Archiv für 4. Juli 2019

1 mal Superheldisches, 1 mal Musikalisches, 4 mal Politisches, 1 mal Spukhaftes, 1 mal Fußballerisches und 2 mal DDRiges. Gut nachvollziehbar und spektakuläre Superheldengeschichte aus den USA. Ein Film, der weit mehr ist als ein Musikfilm, kommt aus München. In England wird eine alte Frau von ihrer studentischen Spionage-Aktivität eingeholt. In Amerika bringt das Thema Todesstrafe zwei Frauen einander näher. In Wien glaubt ein russischer Oligarch, alles kaufen zu können. Ein Österreicher besichtigt Wunden, die der Mensch der Erde zufügt. In den USA kommt eine Puppe in eine gefährliche Artefaktensammlung. In Deutschland sucht ein leinwandunergiebiger Topfußballer Kinowirkung, blickt einer zurück auf DDR-Modisches und versucht geballte Subvention eine Babelsbergrekonstruktion. Auf DVD erschien Ryan Goslings erste Kinohauptrolle, eine polnische Fluchtgeschichte aus der Nazizeit und ein Film zum Sonderthema Geschwister mit Behinderung. Im Fernsehen gibt es fiktionale Abarbeitung an Kunsttheoremen und Geier kreisen über dem Zwangsgebührenhaufen.

Kino
SPIDER-MAN: FAR FROM HOME
Coming-of-Age mit Superheldenbegabung belastet.

SPIDER MURPHY GANG – GLORY DAYS OF ROCK ‚N‘ ROLL
Dieser Musikfilm erzählt auch eine Lebensgeschichte.

GEHEIMNIS EINES LEBENS – RED JOAN
Spionin? Das war doch für den Weltfrieden durch das atomare Gleichgewicht.

MY DAYS OF MERCY
Das Thema Todesstrafe verbindet zwei ganz unterschiedliche Frauen.

KAVIAR
Als Satire gedacht, vom Fall Strache eines Besseren belehrt.

ERDE
Der Mensch verändert die Erdoberfläche mehr als die Natur selbst.

ANNABELLE 3
Das Spukhafte soll klar machen, wie gut wir es diesseits haben.

KROOS
Ein genialer Fußballer ohne Show- und Starallüren auf der Leinwand, kann das funktionieren?

COMRADE COUTURE – EIN TRAUM IN ERDBEERFOLIE
DDR-Modenschau war nicht nur Kuhwiese, da gab es die aufregende CCD.

TRAUMFABRIK
Das deutsche Kino will wieder den großen Kinotraum träumen.

DVD
THE BELIEVER – INSIDE A SKINHEAD
Jüdischer Glaubenszwiespalt und Neonazitum.

FLUCHT AUS LENINGRAD
Heute passiert das Menschen am Rande des Mittelmeeres, hier war der Lagodasee Ort zwischen Hoffnung und Lebensgefahr.

UNZERTERNNLICH
Natürliche Wege zur Toleranz.

TV
MANIFESTO
Cate Blanchett leidet spannend an den Unzulänglichkeiten von Kunsttheorien.

BEZZEL & SCHWARZ – DIE GRENZGÄNGER – FOLGE 1
Da der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch die Haushaltzwangsgebühren zuviel Geld einnimmt, muss er ständig neue „Formate“ entwickeln, sonst bleibt das Geld liegen und er kann keine Zwangsgebührenerhöhung fordern.

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Klarheit kann für einen Spuk-, Horror- oder Dämonenfilm das Körnchen Salz sein, das ihn attraktiv macht. Und mit eineindeutiger Klarheit fängt dieser dritte Annabelle-Film (Annabelle 2) an.

Die Spuk- und Dämonenforscher Ed und Lorraine Warren (ihr ist der Film gewidmet, da sie dieses Jahr gestorben ist) haben eben die dämonische Puppe Annabelle bei einer Familie für ihre Sammlung von Artefakten besonders gefährlicher Dämonengestenstände abgeholt. Dass bei dieser nächtlichen Nachhausefahrt durch einsame Gegenden Dinge passieren, die sich im Grenzbereich des Eineindeutigen bewegen, verstärkt nur die Klarheit des realistischen Vorgangs.

Im Film selbst wird sogar eine Begründung für das Dämonische, das Übersinnliche im Zusammenhang mit der Sammlung vorgetragen: das sei der Sinn des hier Gesammelten, Dunklen: das Gute der Welt draußen umso deutlicher herauszustellen.

Die Warrens, verkörpert von Vera Farmiga und Patrick Wilson, haben ein Mädchen im Pubertätsalter. Es ist Judy (Mickenna Grace). Wobei auch das noch in den Bereich des Realistischen gehört, dass Pubertierende eine besondere Affinität zum Übersinnlichen haben.

Die Puppe Annabelle wird zuhause in der Sammlung im Keller in eine eigene Vitrine eingesperrt. Ein Pastor segnet sie, will ihre dämonischen Kräfte besänftigen. Das wird mit den Artefakten einmal wöchentlich so gehandhabt, um den Keller nicht zu unerwünschtem Leben zu erwecken.

Weiterhin wird mit überdeutlicher Klarheit erzählt, dass durch einen Zeitungsbericht die Beziehung der Warrens zum Dämonischen bekannt wird, dass im Ort getuschelt wird, Schulkameradinnen ihre Bemerkungen machen. Am Distanziertesten verhält sich Daniela (Kaie Sarife).

Eine Ortsabwensenheit der Eltern macht es nötig, dass Judy von Mary (Madison Iseman) gehütet wird. In fortschreitender Klarheit des Exposition wird verdeutlicht, dass die Artefaktensammlung keinesfalls zu betreten sei; sie ist auch mehrfach verriegelt.

Wie der Drehbuchautor, das ist Regisseur Gary Dauberman, der eine Geschichte von James Wan zur Vorlage nahm, es will, besucht Daniela Judy und wie sie es – jetzt schon sehr deutlich und breit ausgelegt – weitererzählt, verlassen Mary und Judy unter einem Vorwand das Haus mit der ausdrücklichen Warnung an Daniela, nichts anzurühren.

Nun beschäftigt der Film die beiden außer Hauses so lange, dass Daniela sich sehr, sehr, sehr viel Zeit lassen kann, das Haus zu erkunden, die mehrfach verschlossene und mit Warnschildern versehene Tür zur Artefakten-Sammlung zu entdecken, den Schlüssel mit Durchwühlen von vielen Schubladen zu suchen … um endlich Annabelle aus ihrer Vitrine zu befreien, wodurch dem Okkulten, dem Dämonischen explosiv die Seinsmöglichkeiten eröffnet werden und es sich wie in einem Irrgarten über die Beteiligten und die Leinwand ergießt und der Zuschauer sich wundern darf, wie viel Dämonentum hinter der doch arg lädierten Maske von Püppchen Annabelle schlummert.

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Das deutsche Kino möchte wieder groß träumen. Von Liebe und von großem Kino. Auch wenn es aus der Fabrik kommt. Das erzählt der Titel dieses Filmes von Martin Schreier, der mit Arend Remmers, Tom Zickler und Sebastian Fruner auch das Drehbuch geschrieben hat.

Das erzählt auch die Geschichte, die im Filmstudio Babelsberg zur Zeit des Mauerbaus spielt. Da ist Babelsberg plötzlich vom Westen abgeschnitten. Das hat unmittelbar Konsequenzen auf den Betrieb, speziell, wenn Gäste aus dem Westen engagiert sind: aus Frankreich Milou (Emilia Schüle), Omar (Nikolai Kinski) und Beatrice Morée (Ellenie Salvo González).

Das deutsche Kino will in diesem Film sich wieder trauen, Starkino zu machen, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen in den Mittelpunkt zu stellen mit vielen Großaufnahmen, Idole auf die Leinwand zu zaubern.

Das sind Milou und der Kleindarsteller Emil (Dennis Mojen), die hier zu Stars stilisiert werden. Manchmal zuckt bei Emil ein Lächeln um die Lippen wie bei Heinz Rühmann, überwiegend aber ist er auf guten alten, jugendlichen Filmhelden mit seiner Stirnlocke getrimmt. Das Drehbuch schreibt ihm immerhin einige Konflikte zu.

Zuerst sind es Sitcom- oder eher: Screwball-Geschichten, wie er sich ungeschickt im Filmbetrieb benimmt, tölpelhaft, zu dem er durch seinen Bruder Alex (Ken Duken) kommt; wobei, dass die beiden Brüder seien, mehr eine theoretische Behauptung bleibt.

Emil verliebt sich beim ersten Augenkontakt in Milou, die gerade eine Szene dreht als Zigeunertänzerin. Dadurch verliert er die Zusammenhänge im Studio aus dem Blick und stiftet teures Chaos. Er versucht sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Es gibt Liebesanbandel-Szenen mit Milou, die sind recht gut durchdacht geschrieben, wie die beiden einander einschätzen. Eine ist auch lauschig in all dem Gestänge über einem großen Studio inszeniert.

Emil erwartet Milou am nächsten Tag wieder. Doch der Mauerbau kommt dazwischen. Milou bleibt im Westen stecken; die Produktion wird gestoppt. Das Chaos, das dadurch im Studio entsteht, nutzt Emil, um sich eine Funktion als Regisseur und Autor mit Künstlernamen unter den Nagel zu reißen.

Der Film vergisst jetzt über eine Strecke den Liebesfilm und amüsiert sich dabei, zu beweisen, dass in diesem Business der Bluff wichtiger ist als jede Qualifikation.

Emil hat den gloriosen Einfall, ein Kleopatra-Projekt vorzuschlagen, bei dem Milou der Star sein wird und wieder eingeflogen würde. Funktioniert reibungslos gegen den Widerstand von Funktionärschargen (Heiner Lauterbach als Studioboss), aber ein Knaller von Stasimann gibt seinen Segen. Konflikt für Emil wird sein, dass Milou inzwischen ein Verhältnis zu Omar hat.

Das Thema Kleopatra gibt einen Erinnerungshinweis an die Monumentalfilmzeit, Kostümschinken, inhaltlich ist nicht allzuviel zu erfahren.

Die nächste Stufe der Erkenntnis des Liebenden ist die, dass seine Angebetete doch nicht für ihn sei. Auch das wird in einer Diskussionsszene klar. So wird er ein Verzichtheld, will ihr aber ein schönes Abschiedsgeschenk, ein Erinnerungsgeschenk machen, sie eine große Tanznummer, die dann auch schön lang im Film vorkommt, tanzen lassen.

Während des Drehs der Tanzszene verabseitigt sich der Held vom Set, der Zuschauer darf Zeuge seiner Generosität werden, indem er diesen Abschied für sich allein zelebriert, genießt, im inneren Monolog diesen Verzicht für sich evaluiert.

Die Führung des Chores ist militant geraten, die Massen agieren deutlich auf Befehl.

Es gibt eine Rahmenhandlung. Der alte Emil (Robert Gwiesdeck) erzählt seinem Enkel diese Geschichte. Auch hier ein Besetzungsproblem, es gibt so grad gar nichts, das es einem ermöglichen würde, sich vorzustellen, er sei einst der junge Emil gewesen.

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Coming-of-Age mit Heldenhypothek.

Also ob das Erwachsenwerden nicht so schon schwer genug wäre, ist Peter Parker (Tom Holland) zusätzlich mit der Begabung „Spider-Man“ versehen, die von ihm verlangt, ab und an in dieser Zweitidentität zur Rettung der Welt beizutragen. Dabei ist er noch nicht mal volljährig, darf keinen Alkohol trinken.

Auf der Klassenfahrt nach Europa möchte er diese Zusatzbelastung ablegen und der von ihm verehrten MJ (Zendaya) näher kommen. Verlässliche Untersstützung bietet ihm Freund Ned (Jacob Batalon). Vorsichtshalber schmuggelt Peters ahnungsvolle Mutter May (Marisa Tomei) noch den Spider-Anzug ins Gepäck, man kann nie wiessen. Wie recht sie haben soll.

Vor der filmergiebigen und augenfanghaften Kulisse europäischer Metropolen wird Peter spektakuläre Kämpfe zu bestehen haben, wird bis auf die letzte Faser gefordert, auch psychisch, wem kann man trauen auf dieser Welt, wem nicht, Happy (Jon Favreau) oder Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), der in Italien Mysterio genannt wird?

Die Bilderwelt erzählt aufregend, wie dieses Erwachsenwerden ein nicht enden wollender Kampf zwischen immer wieder überraschend auftauchenden, manchmal gar glühenden Riesen ist und gegen raffinierte Drahtzieher, die über die modernsten Überwachungsmittel inklusive Hologrammen und Drohnen verfügen.

Und was ist mit Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seiner Mitarbeitrin Maria Hill (Coble Smulders)?

Jon Watts hat diese Geschichte nach dem Drehbuch von Chris McKenna und Erik Sommer nach den Marvel-Comics von Steve Ditko und Stan Lee so inszeniert, dass sie auch ohne weitere Kenntnis des Marvel-Universums gut verständlich und nachvollziehbar bleibt und einem oft der Atem ins Stocken gerät vor Superlativen an Action.

Innerhalb eins glänzend ausgewählten Castes ist die Hauptfigur des Peter Parker mit Tom Holland der glänzende Diamant: seine athletische Körperlichkeit, seine Tänzerfigur und seine Bewegungen, die nicht durch Erdenschwere belastet sind, verleihen der Spiderfigur die Nötige Leichtigkeit, den Charme und zusammen mit seinem Spiel von Augen und Gesichtsausdruck wird die Figur, die ein Held (ein David gegen lauter Goliathe) sein muss und möchte doch nur ein Liebender sein und kann noch nicht mal das, besonders eindrücklich – inmitten des riesigen Superaction-Spektakels um ihn herum.

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Auch eine Lebensgeschichte.

Bald 50 Jahre machen die beiden Grundpfeiler der Spider Murphy Gang Günther Sigl, Bass und Lead Gesang, und Barny Murphy, Gitarre und Gesang, zusammen Musik. Jens Pfeifer hat diese Geschichte unter Drehbuchmitarbeit von Stefan Donaubauer in rockig-antörnender Art dokumentierend montiert, sich ganz von Flow und Geist dieses bayerischen Rock’n Rolls tragen lassen. So ist daraus eine weit über den Durchschnitt der Masse an Musiker- und Bandbiopics herausragender Dokumentarfilm geworden.

Pfeifer hatte Zugang zu genügend Archivmaterial. Er selbst hat die Band mit kleinem Team im Heute begleitet und von daher die Geschichte aufgerollt.

Ihre spektakulärste Zeit läutet in den frühen 80ern ihr Song „Skandal im Sperrbezirk“ ein. Damit stoßen sie an die Spitze der Charts vor. Das Geld fließt in Strömen. Es folgt die Zeit den Entfremdung von sich selbst durch den Zwang zu Auftritten in TV-Shows mit Playback und TV-Gekasperle. Das bekommt der Gruppe nicht gut, die Songs werden steriler, die Plattenverkäufe gehen zurück, die innere Einheit der Gruppe existiert nicht mehr, jeder wuselt für sich, wie fremdgesteuert. Es gibt Wechsel bei den Musikern. Drogen spielen eine Rolle, Alkohol.

Die Größe der Band zeigt sich darin, dass sie nicht schmollen, sondern sich dazu durchringen, übers Land zu tingeln. So fassen sie wieder Fuß, wissen erneut die Massen zu begeistern. Der lange Weg zum Kult.

Der Film kommt nicht als billiges PR-Produkt, als Exploitation-Movie oder als Fanartikel daher. Er erzählt zwischen all den Erfolgsstories, den Aufs und Abs, wie Sigl und Murphy ein Duo sind, denen die Musik das A und das O ist, die Rockmusiker sind durch und durch und denen das Bayerische zugute kommt.

Dass sie beim normalen Alterungsprozess zwei Jungs geblieben sind, denen die Musik das Höchste ist, das erzählt eindrücklich die Schlusssequenz, bei der die beiden vor leerem Saal sich gegenüber stehend auf der Bühne spielen und spielen, einen neuen Song üben, ihre Gesichter, ihre Harmonie und wie sie sich nachher vorm leeren Saal beim Publikum bedanken, allein das ist ein großes Kino. Die beiden sind eine widersprüchliche Paarung, künstlerisch hakeln sie sich aneinander ab und können nicht voneinander lassen. Das Geheimnis diese Filmes ist vielleicht, dass es diese künstlerische Lebensgeschichte nicht grell als solche ausstellt, sondern sich entwickeln lässt innnerhalb der Gruppe kreativer Bandmitglieder wie Franz Trojan, Michael Busse, Ludwig Seuss und den anderen.

Ein schrilles Licht auf die DDR und die Stasi wirft das Dokumaterial über einen Auftritt in Zwickau zu DDR-Zeiten und das später aufgefundene Stasi-Protokoll.

Für den chronischen Pressevorführungsbesucher wirkt wehmütig der Auftritt von Alexandra Gmell. Sie ist mit Barny Murphy verheiratet, dessen bürgerlicher Name Gmell ist. Alexandra Gmell war die Betreiberin des Kinos Gabriel Filmtheaters an der Dachauerstraße in München, in dem bis zur kürzlichen Schließung ein Großteil der hiesigen Pressevorführungen stattgefunden hat. So ist der Film ganz persönlich gesehen und indirekt ein Stück Erinnerung an dieses Kino, das dem grassierenden Kinosterben zum Opfer gefallen ist.

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Nikolaus Geyerhalter hat eine souveräne, elegante Art der Dokumentation entwickelt, diesmal Grubenhopping auf hohem Niveau. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durch die halbe Welt zu einigen der größten Narben, die der Mensch der Erdoberfläche zufügt, seien es Erdbewegungen in einem hügeligen Gebiet Kaliforniens (ein Arbeiter: „ich versetze Berge“), die für eine Ortsansiedlung benötigt wird, der Brenner-Basis-Tunnel in Österreich (Berührung mit jahrmillionenaltem Gestein beeindruckt), Kohletagbau in Ungarn (versteinerte Sumpfzedern im Kohleflöz können den Baggern die Zähne ausreißen), er interviewt einen Arbeiter in Carrara in Italien (die Arbeit mit dem Marmor versetzt diesem einen Adrenalinkick), in Spanien berichtet er vom Kupferabbau in den Minos de Riotinto (Kupfer ist essentieller Bestandtteil unseres Lebens, schon seit den Römern) und schaut in Wolfenbüttel vorbei (Atomendlagerung im Schacht Asse ist nicht ohne Risiko).

Bis hierher hat Geyerhalter sich direkt in die Betriebe begeben, hat reflektierte Interviewpartner gefunden, die sich des brutalen Vorgehens des Menschen gegenüber der Natur bewusst sind, die Ehrfurcht vor der Natur haben, die aber auch nicht zurück in die Steinzeit wollen. Er stellt seine Antwort- und Auskunftgeber mitten in ihre Arbeitsumgebung, direkt vor die Kamera, mit kurzem Schwarzbild zeigt er Schnitte im Interview an.

Zuletzt begibt Geyerhalter sich nach Fort McKay in Kanada. Hier begleitet er Ureinwohner und betrachtet mit ihnen Schäden und Hinterlassenschaften, die das Fracking von Ölsand hinterlassen hat.

Der Film hat Magazin-Hochglanzqualitäten. Er kapriziert sich nicht auf billiges Konzernbashing, diese bösen Kapitalisten und wir Verbraucher haben nichts damit zu tun. Durch die Reflektiertheit der Protagonisten wird immer die Zweischneidigkeit der Ausbeutung der Erde durch den Menschen sichtbar: dass die moderne Zivilisation ohne diesen Raubbau kaum denkbar wäre, und die Arbeiter wollen ihr Geld verdienen; wobei nicht gesagt ist, dass die Konzerne die Minen oder Grabungsstellen so verheerend hinterlassen müssen wie in Kanada, wo den Dené abgeraten wird, Fisch aus ihren Flüssen zu essen.

Geyerhalter lässt sich an den einzelnen Drehorten genügend Zeit für sinnliche, kinomächtige Impressionen von Maschinen und Erdbewegungen.

Im Vorlauf zu den Bildern bringt Geyerhalter die Info, dass täglich über 60 Millionen Tonnen Oberflächenmaterial durch Flüße, Winde und andere natürliche Kräfte bewegt werden, durch den Menschen dagegen 156 Millionen Tonnen Erde täglich. Wobei ich mich immer frage, wie solche Zahlen zustande kommen. Im Abspann wird auf „The Human Dimensios of Geomorphological Work in Britain“ hingewiesen.

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Satire im Schatten der Realität.

Wenn es die Strache-Videos in Österreich nicht gäbe, würde man diesen kecken Streifen von Elena Tikhonova, die mit Robert Buchschwenter auch das Drehbuch geschrieben hat, für herrlich überrissene Satir halten, die mit unverhohlen lüsternem Blick auf die Oligarchen- und Österreicher-Klischees Österreich und Wien fett wie mit Mayonnaise beschmiert.

Der Fall Strache, der zwar auch eine filmische Manipulation ist, erzählt anderes. Wobei die Satire doch noch übertriebener vorgeht. Der russische Oligarch Igor (Mikhail Evlanov), der glaubt, im Westen alles kaufen zu können wie in Russland, weil Menschen überall das Geld lieben und käuflich seien, will einen Privatpalazzo auf der Schwedenbrücke in Wien bauen. Zudem will er gegen Bestechung die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten.

Auf der Seite der bestechlichen Wiener Mitspieler finden sich Klaus (Georg Friedrich), Ferdinand (Simon Schwarz), der jedes Gesetz kennt und weiß, was man dagegen tun kann, sowie Hans Zech (Joseph Lorenz), Stadtrat: die Interessen der Öffentlichkeit dürfen den seinigen nicht im Wege stehen.

Das Frauentrio Nadja (Margarita Breitkreiz), Vera (Darya Nosik) und Teresa (Sabrina Reiter) entwickelt aber, weil die Frauen von sich doch ein anderes Selbstbild haben als die Russen- und Korruptions-Machos, Eigeninitative, die zu Hindernissen, Komplikationen und anderen Überraschungen in der Geschichte führen, die selbstverständlich anders ausgeht als erwartet, denn einer ist immer der Noch-Schlauere. Wodurch der Satz: sie hatten das große Geschäft gerochen, eine eher unappetitliche Duftnote erhält.

Und da Igor die Baustelle auf der Schwedenbrücke sehen möchte, ist es gut, dass Teresa eine politische Künstlerin ist (sie macht antikapitalistische Kunst) mit Beziehungen in Künstlerkreise.

Die umrahmende Szene des Filmes ist eine grelle Szene, die illustriert, wie wenig Spaß Igor mit den Geschäften versteht und wie spaßig er sich die Reaktion auf misslungene Geschäfte macht, denn für Süßes müsse man bitter bezahlen.

Die Ich-Erzählerin Nadja ist Übersetzerin im Dienste Igors und vergleicht ihr Liebesleben mit sauren Gurken, aber zwei Kinder seien der lebende Beweis dafür, dass sie mal Sex gehabt habe.

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Schwer zu sagen, was dieser schön individuelle Film von Tali Shalom-Ezer nach dem Drehbuch von Joe Barton mehr sein will, ein Liebesfilm oder ein Bürgerrechtsfilm gegen die Todesstrafe in den USA?

Die beiden Protagonistinnen lösen das Problem jedenfalls mit faszinierender Nonchalence, Ellen Page (die auch Mitproduzentin ist) als Lucy und Kata Mara als Mercy.

Sie lernen sich kennen bei ehrenamtlicher Aktivität. Sie reisen beide zu Gefängnissen, wenn Hinrichtungen angekündigt sind. Sie sind Aktivistinnen gegen die Todesstrafe. Sie stehen stumm mit handgeschriebenen Tafeln vor den jeweiligen Gefängnissen. Dafür fahren sie enorme Strecken in die verschiedensten Staaten, die die Todesstrafe noch kennen.

Im Film wird der jeweilige Kandidat kurz mit Texten zum Gefängnis und zur Anklage vorgestellt und im Bild erscheint das letzte Mahl, das nach Kantinenfraß ausschaut.

Diese leisen Demonstrationen, bei denen allenfalls einmal in bedrückend ruhiger Art mehr gesummt als gesungen wird, haben etwas Eindringliches. Wobei der einen Gruppe oft eine Gegengruppe gegenüber steht, die lauthals für die Todesstrafe eintritt, die nicht genug kriegen kann von dieser Forderung.

Lucy geht zu den Demos, weil ihr Vater in der Todeszelle sitzt. Er wird angeklagt, ihre Mutter ermordet zu haben. Lucy wird begleitet von ihrer älteren Schwester Martha (Amy Seimetz) und dem noch kleinen Bruder Benjamin (Charlie Shotwell).

Mercy geht hin, weil sie Hinterbliebene eines Mordopfers ist. Sie arbeitet in einer großen Rechtsanwaltskanzlei, wohnt noch zu Hause, ist formal in Beziehung zu ihrem Chef.

Aber die Liebe sucht sich ihren eigenen Weg, das ist die andere Geschichte in diesem Film, die beiden unschuldig wirkenden Frauen Mercy und Lucy fühlen sich vom ersten Moment an angezogen. Der Weg bis zur Liebe, der dauert noch ein paar Demonstrationen.

Die deutsche Synchro ist hervorragend an das dezente Spiel und die entsprechende, fast privatistische Inszenierung, angepasst, unterstützt also die Faszination durch diesen Film mit seinem erstklassigen Drehbuch und seiner erstklassigen Performance.

Die Dialoge sind oft spitz und dialektisch: „Mom denkt, dass Gott nichts geschaffen hat, was sich durch eine Preisjury nicht verbessern ließe“. Ein neues Wort: sexen. Aber wie kann sich eine Football-Mannschaft ausgerechnet „Dolphins“ (Delphine) nennen?

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Toni Kroos ist ein durch und durch durchschnittlicher Fußballer, was Körperbau, Größe, Gewicht, Laufgeschwindigkeit angeht, er ist kein Showman und am liebsten zieht er sich zu seiner Familie zurück. Das sind Aussagen über den Fußballer in diesem Film von Manfred Oldenburg.

Aber Kroos hat ein ganz seltenes Talent, das ihn zum Weltfußballer hat werden lassen, der es bis in den Olymp der Fußballwelt, zu Real Madrid, geschafft hat.

Es ist sein strategisches Denken, das Vorausschauen, die Antizipationsfähigkeit und dass er immer cool bleibt, Spielzüge und Chancen erkennt. Mit diesen Eigenschaften kann er zum strategischen Zentrum einer Mannschaft werden.

Das sind allerdings Eigenschaften, die einen Dokumentarfilmer abschrecken sollten, einen Film über diesen Fußballer zu machen.

Manfred Oldenburg hat sich das trotzdem getraut. Er scheint sich diese Grundproblematik jedoch nicht genügend klar gemacht zu haben. Wie mache ich einen durch und durch durchschnittlichen Typen ohne Extravaganzen, ohne Allüren, ohne Show- und Emotionseinlagen für die Leinwand attraktiv, wie mache ich dieses primär geistige Talent des Erkennens von Spielzügen und Passlinien auf der Leinwand sichtbar?

Kroos kommt sympathisch rüber, wenn er direkt in die Kamera spricht. Aber das ist nicht abendfüllend. So hat Oldenburg auf die durchschnittlichste Art des Dokumentarfilmens zurückgegriffen, hat viele, die mit Kroos zu tun haben, privat wie sportlich, um Statements gebeten; das sind lauter Elogen, was nicht weiter verwunderlich und ebensowenig abendfüllend ist, hat sich aus bunt durcheinandergewürfelten Spielpartien Ausschnitte rausgepickt, die kaum dazu angetan sind, gerade diese Qualität von Kroos zu zeigen. Des weiteren hat Oldenburg sich wie Mäuschen von anno dunnemals an die Fersen von Kroos geheftet; das führt zu endlosen Aufnahmen im Gewühl, in Gängen, Garderoben, im Privatjet, im Shuttle zum Flughafen und dann noch von Planschereien in der mondänen Villa in Madrid.

Man könnte versucht sein zu sagen, diesen Dokumentarfilmer verbindet mit Kroos die Durchschnittlichkeit; allerdings fehlt dem Filmer ein spezifisches Talent, so etwas wie das, was Kroos vom Durchschnitt abhebt.

Für den Fußballfan mag der Film ergiebig sein, weil Erinnerungen in ihm hochkommen dürften an bekannte Partien und Tore, weil viele bekannte Gesichter vorkommen; der Filmfan dagegen geht unterversorgt nach Hause.

Dass Kroos seine Fußballschuhe selber putzt und möglichst immer die gleichen anzieht, macht ihn über den Sport hinaus sympathisch. Allerdings ist er auch ein glücklicher Mensch, der mit sich und der Welt zufrieden ist – fürs Kino und für das Geschichtenerzählen gibt es jedoch nichts Undankbarerers als glückliche Menschen.

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Spionage-Melodram.

Im Gegensatz zum deutschen Film Collini, bei dem man erst in den letzten fünf Minuten erfährt, dass es um die Dreher-Gesetze geht, ist hier im Film von Trevor Nunn nach dem Drehbuch von Lindsay Shapero nach wenigen Minuten klar, dass die alte Dame Joan Stanley (Judi Dench) eine knallharte und entsprechend verschwiegene Vergangenheit im Spionagebusiness hat.

Die betagte Miss Stanley wird aus ihrem gemütlichen Häuschen brutal von der Polizei verhaftet, mitgenommen und verhört, mit ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit konfrontiert und der Spionage für Russland bezichtigt. Ihr Sohn Nick (Ben Miles) übernimmt die Verteidigung, er ist Anwalt. Das ist um die Jahrtausendwende. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte.

Rückblenden, die sich mehr um die Makellosigkeit von historischer Ausstattung, gediegener Beleuchtung und feiner, staatstheaterlicher Inszenierung kümmern als um den Faden der Spannung, illustrieren die Erinnerung von Miss Stanley an ihre Studienzeit in Cambridge (hier gespielt von Sophie Cookson; nicht schlecht für eine Schauspielerin, Judy Dench in Jung spielen zu dürfen und dabei so glaubwürdig rüberzukommen!), ihre Affären und Freundschaften, ihre Kontakte zu sozialistisch und kommunistisch engagierten Kollegen und ihre Tätigkeit – sie hat Naturwissenschaften studiert – im topgeheimen Projekt Tube Alloys, in das sie sich sinnstiftend einbringt; sinnstiftend für das Projekt aber auch für ihre persönliche Weltanschauung, ihre Perspektive einer friedlichen Welt, die sie zur eiskalten Spionin hat werden lassen, die aber nie eine eisige Berechnerin ist; sie ist fähig zu Gefühlsausbrüchen, fähig zur Verliebtheit, gar zu einem frühen Geständnis ihrem Chef und späteren Gatten gegenüber. Sie ist Spionin aus Emotionalität, das wird sie in der alten Variante mit melodramatischer Emotion deutlich machen, aus Sorge um des Weltfriedens willen, der nur mit dem atomaren Gleichgewicht der Gegenspieler zu Zeiten des Kalten Krieges aufrecht erhalten werden kann. Heute hat sie gut reden: es hat ja auch funktioniert.

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