Mamacita

Schmerz und Reichtum.

Dieser Film von José Pablo Estrada Torrescano über seine „Mamacita“ wie seine Oma genannt wird, bringt in seltener Deutlichkeit die Spanne zwischen menschlicher Einsamkeit und des von ihr geschaffenen Reichtums zu Geltung, zwischen äußerlicher, perfekter Fassade, auch mit den Mitteln der Schönheits- und Reichtumsindustrie, und dem unglücklichen Menschen dahinter, der nie ein Leid aus der Kindheit vergessen kann, dem aber dieses Leid auch ein unglaublicher Motor zur Schaffung des Beweises wird, dass diese Leidgeprüfung etwas wert ist.

Mamacita habe das alles selber geschaffen. Es ist ein Imperium aus Schönheitsfarmen in ganz Mexiko. Oma lebt herrschaftlich umgeben von Personal, das sie wie Leibeigene behandelt. Trotzdem bleiben sie jahrzehntelang bei ihr. Sie duldet keinen Widerspruch, auch wenn die Wahrheit noch so evident anders ist, wenn die Sauce längst übergelaufen ist, ja sie wird richtig böse, wenn einer sich traut, darauf hinzuweisen; die Welt hat so zu sein, wie Mamacita es sich wünscht. Keiner traut sich ihr zu widersprechen. Sofort hält sie ihren Enkel, der mal einen Satz sagt, der sich wie eine Kritik anhört, für undankbar und dass sie nichts mehr von ihm wissen möchte.

Mamacita selber hat ein höchst ungewöhnliches Schicksal. Sie ist das Produkt einer kopflosen Liebe zwischen Halbgeschwistern. Die Kirche will das Kind nicht anerkennen. Ihr Opa ist ein General und das Geld, was die Kirche für die Anerkennung verlangt, das ist ihm zuviel. So wird denn ihre Mutter in einen Turm eingesperrt und das Inzest-Mädchen vom General erzogen, vor dem sie immer irre Angst hatte. Sie selbst wird früh schwanger. Hat, so viel aus dem Film zu sehen ist, etwa sieben Töchter. Auch sie haben zu parieren, haben beim Aufbau ihrers Geschäftes mitzuwirken. Stramm. Schläge mit dem Gürtel sind eingängiges Erziehungsmittel, sogar von Ärzten empfohlen.

Es gibt Archivaufnahmen von Auftritten der erfolgreichen Frauen, wie im Märchenland. Wobei der Filmemacher selber nicht ungeschoren davongekommen ist. Seine Mutter stirbt, wie er 13 ist. Für Oma ist das ein Makel. Der Bub bleibt außen vor.

Andererseits ist Mamacita es, die von Enkel Nummer 17 (von 23), der in Düsseldorf Film studiert, verlangt, einen Film über sie zu machen. Dabei gelingt ihm eine handfeste Überraschung, die unabdingbare Voraussetzung für jede spannende Geschichte ist, eine Wandlung, eine Veränderung in der Hauptfigur zu erreichen. Das gelingt mit einem ungewöhnlichen Trick, so dass Oma für einen Moment die perfekte Maske fallen lässt und als gerührter Mensch rüberkommt, das aber auch sofort verbalisiert. Das ist, speziell für einen Dokumentarfilm, ziemlich einmalig.

Ein Bild endloser Einsamkeit ist es, wenn Mamacita vor dem Zubettgehen mit Hilfe ihres Personals ihre teuren Ringe und Ketten auszieht.

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