Happy Lamento

Dieser Film von Alexander Kluge ist schlechthin nicht referierbar.

Man könnte versuchen, eine Liste des Footage, das er verwendet, aufzustellen, man müsste im Abspann nachschauen. Dieser beschränkt sich darauf, zu erwähnen, dass der Film „Das flüchtige Leben eines Funken“ von Khavn De La Cruz Aufnahme in dieses Mixed-Tape gefunden hat oder auch Alipato. Doch der kommt nur aufgesplittet unter viel anderem Footage vor, dessen Herkunft im Dunkeln bleibt.

Es gibt Themen die sich durchziehen, der Mond (Blue oder Blut), Elefanten (mit Elefanten Panzer bekämpfen?), das Thema Markt und Ware, Elektrizität, der Begriff Lamento, der im Titel vorkommt. Wobei dieser auf das Elend der Welt hinweist. Ob jetzt die Bilder ein Lamento sind oder die Elefanten, der Zirkus, resp. diese Bilder vielleicht den Begriff „Happy“ illustrieren sollen, bleibt interpretierbar. Es scheint so, als sei Kluge durch einen kulturellen Flohmarkt an Bildern und Texten gestreift und habe alles rausgezogen, was sich irgendwie zu diesen Themen und Begriffen in Verbindung bringen lässt.

Es gibt Schnipsel aus der neueren Zeitgeschichte. Der trumpöse Besuch des amerikanischen Präsidenten in Saudi Arabien, das durchaus mal einen Bürger in der eigenen Botschaft in Istanbul abmurksen lässt. Und Trumps Kniefall vor dem Saudikönig für das Umhängen einer Medaille. Die Bilder von diesem Besuch eskortiert Kluge mit Bildern von automatisch-mechanischem Spielzeug. Auch der eben gestürzte österreichische Kanzler Kurz kommt kurz vor.

Kluge setzt Footage aus dem eigenen Interview-Werk ein. Hier dürfte er das Problem mit den Rechten am Bild nicht haben. Es ist kein Unterhaltungsfilm, kein Abenteuerfilm, kein Feel-Good-Movie (oder eher ein Feel-Bad-Movie?) es ist ein Footage-Montage-Film reichlich mit Text-Zitaten versehen. Diese werden gerne in einem Schriftengemisch und teils in Farbe dazwischen geschnitten, so wie wir als Schüler manchmal Texte bunt machten.

Das Montage-Prinzip lässt an Godard denken. Wobei dieser mehr ein Bildliebhaber scheint, der aus großbürgerlicher Distanz faszinierendes neues Bildwerk schafft, während bei Kluge der moralische Impetus dominiert (und nicht die Freude an der Eleganz und Meisterhaftigkeit der Montage), zu zeigen wie schlecht die Welt doch ist, mit Waffen und Kriegen, menschlicher Verkommenheit und Katastrophen, mit der Hinrichtung eines Elefanten mittels Elektroden, mit der manilischen Drogen-Kinder-Freak-Welt. Godard, der Meister der Montage, Kluge, der Meister des Remixes? Godard, als der hellsichtige Hersteller von Zusammenhängen, Kluge als der Zusamensteller von Bildern, die auf einen üblen Zustand der Welt schließen lassen. Weder Godard noch Kluge haben die Welt verändert, sie haben sie nur verschieden dekoriert. Kluge fragt in seinem Film, was Kino sein soll, spricht über Film als selbständige Kunst – ist es Kunst-Trödler-Kunst?.

DADS LEBEN IST EIN ERLOSCHENES FEUER,
DER FUNKE WURDE GELÖSCHT.
DER LICHTSCHLANGENMENSCH.
Die Weltseele aus der Steckdose.
Sokrates und die toten Schweine von Manila.
Schön ist der Mond über Polen –
ein Genickschuss lang
LAMENTO DER LIEGENGEBLIEBENEN WARE (Containern?)

So etwas kann man gerne schauen, wenn man Zeit hat, nicht aber wenn einen Erkenntnis-, Erlebnis-, Story-, Unterhaltungs-, Abenteuer- oder Liebesgeschichtenhunger antreiben. Oder: für Leute, die gehobener, gelehrter Langeweile frönen wollen?

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