Archiv für 11. Juli 2019

Ganz eigene, qualitätsvolle Filme. Polen taucht ein in Urängste. Aus Britannien ein Aufruf zu Bewahrung von Kulturgütern. In Indien ist die Liebe immer noch familien- und standesbedingt. In Palästina gib es eine erfolgreiche Daily-Soap. In Frankreich wehren sich Frauen gegen Demütigungen am Arbeitsplatz. In Amerika nochmal die erste Mondlandung mitfiebern. Je eine Langzeitdoku berichtet über Naturrekonstruktion in Kalifornien und eine über Kulturrekonstruktion in Deutschland. In Russland geht ein Atom-U-Boot fiktional nochmal unter. Aus Dänemark kommt eine animierte Aladin-Variante für die Kleinen. Auf DVD gab einen brasilianischen Restaurant-Grusel-Schocker.

Kino
DUNKEL, FAST NACHT – CIEMNO, PRAWIE NOC
Mit von den schmerzhaftesten Ängsten sind die um Kinder.

YESTERDAY
Können die Beatles tatsächlich schon vergessen sein?

PHOTOGRAPH
Ein zufälliges Foto als Katalysator einer Liebe, die nicht sein darf.

TEL AVIV ON FIRE
Sogar Grenzbeamte arbeiten am Drehbuch mit.

REBELLINNEN – REBELLES
Nicht in jeder Dose sind Fischkonserven.

APOLLO 11
Dokufootage-Film als aufregende Erzählung.

UNSERE GROSSE KLEINE FARM
Frappierende Idee zur Wiederherstellung von Artenvielfalt und Nachhaltigkeit.

CAMPUS GALLI – DAS MITTELALTER-EXPERIMENT
Die Rekonstruktion einer mittelalterlichen Stadt nach dem ersten Stadtplan ist ein europäisches Projekt.

KURSK
Wenn die Westler sich bei den Mittelmeerflüchtlingen ebenso hilfsbereit zeigten, wie beim Untergang eines russischen U-Bootes, sähe die Welt besser aus.

KLEINER ALADIN UND DER ZAUBERTEPPICH
Aladin ist ein abenteuerlustiger Junge, der lieber die Welt entdeckt als eine Schneiderlehre anzutreten.

DVD
THE FRIENDLY BEAST – O ANIMAL CORDIAL
Das sind keine Restaurantkritiker, die kurz vor Sperrstunde das abgelegene Lokal aufsuchen.

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Der Traum vom Paradies auf Erden,

der ist insofern biblisch, als die Plagen nicht fehlen und ihn dynamisieren.

Diesen Traum hatte die Fachbloggerin Molly Chester, die Frau des Naturfilmers John, schon lange gehegt. Sie hat Zeichnungen dazu angefertigt, als die beiden noch in einem kleinen Appartment in Santa Monica in Südkalfornien lebten.

Anlässlich einer Dokumentation über eine „Hundeherderin“, eine Frau, die viel zu viele Hunde auf viel zu kleinem Raum hält, funkt es zwischen einem Hund mit besonders treuen Augen und John. Der Hundeblick räumte jeden Zweifel aus. Molly und John nehmen ihn auf, nennen ihn Todd und versprechen ihm, dass er nie wieder seine Herrschaften wechseln müsse.

Doch dann bellt Todd tagelange, wenn die die Chesters nicht da sind. Nachbarschaftsklage. Rausschmiß. Das ist der Zeitpunkt, den Traum vom eigenen Paradiese, von der eigenen Landwirtschaft wahr zu machen.

Chesters finden ein 80 Hektar großes Stück Land, vollkommen vertrocknet und verwahrlost, etwa 80 Kilometer außerhalb von L.A. Die Chesters scheinen unternehmerisch talentiert zu sein. Sie finden einen Investor, sie finden freiwillige Helfer übers Internet, fangen mit Roden und Urbarmachung an.

Alan York ist ihr Berater der ersten Stunde, ein Naturphilosoph, der die Dynamik der Vielfältigkeit von Tier und Pflanzen als treibendes Element sieht. Die Pflanzerfolge der Chesters scheinen ihm recht zu geben. Bereits ein Jahr nach Installation von Bewässerung und Herstellung von natürlichem Dünger, regt sich das Leben auf der Farm vielfältig.

Hochdynamisch geht es weiter. Eine Obstplantage mit Dutzenden von Steinobstsorten, ein Teich, Hühner (die Eier sind der erste Verkaufserfolg), Schafe, ein Bulle, Fische.

Wo aber die Natur den Tisch reich deckt, da zieht sie weitere Lebewesen an. Das Gleichgewicht wird bedroht. Koyoten schlagen massenweise Hühner. Fische im Teich sterben, wegen der Exkremente von Enten. Vogelschwärme fressen die Äpfel weg. Gegen jede Plage hat die Natur ein Gegenmittel.

Den größten Gewissenskonflikt verursachen John die Koyoten. Einmal schießt er einen ab. Das ist aber nicht im Sinne der Yorkschen Theorie. Auch gegen Koyoten lässt sich ein Mittel finden.

Es ist ziemlich unglaublich, welch vielfältiges Leben sich in den 7 Jahren auf der Farm entwickelt, in denen John den Aufbau dokumentierte. Er lässt auch die Momente nicht aus, in denen sie der Verzweiflung nahe sind und ans Aufhören denken, wie York stirbt, oder wenn die Koyoten wieder Dutzende von Hühner reißen oder wenn Schnecken die Bäume befallen. Aber immer hat die Natur ein Gegenmittel bereit.

Der Film leistet einen höchst dynamischen Beitrag zum Thema nachhaltige Landwirtschaft, wenn er auch auf die finanzielle Seite so gut wie nicht eingeht. Beim Arbeiten sieht man die Chesters auch selten. Gut, dann können sie ja nicht filmen.

Und sicher gibt es schöne Naturaufnahmen, die mehr von Idylle und Glück der Tiere erzählen, als vom brutalen Kampf ums Gleichgewicht, der auch mit Ende des Filmes keineswegs beendet ist. Immerhin sind die Chesters an der Feuersbrunst vorbeigeschrammt und sintflutartige Regenfälle hat ihre reiche Erde geschluckt wie nichts, keine Erosion, nur Auffüllen des Grundwassers. Die Krume ist der eindeutigste Beweis für die gedeihliche Arbeit: beim Kauf des Grundstückes ist sie hart wie Beton. Sieben Jahre später besteht sie aus einem einzigartigen Reichtum aus Mikroben und Würmern und Leben, ist fast flauschig wie Daunen zu nennen.

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Ein europäisches Projekt

ist das Campus Gallus bei Messkirchen, das Reinhard Kungel mit seinem Dokumentarfilm in der Art einer informativen Broschüre vorstellt, nicht – vorerst nicht.

Der Keim zum paneuropäischen Projekt steckt allerdings in ihm. Es geht um die Rekonstruktion einer Stadt nach dem architekturgeschichtlich ersten Stadtplan in Europa, um den St. Galler Klosterplan nach der Methode „wie damals“. Sie versuchen, Techniken von damals nachzuerfinden. Wobei immer der Vorbehalt im Raume steht, dass es sich möglicherweise um die Rekonstruktion einer Realität handelt, die es so nie gegeben hat.

Womit zukunftsweisend schon eine Richtung gegeben wäre für das Ziel des Projektes Campus Galli. Denn die Frage stellt sich mit der Errichtung des ersten Sakralraumes. Der soll ja nicht einfach religiös genutzt werden und die Museumsidee ist auch nicht überzeugend.

Die Idee des Vereins von Campus Galli ist es – es begann 2013 und immer über den Sommer wird gearbeitet – mit Techniken und Materialien von damals eine Stadt nach dem Klosterplan von St. Gallen aus dem Boden zu stampfen, daür einen Wald urbar zu machen, die entsprechende Landwirtschaft zu betreiben, die die richtigen Pflanzen für Dachdeckungen zu züchten.

Es ist ein Experiment, das sich selbst finanzieren soll. Wie bei solchen langfristigen und groß denkenden Projekten wenig überraschend, gibt es in Messkirchen Widerstand. Das Projekt ist von den Eintrittsgeldern der Besucher abhängig. Es bezahlt einen Teil der Handwerker, Schreiner, Glockengießer, Korbmacher, Uhrmacher, Imker, Steinmetze, Töpfer, Schindelmacher.

Ein Teil der Mitarbeiter sind freiwillige Helfer. Das Projekt hat kein bemerkenswertes Werbebudget. Ein schlechter Sommer kann die Bilanz verhageln. Noch schießt die Stadt Messkirchen Geld zu.

Es gab auch Probleme im Team, das droht, das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren. Es fehlt im Moment ein spektakulärer, werbwirksamer Aufhänger. Der dürfte spätestens dann gegeben sein, wenn die Rekonstruktion der Klosteranlage als Steinbau in Agnriff genommen wird. Denn Skriptorium und Stiftsbibliothek von Kloster St. Gallen entwickelten sich im „Goldenen Zeitalter“ von 816 bis 926 zu einem geistig-europäischen Zentrum, wie man das aus heutiger Sicht bezeichnen könnte.

Damit wäre Platz für die Geistesfraktion, dann könnte die Idee europäisch fortgesponnen werden mit der Anfertigung von wissenschaftlichen Texten und Analysen, heutigen!, und auch dem Kopieren von Büchern für die Bibliothek und für die europäische Idee,

Eine erste Kooperation hat sich nach Jahren bereits mit der Universität Tübingen ergeben. Das dürfte nicht das Ende der Fahnenstange sein. Es sieht so aus, als wüchse das Projekt nach vielen Kinderkrankheiten ins Spektakuläre hinein, weit über die Attraktivität von Freizeitparks und Disneylands hinaus. Das Potential hat es, besonders, wenn man die europäische Perspektive in Betracht zieht.

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Dichtes britisch-süßes Gefühlskino als Votum und Aufruf zur Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses und kultureller Werte am Beispiel der Beatles-Songs und untermauert mit einer etwas schablonenhaft erfundenen Liebesgeschichte verbunden mit ebensolchem Musikbusiness-Bashing.

Der Aufstieg der Beatles war raketenhaft. Das dokumentiert eindrücklich der Film The Beatles – Eight Days a Week – The Touring Years. Mit der Naturgewalt eines Tsunamis schwappte die Beatles-Welle unkalkuliert und unkontrolliert über den Erdball.

Danny Boyle erzählt eine andere – fiktionale – Geschichte nach dem Drehbuch von Richard Curtis und Jack Barth. Er fängt in einer Welt – so ziemlich heutig – an, in der die Beatles vergessen sind, verlorenes Kulturgut, keiner kennt sie mehr, die wer?

Jack Malik (Himesh Patel) ist ein Möchtegernmusiker. Er stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Er jobbt in einem Einkaufszentrum. Die Kunden mögen ihn, der Chef nicht. Seine Freundin aus Kindheitstagen ist Ellie Appleton (Lily James). Sie ist gewissenhafte Lehrerin und überzeugt vom musikalischen Talent von Jack. Sie ist seine Managerin, versucht für ihn Auftritte zu organisieren. Es erscheinen nur Freunde und Bekannte.

Jack erinnert sich an die Beatles. Er versucht ihre Songs zu erinnern und zu singen. Patels Stimme ist wunderbar. Den ersten Versuch startet er im engsten Familienkreis. Er kommt nicht über die erste Zeile hinaus. Die Kleinbürger kapieren nicht die Größe dieser Musik. Ständig wird Jack unterbrochen. Es ist zum Verzweifeln. Boyle erzählt damit rührend, wie schwer es ein Genie haben kann, das von lauter Laien umgeben ist, wie kulturell leicht Perlen vor die Säue geworfen werden, ein gewisserweise kulturpessimistischer Ansatz, der sich auch in der romantisierenden Bildgestaltung niederschlägt, die sieht nach Nostalgie aus, nach Wehmut.

Jack ist die Musik das Wichtigste. Ellie glaubt an ihn. Aber sie liebt ihn auch. Er bemerkt das nicht. Er denkt nicht dran. Das Talent bahnt sich trotzdem seinen Weg. Da einer, der ihn entdeckt und dort einer. Bis das große Musikbusiness aus L.A. auf ihn aufmerksam wird.

Das sind sichere Nummern in einem Film, wenn bei der kleinen Familie plötzlich der berühmte Musikstar Ed Sheeran (als er selbst) auftaucht, weil er ein Lied von Jack gehört hat, die Ungläubigkeit seiner familiären Umgebung. Solche Gegensätze verkaufen sich leicht auf der Leinwand. Genauso wie der anschließende Raketenstart ins Geschäft zuerst als Vorgruppe von Ed Sheeran in Moskau („Back in the USSA“). Bald schon wird Sheeran Jack zum größeren Talent verklären.

In Amerika kümmert sich die eiskalte Agentin Debra Hammer (Kate McKinnon) um ihn, auch sie ziemlich klischeehaft gezeichnet, was durch die deutsche Routinesynchro noch verstärkt wird. Am Musikhimmel schraubt Jack sich immer höher. Ein Liebesleben hat er nicht. Seine Jugendfreundin ist längst mit seinem ersten Entdecker zusammen. Dieser Mangel bewirkt im Star eine Leere, ein Umdenken, eine Erkenntnis, die zu einem rührenden Finale hochgeschraubt wird: die Liebe siegt und die Ehrlichkeit auch.

Hier macht sich selbstverständlich auch das Mozart-Salieri-Motiv gut, gibt vielleicht sogar einen Hinweis auf eine mögliche Quelle von Inspiration zu diesem Film („Amadeus“ von Peter Schaffer und dessen geniale Verfilmung durch Milos Forman).

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In mildem Lichte.

Nicht für Parteinahme, nicht für Propaganda im never ending Nahostkonflikt (wie du mir, so ich dir, ewige Rache etc.) hat sich Sameh Zoabi mit seiner sanften Komödie entschieden, er macht lieber einen Film übers Geschichtenschreiben und Geschichtenerzählen am Beispiel einer palästinensischen Daily-Soap-Opera, die auf zwei Grundannahmen fußt, dass der Menschen einen Hunger nach Geschichten aus seiner Lebewelt hat und dass jeder Mensch eigentlich nur in Frieden und Liebe leben möchte, sich mit möglichst wenig Imponderabilien zurechtwurschteln unter den vorgegebenen Umständen, vielleicht selber noch ein bisschen wichtig sein möchte und eine gewisse menschliche Anerkennung braucht.

Es ist auch ein herzerwärmender, humorvoller Film über die Wechselwirkung von Leben und Geschichte, von Leben und täglicher Fernsehserie, was zeigt, wie wichtig Geschichten – als Reflektion des Lebens – im Alltag sein können, wie Grundnahrungsmittel.

Ramallah – selten genug – ist Dreh- und Haupthandlungsort der palästinensischen Fernsehserie „Tel Aviv on Fire“. In einem Fernsehstudio wird hier in familiärer Atmosphäre gedreht. Die Serie wird aber nicht nur in Palästina, sondern auch in Israel und auch hier vornehmlich von Frauen geschaut. Es ist für sie ein sakrosankter Termin.

Die Serie spielt 1967. Es ist eine Liebes- und Spionagegeschichte. Die Palästinenserin Tala (Lubna Azabal), die in Frankreich lebt und hier Gaststar ist und ein Verhältnis mit Marwan (Ashraf Farah) hat, soll sich in Israel an General Yehuda Edelman (Yousef ‚Joe‘ Sweid) heranmachen und herausfinden, was die Pläne Israels sind. Es dürfte sich also um die Zeit vor dem 6-Tage-Krieg handeln.

Die über allem dräuende Frage wird sein, ob sich dabei eine Liebesgeschichte entwickelt, ob es einen Kuss, und zwar keinen trockenen, ‚arabischen‘, gibt, ob eine Hochzeit zustandekommt.

Der Ideen werden mehr, denn plötzlich bekommt das Drehbuch neue und mehrere Köche. Salam Abbass (Kais Nashif) stößt als neuer Sprachcoach für Hebräisch zum Team. Er ist ein Araber, der in Israel wohnt und täglich die demütigenden Grenzkontrollen zum Westjordanland passieren muss. Dabei entdeckt Grenz-Kommandant Assi Tzur (Yaniv Biton) das Drehbuch. Ab jetzt wird auch er inspirierend hineinwirken. Er will aber kein Geld, sondern Humus. Und er wird nicht der einzige Influencer bleiben.

So verwickeln sich Leben und Geschichte, Grenzermacht und männliches Geltungsbedürfnis, weibliche Einflussnahme und Divengehabe zu einer zärtlichen Melange an Liebeserklärung ans Serienmachen, aber auch an die Menschen in Nahost, die seit Jahrzehnten unter unzähligen Menschenopfern und dem unlösbaren Konflikt leiden.

Und wie es sich für das Kalkül einer sich rechnen sollenden Serie gehört, muss das Ende so sein, dass unbedingt eine zweite Staffel nötig sein wird – la lotta continua.

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Ich nicht auch.

Während die deutsche Filmkultur immer mehr durch das Subventionswesen und den Fernseheinfluss stranguliert wird, blüht die französische, bringt eine cineastische Blumenwiese von großer Artenvielfalt hervor, wie beispielsweise diese Gute-Laune-Komödie zum saisonalen Gebrauch, die wohl auch bei uns bei einem lachbereiten Publikum ganz gut ankommen könnte, in Frankreich müsste inzwischen bei den Zuschauerzahlen die Millionengrenze überschritten sein.

Eine ordentlich funktionierende Komödie liefert Allan Mauduit, der mit Jérémie Guez auch das Drehbuch geschrieben hat: ein sozialer Hintergrund, die Provinz und ein fantastischer Mix von Darstellern, allen voran die drei Protagonistinnen Cécille de France als Sandra Dránt, Yolande Moreau als Nadine Dewulder und Audrey Lamy als Marilyn Santos.

Sandra setzt die mitunter fröhlich kriminelle Handlung in Gang. Sie kehrt erfolglos zurück aus dem Süden nach Boulogne sur Mer. Sie war einst eine vielversprechende regionale Schönheitskönigin. Die Versprechen gingen nicht in Erfüllung, Schule abgebrochen, Lehre abgebrochen, Tänzerin (reibt ihren Po an der Stange).

Sandra kehrt zurück zur Mutter, die in einer Wohnwagensiedlung lebt, die sich „Eden“ nennt. Einen vernünftigen Job gibt es bei ihren Qualifikationen nicht. Es bleibt die Arbeit am Fließband in der Fischkonservenfabrik „La belle mer“.

Zusammen mit ihren Arbeitskolleginnen Nadine und Marilyn wird sie vom Chef Jean-Mi (Patrick Ridremont) nach Feierabend zum Reinigen der Maschine verdonnert. Vorher noch nähert sich Jean-Mi der frisch angestellten Sandra unsittlich. Das endet mit einem eher unkonventionellen Action-Knaller, der nach der Konservendosen-Ausschusswarenaktion eine ganze Verkettung, weiterer, konventioneller, krimineller Umstände in Gang setzt, denn mit Jean-Mi verschwindet auch Untergrundgeld.

Hinter diesem Geld ist eine Gang her. Das rüttelt das Leben der drei Damen durcheinander, die keine Profis sind und bei denen man mit jedem Satz befürchten muss, dass sie ein blutig-pikantes Geheimnis ausplaudern. Aber auch: sie haben das Herz auf dem rechten Fleck.

Empfänger von Fischdosen von sozialen Hilfswerken dürften nach dem Genuss des Filmes allerdings zurückhaltend reagieren, wenn ihnen künftig Ausschussware aus der Fischfabrik angeboten wird. (Mit Schaudern fällt mir ein, dass ich einmal in einer Aprikosenkonfitüre einen Fingernagel gefunden habe).

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Softi oder Kulfi,

das sind zwei gegensätzlich Eisvarianten in Indien, die in diesem Film von Ritesh Batra hocherotisch aufgeladen werden. Sie stehen für Pole von Männlichkeitsbildern, von männlicher Haltung zur Liebe innerhalb der indischen, von den Familien bestimmten Beziehungsanbahnung.

In Indien gelten nicht die (freien) Wahlverwandschaften, ist der Magnetismus im Spiel der Liebe nicht frei. Hier haftet der Liebe etwas Antimagnetisches an, der Liebe zwischen dem Photographen Rafi (Nawazuddin Siddiqui) und der Ökonomiestudentin Miloni (Sanya Malhotra). Ihre Herzen ziehen sich an, die Umstände stoßen sie ab.

Diesen spannenden Schwebezustand nutzt Batra, um fast zwei Stunden Kino bannend zu überbrücken. Denn die Künftige von Rafi muss dem Oberhaupt ihrer Familie, das ist Oma Dada, die weit entfernt in der Provinz in Kanpur wohnt, genehm sein. Oma nimmt schon ihre Medikamente nicht mehr, weil Rafi immer noch keine Frau habe.

Das ist das Hauptthema des Buschtelefons zwischen dem Dorf und den Wanderarbeitern in der Stadt, die eng in einer bescheidenen Bleibe zusammenwohnen. Sie schicken regelmäßig von ihrem Verdienst Geld nach Hause. Doch das Wenige, was Rafi als Touristenfogograf am Gateway of India verdient, reicht nicht, um die Schulden, die er vom Vater geerbt hat, abzubezahlen.

Miloni lernt er kennen, wie sie über den belebten Platz schlendert. Er bietet auch ihr an, ein Foto zu schießen. Sie akzeptiert passiv, desinteressiert; der Antimagnetismus liegt in der Luft, aber der Magnetismus ist nicht weniger spürbar.

Das gemeinsame Requisit, das Photo, ist nun im Spiel, sie nimmt es und geht davon, ohne Dank, ohne zu bezahlen. Das Foto wandert durch die Spielhandlung, treibt sie voran, es wirkt als ein Katalysator, auch als ein Vorwand für Lügen, als ein Grund für Oma, in die Stadt zu fahren und die Schwiegertochter in Augenschein zu nehmen. Dabei ist dem allem nicht so.

Aber der Magnetismus führt die beiden wieder zusammen. Es ist ein besonders schönes, ausdrucksstarkes, wie ausdrucksleeres Foto, es beschäftigt die Betrachter, löst etwas aus in ihnen, wie dieser Film ausstrahlt, dass er in Indien gewiss einen Sog auf die Zuschauer ausübt. Es ist fast ein Mona-Lisa-Gesichtsausdruck auf dem Foto. Keiner kann neutral darauf reagieren.

Das sich daraus entwickelnde Verhältnis zu Rafi ist eine Liebe mit eingebautem Antimagnetismus. Das höchste der Gefühle an Berührung ist eine Fahrt im Fond einer Taxe, da berühren sich – regungs- und audruckslos – die Hände mit den Oberschenkeln des anderen.

Das indische Kino, wie Ritesh Batra es repräsentiert, kann so eine Geschichte, so einen Schwebezustand aus einem Guss erzählen, in dieses weiche, milde Licht getaucht, das zugleich Weichheit als auch Härte (Soft und Kulfi) des Erzählens vereinigt und so Schichten in den menschlichen Beziehungen ausleuchtet, die auch uns – bei allen kulturellen Unterschieden – nicht fremd sein dürften. Auch Campa Cola und Samosa sind mit Liebeshinweisen versehen.

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Cleane Sicht auf uncleane Dinge.

Thomas Vinterberg wirft einen cleanen Blick auf die unsauberen Ding rund um den Untergang des russischen U-Bootes Kursk um 2000 in der Barentsee. Das Drehbuch hat Robert Roda nach dem Sachroman von Robert Moore geschrieben nach dem bewährten Muster für Katastrophenfilme.

Erst zeigt er seinen Helden Mikhail (Matthias Schoenaerts) in privater Umgebung, seinen Buben, der nicht ins Bett will, seine schwangere Frau Tanya (Léa Seydoux) und die Vorbereitungen zum Tauchgang der Kursk im Rahmen eines großen, russischen Militärmanövers.

Der Film ist eine belgisch-luxemburgische Produktion mit einigen deutschen Schauspielern. Matthias Schweighöfer hat eine kleinere Rolle als Pavel, der heiratet, auch das gehört zur Schilderung der heilen Welt vor der Katastrophe. Bei der Hochzeitstafel guckt er einen Moment ganz versonnen in die Kamera. Kurz vor der Katastrophe, die sich bald schon anbahnt, steht er etwas verloren zwischen den Torpedos, von denen einer eine Tendenz zur Überhitzung zeigt. Er empfiehlt seinem Vorgesetzten den sofortigen Abschuss. Aber die Vorschriften sind noch nicht erfüllt. Clean-unclean wird das abgelehnt.

Die Explosion in vielleicht 80 Metern Tiefe folgt Sekunden darauf. Unclean sind nicht nur die Reaktionen der russischen Vorgesetzen, jetzt, wo es um dem Umgang mit dem Unglück geht. Ein Teil der Mannschaft lebt ja noch, kann sich in einen sicheren Teil des U-Bootes zurückziehen.

Unclean ist auch der Zustand der gesamten russischen Marine. Das Rettungsboot kann mehrfach wegen undichter Ventile nicht andocken.

Gegen das Need der Cleanness dreht Vintenberg hysterische Momente im U-Boot mit heftig wackelnder und umherschweifender Kamera, lässt die Leute wild durcheinander schreien und schnaufen.

Die Westmächte zeigen sich vorbildlich, wie das Ausmaß der Katastrophe gegen die Vergeheimnisserei des russischen Militärs durchsickert. Sie bieten umgehend unkomplizierte Hilfe an. Wenn sie das im Mittelmeer bei Ertrinkenden auch so täten, wäre die Welt ein Stück besser. Insofern macht sich der Westen mit dem Film ein klitzekleines Bisschen was vor.

Mit einer zweimaligen Bildformatveränderung will Vintenberg kontrapunktisch auf die Enge des U-Bootes hinweisen. Im Moment, wo es abtaucht, weitet sich die Leinwand auf Breitformat und im Moment der Feststellung „Keine Überlebenden“ zieht sich das Format wieder auf das anfänglich schmalere zusammen.

Max von Sydows Kopf eignet sich hervorragend zur Zementierung des Bildes eines russischen Militärbetonkopfes.

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Drohung Schneiderlehre.

Orient. Bescheidenes Dorf. Aladin hütet die Ziege, die für die Familie etwas Milch gibt. Vater ist Schneider. Aladin träumt von der großen Stadt. Aber Vater will, dass er eine Schneiderlehre macht. Aladin möchte die Welt entdecken. Doch wer hütet die Ziege, wenn er nicht da ist?

Der Kaufmann gegenüber ist aus der Stadt geflohen, weil er die Krokodile des Sultans fürchten muss. Aber er hat einen Diamanten zurückgelassen. Den möchte er wieder zurückhaben. Er könnte ja die Ziege Suleika hüten, wenn Aladin in der Stadt für ihn nach dem Diamanten sucht. Doch wie in die Stadt kommen? Das ist weit. Der Kaufmann hat einen fliegenden Teppich. Den leiht er Aladin.

Der fliegt mit dem Teppich und mit Suleika in die Stadt. Dort trifft er auf Esmeralda in einem Heim für verlassene Kinder. Sie werden sofort ein Gespann. Der Sultan jedoch ist scharf auf den fliegenden Teppich. Ratte, der Waisenvater, klaut den Teppich und will dafür beim Sultan Oberst werden.

Aladin muss Gefahren überstehen, wird ins Gefängnis geworfen, kommt mit List wieder raus, bis sich alles klärt, denn er ist der einzige, der den Teppich zum Fliegen bringen kann.

So steuert die Animation von Karsten Killerich, der mit Vicki Berlin auch das Drehbuch nach der Geschichte von Ole Lund Kirkegaard geschrieben hat, auf ein glückliches Ende zu.

Im Gegensatz zur opulent-operettenhaften Hollywood Realverfilmung Aladdin, die ein breites Publikum mit Computeranimation zuschüttet und prunkvoll die Nähe zum Musical sucht, ist diese dänische Animation auf kleinere Kinder zugeschnitten und wird linear erzählt. Die Figuren sind einfach gezeichnet und am Kasperl- oder Puppentheater orientiert. Die Computereffekte sind lustig, aber nicht bedrohlich spektakulär.

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