Deine Scheiße ist auch meine Scheiße“.

Die das sagt, ist Marion (Anne Ratte-Polle, eine bis in die Haarspitzen perfekt beherrschte Schauspielerin, das mag fürs Fernsehen genügen, ist aber nicht leinwandaffin). Sie sagt es zu Baran (Ogulcan Arman Uslu, dessen eitle Ambition, in einem Film möglichst drei grundverschiedene Typen zu spielen, nicht unverborgen bleibt). Er ist ihr Ehemann. Das macht die erste Szene auf einem deutschen Standesamt deutlich. Hier fallen die Titelsätze, dass das gesprochene Wort gelte, Baran kann zu dem Zeitpunkt praktisch kein Deutsch.

Nach dieser Szene beamt sich der Film nach Marmaris in der Türkei. Baran scheint auf der Flucht zu sein. Man denkt an Bootsflüchtlinge. Er sucht Arbeit in der Touristenstadt. Das wird ausführlich geschildert. In einem Lokal soll er vortanzen und bekommt einen Job in der Küche. Das ist die Vorstufe für Aktivitäten, über welche Ulrich Seidl in Paradies: Liebe einen extremen Film gemacht hat, über österreichische Urlauberinnen, die sich in Afrika von Einheimischen verwöhnen und drannehmen lassen wollten. Insofern erinnert er an Vertrautes.

Diese Phase läuft noch unterm Zwischentitel: „Kapitel 1, Präteritum, ich war“. Ein Film also über die deutsche Konjugation, die sich allerdings mit dem Präsens und als drittem Kapitel mit dem Futur 1 erschöpft. Da sind bereits um die zwei Stunden Film um.

In dieser Zeit will Ilker Catak, der Autor und Regisseur des vielfältig geförderten Filmes, etwas über Zweckheiraten zur Erlangung eines deutschen Passes berichten. Allerdings fällt er nach der ersten Türkeiphase wie aus dem Himmel im freien Fall auf den Beton des deutschen Subventionsfilmes.

Zurück in Hamburg wird bei Marion, die vorher noch in einer erfundenen Szene als Pilotin im Cockpit eines Airbuses geschildert worden ist, Brustkrebs diagnostiziert. Da kehrt der heilige, deutsche Subventionsernst in den Film ein, bei dem bestimmt alle Sätze gesetzt und überlegt und auch schön einzeln inszeniert sind; allein, das kann keine Tiefe ergeben, weil es nur der Themenillustration dient; ich komme mir als Zuschauer wie ein in der Schule begossener Pudel vor.

Nach der Krebsidagnose muss sich etwas im Verhältnis zu ihren Freund tun, einem verheirateten Mann mit Kind. Jetzt besinnt sich der Film an Marmaris, schickt die beiden in den Cluburlaub. Dann dauert es noch ein bisschen, bis Baran Marion anquatscht. Er ist inzwischen ein erfolgreicher Eintänzer mit anschließendem Sex. Er möchte aber, er ist Kurde, weg aus der Türkei und eine Europäerin heiraten, kann auch eine Engländerin oder eine Französin sein, egal. Bei der Deutschen funkt es zwar nicht. Aber rationale Überlegungen dürften sie zu dem Schritt beflügelt haben.

Und hupf, schon sind sie in Hamburg und verheiratet. Schon hat er ohne jeden Sicherheitscheck einen Job am Flughafen über einen Bekannten seiner Pilotenfrau. Jetzt noch ein paar Probleme eingebaut, die den Film in die Länge ziehen, eine Schwangerschaft erörtern, die Elbphilharmonie reinnehmen, ein Verhältnis zu einer Nachbarin suggerieren, den Brustkrebs vergessen, Baran Fahrräder reparieren lassen, ihn falschen Verdächtigungen aussetzen und schwups noch eine Überraschung einbauen und schon sind die zwei langen Stunden um und der nächste deutsche Subventionshit ist geboren.

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