Archiv für September 2019

„Für die Freunde des Kinos als einer Kunstinstallation mit der Idee eines Gesamtkunstwerkes, einer theatral-musikalisch-bildnerischen Performance, hier einer abstrakt-visionären Filettierung des Themas lesbische Liebe, transatlantisch: deutsch-chilenisch angereichert mit Katholizismus-Bashing.“ … so beginnt die Review von stefe.

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Beethoven

spielt namentlich und von der künstlerischen Haltung her eine Rolle in dieser restaurierten, aufwändig 4K-abgetasteten und auf Director’s Cut ausgeweiteten Fassung des Klassikers von Luc Besson von 1994.

Der Film beweist seine Haltbarkeit, auch wenn sich Erzähltempoo und filmische Sehgewohnheiten inzwischen rapide beschleunigt haben.

Der Beethoven-Vergleich ist zugleich ein Statement von Besson, wie er Erzählspannung erzeugt in einem Action-Film. Es geht um die Ruhe vor dem Sturm, so wie Beethoven seine gewaltigen Steigerungen vorbereitet.

So zeichnet sich dieser Actionfilm nicht primär durch Lautstärke aus, sondern durch konsequente Erzählspannung. Nur zwischendrin einmal huschte mir durch den Kopf, ob diese Ausweitung des Films um 20 Minuten zum Director’s Cut wirklich nötig gewesen sei, verflüchtigt sich aber sogleich, denn zu schön fädelt Besson eine Handlung an die nächste, Ruhe vor dem Sturm und Knall und bewahrt sich das Konzert aus vollen Rohren wohl dosiert für den Endkampf auf in diesem ungleichen Spiel, zwischen Auftragskiller Leon (mit Jean Reno damals schon ein höchst eigenwillige Besetzung, die dem Zeitenlauf standhält) und der geballten New Yorker Polizeimacht unter dem Mozartfan Stansfield (Gary Oldman als extrem durchgeknallter Drogencop).

Der Sidekick von Leon ist erst 12 Jahre alt. Es ist Mathilda (Natalie Portman, die hier schon Schauspieler-Gewicht in den Ring wirft); sie will sich von ihm zum Nachwuchskiller ausbilden lassen. Sie ist dank einer kurzzeitigen Herzerweichung von Leon unter seine Obhut gekommen und sie verpflichtet ihn darauf, sie aufzunehmen und auszubilden.

Leon hat Mathilda vor einem Blutbad in ihrer ebenfalls kriminellen Familie gerettet. Sie will Rache üben. Drehpunkt und Agentur für Leon ist der Italiener Tony (Danny Aiello), der für ihn auch Bank und Nachlassverwalter spielt.

Um bei der Musik zu bleiben, Bessons Film wirkt wie eine Sinfonie des Verbrechens mit einem furiosen Finale. Diese Sinfonie erzählt eine rührende menschliche Geschichte von einem einsamen Killer mit einer Topfplanze im Zimmer (kein Kanarienvogel) und der schrägen Beziehung zum kleinen Mädchen von nebenan, das für sein Alter erheblich abgebrüht ist. Was beide vereint: sie trinken viel Milch. Die Wollmützen von Killer und Killerschülerin haben ihren eigenen Reiz. Genau so wie das Geschäft, dass Leon im Tausch gegen die Killerausbildung für Mathilda von ihr das Lesen und Schreiben beibekommen erhält. Eine Konstruktion, die dem immer vorhandenen, leicht belustigten Humor von Besson zupaß kommt.

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Ein Ufo bringt eine animierte Schafswelt durcheinander. In Frankreich zeigt Ozon mit einem Themenfilm zum Missbrauch gegen die Kirche Kante. Um Vertuschung, ebenfalls mit Beteiligung der Kirche, geht es auch in Italien. Um Tanz, Eigenwillen und politische Repression geht es im Nurejew-Film. Die Amis beschäftigen sich mit einem Litertur-Kunst-Thriller, geilen sich an Reichenhorror und in Skandinavien an Sektenkult auf. Beim Coming-of-Age im deutschen Sommercamp kommt es auf Kinoqualität nicht an. Mit einer Yeti-Zucker-Schnulze wollen die Amis mit den Chinesen ins Geschäft kommen. Auf DVD gibt es eine brillante Huppert als Vamp und die beiden Tortenkomiker aus Hollywood touren durch Britannien. Das zwangsgebührenfinanzierte Fernsehen übte sich in Eigenwerbung.

Kino
SHAUN DAS SCHAF – DER FILM UFO-ALARM
Ein Ufo lässt die Einfälle der Reihe einmal mehr überborden.

GELOBT SEI GOTT
Den Zynismus der katholischen Kirche filmisch offengelegt.

NOME DI NONNA
Alle wussten es; aber bei Nina hat sich das Komplott verrechnet.

NUREJEW – THE WHITE CROW
Ein Tanzfilm, der sich für den politischen Schwerfuß entscheidet.

READY OR NOT – AUF DIE PLÄTZE FERTIG TOT
Die Reichen sind tatsächlich anders.

DER DISTELFINK
Echt oder kopiert?

MIDSOMMAR
ergeht sich distanzlos in sektiererischen Mitsommerritualen in Skandinavien.

GET LUCkY – SEX VERÄNDERT ALLES
Aufklärung für Teens im Kino statt im Schulunterricht.

EVEREST – EIN YETI WILL HOCH HINAUS
Dass ein Yeti mit dermaßen magischen Fähigkeit überhaupt in Gefangenschaft geraten konnte, verwundert dann doch.

DVD
GRETA
Mit stehengelassenen Handtaschen fängt man junge Mädels.

STAN & OLLIE
Die zwei Komiker erkämpfen sich in einer Karriereflaute in England ein neues Publikum.

TV
LEBENSLINIEN: EIN OBERPFÄLZER AUF DER OIDN WIESN
Wirkt relativ ehrlich, weil Protagonist kein Routine-Promi.

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Unterhaltsames Multiversum aus großen Erwartungen und deren Enttäuschung durch kleine Pannen, keine Sekunde langweilig, die Überraschungen – und selbstverständlich die immens vielen Verweise auf andere Filme – kalkuliert.

Ein Ufo bringt die ruhige Schafswelt auf der Mossy Bottom Farm durcheinander. Der Farmer und seine Schafe wollen das doch glatt mit einem Themenpark „Farmageddon“ wirtschaftlich ausschlachten – auch hier werden selbstverständlich hohe Erwartungen angekündigt, die dann an unendlich vielen, täglichen Details scheitern, ein vergnügliches Scheitern, ein Schafsscheitern der Wollust in der Wolle.

Auch die Großfarmallüren mit dem gigantischen Mähdrescher werden wegen einem blöden Fresbee konterkariert. Es gibt einen Weltraumausflug und, eine Pizza – oder mehrere – zu bestellen, ist mindestens so schwierig und aufwändig wie ein Trapezakt im Zirkus.

Herrlich sind die Dialoge, die alle aus unverständlichen Lauten bestehen (hoffentlich fällt niemandem ein, diese auf deutsch zu synchronisieren, das wäre ein Fall fürs Synchronogeddon). Und ein Supermarkt ist eh ein idealer Ort für Blödeleien, nicht weniger als ein Plakatkleber.

Das Vergnügen dürfte vor allem deshalb garantiert sein, weil Aktionen und Reaktionen vom Regieteam Will Becher und Richard Phelan nach dem Drehbuch von Jon Brown, Mark Burton und Nick Park haargenau ausgetüftelt worden sind.

Weitere Mitspieler sind Kornkreise, ein kleiner Panzerroboter wie ein Minensuchgerät, ein Dekontaminationsteam plus ein Sammelsurium weiterer Figuren und Ideen, die sich – wie der gezielte Gang ins Fettnäpfchen – ständig in die Quere kommen.

Genau so schräg, wie die Unterkiefer der Schafe, die, wenn sie sprechen oder kauen, sich rechts oder links von der Wange seitlich öffnen. Fast so surrealistisch wie die Überreste des abgestürzten Raumschiffes drapiert sind. Und der Gag, wie die Schafe, um unentdeckt zu bleiben, sich verkleiden, an welchen Filmvorbildern sie sich dabei orientieren, der dürfte auch mit diesem Film noch längst nicht ausgeschöpft sein.

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Die Reichen sind definitiv anders.

Ziemlich anders sogar, wenn man dieser Horror-Trash-Fantasie von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett nach dem Drehbuch von Guy Busick und Ryan Murphy glauben will.

Zumindest könnte es eine schöne Schadensfreudefantasie sein. Denn ein normaler Arbeiter kann nie so reich werden wie die Le Domas. Die haben ihr Geld mit Spielen gemacht. Es ist eine Dynastie mit strengen Regeln, mit denen sie sich von den Normalsterblichen abschotten nebst spitzem Gitterzaun um ihr spukhaftes Anwesen.

Das wird Grace (Samara Weaving; die hier einiges durchzumachen hat) in der Nacht ihrer Hochzeit mit dem Sohn Alex (Mark O’Brian) aufs Blutigste erleben. Sie gerät völlig unvorbereitet da hinein.

Vorher schildert der Film opulent das Reichenmilieu, die Hochzeit, ein Hochzeitsfilm. Punkt Mitternacht versammelt sich der Clan, der Kern der Familie zum berühmten Spiel, ein heiliges, ein satanisches Ritual.

Welches Spiel gespielt wird, und wie das auszusehen hat, erfahren sowohl Zuschauer als auch Braut erst nach und nach. Es gab lediglich einen kleinen Vorgeschmack vor den Titeln aus so einem Spiel von vor 30 Jahren. Es wird für Braut und den – untypisch reich: ernsthaft verliebten – Bräutigam eine Horrornacht wie sie im Buche steht oder wie ein Film mit vollem Schub der Musik es nur schildern kann.

Dabei wird definitiv klar, dass Reiche nicht nur Leichen im Keller oder in einem Stadl haben, sondern dass sie nach ganz anderen und ganz eigenen Regeln spielen. Ein köstlicher Horror-Spritz wird hier gemixt. Die Schallplatte zum Spiel „Hide & Seek“, die hätte das Zeug zum Gassenhauer.

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Der schwere Weg der Wahrheit.

Exzellenter und spannender italienischer Beitrag zum MeToo-Thema von Marco Tullio Giordana, der mit Cristiana Mainardi auch das Drehbuch geschrieben hat.

Sorgfältig leuchtet Giordana in die verflixten und geölten Vertuschungsmechanismen des vornehmen katholischen Institutes Barrata hinein, einer luxuriösen Alters- und Pflegeresidenz, die in einem stattlichen Palazzo mit großzügigem Park untergebracht ist.

Der schmierige Doktor Marco Torri (Valerio Binasco), der gar kein Doktor ist, leitet das Institut. Er ist korrekt bürgerlich verheiratet, eine erwachsene Tochter. Er wird gedeckt und unterstützt von seinem Personalchef, Don Ferrari (Bebo Storti). Der führt Torri die Frauen als Pflegepersonal zu, auf die dieser steht.

Der Fall, der hier im Film erzählt und auch gerichtsmaßig wird, ist der von Nina (Cristiana Capotondi), einer jungen Frau mit einem schulpflichtigen Mädchen, Vater unbekannt, gerade in einer schwierigen Situation, von Beruf Restauratorin; sie hat den Freund Luca (Stefano Scandaletti), der Architekt ist. Sie möchte aber noch nicht mit ihm zusammenziehen.

Nina ist ein idealer Fall für das Haus Barrata, sie hat auch die gewisse Naivität. Subtil schildert Giordana, wie schon von der ersten Begegnung mit dem Direktor klar wird, dass er mehr will, während Nina Angst um ihren Arbeitsplatz hat und das andere nicht wahr haben will. Auch wie von der Sekretärin über das Pflegepersonal alle wissen, was los ist und es für gegeben und nicht weiter diskutierenswert halten.

Bei Nina hat Torri sich verrechnet. Sie wehrt sich. Aber das schmierige Establishment ist sich seiner Sache sicher, sowieso in der Provinz (Pavia), denn die Beweislage ist schwierig, es steht Behauptung gegen Behauptung und dabei ist doch völlig klar, wer glaubwürdiger dasteht: der (falsche) Doktor und Leiter einer gesellschaftlichen Institution, die noch von der Kirche unterstützt wird.

Nina will sich damit nicht abfinden und schafft es, das Verfahren bis vor das Berufungsgericht in Mailand zu bringen. Diese widerlichen Vorgänge werden im Film mit schönen Landschafts- und Drohnenaufnahmen von Kirchen und Palazzi schmerzlindernd bandagiert.

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Drei Dinge haben mich schnell für diesen Film von Ari Aster vereinnahmt, nebst dem positiven Erlebnis mit seinem Vorgängerfilm Hereditary.

Die anfänglich Bildfolge setzte im Kopf quasi Eselsbrückbauaktivitäten in Gang.

Zuerst, wie auf einer Buchseite als Standbild eine helle Wimmelschilderung einer glücklichen Gesellschaft als Standbild behauptet wird. Dann teilt sich diese Seite, wird nach rechts und nach links zurückgezogen. Es folgen Bildsequenzen mit einer winterlich grau-blauen Waldlandschaft. Zu alle dem noch keine Tonspur. So fängt ein Horrorfilm doch gut an. Dann ein Blick über eine nächtliche Siedlung. Jetzt wird die Sequenz von einem schrillen Wecker- oder Telefonton unterbrochen. Es fängt die kleine Vorgeschichte vor den Titeln an.

Es meldet sich der Anrufbeantworter von „Ardors Residence“. Die Herrschaften liegen im Bett und rühren sich nicht. Am anderen Ende der Leitung ist höchst beunruhigt die Tochter Dani (Florence Pugh). Etwas stimmt nicht. Als Zweites hat mich vereinnahmt, wie die Kollegen von Freund Christian (Jack Reynor), diesen versuchen davon abzubringen, zu viel Zeit für seine ständig problematische und anrufende Freundin zu opfern; er solle sich nicht in ihre Probleme reinziehen lassen. Dinge, die einem bekannt vorkommen.

Und auch als Drittes der Moment, in dem klar wird, dass Christian der Freundin vorgeschlagen hat, sie und seine Studienkollegen beim Sommertrip nach Skandinavien zu begleiten. Und wie sie alle contre coeur das natürlich gut finden; dabei wollten sie ursprünglich ohne fahren. Auch das wird charmant nachvollziehbar erzählt.

Ab da fangen allerdings meine Probleme mit diesem Film an. Schwups sind Dani, Christian, Pelle (Wilhelm Blomgren), Josh (William Jackson Harper) und Mark (Will Poulter) in einem sonderbaren, offenbar von einer Art Sonnenanbeter-Sekte in Beschlag genommenen Gelände in einer Gemeinschaft von lauter weißgewandeten Menschen.

Der Vorwand für den Trip ist der, dass Josh und Christian diesen schwedischen Kult für ihre Doktorarbeit erforschen wollen.

Ari Aster breitet nun die verbleibenden zwei Stunden dieses konfliktfreie Lagerleben vor uns aus, kann sich nicht satt sehen an Ringelreihen und anderen Tänzen, an festlichen Mählern, an Kult, Zeremonien, an der Ausstattung eines Schlafhauses mit Wanddekorationen und lauter Einzelbetten, an Details über diese Gemeinschaft, in der niemand mehr als 72 werden soll, dann ist Zeit, sich vom Felsen zu stürzen.

Das Problem bei der Schilderung dieser Sektengemeinschaft ist, dass sie jeglicher Plausibilität entbehrt; also das Ökonomisch-Organisatorische ist nicht nachvollziehbar. Es wird zwar behauptet, es sei eine in sich geschlossene Gruppe von Menschen, abgeschottet und nach strengen Regeln lebend; filmerzählerisch aber wird die Stimmung eines Sommercamps erweckt – auf Informationen, die das als Sekte plausibel machen, wird verzichtet. Aster verliert sich in der reinen Illustration, als ob er begeistert sei davon.

Irgendwann reisen Simon (Archie Madekwe) und Connie (Ellora Torchia) ab – oder werden sie abgereist? Das überrascht, ist doch bis jetzt der Eindruck einer freien, freiwilligen Gemeinschaft entstanden; jetzt wird aber behauptet, es handle sich um eine streng abgeschirmte Gemeinschaft.

Auch ist das Verhalten der amerikanischen Studenten vollkommen unkritisch. Sie stellen keine Fragen, werden nicht misstrauisch, sie machen einfach mit. Die beiden Doktoranden versuchen zwar an Informationen über die Runen zu gelangen; müssen vorsichtig sein. Sie haben keine skeptische Distanz zu den Vorgängen, sie wirken integriert.

Es ist auch der ökonomische Ablauf nicht plausibilisert, dass es eine geschlossene Gemeinschaft sei, also in einem gewissen Sinne autark; das würde deutliche Hinweise auf die entsprechende Landwirtschaft erfordern. Insofern fehlt jedes Element, was den erwartbaren Horror spannend machen könnte.

Es wird sozusagen zweidimensional erzählt oder nur illustriert wie auf dem Anfangsbild. Auch der Sinn der geforderten Menschenopfer ist nicht ersichtlich, der durch solche erzeugte Gemeinschaftssinn nicht spürbar.

Der Film erinnert insofern an den Faschismus, als auch der sich an endlosen Ringelreihen hübsch geschmückter Frauen ergötzte wie auch an Maibaum und Maikönigin im Juni.

Gegen diese Festgefahrenheit auf der Illustrierschiene versucht Ari Aster ab und an mit heftigen Effekten anzukämpfen. Wenn ein Zaubertrunk gemixt wird, muss nach Eingießen des Saftes ein leinwandfüllender Wirbel wie bei einem Orkan (auch mit akustischem Wirbel unterstützt) ins Bild. Beim Maientanz, wenn der Protagonistin schwindlig wird, wird dieser Schwindel exzessiv in Bilderchaos umgemünzt. Wenn es um blutige Dinge geht, dann bleiben sorgfältig inszenierte Blutspuren zurück, die sind fast gemäldehaft schön, aber nicht spannungserzeugend. Und wenn die Protagonisten alle tot sind, dann ist der Film aus. Das ist schon wieder klassisch. Der Unterschied dort ist nur, dass vorher ein Drama stattgefunden hat. Hier wurde es nur illustriert. Kino als naive Buchmalerei.

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Vielleicht ist es ja richtig, aus dem heiklen Thema Aufklärung einen kruden Mixfilm zu machen aus Sommercamp, Dildo-, Mösen- und Gummikunde für Teens, diese dann wiederum von deutlich älteren Semstern in den 20ern, was sich besonders bei den Männern in wohligen Bauchansätzlein zeigt, darstellen zu lassen, und die doch delikate und möglicherweise mit persönlicher Scham verbundenen Themen, die in der Öffentlichkeit und in der Schule – und oft auch in der Familie – nicht leicht zu vermitteln sind, in der Anonymität eines dunklen Kinosaal vorzuführen, wo nicht unbedingt sichtbar wird, wenn einer oder eine errötet.

Und gleichzeitig, um Distanz herzustellen, um dem Thema seinen gravierenden Ernst zu nehmen, auch die Idee von großem Kino directemang, gröber und burschikos zu zerhacken; nichts darf perfekt sein bei diesem Thema, alles Perfekte wäre Lüge. Und, wie der Zusatz zum Titel auch sagt: Sex verändert alles.

Vielleicht ist es aus all diesen Gründen auch richtig, in so einem Film manche Themen, wie Verhütung, Reizung der Klitoris geradeheraus und en Detail wie Schulstoff zu präsentieren.

So hält es Ziska Riemann (Conny Plan – The Potential of Noise), die mit Madeleine Fricke und Oneil Sharma auch das Drehbuch geschrieben hat. Da könnten Passagen aus einem Ratgeber zum Anbandeln stammen oder die Jungs machen, im Dunkeln am Strand, während die Mädels am Lagerfeuer sitzen, in einer Reihe stehend einen Wichswettbewerb, wer weiter abspritzt.

Zudem, um noch direkter zum Thema zu kommen, sind die Protagonisten-Jungs- und -Mädels bei einer Frau auf der „Jungeferninsel“ untergebracht, bei Ellen (Palina Rojinski), die Sexologin ist und ausgerüstet im Hinterzimmer wie ein Pornoladen.

Auch auf Anbandel-Inschriften im Dixie-Klo am Strand wird nicht verzichtet („Zungenakrobat sucht Schlangenbeschwörerin“ mit Telefonnumer) noch auf die Angebotspalette einer Intimfrisöse.

Vielleicht ist es richtig aus diesem „Schmutz“-Thema einen solch unverblümten Themenfilm zu machen, ohne Anspruch auf zwingende Story, auf genaueres Eingehen auf die Charaktere oder tiefere Konflikte.

Vielleicht ist es aus diesen Gründen richtig, einen expliziten Zielgruppenfilm zu machen ohne Rücksicht auf cineastische Verluste, da es sich um ein Gut zum einmaligen Verbrauch wie bei einem Kondom handelt. Denn jeder Jahrgang Heranwachsender hat seinen eigenen Coming-of-Age-Film; nur die wenigsten überleben die erste Spielzeit. Wer das alles allerdings längst durchgeseucht hat, sieht sich eher mit einer eher zähen, humor- wie talentfreien Kinorei mit fettem pädagogischen Zeigefinger konfrontiert.

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Ein leichter und ein schwerer Fuß.

Der leichte Fuß ist der des Tänzers während der Vorstellung, wenn er seine Sprünge und seine Pliés macht. Das gilt auch für Rudolf Nurejew. Diese Leichtigkeit will erarbeitet sein. Eine Dreiviertelstunde die Muskeln aufwärmen und dann ein paar Sprünge im Training oder hier im Film ein paar schöne Sprünge und Pirouetten getanzt von Oleg Ivenko in der Verkörperung des russischen Tanzstars Nurejew.

Diese Präparation gilt auch für den Film von Ralph Fiennes, der nach dem Drehbuch von David Hare, inspiriert vom Roman „Rudolf Nureyev: The Life“ von Julie Kavanagh, inszeniert hat. Ihn interessiert der schwere Fuß, der politische, resp. bei Nurejew, der unpolitisch-politische, der nur Tänzer sein will und deshalb und wegen seines seltenen Talentes gepaart mit einem widerborstigen Charakter in die Mühlen der Politik gerät.

Fiennes inszeniert auf den politischen Höhepunkt, den Skandalpunkt in der Karriere von Nurejew hin, den Absprung vom Kirow-Ballett anlässlich eines Gastspieles in Paris und das damit verbundene Asylersuchen in Frankreich.

Deshalb hat sich wohl David Hare für eine Dramaturgie des Krebsganges entschieden: ein Schritt vor und ein halber Schritt zurück mit einer Rückblende. Diese Rückblenden umfassen die Zeit von der Geburt in einem Eisenbahnzug bis ins Bubenalter mit den ersten Ballettstunden mit 8 Jahren (Maksimilian Grigoriyev tanzt leicht wie ein Federball) und der Zeit als Ballettstudent und Tänzer in Russland.

Die Rückblenden nutzt der Film, um die Charakterisierung des Zusatzes im Titel, „die weiße Krähe“, zu verdeutlichen, ein Mensch, der sich nicht gerne an Regeln hält, der sich nicht gerne anpasst und deshalb mit dem Funktionärstum trotz herausragenden Talentes dauernd in Konflikt gerät. Dieses will ihn bereits in die Provinz nach Ufa verschicken, was das sichere Ende seiner Laufbahn bedeutet hätte.

Die Rückblenden zeigen den Preis, den er dafür bezahlt, tanzen zu dürfen, mit seinem Leben in einer eigentümlichen Ménage à Trois mit seinem Förderer Alexander Puschkin (den spielt der Regisseur selbst) und dessen Frau Kesenjia (Chulpan Khammatova), zum Leidwesen seines Zimmergenossen und Geliebten, dem Deutschen Teja Krmeke (Louis Hofmann, der großartige Tanzeinlagen bietet).

In Paris folgt die Zurücksetzung, dass er nicht die Erstbesetzung ist, sein Hunger, Menschen und Kultur kennenzulernen und die misstrauische Bespitzelung durch die KGB-Männer. Er verhält sich nicht nach dem Verhaltenskodex, sucht Kontakt zu den Franzosen. Entscheidend wird die Begegnung mit Clara Saint (Adèle Exarchopoulos), deren Freund, der Sohn des berühmten Dichters und Kulturministers Malraux, wenige Tage vor der Begegnung gestorben ist.

Fiennes und sein Autor spitzen das Drama gekonnt und Schritt für Schritt zu bis kurz vom Abflug der Truppe nach London, wo sich auf dem Flughafen unerwartet eine Eskalation zusammenbraut, die hochdramatische Formen annimmt und kein Zuschauerauge trocken lassen dürfte.

Was das Besondere am Tanz von Nurejew war, dieses wilde Tier, und weshalb er den Zunamen der weißen Krähe bekommen hat, das machen erst die Originalaufnahmen im Abspann sichtbar.

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Wie war das eigentlich früher? Im Mittelalter, all die Zeit, in der es eine streng hierarchisch und zölibatär organisierte katholische Kirche mit einem Augenmerk auf dem Heranziehen der Jugend gab? Gab es da keinen Missbrauch – oder war das einfach normal? Ist Missbrauch ein Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts? Oder hat sich die Sensibilität dafür, was Missbrauch ist, entwickelt?

Francois Ozon kann auch Themenfilm. Er hat sich dieses Themas angenommen, wie schwer sich Kirche und Politik damit tun, dass Missbrauch Missbrauch ist und entsprechend geahndet werden muss und nicht vertuscht werden darf.

Auf wahren Begebenheiten beruhend hat Ozon das Drehbuch für diesen Film, der spannend wie ein Thriller ist, geschrieben. Er schildert bedrückend, wie schwer es den Opfern fällt, überhaupt darüber zu reden, auf wie wenig offene Ohren sie stoßen, wie Kirche, Politik und Medien erst gar nichts wissen wollen davon, weil doch die Kirche so eine mächtige Institution sei, wie von mehreren Seiten treuherzig beteuert wird.

Der Film spielt in diesem Jahrzehnt unseres Jahrhunderts und bezieht sich auf Fälle, die gerade so an oder bereits über der Verjährungsgrenze liegen.

Pater Bernard Preynat (Bernard Verley) war und ist pädophil. Faszinierend ist seine Mitarbeiterin Régine Maire (Martine Erhel), die ohne mit der Wimper zu zucken alles weiß und den Schriftverkehr mit ihm regelt, die bei Gesprächen mit ehemaligen Opfern dabei ist und solche Termine organisiert. Sie ist ein Prototyp der Verschweigerin, welcher noch mehrfach zu sehen sein werden und die die Gruppe der Opfer, die sich im Laufe des Filmes bildet, noch speziell ansprechen wird.

Auch der Chef von Preynat, Kardinal Barbarin (Francois Marthouret), ist bestens informiert und behauptet, den Vatikan in Kenntnis gesetzt zu haben.

Die Kette des Verschweigens ist lang. Der erste Fall, der sich als Kläger betätigt, ist Alexandre Guérin (Melvil Poupaud). Das setzt eine Kettenreaktion in Gang, denn kaum einer der Pfadfindergruppe der Lazaristen, die von Preynat in den Sommerferien geleitet wurde, blieb verschont. Nach und nach treten Details an den Tag.

Direkt mit den Vorwürfen konfrontiert, beginnt der Pater sich selbst zu bemitleiden, dass er darunter leide, dass er pädophil sei.

Wie eine Pionierpflanze im Fels bahnt sich die Wahrheit dank der Gruppe „Das gebrochene Schweigen“ den Weg an die Öffentlichkeit. Aber es dürfte noch viel zu tun bleiben, bis der Vatikan endlich auch das unselige Zölibat abschafft, das, was im Film nicht thematisiert wird, mitursächlich für viele Missbrauchsgeschichten sein dürfte.

Die Exposition der Geschichte wird teils voice-over wie ein Briefroman vorgetragen. Der Film spielt überwiegend in Lyon.

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