur einen Kompass, nicht aber Landkarten benutzen, da diese von den Indios als Herrschaftsinstrumente gesehen werden.

Er fängt seine Reise mit gesteins- und landschaftsphilosophischen Gedanken zu exzellenter Fotografie der Gegend an; bizarre Gesteinsformationen, teils mit Schnee überdeckt; belebte Natur; überall kann man mit etwas Fantasie Menschen- und Tierformen sehen. Das dürfte als eine Hommage an die Naturreligion der Indios zu verstehen sein. Denn auch sie betrachten die Landschaft genau und lesen daraus.

Einzelne Schwerpunkte kristallisieren sich heraus.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Kolumbien mit Staat, Drogenbossen, Milizen und der Guerilla FARC, die just zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nach 50 Jahren die Waffen abgegeben haben. Dabei steht die Geschichte eines FARC-Kämpfers im Vordergrund, der jetzt nach 20 Jahren seine Familie wieder sucht und findet; eine anrührende Szene aus respektvoller Distanz erzählt.

Überhaupt hat die Politik die Indigenen entdeckt. Ein Präsidentschaftskandidat landet mit Heli und Gefolge in der Sierra, um sich dorft filmen zu lassen.

Kolonialismus und tolpatschige Christianisierung spielen eine Rolle. Hick hat Archivmaterial gefunden von Missionierungen, Verhaftungen durch die Kolonialherren; und ethnologisch interessant: die vermutlich erste filmisch festgehaltene Beerdigungszeremonie.

Die Doku zeichnet sich durch ein ruhiges Auge, Zeit für Gespräche und Geschichten oder zur Landschaftsbetrachtung aus, der Bau eines Steges, und durch dezenten, teils elektrosphärischen, in der Nähe zu Naturgeräuschen angesiedelten Sound.

Der Film findet ein frühes filmisches Beispiel für Warentausch zwischen Indigenen und Weißen: ein Stück Tuch gegen einen Vogel. Heute sieht das so aus: ein 50′ 000 Peso-Schein zeigt auf der einen Seite zwei Indios, auf der anderen ein Indigenen-Dorf in der Sierra.

Der Dokumentarist sieht sich in seinem Vorwort im Film als einer, der etwas festhält, was allmählich am Verschwinden ist und nicht mehr lange existiert, was aber von Gewicht ist.

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Auf Leben und Tod

kann es beim Coming-of-Age gehen. Da braucht es nicht viel. Besonders aber, wenn noch andere Stresssituationen hinzukommen wie bei Elisa (Stephanie Amarell). Ihr ist der Vater abgehauen, Mutter als Ärztin und jetzt mit Geldproblemen muss Nachtdienste übernehmen. Mutter und Tochter sind aus dem Haus ausgezogen in eine Mietwohnung. Die sieht wenig wohnlich, wenig eingerichtet aus. Elsa, wie sie oft auch genannt wird, ist auf sich angewiesen.

Damit fängt der Film von Luzie Losse an, die die Geschichte als schöne Bildergeschichte erzählt, als Bilderbogen, der garantiert nicht belehren, sondern vor allem beobachten will.

Lise in dieser nicht eingeräumten Wohnung. Sie kratzt an einem Aufkleber auf einem Lichtschalter rum. Sie sitzt auf einem Heizkörper am Fenster neben unausgepackten Schachteln. Hinzu kommt, dass sie Ohnmachtsanfälle hat. Sie wird anfangs als die typisch verschlossene 15-jährige Pubertäre vorgestellt.

Eine Ohnmacht in der Schwimmbaddusche nutzen die Jungs, um für Handyfotos neben der Ohnmächtigen zu posen. Die Bilder finden den Weg ins Internet. Wie damit umgehen? Elisa und ihre Freundin Anthea (Lisa Vicari) sinnen auf Rache. Anonym posten sie wiederum Bilder von den Jungs in unangehmen Situationen. Das setzt die Dramatik in Gang, die in lebensbedrohliche Situationen mündet.

Die Geschichte wird nicht als Krimi erzählt, vielmehr taucht der Film in das Leben dieser Schüler ein, wie diese selbst ins Schwimmbad tauchen, lässt sich mitreißen von den Aktivitäten, von Schule, Disco, Rausch, Lagerfeuer, See, von Musik, von Stoff, der besorgt werden muss.

Luzie Loose vermeidet es konsequent, die Schuld für die Entwicklungen den modernen Kommunikationsmedien in die Schuhe zu schieben, sie dienen lediglich der Artikulation von Konflikten, die es vor diesen Medien auch schon gab, und mit denen sie ohne Rücksicht auf Moral umgehen, was dramatische Entwicklungen in Gang setzen kann.

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Eine Nacht voller Schweinekram in verdorbenen Wäldern.

Klassisch: Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Der Ort ist ein kleines Stück Studiowald, die Zeit ist eine Nacht, die Handlung, hm, was ist die Handlung?

Auf diesem Waldstück stehen drei Sänften ohne Pferde. Ein Grüppchen europäischer Adeliger verschiedener Provenienz mit Lakaien ist auf der Flucht vor dem französischen König. Sie erhoffen sich Hilfe vom Preussenkönig. In einer Sänfte sind drei Frauen, aus einem Konvent entführte Damen.

Die Geschichte? Hat Albert Serra mit Der Tod von Ludwig XIV schon eine spannende Nacht am Rande der Perversität im Schlaf- und Todeszimmer vom Franzosenkönig Ludwig XIV inszeniert, so packt er hier noch ein Scheit Dekadenz drauf.

Das Spannungsmoment der Macht, die am Hofe die Ärzte nur flüstern ließ, fällt hier im Wald weg. Hier ist das Warten auf den Tod genereller oder existentieller, da der Tod nicht konkret in Sicht ist. Eine gewisse Gefahrensituation wird behauptet, aber der Ort im Wald scheint vorerst sicher. Warten auf das Abspritzen mit der perversest möglichen Lust als Ersatz für das Warten auf den Tod, vielleicht.

Serra füllt den Film mit dem Treiben dieser Menschen in dieser Nacht auf diesem kleinen Studiowaldstück, alles düster.

Erst gibt es eine schauderhafte Erzählung von Folter und Vierteilung eines Damien, der versucht habe, den König zu ermorden, grauslich detailliert. Von drei Frauen ist die Rede, die diesen Qualen gebannt zugeschaut hätten und die den Menschen im Wald weiterhelfen könnten.

Gröberen Schweinekram bietet anschließend die Anleitung zur Herstellung einer Salbe aus Pisse und Kot, die der Patientin eingeflößt werden müsse.

Dann verstummt die Nacht. Die Herren und auch ihre Lakaien in ihren höfischen Kostümen mit den Perücken und den weißen Kniestrümpfen treiben sich schleichend, lauschend, schauend, wartend im Wald herum („Das sind wahre Männer“). Das Waldstück wird zur schwulen Cruising-Aerea, alles sehr langsam, erst andeutungsweise, dann konkreter.

Eine Rolle spielt auch die Beobachtung des Geschehens oder das Belauschen von (seltenen) Gesprächen.

Später kommen die Frauen als Objekt von Sadismus oder der Begierde ins Spiel. Der Film artet in Schweinekram pur aus. Die Nacht will nicht enden. Die Menschen werden nicht müde. Und noch ein Geschlechtsteil herausgekramt. Und wenn es regnet, ziehen sich die Triebmenschen in die Sänften zurück – und machen dort weiter, querbeet.

Bild einer tierischen Menschheit, triebgesteuert. Gesprochen wird blasiert. Negativbeschreibung der menschlichen Freiheit, resp. exzessive Negativschilderung der menschlichen Freiheit..

Süße Lust: die Nonnen sollen Qualen erleiden, wie der von ihnen verehrte Jesus.

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Chatliebe.

Im Roman von Daniel Glattauer geht es um die Chatliebe zwischen einem Linguisten und einer Pianistin. Durch einen blöden Zufall kommt der Mailkontakt zwischen beiden zustande. Die Pianistin lebt mit einem Dirigenten in einer eingeschlafenen Ehe. Der Linguist will sich von seiner Freundin, mit der er gar nicht erst zusammenwohnt, trennen.

Der Roman scheint voll zu sein von prima Beobachtungen über Beziehungen, scheint die Fantasien, die sich durch den Chatkontakt zwischen den beiden entwickeln, sensibel zu beschreiben und muss gut unterfüttert sein mit Bonmots zu den Themen.

Kürzlich lief im Kino So wie Du mich willst aus Frankreich mit einem ähnlichen Thema. Dort war Juliette Binoche die großartige Protagonistin, die sich unter falschem Account in einen jungen Mann verliebt und Liebesvariationen durchfächelt.

Im deutschen Kino hat jetzt Vanessa Jopp diesen Roman nach dem Drehbuch von Jane Ainscough verfilmt. Dabei fällt zum Vornherein das Spielerische aus Frankreich weg, denn Linguist Leo (Alexander Fehling) kommt unter seiner direkten Adresse in Kontakt mit Emmi (Nora Tschirner). Sie beschwert sich bei ihm, will ein Abo kündigen, weil seine Adresse mit der eines Verlages zum Verwechseln ähnlich ist. Da sich Emmi Rothner gleich mehrfach beschwert und der Linguist Lunte riecht, dass er es hier mit einer geistig beschlagenen Person zu tun hat, fängt er an, die Geschichte zum Laufen zu bringen (wobei bei den Klarnamen vermutlich beide schnell die volle Identität des anderen hätten recherchieren können).

Vanessa Jopp fängt den Film leichterhand und schwungvoll an. Das Drehbuch tut erst so, als sei Leo der Protagonist. Das füllt Alexander Fehling fantastisch aus, er ist ein Blickfang auf der Leinwand. Allerdings scheinen sich Ainscough und Jopp zu wenig getraut zu haben, sich cineastischer Kunstgriffe zu bedienen, um der Gefahr des Hörspiels, was dieser lange Chat-Dialog unweigerlich birgt, zu entgehen.

Im Gegenteil: Ainscough und Jopp laufen voll in die Hörspiel-Falle, was schnell zu einem Abfall der dramaturgischen Spannung führt. Ferner kann sich Ainscough nicht für eine Hauptperson entscheiden, das haben die Franzosen mit der Konzentration auf die Binoche deutlich klüger gelöst.

Hier wird plötzlich, wie Emmi auf der Leinwand und nicht nur auf der Tonspur erscheint, auch sie als eine Hauptfigur behandelt. Während der Handlungsfaden von Leo plötzlich wie abgebrochen wirkt. Er hat noch seine Auseinandersetzungen mit Marlena (Claudia Eisinger); über seine Schwester Adrienne (Ella Rumpf), die in einer lesbischen Beziehung steht, gibt es zudem Infos über seine Familie. Und die Mutter Vera (Eleonore Weisgerber) stirbt. Vater ist längst abgehauen.

Was fehlt, ist das Kino zum Hörspiel. Am häufigsten sitzen die Protagonisten vor dem PC oder dem Mobilphon, lesen Texte oder schreiben welche, oft lesen sie sie laut oder sie werden von ihnen aus dem Off auf die Tonspur aufgesprochen. Das ist so spannend wie ein Film aus einem Tonstudio.

Und dann unendlich viele Szenen, in welchen er oder sie auf eine Antwort wartet oder wie der Blitz nach dem Gerät greift oder es unbeachtet lässt. Hier fehlt der Wagemut, das Auge des Zuschauers, das mit Kinoerwartung kommt, mit Aufregendem zu beschäftigen, ohne selbstverständlich den beachtlichen Texten die Show zu stehlen. Ein arges Defizit. Immerhin gibt es Ausflüge ans Meer, so dass das unterbeschäftigte Kinoauge wenigstens ab und an ins Weite schweifen kann.

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Coming of Age an der Côte d‘ Azur.

In amerikanischen Filmen lassen die Kids beim Spring-Break die Pubertätssau raus. Hier im Film von Rebecca Zitowski, die mit Zahia Dehar und Teddy Lussi-Modeste auch das Drehbuch geschrieben hat, verbringt die 16-jährige Naima (Mina Farid) den Juni zuhause in Cannes. Aufatmen nach dem Schulabschluss. Etwas erleben. Keine konkreten Pläne hat sie. Sie ist eine junge Frau, die unschuldig und verantwortungsbewusst in die Welt schaut und nicht weiß, was diese ihr zu bieten hat, was sie sich da holen will.

Da taucht ihre Cousine Sofia (Zahia Dehar) aus Paris auf. Diese weiß sehr genau, was sie will. Zumindest verhält sie sich so. Sie behauptet, 22 zu sein. An ihr ist nichts mehr natürlich, wo die Schönheitsindustrie was einzusetzen hat, hat sie es bei ihr getan. Prall alles. Obwohl sie in manchen Momenten und bei bestimmtem Lichteinfall aussieht wie eine alte Frau, fast schon Mumie. Aber sie zieht ihre Freundin mit.

Sich ausstellen im Bikini an einer einsamen Bucht, vor der luxuriöse Yachten kreuzen. Sich finden lassen, sich attraktiv machen, verführerisch wirken und ja nicht den ersten Schritt tun. Auf der Luxusyacht „Winning Streak“, die auf der Isle of Man gemeldet ist, nähern sich die Jäger. Das Spiel beginnt. Und funktioniert. Zumindest für Sofia. So, dass die beiden Freundinnen shoppen gehen können und nur den Namen Montenero sagen brauchen.

Für Naima bleibt die Adabei- oder Zuschauerfunktion. Sie vernachlässigt sogar ihren kleinen, standesmäßig angemesseneren Freund Dodo (Lakdhar ‚Riley‘ Dridi). Dieser Sommerurlaub wird für sie zur Erfahrung Negationis im Sinne von: so doch nicht.

Bei einem Ausflug mit den reichen Yacht-Männern zu einer wohlhabenden Freundin will die geistreiche Gastgeberin von Haus Calypso das Flittchen testen mit Fragen zu Titeln von Marguerite Duras, und siehe da, Sofia ist beschlagen. Allerdings überrascht sie damit auch mich als Zuschauer, denn bis dahin hat sie konsequent die dümmlich dralle Blondine gespielt. Und bis dahin war ich der Meinung, eigentlich sollte man dumme Figuren nicht zu Protagonisten/innen machen. Dieser Bildungsanflug ergibt bei mir ein Problem, was ich nicht ganz lösen kann, wenn eine Frau so gebildet ist, wie kann sie sich dann so zur billigen Puppe aufbrezln?

Ansonsten bleibt eher die traurige Erkenntnis, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll, und dass wirtschaftliche Klassenunterschiede mithin unüberbrückbar bleiben. Insofern doch ein nachdenklich stimmender Film, der sich deutlich von der Masse der Coming-of-Age-Sommer-Filme abhebt.

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Familie als ein Dichteraum der Gefühle.

Der Tod ihrer Schwester Rina führt zu einer Verdichtung der Gefühle in Marcelas (Mercedes Morán) Familie. Sie lebt auf engem Raum mit ihrem Mann Jorge (Marcello Subiotto) und ihren fast schon erwachsenen Kindern Carla (Laura Lopez Moyano), Nahuel (Federico Sack) und Jimena (Ia Arteta) in einer Wohnblockwohnung zusammen, in der jede Begegnung von zwei Personen praktisch zum Körperkontakt führt. Dicht an dicht, fast immer auf Hautkontakt leben sie zusammen.

Die Kinder gehen andauernd auf Partys, sie spüren den Drang weg, leben trotzdem auf Tuchfühlung mit ihrer Mutter. Maria Alché, Drehbuch und Regie, untersucht aus intimster Nähe, wie sich der Tod der Schwester von Marcela auf die Gefühlswirbel verstärkend auswirkt, eine hochsensibel beobachtete Angelegenheit.

Die Handlung besteht in den Dingen, die durch so einen plötzlichen Tod erforderlich sind. Marcela geht oft in die Wohnung von Rina. Die muss ausgeräumt werden. Viele Pflanzen hat sie schon zu sich geholt. Es fällt Kleidung ab für die Töchter. Es tauchen alle Fotos und damit Erinnerungen an die Familie auf, in der Marcela aufgewachsen ist.

Verwandte melden sich. Immer wieder kommt es zu zärtlichsten Umarmungen zwischen der Mutter und den Kindern. Selbst wenn sie den Sohn über Geographie abfrägt, lastet der Tod über beiden.

Die ältere Tochter erlebt eine Enttäuschung mit ihrem Freund. Vater Jorge verdünnisiert sich auf Geschäftsreise. Über diese Aktivitäten lernt Marcela Nacho kennen, einen jungen attraktiven Mann, der ungebunden ist und fasziniert von den vielen Büchern in der Wohnung. Wie selbstverständlich und ganz ohne Skrupel geht sie mit ihm in sein Hotelzimmer.

Später bei der Beerdigungsfeier kommen Geschichten über die Eltern und Großeltern von Marcela an den Tag, die nicht unbedingt dem Bild der intakten Familie entsprechen. Das ewige Rätsel und Gefühlsrätsel Familie, Maria Alché zeichnet ein glaubwürdig nahes Bild davon.

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Mächtiges Kino.

Robust, hemdsärmelig, mit großer, gezielter Kelle und enormer Emotion pfeffert Sylias Tzoumerkas, der mit Youla Boudali auch das Drehbuch geschrieben hat, sein Kinogemälde atemlos auf die Leinwand und lässt die großartige griechische Westküste breitbeinig auftrumpfend mitspielen.

Seine beiden Heldinnnen, seine beiden Protagonistinnen sind keine makellosen Seelen, sie leiden, sie kämpfen an verschiedenen Positionen.

Elisabeth (Angeliki Papoulia) ist bei der Antiterror-Einheit der Polizei in Athen. Bei aller Toleranz für Schläge bei Vernehmungen und dergleichen geht es ihr zu weit, dass sie ein gefälschtes Geständnis unterzeichnen soll. Sie wird versetzt in die Provinz, in ihren Heimatort Mesolonghi. Dort übernimmt sie den Job der Polizeipräsidentin. Sie ist kein Vorbild. Sie hat einen rüden Ton drauf; trotzdem versucht sie, ihren halbwüchsigen Sohn menschlich zu behandeln.

Elisabeth bekommt es mit einem Fall zu tun, der ihrer Situation ähnlich ist, mit einer Frau, die in einer Zwangslage ohne Aussicht auf der Flucht in ein Wunderland im Meer von Saragasso sich befindet. Es ist Rita (Youla Boudali, siehe oben auch Drehbuchmitarbeit). Sie wohnt im Provinzkaff und steht ganz im Schatten von ihrem Bruder, der in den Discos ein erfolgreicher Entertainer ist. Er kennt ihre Scheu, aufzutreten; genau deshalb zwingt er sie auf die Bühne und zusammen singen sie einen an die Nieren gehenden Song, weil Rita ihr Schicksal quasi gesanglich erbricht.

Tags drauf nach einer Nacht am Strand findet sich dieser Bruder aufgehängt an einem Baum. Dadurch wird die Polizei involviert und Elizabeth stößt auf Rita und entdeckt die Schicksals-Parallelen.

Der Film steckt voller Emotion, was durch die Musik noch verstärkt wird, Tanz und Gesang, Kämpfereien, Pistolenschüsse, grobe Behandlung der Menschen durch die Menschen, durch die Polizei, und trotzdem ist keine Figur nur ein Rüpel, nur ein Depp, es sind alles hochemotionale Menschen, fühlende Menschen, an Konflikten leidende Menschen, sie beleben die Leinwand mit magischer Wucht, der nicht auszukommen ist.

Herrschaft, Chaos, Emotion und der Traum von der Erlösung, so greift Tzoumerkas zwischendrin auch kurz Topoi des alten Griechentums und des Christentums auf, ohne ihnen die Deutungshoheit über seinen Film zu überlassen, lediglich als Hinweis auf die latent im Raum stehende Frage, ob einer ein guter Menschen geworden sei.

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