Das wäre ein wunderbarer Film zum Christopher-Street Day, da die Drehbuchautorinnen Henrietta und Jessica Ashworth den Roman von Fiona Shaw zum Themenfilm umgearbeitet haben: lesbische Liebe in der englischen Industrieprovinz in den frühen 50ern. Das ging ja gar nicht und so eine kleine Stadt wie Dunloth kennt keine Geheimnisse.

Lydia (Holliday Grainger) lebt mit ihrem Buben Charlie (dem faszinierenden Gregor Selkirk) in einer bescheidenen Behausung, ihr Mann Robert verlässt sie gerade. Sie kann stundenweise in einer Textilfabrik arbeiten, da ihre Schwägerin dort Vorarbeiterin ist. Aber das Geld reicht nicht mal für die Miete. Bildschönes Industrieelend.

Charly kommt über die Folgen einer Keilerei mit anderen Schulbuben in Behandlung zu Dr. Jean Markham (Anna Paquin). Sie ist die Tochter des vormaligen Arztes und nach dem Tod des Vaters selber als Ärztin zurückgekehrt.

Der Bub ist fasziniert von den Bienen, die die Ärztin in Bienenstöcken hält. Jean gibt ihm ein Tagebuch, in das er seine Geheimnisse eintragen kann. Wenn er sie den Bienen erzähle, dann würden sie nicht verloren gehen, denn die Bienen hören ihm zu und verstehen ihn. Das ist das mystische Geheimnis dieses Filmes. Die Bienen kommen oft ganz groß im Bild.

Über den Buben lernen sich seine Mutter und die Ärztin kennen und nach etwa einer Dreiviertel Filmstunde gibt es die erste erotische Annäherung zwischen den beiden Frauen. Das ist nichts für die Leute von Dunloth.

Annabel Jankel inszeniert das Melodram in dichter Emotionalität mit starkem Messagebewusstsein, sie verwendet überwiegend Nahaufnahmen, ganz nah dran an den Personen und deren Konflikten und Emotionen – und den Bienen.

Eine gewisse Künstlichkeit entsteht, was bei historischem Filmen immer wieder zu beobachten ist, durch das Bemühen, die Kostüme, Frisuren, Masken so 50er-jahrehaft wie möglich aussehen zu lassen. So ist das Auto der Ärztin in dem doch eher dreckigen Textilort immer tadellos frisch glänzend. Die Kleidung ist so, als entstamme sie einer Modezeitschrift der Zeit und als trügen die Menschen nie etwas Gebrauchtes, nie etwas aus einer früheren Zeit, als seien sie immer up-to-date. Das wirkt so, als ob die Darsteller extra für den Fotografen das Sonntagskleid angezogen hätten. Das hat durchaus seinen Reiz, gerade die Pullover mit oder ohne Arm der Buben mit den typischen Strickmustern.

Was den Film in seiner Breitenwirkung vielleicht einengt, dürfte diese Bearbeitung des Romans als Themenfilm sein. Dadurch gibt es keine Hauptfigur, mal ist es der Junge, der Dinge sieht, die ein Junge doch nicht sehen sollte, aber wie sollte er davon erfahren, mal ist es seine Mutter, die bei gedanklicher Abwesenheit an der Stickmaschine in der Fabrik einen Verhau veranstaltet, mal ist es der Mann von Lydia, der mit dem Lesbentum seiner Frau nicht umgehen kann oder die Ärztin, die ihr eigenes Schicksal als geborene Lesbe mit dem Publikum teilt.

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