Archiv für 5. September 2019

Ein Igelpaket mit vielen Stacheln. Antisemitismus-Trauma in Paris. Medien und Wahrheit in Amerika. 50er Jahre-Weltbild in England und Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen. Naturschutz gegen Kapitalschutz in Kanada. Ein rarer Einblick in ein Münchner Männerwohnheim. Ein böser Clown an der amerikanischen Ostküste will seine Geschichte des Grauens fortschreiben. Lieber lieben statt kriegen in Deutschland. Die Welt aus semitischer Sicht in Nazareth, New York und Brüssel. Tabuisierte Überschiebung aus dem russischen Gefangenenlager in die DDR. Schloss mit Sinngebung bei Mainz. Das Fernsehen erfand hypothetische Menschen, um zu illustrieren, dass niemand die Alten will.

Kino
SYNONYMES
In Frankreich vom Stachel des Antisemitismus verfolgt.

HOT AIR
Der demokratische Stachel der Medien in Amerika.

DER HONIGGARTEN
Der Genderintoleranz-Stachel im Britannien der 50er Jahre.

THE WHALE AND THE RAVEN
Der Stachel der Tierschützer gegen das rücksichtlose Gewinndenken des Kapitalismus.

SUPER FRIEDE LIEBE LOVE
Diese Existenzen haben nie so richtig funktioniert.

ES KAPITEL 2
Der Film vermittelt das Gefühl, man müsste Kapitel 1 präsent haben.

PETTING STATT PERSHING
Vom Stachel der offenen Zweierbeziehung.

DIE WURZELN DES GLÜCKS
Trendig-internationaler Multithemenfilm um eine jüdische Familie.

UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT
Vom Stachel der Wahrheit nach Errettung aus dem Gulag in die DDR.

FREUDENBERG – AUF DER SUCHE NACH DEM SINN
Vom Entstacheln.

TV
NIMM DU IHN
TV-Zwangsgebühren-Themenfilm über unerwünschten, pflegebedürftigen Vater.

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Ernst /Unernst.

Mit einem ernsten, aktuellen Thema fängt der Film von Andy Muschietto nach dem Drehbuch von Gary Dauberman nach Stephen King an.

In Derry einer idyllischen Kleinstadt in New England, ist gerade Jahrmarkt. Hier vergnügen sich zwei Männer, die sich lieben. Sie werden von anderen jungen Männern angepöbelt mit verheerendem Ausgang.

Die erste Szene hat jedoch mit dem weiteren Verlauf des Filmes nichts zu tun, außer dass der satanische Clown ins Spiel kommt. Der hat hier vor 27 Jahren gewütet und eine Gruppe von Schulkindern arg mitgenommen, so dass sie sich Blutsbrüderschaft und Rache geschworen haben. Sie nennen sich „Die Verlorenen“. Das ist eine ernst zu nehmende Ausgangslage für einen Horrorfilm.

Der Film springt jetzt wieder ins Heute und will eine ordentliche, ernste Exposition für das, was folgt, hinlegen. Das geschieht verwirrend schnell. Im Minutentakt wird je wie ein neuer Film angezettelt, werden die Kids von damals in ihrer heutigen Umgebung gezeigt und wie sie einen Anruf von Mike Hanlon (Isalah Mustafa) aus Derry bekommen, der sie aus allen Wolken fallen lässt.

Sie hätten sich umgehend in Derry einzufinden, denn der Clown sei wieder in Erscheinung getreten und müsse gemäß dem Blutsschwur der Gruppe bekämpft werden. Diese Exposition ist zwar ernsthaft gedacht, um die Handlung zu begründen, aber sie ist wohl aus erzählökonomischen Gründen zu sehr nur anskizziert, wirkt insofern verwirrend, vor allem, wenn man den Vorgängerfilm „Es“ nicht präsent hat.

Weiter geht es mit dem Ernst/Unernst-Stil mit dem Füllen des Hauptbauches des Filmes. Hier bewegen sich die Ehemaligen in der Stadt ihrer Jugend. Sie begehen Örtlichkeiten und begegnen ständig ihren früheren Ichs. Das hat etwas Gemütlich-Behäbiges, wird aber unernst ständig durchbrochen durch Ex-Nihilo-Horror der Geisterbahnsorte, der irgendwoher mit scheußlichen Grimasse und Körperlichkeiten geschossen kommt. Und dann immer die Blicke und Gänge in die Gullis.

Richtig unernst und richtig schön spooky horrorhaft wird es zum Dessert, wenn die Mimen im Heute den Clown besiegen wollen. Der ist ein fantasievolle Figur aus Spinne/Schlange/Affenzahn und Clownsgesicht. Hier entsteht eine entfesselte, Horror-Bilder-Welt, die sich selbst auf die Schippe nimmt, wenn die Kämpfer drei Holztüren vor sich haben, auf der einen steht „überhaupt nicht gruselig“ auf der zweiten „gruselig“ und auf der dritten „sehr gruselig“.

Dieser Horror-Fun wird geht über in never-ending Endings, weil der Film – jetzt wieder todernst – jeden Handlungsstrang einzeln ordentlich zu Ende bringen will.

Bill Skarsgard spielt den Clown Pennywise, Jessicy Chastain die einzige Frau unter den „Verlierern“ Beverly, James McAvoy spielt Bill, Bill Hader ist Richie, Jay Ryan gibt den Ben und Stanley wird von Andy Bean dargestellt.

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12 Zitzen und 13 Ferkel.

Wie bastle ich mir einen Film und sein Maskottchen, seine Symbolfigur, hat sich vielleicht Amanda Sthers gefragt und ist auf das Mutterschwein mit den 12 Zitzen und den 13 Ferkeln gekommen. So dass Ferkel Nummer 13, das kleinste, das mit den geringsten Überlebenschancen, einer besonderen Behandlung bedarf und zu Filmehren kommt.

Denn der Jude Harry Rosenmerck (James Caan) lässt im hohen Alter New York und seine Familie hinter sich, um in Nazareth in Israel als Schweinezüchter zu arbeiten und sich speziell des Ferkels Nummer 13 anzunehmen, das ihm zum Lebensgenossen wird.

Damit hat die Autorin ein religiös starkes Symbol gefunden, an dem sie ihre Haltung zu Religion und religiöser Toleranz wunderbar klar machen kann in einem Film, der wie ein Leuchtturmlicht rotierend oder magazinhaft Harry und seine Familienmitglieder in den Fokus nimmt, seinen schwulen Sohn und Autor David (von ihm wird gerade in Brüssel (?) das tanzchoreographierte Stück „Wurzeln des Glücks“ aufgeführt; das die Geschichte der Familie Rosenmerck erzählt), Harrys Frau Monica (Rosanna Arquette), die mit dem Krebs und der Aussicht auf baldiges Ableben kämpft, sowie seine Tochter Annabelle (Efrat Dor), die für die Schwangerschaft und damit die Fortpflanzung der Rosenmercks zuständig ist, und David bemüht sich mit seinem Partner um eine Adoption. Zeitgemäße Familienverhältnisse.

Diese Geschichte stellt einerseits auf international-modischem Niveau das Leben dieser jüdischen Familie dar, das wie so oft, voller Widersprüche ist, einerseits hat es für sie eine Bedeutung, dass sie Juden sind und das erzählen sie ganz wichtig, andererseits kümmert sie die Religion wenig, hat keine Bedeutung für sie. Also das ist schon eine Frage, warum positioniere ich mich mit einer Position, die mich nicht interessiert, nur aus Schick?

In Israel kommen die üblichen, unversöhnlichen religiösen Konflikte zum Tragen. Das Problem des Schweinefleisches für alle Religionen. Das nützt Amanda Sthers für gezielt groteske bis absurde Situationen und Schlussfolgerungen, denn Schweineblut sei zwar nichts für orthodoxe Juden, aber in einer Darmblase in einem Autobus aufgehängt, sei es ein Mittel gegen Terroristen.

Andererseits freundet sich der ungläubige Schweinezüchter Harry mit dem Rabbi Moshe (Tom Hollander) an, der Verbotstafeln mit Schweinen drauf aufgstellt.

Zu einer Freundschaft mit den Christen reicht es nicht. Die beanspruchen Harrys Haus, weil auf dem Grundstück Jesus gewohnt habe. Die Muslime bleiben randständig.

Zwischendrin gibt es Ausschnitte aus der verwinkelten Aufführung „Die Wurzeln des Glücks“ mit einem symbolträchtigen, halbhohlen Baumstamm als Bühnenausstattung und einer wogenden Tänzertruppe.

Sthers bietet somit einen eleganten, international vermarktbaren Cocktail aus Kunst, Religionskritik, Israelkritik (die Mauer), Judentum, kaputte Familie im Sinne moderner Lebensverhältnisse und Krebsfilm an, gut gemixt und ohne merkliche Widerhaken, leicht verdaulich und ohne nachhaltige Wirkung, ganz im Trend der Zeit. Man ist jüdisch.

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Das Zitat aus dem Film, das stefe als Überschrift für seine Rezension vom Juli 2018 genommen hat, ist jetzt der offizielle Filmtitel – vorher hieß der Film Es ist aus Helmut.

Der Film kam mir in der Fassung, die jetzt im August 2019 der Presse vorgeführt wurde, weniger ungehobelt vor, die Überschrift würde jetzt lauten: Vom Charme des Anekdotischen. Prinzipiell ist aber der Review vom 2018 keine neue oder weitere Erkenntnis hinzuzufügen.

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Störende Wahrheiten.

Was Antonia (Alexandra Maria Lara) durchgemacht hat, das ist ganz furchtbar, das rechtfertigt alleweil die aufgerissenen Augen, den dauerentsetzen Gesichtsausdruck.

Aus dem Idealismus, aus der Begeisterung für den Kommunismus – nach der schauderhaften Hitlerzeit – direkt in Stalins Gulag. Daselbst Drecks- und Waldarbeit verrichten, ein Kind zur Welt bringen, erleben, wie der Ehemann von den tollen Genossen erschossen wird.

Inzwischen gibt es im Westen die DDR. Und einen Menschen der nicht alle Genossen vergessen hat. Antonia wird mit zwei weiteren Leidensgenossinnen in die DDR rücküberführt. Hier der nächste Schock: die Stalin-Vergangenheit in Russland muss verschwiegen werden, kein Wort darüber, sonst gibt es die schönen, in Aussicht gestellten Jobs auf der Ebene, auf der die Frauen früher gearbeitet haben, nicht.

Antonia kommt an die Spitze eines Kulturzentrums. Hier übt sie mit Kindern für einen Auftritt Honeckers für die erste Agrarkonferenz der DDR. Privat kommen Männer ins Spiel, ein Arzt und ein DDR-Funktionär.

Wobei der Arzt durchaus mal lediglich als Schwenkfutter für die Kamera zu dienen hat, wenn Antonia ihre Mutter besucht, da ist die Kamera auf dem Hintersitz des Autos. Sie steigt rechts aus, er guckt ihr stumm nach, als ob er am unsichtbaren Faden die Kamera zum Mitdrehen bewegen soll, denn Antonia quert vor dem Auto nach links.

Die Kamera, die Kamera. Die ist Teil des Effektes, dass der Film von Bernd Böhlich (Bis zum Horizont, dann links) wirkt wie aus einer altertümlichen Filmschule oder für diese. Immer das Direktlicht auf die Akteure und so verfugt wie beim Beispiel über das Schwenkfutter, dass die Angelegenheit eine überhöhte Künstlichkeit erhält, den Figuren kaum Individualität zugesteht, haben sie doch nur die schreiende Ungerechtigkeit zu illustrieren, zu der anfänglich idealistische Strömungen tendieren, ob Stasi oder Gulag.

Das ist die aktuelle Message darin, dass man auch heutzutage nicht skeptisch genug sein kann, wenn eine Partei oder eine Bewegung mal wieder wissen will, wie die Welt zu retten sei. Durch die antiquarische Machart dürfte der Impuls von Bernd Böhlich, die Message im Kino unters Volk zu bringen, schnell versanden.

Der Titel ist so zu verstehen, dass unangenehme Vergangenheiten, die nicht ins Weltbild der Herrschenden passen, vergraben, verbrannt, vergessen werden sollen.

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Entschleunigung und Achtsamkeit.

Eine Gruppe von Walen, von einer Drohne aus beboachtet, die in einem Fjord vor der Küste vor British Columbia ruhig in eine Richtung schwimmt, sie stoßen wieder an die Oberfläche, blasen Luft aus, verändern geschmeidig ihre Formation, man spürt den Zusammenhalt der Gruppe, ihre Achtsamkeit. Allein dieses Bild auf Großleinwand zu sehen, dürfte den Kinoraum verwandeln und den Kinobesuch lohnen.

In der Dokumentation von Mirjam Leuze wird zu hören sein, dass es zwar verschiedene Clans von Walen gibt, die auch in den Lauten, die sie von sich geben, zu unterscheiden sind, dass sie aber keinerlei Aggression oder Futterneid kennen.

Die Dokumentation wird am Schluss fragen, was wäre, wenn Wale auch Mitgefühl und Selbstwahrnehmung hätten.

Die Dokumentation beobachtet die beiden Walforscher Janie Wray und Hermann Meuter im Tsimshian Territorium in British Kolumbien in Kanada. Die Gewässer hier scheinen ein Paradies für Buckelwale, Orkas, Killerwale, Finnwale zu sein.

Die Forscher haben Unterwassermikros installiert, die die akustischen Äußerungen der Wale auf Lautsprecher in und um ihre Forschungsstation herum übertragen.

Das Paradies ist allerdings bedroht durch den Energiehunger der Menschen. Denn Megatanker mit Flüssiggas sollen den Fjord queren. Es besteht die Angst, dass größere Tanker die Echolotung der Wale gefährden könnten. Es kann auch zu Verletzungen der Wale bei Zusammenstößen mit den Schiffen kommen.

Die Bewohner der Gegend, das sind die Giga’at First Nation. Die leben seit 10′ 000 Jahren in dem Gebiet. Sie haben ihre eigenen Geschichten und ihr eigenes Wissen von den Walen. Die Absicht, Öl mit Tankern von hier nach China zu exportieren, konnte gestoppt werden.

Inzwischen hat die Ölndustrie gelernt. 1 Jahr nach Ende der Dreharbeiten, die zu einem Film führten, der einer Meditation der Entschleunigung gleichkommt, der Sehnsüchte nach unverbrauchter Natur, Intaktheit und Ruhe weckt (obwohl just diese Einsamkeit dem Forscherehepaar nicht gut bekommen ist, sie leben wieder getrennt), verkünden im Herbst 2018 Shell und Partner den Baubeginn ihrer LNG-Exportanlage. Das Milliarden-Projekt gilt als die größte private Investition in der Geschichte Kanadas. Inzwischen hätten im Inland von BC Proteste und Blockaden entlang der geplanten LNG-Pipeline begonnen.

Die Walforscher werden aufmerksam beobachten, wie der Lärm der Megatanker sich auf das Leben der Wale auswirkt. Und der Zuschauer geht für ein delikates Thema sensibilisiert nach Hause.

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Identitätschaos.

Yoav (Tom Mercier) findet sich nackt in einer ausgeräumten, bürgerlichen Wohnung in Paris. Der erste Eindruck dieser Szene ist: absurd-existentialistisches Theater.

Je mehr der Film von Nadav Lapid, der mit Haim Lapid auch das Drehbuch geschrieben hat, das Porträt dieses jungen Mannes aufblättert, desto mehr wird klar, es geht um Absurdität und Existentialismus nur sekundär. Primär interessiert, was diesen jungen Mann dazu bringt, Israel zu verlassen, in Paris nur Französisch zu sprechen, umherzuirren wie Ashaver, verfolgt von x Traumata, dem Antisemitismustrauma, dem Judentrauma, dem Terrorismustrauma, dem Kriegstrauma, dem israelischen Sicherheitstrauma, Illegalität.

Hinzu kommen die ganz üblichen Krisen eines jungen, intelligenten Mannes, der „zu kostbar“ für primitive nächtliche Feldkämpfe gegen Neonazis sei, wie es an einer Stelle heißt, mit dichterischen Anflügen, der Kurt Cobain verehrt, zumindest steckt er eine Postkarte mit dessen Konterfei ein.

Yoav ist getrieben, gejagt, orientierungslos. Er wird von Emile (Quentin Dolmaire), einem Erben mit großer Wohnung und schriftstellerischen Ambitionen (42 Seiten hat er schon geschrieben und ist auf der Suche nach Geschichten, erlebt aber nichts im Gegensatz zu Yoav) und dessen Lebensgefährtin Caroline (Louise Cheillotte) aufgenommen und von Emile auch wirtschaftlich unterstützt.

Aber Yoav hat eine kleine Bleibe auf der andere Seite der Seine in Aussicht. Hier lebt er kaum eingerichtet, kocht für 1.28 Euro pro Tag das immerselbe Gericht, Spaghetti an Tomatensauce.

Er kommt in Kontakt mit den israelischen Sicherheitsbehörden, pflegt gleichzeitig die Beziehung zu Emile und Caroline. Die mit Emile hat mit dichterischer Erweckungsfreundschaft eine stark homoerotische Komponente. Es ist auch der Konflikt eines jungen Mannes, der Power spürt, der etwas werden will, der die Welt beeinflussen will – aber nicht weiß wie.

Seine (wohl ihm antrainierte?) Grundhaltung ist die, ja nicht den Kopf zu heben – dabei könnte man so schön die Rosette von Notre Dame sehen. Yoav irrt durch Paris. Er versucht sich als Nacktmodel für einen Fotografen. Emile initiiert die Heirat mit Caroline, damit Yoav einen legalen Aufenthalt erhält.

Es gibt Szenen, die den latenten Antisemitismus in Frankreich testen. Die Vergangenheit von Yoavs Vorfahren wird aufgerollt: Holocaust, Litauen. Seine Geschichten schenkt er fahrlässigerweise dem unispirierten Emile. Er besucht einen Integrationskurs, über den der Film sein Ende sucht: im Konflikt mit den Behauptungen der französischen Demokratie und der Laizität des Staates verursacht Yoav in der Garderobe eines klassischen Orchesters Randale. Er spielt den Verrückten. Es ist zum Verrücktwerden in so einer Welt, die einen Menschen vor solch gigantische Widersprüche stellt.

Eine dadaistische Komponente erhält der Film durch das pausenlose, halblaut Vokabeln lernen von Yoav und auch durch seinen halblangen, gelben Wollmantel.

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Das amerikanische Kino hat eine starke Tradition von Filmen, die die Medien, ihre Freiheit und deren demokratisches Funktionieren prüfend erzählen. Kürzlich Late Night, Spot Light, die Verlegerin oder deutlich weiter zurück Citizen Kane von Orson Welles von 1941.

Hier im Film von Frank Coraci nach dem Drehbuch von Will Reichel geht es um den Radiomoderator Lionel Macomb (Steve Coogan), der nach 21 Jahren erfolgreicher Show selbst zu Ruhm, Wohlstand und einer Luxuswohnung in einem Wohnhochhaus in Manhattan gekommen ist, inhaltlich immer weiter nach Rechts driftend und dem in Gareth Whitley (Skylar Astin), den er selbst protegiert hatte, ein ernsthafter Konkurrent erwächst; seine eigenen Quoten sind bestenfalls stabil, eher schwächelnd.

Was seine anfängliche Intention von Weltverbesserung, etwas zu verändern in der Gesellschaft, betrifft, muss er kleinlaut zugeben, dass sich außer seiner privaten Verbesserung wohl nicht viel getan habe. Die ihn zu dieser deprimierenden Erkenntnis bringt, ist seine wache, neugierige und energievolle Nichte Tess (Taylor Russell).

Tess verschafft sich unangemeldet Zugang zu seiner Wohnung und macht ihn auf den familären, wunden Punkt aufmerksam, dass seine Schwester auf Amerikas Schattenseite lebe, was nicht gerade zum seinem Moral-Image passt, und deshalb verschwiegen und verdrängt wird von Lionel. Daraus bezieht Tess ihr Erpressungspotential, um vorerst bei ihm einzuziehen und dann sogar einen Hinter-den-Kulissen-Job bei seiner Show zu erhalten.

Die Anwesenheit von Tess und deren Aktivitäten setzen dramaturgisch sorgfältig kalkulierte Entwicklungen und Prozesse in Gang, die zu einem dramatischen Höhepunkt im letzten Drittel des Filmes führen, der Life-Show im Fernsehen mit seinem Widersacher Gareth und der Senatorin Judith Montefiore-Salters (Judith Light). Daraufhin erfolgt die Katharsis. Womit das amerikanische Kino ein belastbares Zeichen setzt für das Funktionieren der Demokratie trotz oder gegen alle Trumpheiten.

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Dokumentation heißt für Andrzej Klamt, den Autoren und Regisseur dieses Filmes, einen freundlichen Imagebericht über das Objekt seines Interesses erstellen. Dieses ist Schloss Freudenberg und wenn ich das aus der Schlussaufnahme richtig gesehen habe, nicht weit hinter dem ZDF-Gelände außerhalb von Mainz wie eine Festung in einem Wald gelegen.

Dieses Schloss wird seit etwa 1993 von Matthias und Beatrice Dastis Schenk betrieben und am Leben gehalten. Das heißt, es gibt nicht den einen Wiederaufbau, die eine totale Sanierung; sondern die Erneuerung gehört zum Betrieb und zur Philosophie der beiden. Sie haben aus dem Schloss einen Ort der Begegnung gemacht, einen Ort, an dem Menschen außerhalb ihrer Alltags-, Schul- oder Berufsroutine ihre Sinne wieder spüren sollen.

Es arbeiten in dem Betrieb Leute mit, die Theater machen, Künstler, Architekten, Klanglehrer, Holzrücker, Insektenforscher, Landschaftspädagogen, Menschen, die auf Erfahrungsfelder aufmerksam machen, es gibt Glücksprojekte.

Der Insektenforscher ist die bildlich auffälligste Gestalt; dessen Bart wächst unterhalb der Unterkiefer so lange, dass er dünne kleinen Zöpfchen draus flechten kann. Mit seinem Hut mit einer dunklen Vogelfeder drauf erinnert er vom Typus her an Beuys. Letzterer wird auch als eine der Referenzen zum geistigen Umfeld erwähnt nebst Rudolf Steiner und Goethe.

Doku heißt für Andrzej Klamt aber nicht: Erstellen eines systematischen Gesambtbildes (so wie die Methode Frederick Wiseman es eindrücklich vormacht), Einblicke in die betriebwirtschaftlichen Abläufe, die rechtliche Organisationsform, den Finanzrahmen, den ökonomischen Hintergrund und Umfang, das Verhältnis des Objektes zu seiner Umgebung, zu den Nachbarn, zu Mainz zu ergründen, gar kritische Fragen zu stellen. Insofern dürfte der Film speziell für allfällige Klienten von Interesse sein, die unter der Rubrik: Entspannungsworkshops, Ich-Findungskurse, Loslass-Weekends attraktive Angebote suchen.

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Das wäre ein wunderbarer Film zum Christopher-Street Day, da die Drehbuchautorinnen Henrietta und Jessica Ashworth den Roman von Fiona Shaw zum Themenfilm umgearbeitet haben: lesbische Liebe in der englischen Industrieprovinz in den frühen 50ern. Das ging ja gar nicht und so eine kleine Stadt wie Dunloth kennt keine Geheimnisse.

Lydia (Holliday Grainger) lebt mit ihrem Buben Charlie (dem faszinierenden Gregor Selkirk) in einer bescheidenen Behausung, ihr Mann Robert verlässt sie gerade. Sie kann stundenweise in einer Textilfabrik arbeiten, da ihre Schwägerin dort Vorarbeiterin ist. Aber das Geld reicht nicht mal für die Miete. Bildschönes Industrieelend.

Charly kommt über die Folgen einer Keilerei mit anderen Schulbuben in Behandlung zu Dr. Jean Markham (Anna Paquin). Sie ist die Tochter des vormaligen Arztes und nach dem Tod des Vaters selber als Ärztin zurückgekehrt.

Der Bub ist fasziniert von den Bienen, die die Ärztin in Bienenstöcken hält. Jean gibt ihm ein Tagebuch, in das er seine Geheimnisse eintragen kann. Wenn er sie den Bienen erzähle, dann würden sie nicht verloren gehen, denn die Bienen hören ihm zu und verstehen ihn. Das ist das mystische Geheimnis dieses Filmes. Die Bienen kommen oft ganz groß im Bild.

Über den Buben lernen sich seine Mutter und die Ärztin kennen und nach etwa einer Dreiviertel Filmstunde gibt es die erste erotische Annäherung zwischen den beiden Frauen. Das ist nichts für die Leute von Dunloth.

Annabel Jankel inszeniert das Melodram in dichter Emotionalität mit starkem Messagebewusstsein, sie verwendet überwiegend Nahaufnahmen, ganz nah dran an den Personen und deren Konflikten und Emotionen – und den Bienen.

Eine gewisse Künstlichkeit entsteht, was bei historischem Filmen immer wieder zu beobachten ist, durch das Bemühen, die Kostüme, Frisuren, Masken so 50er-jahrehaft wie möglich aussehen zu lassen. So ist das Auto der Ärztin in dem doch eher dreckigen Textilort immer tadellos frisch glänzend. Die Kleidung ist so, als entstamme sie einer Modezeitschrift der Zeit und als trügen die Menschen nie etwas Gebrauchtes, nie etwas aus einer früheren Zeit, als seien sie immer up-to-date. Das wirkt so, als ob die Darsteller extra für den Fotografen das Sonntagskleid angezogen hätten. Das hat durchaus seinen Reiz, gerade die Pullover mit oder ohne Arm der Buben mit den typischen Strickmustern.

Was den Film in seiner Breitenwirkung vielleicht einengt, dürfte diese Bearbeitung des Romans als Themenfilm sein. Dadurch gibt es keine Hauptfigur, mal ist es der Junge, der Dinge sieht, die ein Junge doch nicht sehen sollte, aber wie sollte er davon erfahren, mal ist es seine Mutter, die bei gedanklicher Abwesenheit an der Stickmaschine in der Fabrik einen Verhau veranstaltet, mal ist es der Mann von Lydia, der mit dem Lesbentum seiner Frau nicht umgehen kann oder die Ärztin, die ihr eigenes Schicksal als geborene Lesbe mit dem Publikum teilt.

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