Softi oder Kulfi,

das sind zwei gegensätzlich Eisvarianten in Indien, die in diesem Film von Ritesh Batra hocherotisch aufgeladen werden. Sie stehen für Pole von Männlichkeitsbildern, von männlicher Haltung zur Liebe innerhalb der indischen, von den Familien bestimmten Beziehungsanbahnung.

In Indien gelten nicht die (freien) Wahlverwandschaften, ist der Magnetismus im Spiel der Liebe nicht frei. Hier haftet der Liebe etwas Antimagnetisches an, der Liebe zwischen dem Photographen Rafi (Nawazuddin Siddiqui) und der Ökonomiestudentin Miloni (Sanya Malhotra). Ihre Herzen ziehen sich an, die Umstände stoßen sie ab.

Diesen spannenden Schwebezustand nutzt Batra, um fast zwei Stunden Kino bannend zu überbrücken. Denn die Künftige von Rafi muss dem Oberhaupt ihrer Familie, das ist Oma Dada, die weit entfernt in der Provinz in Kanpur wohnt, genehm sein. Oma nimmt schon ihre Medikamente nicht mehr, weil Rafi immer noch keine Frau habe.

Das ist das Hauptthema des Buschtelefons zwischen dem Dorf und den Wanderarbeitern in der Stadt, die eng in einer bescheidenen Bleibe zusammenwohnen. Sie schicken regelmäßig von ihrem Verdienst Geld nach Hause. Doch das Wenige, was Rafi als Touristenfogograf am Gateway of India verdient, reicht nicht, um die Schulden, die er vom Vater geerbt hat, abzubezahlen.

Miloni lernt er kennen, wie sie über den belebten Platz schlendert. Er bietet auch ihr an, ein Foto zu schießen. Sie akzeptiert passiv, desinteressiert; der Antimagnetismus liegt in der Luft, aber der Magnetismus ist nicht weniger spürbar.

Das gemeinsame Requisit, das Photo, ist nun im Spiel, sie nimmt es und geht davon, ohne Dank, ohne zu bezahlen. Das Foto wandert durch die Spielhandlung, treibt sie voran, es wirkt als ein Katalysator, auch als ein Vorwand für Lügen, als ein Grund für Oma, in die Stadt zu fahren und die Schwiegertochter in Augenschein zu nehmen. Dabei ist dem allem nicht so.

Aber der Magnetismus führt die beiden wieder zusammen. Es ist ein besonders schönes, ausdrucksstarkes, wie ausdrucksleeres Foto, es beschäftigt die Betrachter, löst etwas aus in ihnen, wie dieser Film ausstrahlt, dass er in Indien gewiss einen Sog auf die Zuschauer ausübt. Es ist fast ein Mona-Lisa-Gesichtsausdruck auf dem Foto. Keiner kann neutral darauf reagieren.

Das sich daraus entwickelnde Verhältnis zu Rafi ist eine Liebe mit eingebautem Antimagnetismus. Das höchste der Gefühle an Berührung ist eine Fahrt im Fond einer Taxe, da berühren sich – regungs- und audruckslos – die Hände mit den Oberschenkeln des anderen.

Das indische Kino, wie Ritesh Batra es repräsentiert, kann so eine Geschichte, so einen Schwebezustand aus einem Guss erzählen, in dieses weiche, milde Licht getaucht, das zugleich Weichheit als auch Härte (Soft und Kulfi) des Erzählens vereinigt und so Schichten in den menschlichen Beziehungen ausleuchtet, die auch uns – bei allen kulturellen Unterschieden – nicht fremd sein dürften. Auch Campa Cola und Samosa sind mit Liebeshinweisen versehen.

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