Archiv für Juli 2019

Kölner Unikum mit Charakter und Musik: Jürgen Zeltinger. Siehe die Review von stefe.

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Unterschiedlichste Ansätze zum Weltverständnis: über die persönliche Biographie in Spanien, einen argentinischen Versuch von Welt- und Kinoerfassung, Fame oder Fail am deutschen Gymnasium, Hobbydetektiventum statt Coming of Age in Deutschland, eine Sekundärwirkung von Bibliotheken in den USA, ein deutscher Essay zu Überwachungskameras und Demokratie sowie flapsiger Philosophieumgang in Deutschland. Mit einer DVD soll das Kletterspiel auf Leben und Tod Ertrag abwerfen.

Kino
LEID UND HERRLICHKEIT
Das Persönlichste von Almodovar.

LA FLOR
Monumentalwerk aus Argentinien – ein argentinischer Achternbusch?
(Oder: was ist kapriziöser zu filmen: Schauspielerinnen oder Bäume?)

ABIKALYPSE
Amerikanisierte Teutonen fetzen ihre Abiparty aufs Gymnasiums-Gelände.

DIE DREI !!!
Junge Hobbydetektivinnen kommen den Dingen hinter einem Schmierentheater auf die Spur.

EIN GANZ GEWÖHNLICHER HELD
Ein Zentralbibliotheksangestellter hat Mitleid mit den Obdachlosen.

FACE-IT!
Trotz Überwachungsschwemme: der Mensch hat ein Recht, zu wissen, was mit seinen Daten geschieht!

CLEO
Hier versucht das deutsche Kino Herkalit mit dem Zeitreisephänomen in Einklang zu bringen.

DVD
FREE SOLO
Ein Fehler und du bist tot.

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Teutono-americano.

Springbreak, Prom-Night, Coming-of-Age, das sind amerikanische Ausdrücke und dazu gibt es die entsprechenden amerikanischen Filme.

Adolfo J. Komerer hat jetzt nach dem Drehbuch von Tim Gondi in Deutschland einen ziemlich amerikanischen Zugriff auf dieses Thema gewagt, forsch und nicht verhirnt – lieber nicht perfekt sein, dafür aber lebendig.

Es geht um die Abiparty, es geht um, auch hier wieder ein englischer Titel: „Fame or Fail“, auch das eine unverblümt amerikanische Haltung. Und so mixt Komerer auch das Bildmaterial zusammen. Es sind Wimmelbildhaufen, die vielleicht die Realität in den Köpfen junger Menschen durchaus abbilden: ein Mix aus SMS-Texten, aus Videobotschaften und Smartphone-Kommunikationen, Wimmelbildflut, für den geriatrischen Kinogänger schwer verdaulich und eine Geschichte schwer in Gang setzend.

Aber aus all dem Bilderhaufen kristallisieren sich Geschichten um die verschworenen Freunde Hannah (Lea von Acken), Patrick (Leon Lukas Blaschke), Tom (Lucas Reiber) und Musti (Reza Brjerdi) heraus.

Einerseits die Frage, wie diesen Lebenseinschnitt feiern, andererseits die Horrorvorstellung, jetzt auf ein absehbares und definitives, lebenslängliches Gleis gesetzt zu werden; diese Bilder inszeniert Kolmerer als Symbole der Bürgerlichkeit in einer Blackbox als abschreckende Fantasien.

Musti ist derjenige, nachdem er in seiner Einbildung eine Glanz-Stripnummer vor der Prüfungskommission hingelegt hat, der es nicht fasst, dass er das Abi geschafft haben soll. Er will eine geile Party im großzügigen Haus seiner Vaters, eines erfolgreichen Geschäftsmannes und Immigranten, veranstalten. Über die sozialen Netzwerke lädt Musti ein. Aber Leonie (Lisa-Mrie Koroll), eine richtig Filmsüße, intrigiert dagegen, lauter Absagen, bis auf Hannah, Patrick und Tom.

Das kann Musti nicht auf sich sitzen lassen; er und seine Freunde suchen die Party von Leonie auf und er verkündet das Projekt „Fame or Fail“, gegen das Verbot des Justus-Liebig-Gymnasiums, dort eine Abrissparty zu veranstalten. Auch das macht Furore im Netz, die Häme im Hinblick auf das Nichtgelingen lauert allerorten. Das stachelt an.

Autor Tim Gondi hat sich ein paar hübsche Hindernisse auf dem Weg zu dieser Party ausgedacht. Papa entzieht Musti seine Unterstützung in Form der Kreditkarte. Das Quartett versucht, in Polen günstig Schnaps zu besorgen mit wenig Bargeld. Das ergibt Komplikationen und daraus entsteht eine Verfolgungsjagd mit explodierendem Feuerwerk, alles filmschön und rasant.

In all dem Bildertohuwabou ist zwischendrin Zeit für ernsthafte Auseinandersetzungen über die Liebe und darüber, seine Ziele zu erreichen und auch darüber, ob Leonie als Influencerin mit ihren Hunderten von Followern nicht vielleicht einsamer sei als die anderen.

Der Film sprüht vor nicht-teutonischer Kinobegeisterung, Uwe Bünker hat einen bezwingenden Cast zusammengestellt und dass Mehmet Kurtuls als Gast im Vorspann eine Sondererwähnung erhält, hat ausnahmsweise im deutschen Kino eine Berechtigung: er ist der gereifte Schauspieler, der den jungen, qualitätsvollen Darstellern, die alles interessante Typen sind, ein Vorbild sein kann und der in das Orchester des Jugendlärmes die Stimme ausgleichender Erwachsenheit reinbringt. Und auch Oliver Korittke als Hausmeister Helmut zeigt, dass er ein Schauspieler ist, der sich nicht in Routine verliert, stattdessen die Erfahrung aus Jahrzehnten in der Filmerei bereichernd in so einen Teenie-Film einbringt.

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Führ diesen Film plündert Pedro Almodovar seine eigene Biographie.

Antonio Banderas spielt den in die Jahre gekommenen, weltberühmten Regisseur Salvado Mallo, der nur noch krank ist, kokst und einen wilden Mix aus Tabletten nehmen muss und schlucken kann er auch kaum mehr. Er lebt allein, ist fixi foxi.

Seine Mitarbeiterin ist Mercedes (Nora Navas), die ihm die Stange hält. Zum 30-jährigen Jubiläum eines seiner frühen Filme soll er zur Präsentation einer restaurierten Fassung erscheinen. Dies ruft Erinnerungen in ihm wach. Damals war er mit seinem Protagonisten Alberto (Asier Etxeandia) im Streit auseinander gegangen. Dieser soll aber auch zum Jubiläum anreisen. So nimmt er den Kontakt wieder auf.

Salvador erinnert sich aber auch an seine Anfänge. Die schneidet Almodovar in Rückblenden in den Film. Kindheit in einem spanischen Dorf mit der attraktiven Mutter Jacinta (Penélope Cruz). Er ist ein waches Büblein, und Almodovar hat dafür auch eine grandiose Besetzung (Asier Flores)gefunden, das früh lesen und schreiben lernt und spürt, dass Film etwas Besonderes ist.

Das ist einer der seltenen Filme, von denen man alles erzählen möchte, weil es so schön ist, so einmalig, so wunderbar.

Die Szene zwischen dem kleinen Salvador in dem Haus, das mit den urchristlichen Katakomben verglichen wird und dem Analphabeten und Maler, dem er das Lesen und Schreiben beibringt als Entschädigung für die Malerarbeiten im Haus. Und wie der Bub vom Bett aus mit Blinzeln den nackten Mann, der sich nach dem Arbeiten wäscht, sieht und von da an über seine Faszination Bescheid weiß.

Oder die Wiederbegegnung mit seiner großen Liebe Federico (Leonardo Sbaraglia), den er vor 30 Jahren verloren hatte, der in Argentinien lebt und zufälligerweise die Premiere des Theaterstückes „Sucht“ mitbekommt, was die Erinnerung an diese Liebe aufweckt und die beiden sich treffen lässt.

Für mich ist das der vielleicht beste und faszinierendste Film von Kino-Großmeister Almodovar, weil es sein persönlichster sein dürfte und vor allem, weil, wie mir scheint, er hier nicht das Bedürfnis nach Message verspürt, Toleranz und Verständnis für Minderheiten zu fordern (was ja ein löbliches Unterfangen ist). Er verlangt verdiente Aufmerksamkeit für ein Menschenleben, ein Künstlerleben.

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Stoffentwicklung.

Nach 6 Jahren Drehzeit unter dem Motto „Spinne“ kommt Mariano Llinas, der Regisseur und Spiritius Rector des Kollektivs „El Pampero Cine“, in die Krise. Er hat ein Stoffentwicklungsproblem. Die Frauen sind alle schon im Kostüm für eine kanadische Sequenz: Indigene, Wilderer, rotgewandig Uniformierte. Aber Llinas, der ein unerschöpflicher Quell von Kreativität ist – und natürlich der damit verbundenen Zwiespalte – möchte viel lieber Bäume drehen. Die Frauen sind ihm zu schwierig.

Er dreht mit dem männlichen Teil seines Teams Bäume, herrlich lange Sequenzen wie echt vom Dreh in schöner Allee. Aber eigentlich wollte er blühende Bäume, es ist der 21. März in Südamerika, Frühlingsanfang. Also auf zu blühenden Bäumen! Bis Llinas merkt, dass Bäume nicht minder kapriziös sein können als Frauen.

Das erfordert Nachdenken, sich über das Skizzenbuch hocken. Das ursprüngliche Symbol war die Spinne, aber je mehr er und sein Team auf die Skizze starren, desto mehr Kreise werden nötig, bis aus der Spinne eine Ameise wird. Probleme der Stoffentwicklung eben.

So weit zur ersten Episode des dritten Abends der Vorführung des 14-Stunden Filmes des Argentiniers Mario Llinas. Hier offenbart er ein Stück weit seine cineastische Denkweise. Er produziert vollkommen unabhängig mit seinem Team. Der 14-Stunden-Film „La Flor“ ist das Resultat von zehn Jahren Drehzeit.

Wäre Achternbusch Argentinier, wäre er vielleicht ein Llinas geworden – oder umgekehrt. Ein Phänomen wie der „Eucalyptus Oblique“ wäre ihm bestimmt auch zuzutrauen.

Aus widrigen Umständen (Desorganisiertheit und also Terminprobleme, eine dreiviertelstündige Unterbrechung wegen einem Brandschutzproblem beim Festivalkino des Münchner Filmfestes und auch die aggressiv kalte Klimaanlage dorten) haben dazu geführt, dass ich nur zwei Teile von neun gesehen habe.

Diese aber haben es in sich und machen verständlich, wie verzweigt und auch wie spontan Llinas mit seinem Ensemble arbeitet. Dieses übernimmt immer wieder neue Rollen. Eingangs beschrieben ist die erste Episode des dritten Teils. Am Abend vorher hatte ich die erste Episode des zweiten Teiles gesehen. Zwischendrin gibt der Regisseur Orientierung mit Einblicken in sein Dreh- oder Skizzenbuch oder auch im Hinblick auf eine baldige „interrupcion“.

Wer also 14 Stunden seines Leben nicht verschenken, sondern vielleicht sogar verdoppeln möchte, dem sei der Besuch dieses Marathon-Filmes dringend ans Herz gelegt.

Erste Episode des zweiten Abends. Der Autor wirkt momentweise wie ein gebildeter Fabulierer, er ist auch der Erzähler, aus dem es nur so heraussprudelt, die Zusammenhänge zwischen Sternenhimmel und Machtpolitik auf Erden und auch der menschlichen Kulturgeschichte, etwa bei den Namen, die die Agentinnengruppen oder ihre Aufträge erhalten. Diese Episode erweckt zuerst den Eindruck, dass sie vor allem Wert auf eine Fotografie legt, wie sie Rockbands für ihre Covers lieben. Es sind lauter Frauen die Protagonistinnen, die als Mitarbeiterinnen von Spionage- und Agentinnennetzen, gesteuert aus Brüssel, alle in stylishen und zum Teil Lederklamotten auftreten.

Sie stehen ernst in Feldern, halten Pistolen, lauern, sie sind auf einer gefährlichen Mission. Sie sind nicht die einzigen. Ein berühmter Aerospace-Forscher wird – irgendwo in Lateinamerika in den 80ern, so die Lokalisierung – als Geisel gehalten. Um ihn streiten sich mindestens zwei Agentinnengruppen. Der Autor betont, wie gefährlich die Mission ist. Und die Musik untermalt das heftig.

Die Agentinnen haben zum Teil an berühmten Brandherden in aller Welt gearbeitet, aber das hier würde alles toppen. Es geht um Vertrauen und Verrat und um undurchschaubare Spiele eines geheimisvollen Topagenten aus Brüssel, der nie lache.

Der Film wirkt stellenweise wie ein Fantasyprodukt, teils auch sehr stilisiert im Hinblick auf die Darstellung von Misstrauensatmosphäre, wie sie durch den kalten Krieg oder in Lateinamerika durch die Diktaturen geprägt wurde. Es gibt aber auch anrührend philosophische Momente, wenn der gefangene Forscher Dreyfuss aus Schweden versucht, anhand des Himmels zu eruieren, wo er genau ist, denn Moldavien oder Rumänien kommen bei diesen Sternbildern nicht in Frage. Wobei auch hier, wie oft in Lateinamerika, zumindest im Hintergrund die Spannungen zwischen Arm und Reich, die großen sozialen Probleme anklingen.

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Öffentliche Datensammelwut.

Immer mehr Kameras in der Öffentlichkeit. Allein am Bahnhof Westkreuz in Berlin über 100 Kameras, die ständig die Passanten und Passagiere im Fokus haben. Was passiert mit allen diesen Daten? Wie weit hat der Fotographierte ein Recht darauf, dass sie gelöscht werden? Die positive Interpretation ist die, dass Daten Biograhpieträger sind, sie können also Auskunft geben, dass wir dann und dann dort und dort gewesen sind. Auf jeden Fall wenn das mit der Gesichtserkennung eingeführt wird.

Mit einem Experiment zur Gesichtserkennung am Bahnhof Westkreuz in Berlin fängt Gerd Conradt, der mit Daniela Schulz auch das Drehbuch geschrieben hat, seine TV-affine Dokumentation an. Einige Hundert Probanden haben sich bereit erklärt, an diesem Experiment teilzunehmen. Dafür wurden 3 von den 100 Kameras umgerüstet.

Der zentrale Punkt oder die zentrale Forderung von Conradt ist Tim Berners-Lee, der Erfnder des WWW. Der kämpft für den Erhalt eines offenen und freien Web für alle. In einem Gesellschaftsvertrag für den digitalen Ruam fordert er: „Kein Missbrauch durch Überwachung. Zugang der User zu ihren Daten. #ForTheWeb“.

Rund um das Thema befragt Conradt öffentliche Personen, Künstler, Aktivisten, er integriert Videoclips, Kunstwerke und Musikstücke zu dem Thema in seinen anregenden Film, der immer auch die Frage nach Sicherheit einerseits und der menschlichen Freiheit, als der Grundlage der Demokratie andererseits, im Blick behält.

Conradt vertieft sich in Details der Gesichtsinterpretation mittels Algorithmen. Er befragt Fachleute dazu. Was ist mit Nofretete? Wie kann ein sinnvoller Umfang mit dieser Dauerfilmerei entstehen? Conrad selbst filmt oft mit dem Smartphone und ist sich bewusst, dass alle diese Daten irgendwo gesammelt werden können. Die Menschen füttern die Datenkraken freiwillig. Aber Obacht: wollen wir es so haben wie in China?

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Schnell kommt bei diesem Film von Emilio Estevez die Erinnerung an die Dokumentation Ex Libris – Die Public Library von New York von Frederick Wiseman. Der stellt diese öffentliche Bücherei als wirkungsvollen, gesellschaftlich-sozialen Organismus vor.

Auch Estevez setzt eine öffentliche Zentralbibliothek, die von Cincinnati, in den Mittelpunkt, aber es ist ein fiktionaler Streifen.

Mit einem Sog, als ob er dem Verlauf der Zeit folgt, fängt er kurz vor 9 Uhr am Haupteingang an. Menschen stauen sich, ganz offensichtlich typisch filmische Obdachlose, und warten auf die Öffnung. Stuart (vom Regisseur selbst gespielt) drängt sich durch die Menge. Er ist ein Mitarbeiter der Bibliothek. Er begrüßt viele der Wartenden, alte Bekannte offensichtlich.

Im Museum selbst ist, im ersten Moment ist nicht klar, ob das Drehbuchpikanterie ist oder ob es ernstere Konsequenzen haben wird, ein ausgestopfter Eisbär ausgestellt worden, weil dessen Museum gerade renoviert wird. Originalität einer Symbolik gesucht?

Immer mehr aber entfernt sich der Film von der Art der Wisemandokumentation. Estevez nimmt sich viel Zeit für die Schilderung, wie die Obdachlosen hier ihre Tage verbringen und auch damit, was die Leute an den Auskunftstellen für Fragen haben und damit, die These zu insinuieren, dass wer liest, ein besserer Mensch sei oder werden könne, ein etwas naiver Glaube an die Kraft des Wortes, als ob es keine schlechten Bücher gäbe, Bücher mit Anleitungen zu karrieristisch-egoistischem Handeln, Bücher der Propaganda, der Hetze, des Terrorismus.

Behauptet wird auch, dass in Cincinnati gerade ein Wetterausnahmezustand mit klirrenden Kältetemperaturen herrsche, ein Problem für die Obdachlosen. Das Problem im Film ist allerdings, dass er nicht eine Sekunde das Gefühl dieser Kälte vermittelt, es interessiert ihn schlicht nicht, ihn interessiert, das drängt sich zusehends in den Vordergrund, intellektualistisch-moralistisch zu verkünden, dass Obdachlose auch Menschen seien, auch wenn sie eine Menge Vorstrafen haben mögen.

Der Film erweist sich hierbei als engagiert und mächtig sendungsbewusst, als moralinisch konstruktivistisch, um schlechtes Verhalten einerseits der Medien und andererseits des Staates zu bashen. Dazu muss auch John Steinbeck in einem entsprechenden Moment herhalten.

Die Obdachlosen verlassen die Bibliothek an diesem Tag bei Schließung nicht, weil sie sonst erfrieren würden, da alle Wärmeräume der Stadt voll seien. Ferner behauptet der Film, seine Hauptfigur Stuart habe selbst eine Obdachlosenkarriere hinter sich und habe dank Büchern und Bibliothek zu einem geregelten, behausten, bürgerlichen Leben gefunden, daher sein Engagement, daher vielleicht auch sein konsequent schuldbewusst-vorwurfsvoller Blick.

Die Bibliothek-Besetzung wird zum Medienereignis. Aber wie Stuarts Geschichte durch die Medien verbreitet wird, verändert sich bei ihm gar nichts, was das Rollenspiel als Maskerade offenlegt, als Masche, gar Selbstüberhöhung eines Regisseurs, Zampano sein und gleichzeitig das Opfer spielen. Der Umgang mit der Nacktheit von Männern trägt das seine bei zum Eindruck einer nicht ganz offenen, ehrlichen filmischen Angelegenheit, sondern eher von intellektualistischem, soziallastigem Überlegenheitsgestus, gar falschem Prophetentum. Message-Kino, moralisches Belehrkino, Weltverbesserungskino. Oder ein Lagerfeuerlied paraphrasiert: Wo man liest, da lass Dich nieder, böse Menschen lesen keine Bücher.

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Das Kino mit Nahrungsaufnahme verglichen, ist dieser Film von Viviane Andereggen ein knuspriges Frühstücksmüsli.

Andereggen und ihr fabelhaftes Team aus Sina Flammang und Doris Laske als Drehbuchautorinnen und Martin Langer an der Kamera, um die exponiertesten zu erwähnen, schaffen es aus einem Cast unterschiedlichster Kaliber und Performances eine Spukgeschichte mit traurig-ernstem Künstlerhintergrund leicht verdaulich zu erzählen, zu einem Müsli zu neutralisieren, das mit genügend süßem Quark angereichert ist und was einem gewiss nicht aufstoßen wird; wobei just diese Qualitätsunterschied dafür verantwortlich sein dürften, dass das Müsli ein rein saisonales Produkt von kurzer Haltbarkeit bleibt.

Die drei Hobbydetektivinnen Franzi (Alexandra Petzschmann), Kim (Lilli Lacher) und Marie (Paula Renzler) werden mit einem nicht leicht durchschaubaren Fall, mit einem Phantom konfrontiert.

In einer Theaterruine, außen Ruine, innen gut erhalten und im Schwung, aber hier verlangen weder Müsli noch Genre Stringenz, soll Peter Pan von Schülern aufgeführt werden, um Spenden für die Instandsetzung des Theaters zu sammeln.

Der Theatermacher Robert Wilhelms (Jürgen Vogel) castet und inszeniert. Er wird als Schmierenkomödiant vorgestellt, wobei die Eleganz seines Steptanzes damit zu vergleichen wäre, dass ein Hammer vorgibt, ein Schmetterling zu sein.

Vogel scheint sich für die Darsteller-Variante Knallcharge entschieden zu haben. Für langgediente Protagonisten werden solche Chargen schnell zum Problem. Vogel scheint das abgrundtiefe Lebensproblem der Figur nicht untersucht zu haben, ihm scheint, dass es lustig sein soll, darstellerisch im Vordergrund zu stehen. Wodurch eine Müsli-Zutat entsteht, die gegen die Haltbarkeit des Produktes arbeitet.

Vogel scheint sich auch viel zu sehr auf die quasi verrückte Maske zu verlassen. Vielleicht fehlt ihm einfach auch die Provinz-Theater-Erfahrung, wo es solche Figuren immer noch gibt, meisterhaft verschlankt und kondensiert in Thomas Bernhards „Theatermacher“. Nicht ein Hauch davon bei Vogel; er stößt damit an seine engen schauspielerischen Grenzen.

Vielleicht hat die Regisseurin, die mit der Regie der Mädchen und Jungs ein feines Händchen beweist, sich auch gar nicht richtig getraut bei den Stars. Die werden unterschiedlich angekündigt. Am fettesten Armin Rohde „als Gast“. Das ist in Bezug auf seine Leistung als Kneipenwirt Hein nicht gerechtfertig, die ist arges Mittelmaß und kaum richtig überzeugend.

Wogegen Bibiana Beglau in ihrer Rolle als strenge Mutter souverän brilliert und innerhalb des Castes die Hervorhebung als „Special Guest“ verdient hätte. Wunderbar überzeugend spielen auch Hinnerk Schönemann den Kommissar Peters, dem die Mädchen mit seinen Sängerambitionen übel mitspielen, Sylvester Groth den geheimnisvollen Klaus Schmitt und Thomas Heinze den Serienstar Helmut Grevenbroich. Diese drei Darsteller gehörten von der Leistung her nach Bibiana Beglau fett in die Titel geschrieben. Dass dem nicht so ist, dürfte mit dem deutschen Subventionstümpel und dem Verteilkampf um die Subventionen zu tun haben, nicht aber mit künstlerischen Standards.

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Kraftstrotzendendes Collagenkino ins Leere.

Der vielseitig geförderte Film von Erik Schmitt, der mit Stefanie Ren auch das Drehbuch geschrieben hat, hat immerhin eine Hauptfigur, die Titelfigur ist. Zwischen all den kraftstrotzenden Bildspielereien und -montagen wird ein Narrativ über Cleo (Marleen Lohse) eingestreut: Tod der Mutter und eine Liebesgeschichte mit Paul (Jeremy Mockridge); aber bitte so, dass es nicht etwa als Geschichte fesselt, dass die Charaktere interessant werden.

Die Charaktere werden versteckt hinter massig Berlinfootage, Berlins Geschichte, Berlins Unterwelten, Berlins Trümmerberg, Berlins Gelehrte, die als lebendige Figuren in Schwarz-Weiß in die bunte, unübersichtliche Heutewelt hineinmontiert werden, eine von Effektenspielereien und Zeitraffereien, als ob Erik Schmitt eben erst wie ein kleines Kind das Kino und seine Möglichkeiten entdeckt hätte, aber nicht so recht wisse, was erzählen, was damit anfangen, wozu überhaupt.

Das Unglück der Produktion, es ist der Debütfilm von Schmitt nach Kurzfilmen und einer TV-Serienfolge laut IMDb, liegt schon in der Grundkonstruktion, fängt mit einem den Bildern vorangestellten, flapsig kommentierten Herkalit-Zitat an, das offenbar als Grundlage zur Erforschung des Zeitreisephänomens dienen soll, ein Vorhaben, was nicht gut gehen kann, was nicht gut geht.

Offenbar hat mal wieder keine von den fördernden Institutionen das Drehbuch gelesen oder falls ja, müsste wohl deren Kompetenz ernsthaft bezweifelt werden.

Ein weiterer Film, der auf den bejammernswerten Zustand der deutschen Drehbuchkultur hinweist, auf eine deutsche Filmkultur, die sich nicht dem Publikum verpflichtet fühlt, sondern den fördernden Gremien – sich nachher wundert, dass auch diesen Film im Kino kaum jemand sehen will, zu schweigen von der internationalen Vermarktung, die doch rein theroretisch eine leckere Menge Geld in die Kassen spülen könnte.

Die Schauspieler können einem bei solch defizitären Drehbüchern leid tun, sie müssen sich fotografieren lassen, wie sie gewisse Dinge tun und möchtegernschlaue Sätze sagen, sie müssen ihr Haut zu Markte tragen, ohne dafür einen Gegenwert an herausfordernder Figur zu bekommen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Das Spiel mit dem Tod als Geschäftsmodell. Bei diesen Extremkletterer-Filmen weiß man nie, ob die Protagonisten bei Erscheinen schon tot sind oder noch leben. Siehe die Review von stefe. Nirgenwo gibt es im Abspann so viele Kreuze hinter den Namen Mitwirkender wie bei diesen Filmen.

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