Archiv für August 2019

Primär Komplexes. Die Frau im Käfig von Ornamenten und Ranken. Das deutsche Kino findet neue Sinnlichkeit. Eine Frau mit Haltung als Agentin auf Weltkonfliktmission. Mit Flausen gegen die Komplexität des Heranwachsens in Deutschland. Die Gitarre und ihr New Yorker Holz. Amerikanischer Medienstar in der Krise. Deutsches Exposékonstrukt als Kinofilm. Und weniger Komplexes: Amerikanischer Präsidentensicherheitsdienstler ohne Geheimnis und ein Spielfilm mit Spielzeugfiguren. Sehenswertes auf DVD: Annäherungsversuch von nordkoreanischer Staatskunst und freier westlicher Kunst sowie ein lustvoller Blick in die schwulen Betten großer deutscher Klassiker. Aus der Redaktion: hier gabs ein wunderschönes Kränzchen, das Julian dem stefe gewunden hat.

Kino
PARADISE HILLS
Das Verhängnis von Rosen und Ranken.

FRAU STERN
Jüdische Sinnlichkeit fürs Deutsche Kino.

DIE AGENTIN – THE OPERATIVE
Sollen Agentinnen persönliche Gefühle haben dürfen?

MEIN LOTTA-LEBEN – ALLES BINGO MIT FLAMINGO
Wundertütenkino für Flausenmädels.

CARMINE STREET GUITARS
Gitarren aus gutem New Yorker Holz.

LATE NIGHT
Angestaubte Moderatorin wird mit fitter Jungkraft konfrontiert.

GOLDEN TWENTIES
Deutscher Hirnsalat zu komplex gemeintem Thema.

ANGEL HAS FALLEN
Dürfen Geheimdienstler dem Präsidenten gegenüber Geheimnisse haben?

PLAYMOBIL
Kinderfokussierte Kinderspielzeugwelten.

DVD
WAR OF ART
Gegensätzlicher könnten Kunstauffassungen nicht sein. Riskant wie im Raubtierkäfig.

MÄNNERFREUNDSCHAFTEN
Schwulität in der Klassik, gelebt oder nur literarisch gelobt?

Aus der Redaktion
DANKE, STEFE!
Vor zehn Jahren fing stefe von einem Tag auf den anderen an, hier zu schreiben – und tut es heute noch. Julian gratuliert.

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Keine Geheimnisse

soll es zwischen dem amerikanischen Präsidenten Allan Trumbull (Morgan Freeman, gütig wie Onkel Tom) und seinem auserkorenen Sicherheitschef Mike Banning (Gerard Butler, ein Mann wie Du und Ich) geben. Das hört sich irritierend an, wo doch Banning mit lauter Geheimwissen zu tun hat.

Es wäre in diesem Film von Ric Roman Waugh der mit Robert Mark Kamen, Matt Cook + 3 auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht zu der vielen Action gekommen, wenn Banning kein Geheimnis aus seiner Krankheit gemacht hätte.

Der Film lässt sich allerdings Zeit mit der Exposition, geht anfangs mitten in Action rein, aber schnell wird deutlich, dass es sich nur um eine Übung handelt. Dann folgt das Lob des Familienlebens, Kollege Wade Jennings (Danny Huston – der Film schreibt ihm mehr Raffinesse und Intelligenz zu als sein Gesicht hergibt) wird von Banning zum Essen eingeladen.

Wade hat sich selbständig gemacht mit Sentinel, einem Unternehmen, das Sicherheitstrainings anbietet, gerne den Staat zu seinen Kunden zählt.

Dann wird der Film noch ruhiger, der Präsident geht zum Angeln, weiträumig werden das Gebiet und der idyllische See abgesichert. Doch Banning hat ein Problem mit seiner Gesundheit. Der gütige Präsident – wie heutzutage so ein gutherziger Mensch Präsident werden kann, erschließt sich nicht unbedingt, einer noch dazu, der wie alle gegenwärtigen Präsidenten, einen hinterlistigen Drohnenkrieg mit präventiven Tötungen in aller Welt führt – schickt seinen wichtigsten Sicherheitsmann nach Hause. Der ist schon auf einem Boot, das ihn zum Ufer bringen soll.

Da merken auch die Autoren, dass es jetzt Zeit für eine fette Überraschung ist, es passiert ein Attentat ungeahnten Ausmaßes auf den Präsidenten, das auch seine ganzen Schutzleute eliminiert. Es ist eine recht utopische Bedrohung, die dem Präsidenten die Drohnen um den Kopf schießt. Dank kühnen Handelns von Banning überlebt der Präsident schwer verletzt und auch Banning verliert das Bewusstsein.

Weil Banning als einziger der Sicherheitsleute überlebt, ist es ein Leichtes, ihm das Attentat in die Schuhe zu schieben, umso mehr, als die Indizien- und Spurenlage gegen ihn erdrückend ist. Es muss sich um einen mächtigen Gegner, eine potente Organisation handeln, denn der Aufwand für die falschen Spuren ist gigantisch.

Ab hier geht er ordentlich konventionell zur Action. Banning ist auf sich allein gestellt, muss sich gegen seinen unsichtbaren Gegner wehren wie auch gegen die staatliche Verfolgung. Er wird auf allen Medienkanälen gesucht. Hit and run, hit an run. Immer den Verfolgern davon.

Zum Glück hat Banning in Nick Nolte einen überaus cleveren Vater, mit dem er zwar im Keinekommunikations-Modus steht, der aber offenbar Dinge vorausahnt, die niemand vorausahnen kann und der seine Hütte im Walde besser sichert als Fort Knox.

Für Action ist jedenfalls gesorgt. Und ein braver Mann wie Banning wird auch die unglaublichsten Situationen überstehen bis zum turbulenten Countdown – kämpfend wie ein Löwe.

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Wundertütenkino für Flausenmädels.

Schon in den Abspann hinein fingen bei der Pressevorführung erst die Kids, dann auch Erwachsene, an, mit ihren Händen ins Projektionslicht hinein Schattenfiguren auf das viele Grün der Leinwand zu entwerfen. Bald ein Fest aus tanzenden Figuren und eine adäquate Reaktion auf den peppigen Film von Neele Leena Vollmar nach dem Drehbuch von Bettina Börgerding nach der Romanreihe von Daniela Kohl und Alice Pantermüller.

Wundertütenkino für Flausenmädels mit oft unkontrolliertem Nichtbenimm. Lebendiges Kino, was Leben und Flausen zusammenbringt, was keinen falschen Respekt vor falscher Größe kennt, was Kreativität im Publikum offenbar direkt provoziert. Ein Kino mit Spaß an der eigenen Vergänglichkeit.

Es fängt zwar voll klischeehaft an, aber dies konsequent durchzustehen, ist dem Film zu doof, als bahne sich das Leben seinen Weg gegen die Vorgaben, die Zwänge, die Sturheit und Unbeweglichkeit des Klischees.

Ausgangslage sind einerseits typische Reichlinge und das verzogene, reitende Mädchen Berenike von Bödecker (Laila Ziegler), die die Wohnblockgören Lotta (Meggy Hussong) und Cheyenne (Yola Streese), die mit Paul (Levi Kazmaier) die Bande „Die wilden Kaninchen“ bilden, nicht zur ihrer Party einladen will.

Die dramaturgische Sprungfeder sind nun die beschränkte Anzahl Tage, die der Bande bleiben, sich etwas einfallen zu lassen, doch noch auf das Fest zu kommen. Wobei der Schlagerstar Marlon (Lukas Rieger) mit der öligen Schmachtlocke ein willkommener Prozessbeschleuniger wird. Da gibt es Wege und Irrwege, Missverständnisse und aufkommendes Misstrauen oder auch sich bildendes Vertrauen und immer fällt den Autoren noch was ein und beim Casting für die Show mit Marlon, da pfeifen Lotta und Cheyenne total auf alle Regeln.

Zudem gibt es Zufälle (auf dem Herrenklo), die Informationen freisetzen, die zur Erpessung genutzt werden können. Und am Schluss fliegen die Zuschauerhände als Schattenfiguren über die Leinwand, erheitert, ermuntert.

Das Anfangsstatement der Icherzählerin, dass sie ein ganz normales Mädchen sei, bleibt insofern stimmig, als sie den ganz normalen Wahnsinn eines Heranwachsens in chaotischer Familie mit zwei kleinen Brüdern, die ständig verkleidet im Haus rumrennen, und den Schulhofintrigen mit gesunden, selbstbewussten Reaktionen durchsteht.

Der Film erhält einen speziell persönlichen Touch, als die Szenen oft mit Handzeichnungen wie in einem Poesiealbum ergänzt werden mit Pfeilen auf die Figuren, zu denen es einen geschriebenen Kommentar gibt. Die nervig aufdringliche Musk trägt das ihre zu der quicklebendigen, niemals langweiligen Performance bei.

Feiner Running Gag ist der mit der Blockflöte, die für immer wieder neue, unerwartete Nutzungen gut ist.
Erweiterung des Wortschatzes: Potwalpoloch.

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Late-Night-Shows sind ein knallhartes, eiskaltes Fernsehgeschäft. Sie sind das Thema dieses Filmes von Nisha Ganatra nach dem Drehbuch von Mindy Kling.

Die Moderatoren müssen die Gäste und das Publikum im Eisengriff haben und doch so tun, als sei es lustig, locker und unterhaltsam. Keine Pointe kommt zufällig daher, kein Joke ist unvorbereitet oder nicht redigiert.

Eine Late-Nigh-Show muss einen Zug haben wie eine Dampflokomotive, tschpf, tschpf, tschpf, kein Nachlassen erlaubt, Pointe, Lacher, Pointe Lacher. Das Publikum will wachgehalten werden.

Aber auch eine Late-Night-Show kann Staub ansetzen. Und mit ihr der Moderator oder, da ist es vielleicht noch extremer, die Moderatorin. Hier im Film ist es Emma Thompson, die seit Jahrzehnten als Katherine Newbury mit ihrer Show erfolgreich ist. Ihre Chefin (Amy Ryan) findet, die Show – das heißt: die Moderatorin – habe Staub angesetzt. Sie kündigt ihr das Ende der Show an. Das dürfte eine Situation sein, mit der ältere Schauspielerinnen zusehends konfrontiert sind.

Der Film zeigt, wie eine Emma Thompson sich einerseits als kraftvolle, unverwüstliche Schauspielerin durchsetzt, das ist vielleicht identisch mit der Energie von Katherine, der erfolgsverwöhnten. Es ist eine Wucht, mit der Thomson mit allen Showraffinessen ausgestattet diese Katherine stemmt.

Damit das jetzt nicht zu showlastig kalt und unnahbar wird wie eine Late-Night-Show selbst, damit es nicht, was die Eigenart von solchen Shows ist, nur an einem abperlt, hat Autorin Mindy Kaling der Story einige Melomomente beigemischt, so dass Thomson in der Regie von Nisha Ganatra spielend leicht sogenannte „echte“ private Momente entstehen lassen kann.

Als Gegenpol zur harten und von Männern dominierten Show-Welt holen sie Molly Patel (Mindy Kaling) aus Louisiana (was selbstverständlich wie vieles andere auch für Wortspiele ausgeschlachtet werden muss).

Molly ist eine indigene Amerikanerin, die Unschuld und Naivität vom Lande, die in einer Chemiefabrik, was auch andaudernd präzisiert werden muss, arbeitet. Sie hat am schwarzen Brett gelesen, dass die Show von Katherine Autorinnen sucht.

Was folgt ist teils vorhersehbar, da sie das Unvoreingenommene, das Lebenspraktische, auch das weiblich Fühlende verkörpert und so den Macho-Laden mit der Frau an der Spitze durcheinanderbringt, den Staub, der sich festgesessen hat, aufwirbelt.

Zusammen mit einem Leak über einen Seitensprung in einem Moment der Verzweiflung, der der großen Show-Masterin die Gelegenheit gibt, sich fühlig und menschlich zu zeigen und somit, das darf gewiss verraten werden, es ist schließlich ein Märchen, ihre Show retten wird, so dass Katherine es weiterhin als ein Privileg annoncieren kann, dass sie die Zeit ihrer Zuschauer in Anspruch nimmt.

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Die hervorragende Qualität von Sophie Kluge, der Autorin und Regisseurin dieses Filmes, scheint die zu sein, ein überzeugendes Exposé zu schreiben, welches den fördernden Gremien – und es sind ihrer mal wieder eine ganze Reihe – und Rundfunkzwangsbeitragtreuhändern das Projekt in schillerndsten Farben und vermutlich Halbgelehrtendeutsch nahe bringt, auf die gesellschaftliche Relevanz des Filmes hinweist, und wie sie gedenkt, die Orientierungslosigkeit der Generation der „Twenty and Somethings“ auf der Leinwand deutlich werden zu lassen, auch mit Einbezug der älteren Generation, die nicht weniger desorientiert in der Welt steht.

Leider lassen Kluges Realisierung von Buch und Regie jegliches Händchen fürs Drehbuchschreiben, das Inszenieren und auch die Besetzung der Rollen vermissen, wobei vermutlich Katja Dringenberg mit dem Schnitt und die leinwandpräsente Protagonistin Ava noch die sind, die dafür sorgen, dass nicht schon bei der Pressevorführung Scharen den Saal verlassen haben.

Als Rat sollte man Sophie Kluge mitgeben, vielleicht erst mal das Leben, auch das im Theater, genauer anzuschauen, die Menschen zu studieren und sich dann vielleicht ans Drehbuchschreiben zu wagen.

Es verwundert auch, dass der renommierte Verleih Fox den Film in sein Programm aufnimmt, vielleicht kurzfristige Kompetenzausfälle bei dessen Management?

Im Exposé oder in der Synopsis liest es sich vielleicht ganz vernünftig. Es handelt sich um eine junge Frau, und man habe mit Henriette Confurius als Ava eine großartige Protagonistin. Ava kehrt offenbar nach längerer Zeit von irgendwoher mit zwei Taschen in die Wohnung ihrer Mutter zurück. Diese ist geschieden, Schauspielerin und hat einen undefinierbaren Liebhaber.

Kaputte Familienverhältnisse und dagegen das Theatermilieu, das kommt bei Förderern und Fernsehredakteuren per se schon mal gut, egal wie haarsträubend unglaubwürdig das nachher inszeniert wird.

Die Mutter ist gar nicht da, die Tochter hat noch einen Schlüssel, sie bleibt in der Wohnung. Anderntags kommt eine englisch sprechende Zugehfrau, sie kennt die Tochter nicht oder meint, sie sei viel jünger, so richtig klar wird das nicht wie vieles anderes auch, jedenfalls ist die Inszenierung dieser Begegnung nicht kinoreif zu nennen. Das sieht nach fürs TV-erfundenen Menschen zu einem Themenfilm aus. Was die Autorin damit erzählen will, dass die Tochter in der Wohnung spült und putzt, ist nicht so klar oder nur um zu erklären, warum in späteren Szenen die Wohnung aufgeräumt ist? So reiht sich Unglaubwürdigigkeit an Unglaubwürdigkeit.

Ava sucht einen Job. Über die Beziehung der Mutter kann Ava am Theater hospitieren. Man würde denken, die Autorin habe nie ein Theater und Theatermenschen von innen gesehen, so papieren wird das dargestellt. Oft ist unklar, läuft jetzt gerade eine Vorstellung oder ist lediglich Probe.

Aus den Dialogen
„Du musst aber das andere Auge auch schminken“.
„Kann ich noch etwas vom Salat haben“.
„Du, der Gunter hat angerufen, ob du das Fax gelesen hast“.

Der Film wäre vermutlich nur über das Exposé oder die Synopsis zu retten, welche allenfalls mit mühsamer Puzzlearbeit anhand des Filmes rekonstruiert werden könnte. Kino für Exposérater. Diese Art Kinogänger dürfte allerdings eine äußerst rare Spezies sein, am ehesten noch unter Kritikern zu finden.

Geistesgeschichtliches Ausstattungs-Statement der Regisseurin: ein Plakat mit dem Namen Theodor Adorno hängt verloren an einer Wand.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Deutschland und der Holocaust und kein Ende. Die letzten Holocaust-Überlebenden sind am Sterben. Oder wabern noch durch die Republik. Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) lebt ein sinnfreies Leben in Berlin. Sie hat als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt. Sie wird auch noch das Rauchen überleben, antwortet sie ihrem Arzt (Johann Campean), der sie als gesund diagnostiziert. Sie will sich umbringen.

Mit ihrer Generation der Deutschen will sie nichts zu tun haben. Das sind die Mörder der Juden, das ist die Tätergeneration.

Dafür ist sie mit ihrem Agnostizismus, ihrem wachen Geist und ihrer Präsenz bestens angesehen bei der jüngeren Generation, Freunden und Freundinnen ihrer Enkel. Trotzdem möchte sie sich umbringen.

So weit lässt Anatol Schuster (Luft) es dann doch nicht kommen. Er führt sie mit einer farcehaften Szene in Versuchung. Es ist eine neue Variante des Trickbetrugs alten Leuten gegenüber. Ein junges Paar passt Frau Stern mit Kuchen an ihrer Wohnungstür ab, sie seien die neuen Nachbarn. Sie möchten gute Nachbarn sein, hätten aber noch keine Kücheneinrichtung, ob sie bei ihr Kuchen essen können. Es ist billiger Kuchen, wie sie später feststellt. Das Gaunerpärchen klaut den Wohnungsschlüssel, um später bei ihr einzubrechen.

Da liegt Frau Stern gerade angezogen in der Badewanne, ein weiterer Versuch selbstbestimmten Abganges. Sie hat ein besseres Verhältnis zu ihrer Enkelin Elli (Kara Schröder) als zu ihrer Tochter (Nirit Sommerfeld). Hier werden biographische Überschneidungen zwischen Film und Leben virulent. Nirit ist die leibliche Tochter von Ahuva Sommerfeld, die hier im hohen Alter ein sensationelles Filmdebüt hinlegt, ihre erste und einzige Filmrolle, denn inzwischen ist sie gestorben.

So wird der Film wiederum zu einem Dokument über ein nicht so schnell zu erledigendes Kapitel in der deutschen Geschichte. Und Anatol Schuster bringt dem deutschen Kino etwas von der jüdischen Sinnlichkeit zurück, die diesem vor Jahrzehnten abhanden gekommen ist.

Nach „Luft“ hat sich Schuster auch hier einen wunderbaren Cast ausgesucht, sei es der Frisör (Murat Seven), der sich bestens versteht mit Frau Stern oder der Obdachlose, der jammert (David Tobias Schneider) und wofür Frau Stern nur Zynismus übrig hat, das sei halt sein Schicksal, das Trickdiebpärchen (Gina Haller und Max Roenneberg) oder der Fernsehmoderator (Robert Schupp) mit seiner Anti-Einsamkeitssendung, die Frau Stern sprengen wird. Auch der Sportler-Freund (David Hugo Schmitz) ihrer Enkelin. In der Besetzung all dieser Figuren zeigt sich eine ungewöhnliche Sinnlichkeit. Frau Stern kann nicht verstehen, warum Männer alten Frauen keinen Hunger nach Liebe zutrauen; für Männer gibt es doch auch den Puff. Und: es gibt auch kluge Deutsche!

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Thriller von Yuval Adler nach dem Roman „The English Teacher“ von Yiftach Reicher Atir vor hochbrisantem weltpolitischen Hintergrund, vor dem Konflikt Israel-Iran, vor dem explosiven Nahostkonflikt mit Diane Kruger als Anne, eigentlich Rachel; sie wird zum Epizentrum der Mossad-Operation „Business as usual“.

Mit ihrer durchwachsenen Biographie, geboren in Australien, sie behauptet adoptiert zu sein, dann plötzlich in Canada, passt sie nicht ganz in das Schema der Agenten. Aber der Irankonflikt verlangt nach besonderen Lösungen. Sie ist ungebunden. Sie hat eine chamäleonhafte Anpassungsfähigkeit an ihre Umgebung und an ihre Rollen. Aber sie ist auch eine innerlich nicht gefestigte Frau, die nie das Gefühl hat, das zu tun, was sie wirklich wollte. Insofern ist sie verführbar, benutzbar, einsetzbar. Aber eben auch unberechenbar, wenn, was für einen Agententhriller höchst selten ist und spannungserhöhend, weil riskant, sie einen Entwicklungsprozess durchmacht.

Das passiert aus dem Grund, weil sie persönliche Beziehungen von Mensch zu Mensch ernst nimmt, weil sie nicht die kalte Killeragentin ist, wobei sie in ihrer Unsicherheit auch nicht davor zurückschreckt, einen Zeugen mit einer kleinen Injektion in den Hals ins Jenseits zu befördern.

Das ist die Krux mit ihr, dass sie menschliche Beziehungen sucht und lebt. Ebenso mit Thomas (Martin Freeman), ihrem Anwerber und direkten Vorgesetzen. Sie ist wach und ist in der Lage, die Schönheiten eines Ortes zu sehen und zu schätzen, ob das bei einem Mossad-Treffen in Israel ist oder das Leben in Teheran, wohin sie als Englisch-Lehrerin geschickt wird, auch wenn sie kein Persisch lernt, sie findet Zugang zu den Menschen, lernt deren Liebenswürdigkeit schätzen.

Über diese Eigenschaft kommt sie in Kontakt mit einer wertvollen Zielperson des israelischen Geheimdienstes, mit Farhad (Cas Anvar), dem Mitinhaber von Razavi-Electronics, wobei sein älterer Bruder das Sagen hat. Die Israelis wollen diese Firma zum sich dessen nicht bewussten Zwischenglied für ihre Iran-Aktivitäten ausbauen. Dem kommt entgegen, macht es aber noch schwieriger, dass Anne mit ihm ein – ehrliches – Verhältnis anfängt.

Das löst Nervosität bei den Diensten aus, auch im Safe-Haus in Köln (Deutschland ist einer der Mitproduzenten dieser israelisch-französisch-deutschen Koproduktion).

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Great Vibe

verströmen nicht nur die individuellen und hingebungsvoll hergestellten Gitarren von Rick Kelley, dem Gitarrenbauer aus dem Greenwich Village in New York, great Vibe verströmt die Doku von Ron Mann nach dem Drehbuch von Len Blum über diesen Gitarrenbauer. Sie wirkt wie ein ruhige Studie.

Eingeteilt in die fünf Arbeitstage einer Woche gibt es Einblicke in Atmosphäre und Betrieb in diesem kleinen Laden. Es arbeitet noch die Mutter von Rick mit, die macht die Abrechnungen, und Lehrtochter Cindy, die aber auch schon fünf Jahre hier ist, zufällig, sie hat Kunst studiert und stößt auf das Geschäft.

Das ist ein Betrieb, der sich nicht nach Lehrbuch und Stellenausschreibung betreiben lässt. Individualität gibt hier den Vibe, diese ganz besondere Atmosphäre vor: die der Hingabe an den Bau von Gitarren, eine Atmosphäre ohne Ärger, Feindseligkeit, Animosität, Pikiertheit, Neid, Konkurrenzdenken, Umsatzdenken.

Es geht darum, immer wieder neue, aufregende Gitarren zu bauen und auch individuell zu verzieren. Rick ist ein Sammler von altem New Yorker Holz wie auch von Holzbearbeitungsinstrumenten. Aus Abbruchhäusern oder nach einem Brand besorgt er sich das Holz. Das stammt aus dem 19. Jahrhundert, die Holzstücke sind gekennzeichnet nach Alter und Fundort.

In der Woche der Dreharbeiten besorgt Rick sich ein Traumstück aus der McSorley Bar, deren Motto ist: „Wir sind länger hier als du“. Ein Stück von einem Tresen mit Spuren des Kneipenlebens wird unter den geübten Händen von Rick zu einer Gitarre, die noch am Freitag weggeht an den Gitarristen aus der Bob Dilan Band.

Der Filmemacher hält sich zurück mit Interviews. Er lässt die prominenten Kunden, bei uns dürfte Jim Jarmusch der bekannteste Name sein, Fragen stellen, sich erkundigen oder selbst erzählen oder mit dem Gitarrenbauer über Musik und Gitarren sich unterhalten. So entsteht ein weiteres Teil des Vibes dieser Gitarren, des Ladens und seiner Atmosphäre. Da die Kunden die Gitarren auch ausprobieren, gibt es großartige Musikmüsterchen für die Tonspur und man fängt an zu kapieren, was der Unterschied von Instrument zu Instrument ist, was die Individualität einer Gitarre ausmacht.

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Surreal im Dekor gefangen.

Der Dekor hat‘ s in sich in diesem Film von Alice Waddington, die mit Brian DeLeeuw und Nacho Vigalondo auch das Drehbuch geschrieben hat.

Der Dekor wird zur gestaltenden und fesselnden Macht in seiner rosenrankenumfangenen Leinwandfülle. Es ist die Fesselung, die eine männlich-höfisch dominierte Gesellschaft hübschen jungen Frauen, die sie ehemäßig einfangen und binden will, angedeihen lässt.

Es geht um Uma (Emma Roberts). Sie soll einen Reichling heiraten. Die Mutter hat das eingefädelt. Es ist das ewige Thema Heiraten aus Passion oder Heiraten aus Kalkül, was dieser Film in fantastisch surrealen Bildern illustriert.

Es ist eine prunkige, höfische Gesellschaft, der Hochzeitsball von Uma, mit dem der Film anfängt, spanisch-althergebrachter Stil, männerdominiert mit zu fantastischen Bildern geschmückten und hergerichteten Damen, Tanz und Musik.

Die Braut soll die Treppe hoch zum Bräutigam. Hier fängt der Einschub zwei Monate früher an. Uma wird nach Paradise Hill, auf einer romantisch-felsigen Insel gelegen, eingeliefert, wie mir scheint, ein exklusives Institut zur Bändigung und Formung von Frauen, die zur Heirat ausersehen sind, um ihre Anpassung an die Herrengesellschaft zu perfektionieren.

Es ist ein mit Dienern in weißen Anzügen straff geführter Ort. Die Diener wirken mehr wie Roboter, die Damen, es sind dies in direkter Nähe Amama Yu (Awkwafina), Amarna (Alza González) und Chloe (Danielle Macdonald), werden wie Patientinnen behandelt. Sie machen Gymnastikkurse und andere gehobenere Tätigkeiten wie Singen, Fitness, Schönheit; der Ort nennt sich Therapiezentrum für geistige Heilung, sprich Anpassung der Frau an die Herrengesellschaft.

Das wird der Konflikt von Uma: wie sich verhalten? Denn sie hat ihren einfachen Lover. Und auf der Insel gibt es ein Rettungsboot. Sie verbündet sich mit ihren neuen Freundinnen. Wird sie den Ausbruch wagen? Kann sie den raffinierten Fängen der Herrin der Insel, der Herzogin (Milla Jovovich), entkommen, dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck der Ehe entkommen? Wird sie es wagen? Hat sie gegen dieses perfektionierte Netz-, Ranken- und Benimmwerk eine Chance?

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Vom Ernst des Lebens und vom Rausch der Spielefantasie

erzählt dieser Film von Lino DiSalvo, der mit Blaise Hemingway, Greg Erb und Jason Oremland auch das Drehbuch geschrieben hat.

Die Rahmenhandlung findet im Ernst des Lebens statt. Marla hat gerade ihren ersten Pass bekommen und träumt vom Reisen und von Abenteuer. Sie weiht ihren kleinen Bruder Charlie in das Geheimnis ein. Sie hat Angst davor, es ihren Eltern bei deren Rückkehr zu offenbaren.

Statt der Eltern klingeln zwei Polizisten. Ein Unfall. Marla wird in den nächsten 4 Jahren die Verantwortung für ihren Bruder Charlie übernehmen, sie wird zur ernsthaften Früherwachsenen, übernimmt Elternverantwortung.

Charlie ist im Playmobil-Alter. Er entdeckt einen Eingang zu einer Spielzeugausstellung. Er will seine Schwester vom Sinn des Spielens überzeugen und dass es nicht nur den Ernst des Lebens gebe. Er lotst sie in die geschlossene Halle.

Dort verwandelt er sich in einen Playmobil-Vikinger und sie sich in eine matronenhafte Playmobil-Frau. Sie geraten in entfesselte Playmobil-Welten. Er wird in einer Schlacht zum Wikinger-Helden. Den merkt sich Herrscher Maximus, lässt ihn kidnappen und will ihn mit anderen Gefangenen für seine Spiele im Kolosseum dem Vergnügen der Massen und einem Ungeheuer vorsetzen. Maria setzt sich mit dem Detektiv Rex Dasher auf Brüderchens Fersen und wird erleben, dass Abenteuer zum Leben gehört.

Im Gegensatz zum The Lego Movie 2 bleibt Lino DiSalvo stets der Playmobilephilosphie seines Erfinders Horst Brandstätter, dem der Film auch gewidemt ist, treu, dass die Kinder mit ihrer Fantasie die Figuren zum Leben erwecken sollen.

Stets bleibt Raum für die Vorstellung, dass es Kinder im Kinderzimmer sind, die die Figuren in die Hand nehmen und mit denen die wildesten Reisen und Verfolgungsjagden durch alles, was sie an Settings haben, ausführen, ob moderne Autobahn, ob Wildwestdorf, Jurassic Dschungel, moderne Hightech-Überwachungs- und Sicherungswelt oder eben Wikingerschlacht oder Wunschfeewelten mit Einhorn und fliegendem Teppich.

Musical-Elemente tragen mit zur Leichtigkeit des spielerischen Ernstes oder des Ernstes beim Spielen bei, auch während des Abspannes wird nochmal die Spielephilosophie peppig reflektiert.

Bildnerisch wirken die animierten Playmobil-Figuren nach dem Prinzip der Marionetten, was bei einem Wildwest-Ritter die Erinnerung an Lucky Luke weckt. Von unschätzbarem Wert in der Unterstützergruppe für Maria wird sich der Imbissfahrer Del erweisen. Und da es eine Spielwelt ist, warum soll das Heu nicht pink gefärbt sein?

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