Archiv für 8. August 2019

Großes Liebes-Kino aus Frankreich. Hart-weich-indische Liebesgeschichte um ein Foto. Erzählkino wie Seemannsgarn aus Britannien. Solides Thrillerteil aus New Jersey. Ein deutsches Subventionsstück. Zudem ist ein empfehlenswertes Filmbuch über die mexikanische Bar und das Kino erschienen.

Kino
SO WIE DU MICH WILLST – CELLE QUE VOUS CROYEZ
Das ewige Spiel mit der Liebe offenbart immer neue cineastische Möglichkeiten.

PHOTOGRAPH
Hart oder weich aus der Schnappschussfalle rauskommen?

FISHERMAN‘ S FRIENDS
Berühmtheit erlangen und ein ordentlicher Fischer bleiben, verträgt sich das?

KILLERMAN
Geldwäsche mit Komplikationen.

UND WER NIMMT DEN HUND?
Subventionsgeld vor die Hunde.

Filmbuch
IN EINER BAR IN MEXIKO
Wer da mal sitzt, kann einiges erfahren.

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Klumpfuß-Kino.

Das Drehbuch von Martin Rauhaus, einem Fernsehvielschreiber, handelt von einem Intellektuellenehepaar, das sich nach 25 Jahren Ehe trennen will. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Die Ehe dürfte Routine geworden sein. Der Ehemann hat sich sinnlos in seine Assistentin verliebt, zweiter Frühling. Er arbeitet als Direktor in einem Aquarium. Sein Lieblingsforschungsobjekt sind die Quallen, die bei ihm immer auch sexuell aufgeladen sind. Seine Frau hat zugunsten der Familie auf eine Karriere verzichtet; ist kleptomanisch veranlagt.

Das Ehepaar will die Trennung von einer Paartherapeutin begleiten lassen. Die Geliebte schmeißt den alten Gockel raus. Über das Einschläfern des Hundes flammt die alte Beziehung wieder auf.

Rein vom Plot her könnte das funktionieren, eine ähnliche Geschichte hat bei dem österreichischen Film Die Wunderübung bestens unterhaltendes Kino hervorgebracht.

Hier im Film von ARD/DEGETO bekommt man es allerdings mit krassen Fehlern von den Anfängen der Produktion an zu tun, die mit Zwangsgebührengeld offenbar nachlässig und inkompetent umgeht.

Es fängt mit der Ausgestaltung der Figuren durch das Drehbuch an, geht mit der Besetzung von Rainer Kaufmann als Regisseur weiter, dem jegliches Feeling für cineastisches Erzählen zu mangeln scheint, dito gilt das für die Kamera mit ihrem Halbnahkomplex und die generell desorientiert im Raum rumsteht, so dass auch viele Hinterköpfe gut mittig zur Geltung kommen und die Figuren im Raum absaufen lassen. Desgleichen gilt für den Schnitt, das humpelt und rumpelt, aber mit dem Material dürfte mehr nicht anzufangen sein, das gilt für den Cast, bestimmt alles erstklassige Schauspieler, namhafte wie Martina Gedek und Ulrich Tukur, aber sie passen nicht zusammen.

Die Darsteller rattern ihre Texte gekonnt runter, wie bei einem Boulevardstück oder eine Schnell-Schnell-Lieblos-Synchro, aber es ist kein Boulevardstück und auch keine Synchro und zum Nachdenken bleibt den Darstellern keine Zeit.

So mit Zwangsgebührengeld umzugehen, das heißt, dem Zwangsgebührenzahler den Stinkefinger zeigen. So etwas macht heute jeder Youtuber besser. Und billiger. Und nicht auf unsere Kosten.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Hier im Film von Safy Nebbou, der mit Julie Peyr auch das Drehbuch nach dem Roman von Camille Laurens geschrieben hat, ist einfach alles da, was großes Kino ausmacht: großer Kinoatem, eine packende Liebesgeschichte mit vielen Facetten, großartige Darstellerinnen und Darsteller, die Liebe im Kopf, in der Fantasie, das offene Ende von Liebe und Liebesgeschichten, Jugend und Liebe, Alter und Liebe, das Spiel mit der Liebe, moderne französische Architektur, in der man sich verlaufen kann wie in der Welt verliebter Gefühle, Chat, Fake-Identität in den Social Media, mögliche bis tödliche Folgen des Spielens mit der Liebe, das Anheizen der Liebesfantasien, Ersatzliebesglück, die reale Liebe und die gleichzeitig imaginierte Liebe im Hinterkopf, Künstlermilieu-, Literatur- und Literaturwissenschaftsmilieu, die Lügen als ein Elixier für die Liebe, die Rivalin, die nicht existiert, psychiatrische Betreuung, eine fabelhafte Juliette Binoche, die anfangs glauben macht, sie würde erst recht privatistisch die Liebesprobleme – und auch in jeder Sekunde Juliette Binoche sein – um dann doch zu einer erfahrungsfähigen und reflektierten Haltung finden, ein junger Mann Alex (Francois Civil), der par excellence den Künstler als jungen Mann spielt, perfekt den erotischen Frauentraum verkörpert, verspielt, fast etwas kindlich, naiv, der voll in die Falle der Frauenraffinesse läuft und außerdem gibt es gewagte Drohnenflüge über den Falaises, Symbol des Abgrundes an dem diese Spiele mit der Liebe verlaufen, aber es gibt auch das Spiel der Dramaturgie, das Varianten sucht und die Enden offen lassen möchte, weil der Film selbst ja auch nur die Ideen und Gedanken über die Liebe ventiliert, das muss offen bleiben und weitergehen können.

Es ist ein sanftes Kino, das sich erst wie in die Gefühle der Liebe versenkt, sich an die Intimität von Gefühlen annähert, als sei es ein Film von Frauen mit Frauen für Frauen, was er aber nicht ist, (kurzfristig direkt in die Nähe des Softpornos gerät) und sich dann auf die Gefahr und die Spielmöglichkeiten besinnt, aber auch erschreckt vor dem, was das Spiel mit der Liebe anrichten kann.

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Eine dreckige, schmierige, korrupte Welt ist es, in der solche Thriller spielen. Hier gibt es keine bunten fröhlichen Farben, kein befreiendes Lachen. Die Menschen, die sich in diesem amerikanischen Großstadtmilieu ein besseres Leben erkämpfen wollen, können dies nicht auf legalem, ordentlichem Wege tun. Sie sind zu mickrige Gestalten, vielleicht zu ungebildet, sie sind Bodensatz in legalen und weniger legalen Hierarchien.

Malik Bader lässt seinen in bestem Standard hergestellten Thriller im Milieu der Geldwäsche spielen. Mit einer Information darüber beginnt er auch den Film. Ein konkretes Beispiel schildert, wie Moe (Liam Hemsworth) und sein Freund Skunk (Emory Cohen) von Hinterzimmer zu Bank zu Geldwechsler zu Hinterzimmer unterwegs sind, wie aus dicken Geldbündeln Goldbarren und aus Goldbarren Wertpapiere oder Couverts mit Diamanten werden.

Sie sind unterwegs im Auftrag des Onkels von Skunk. Der ist der Baulöwe und Oberdealer Perico (Zlatko Buric). Sie haben erfolgreich zwei Testläufe bestanden. Jetzt sollen sie zehn Tage lang jeden Tag zwei Millionen waschen. Für die beiden bedeutete das je eine Million. Unvorstellbar viel. Es ist ihre einzige Chance, aus der Scheiße rauszukommen.

Der Onkel bläst den Deal ab. Was machen sie mit dem schon bereitgestellten Geld? Sie lassen sich auf einen vermeintlich lukrativen Zwischendeal ein: aus dem Geld schnell Drogen machen und dann die Drogen wieder zu – deutlich mehr – Geld. Aber sie landen in einer Falle, die korrupte Cops ihnen gestellt haben, die selbst die Asservatenkammer plündern.

Skunk ist der richtig mickrige Typ, der das große Ding drehen will, er scheint ein Mensch voller Minderwertigkeitskomplexe, geschunden von den anderen, auch etwas naiv und dumm. Während Moe nicht so ganz in diese armselige Welt passt. Er hat einen wachen Blick und eine gewisse Coolness, auch eine schwangere Freundin. Bei einem Crah bei der Flucht aus der Falle der korrupten Cops verliert er einen Teil seines Gedächtnisses und damit einen Teil seiner Identität, seiner Aufgabe. So wird er noch etwas rätselhafter – und anfällig für die Freundschaft zu Bobby?

Die Musik erzählt, dass sie das nicht als großes Drama sieht, sondern als erzählenswerte Ballade vom kleinen Gangster, der auf aussichtslosem Boden sich herauszustrampeln versucht.

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Port Isaac ist ein Fischerdorf im englischen Cornwall. Es gibt hier heftige Anbrandung des Meeres und einen deutlichen Unterschied zwischen Ebbe und Flut (die kann sich schon mal ein Auto schnappen) und einen Chor der Fischer, die jeden Freitag open air ein Strandkonzert geben.

Ein Musikmanager aus London hört diese Shantys, ist begeistert und will eine Platte herausbringen. Diese wird 2010 ein Hit und die Gruppe berühmt. Sie sind aber auf dem Boden ihres goldenen Handwerkes geblieben nach dem Motto: die Fischerei zuerst.

Chris Foggin hat diese Geschichte nach dem Drehbuch von Piers Ashworth, Meg Leonard und Nick Moorcroft mit Schauspielern inszeniert. Für die Fischer haben sie urige Typen gefunden. Es dominiert der britische Dialekt, der nicht immer leicht zu verstehen ist.

Der Film erzählt diese Erfolgsgeschichte ausgehend von vier Londoner Musikmanangern, die ein Junggesellenwochende in dem verschlafenen Fischerdorf verbringen, die Schnösel von der Stadt. Sie hören den Chor. Danny (Daniel Mays) wird dazu verdonnert – im Scherz – die Gruppe herauszubringen.

Danny nimmt den Gag ernst, bleibt im Dorf hängen, sucht den Kontakt zu den Fischern, die anfangs ablehnen, wozu auch berühmt werden, lassen sich dann doch umstimmen. Es folgen diverse gut gearbeitete dramaturgische Hürden, die zu nehmen sind und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Danny und Alwyn (Tuppence Middleton, von der man nie weiß, ob sie nun eine berechnende und flirtende ist oder nicht), die mit ihrem Töchterchen und ohne Mann lebt.

Foggin berichtet diese anfänglich ungewollte Erfolgsgeschichte indem er nie das Stammtischniveau verlässt, es geht auch um die Rettung des Pubs im Ort, der dafür steht, wie toll die örtliche, provinzielle Gemeinschaft zusammenhält, der aber nicht immun ist gegen die Infizierbarkeit durch die Verführung „Hit in den Charts“.

Der Film erinnert in Stimmung, Haltung und Verzicht auf Tiefe an ehedem populäre Samstagabendunterhaltung im deutschen Fernsehen. Die Geschichte flutscht arg glatt.

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