Identitätschaos.

Yoav (Tom Mercier) findet sich nackt in einer ausgeräumten, bürgerlichen Wohnung in Paris. Der erste Eindruck dieser Szene ist: absurd-existentialistisches Theater.

Je mehr der Film von Nadav Lapid, der mit Haim Lapid auch das Drehbuch geschrieben hat, das Porträt dieses jungen Mannes aufblättert, desto mehr wird klar, es geht um Absurdität und Existentialismus nur sekundär. Primär interessiert, was diesen jungen Mann dazu bringt, Israel zu verlassen, in Paris nur Französisch zu sprechen, umherzuirren wie Ashaver, verfolgt von x Traumata, dem Antisemitismustrauma, dem Judentrauma, dem Terrorismustrauma, dem Kriegstrauma, dem israelischen Sicherheitstrauma, Illegalität.

Hinzu kommen die ganz üblichen Krisen eines jungen, intelligenten Mannes, der „zu kostbar“ für primitive nächtliche Feldkämpfe gegen Neonazis sei, wie es an einer Stelle heißt, mit dichterischen Anflügen, der Kurt Cobain verehrt, zumindest steckt er eine Postkarte mit dessen Konterfei ein.

Yoav ist getrieben, gejagt, orientierungslos. Er wird von Emile (Quentin Dolmaire), einem Erben mit großer Wohnung und schriftstellerischen Ambitionen (42 Seiten hat er schon geschrieben und ist auf der Suche nach Geschichten, erlebt aber nichts im Gegensatz zu Yoav) und dessen Lebensgefährtin Caroline (Louise Cheillotte) aufgenommen und von Emile auch wirtschaftlich unterstützt.

Aber Yoav hat eine kleine Bleibe auf der andere Seite der Seine in Aussicht. Hier lebt er kaum eingerichtet, kocht für 1.28 Euro pro Tag das immerselbe Gericht, Spaghetti an Tomatensauce.

Er kommt in Kontakt mit den israelischen Sicherheitsbehörden, pflegt gleichzeitig die Beziehung zu Emile und Caroline. Die mit Emile hat mit dichterischer Erweckungsfreundschaft eine stark homoerotische Komponente. Es ist auch der Konflikt eines jungen Mannes, der Power spürt, der etwas werden will, der die Welt beeinflussen will – aber nicht weiß wie.

Seine (wohl ihm antrainierte?) Grundhaltung ist die, ja nicht den Kopf zu heben – dabei könnte man so schön die Rosette von Notre Dame sehen. Yoav irrt durch Paris. Er versucht sich als Nacktmodel für einen Fotografen. Emile initiiert die Heirat mit Caroline, damit Yoav einen legalen Aufenthalt erhält.

Es gibt Szenen, die den latenten Antisemitismus in Frankreich testen. Die Vergangenheit von Yoavs Vorfahren wird aufgerollt: Holocaust, Litauen. Seine Geschichten schenkt er fahrlässigerweise dem unispirierten Emile. Er besucht einen Integrationskurs, über den der Film sein Ende sucht: im Konflikt mit den Behauptungen der französischen Demokratie und der Laizität des Staates verursacht Yoav in der Garderobe eines klassischen Orchesters Randale. Er spielt den Verrückten. Es ist zum Verrücktwerden in so einer Welt, die einen Menschen vor solch gigantische Widersprüche stellt.

Eine dadaistische Komponente erhält der Film durch das pausenlose, halblaut Vokabeln lernen von Yoav und auch durch seinen halblangen, gelben Wollmantel.

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