Archiv für Juni 2019

4K-Restauration eines Filmes von Henry Bean von 2001 mit dem faszinierenden 21-jährigen Ryan Gosling, brillant in der Hauptrolle des hochintelligenten, von Widersprüchen im Judentum umgetriebenen Danny.

Dannys Problem entzündet sich an der Problematik Abhrahams, der seinen Sohn auf Gottes Geheiß töten soll. Wie das als Liebesbeweis zu verstehen sei. Was das mit der Allmacht Gottes zu tun habe, mit der Auserwähltheit und dem einzigartigen Leid des jüdischen Volkes. Schon in der Schule quält ihn das Thema, als erwachsenen Intellektuellen nicht weniger.

Weil Danny keine Lösung findet, lässt er, der erzogene und geschulte Jude, sich faszinieren von den Antisemiten, macht bei einer Gruppe von Skinheads mit, will unbedingt einen Juden töten.

Die Neonazis wissen nichts über seinen Hintergrund. Er fällt mit seinen Argumentationen auf, weil er so beschlagen ist, weil er sagt, man müsse sich über seinen Gegner erkundigen, sich Wissen über ihn holen. Er soll sogar für eine Gruppe mondäner, wohlhabender Bürger, Faschisten, in der feinen Gesellschaft Referate halten und sie für die antisemitischen Ideen begeistern. Aber in ihm sträubt sich die jüdische Erziehung dagegen, auch die Faszination durch die Schrift. Wie er mit seinen Neonazis eine Synagoge verunstalten soll, greift seine Ehrfucht vor der Thora, vor dem geschriebenen Wort ein.

Ein Film von besonderer Brisanz und Wichtigkeit in einer Zeit, in der aggressive Agitationsgruppen semitischer wie antisemitscher Couleur den ungelösten und unlösbar scheinenden Nahostkonflikt immer mehr auch zu uns zu tragen versuchen.

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Modenschau am FKK-Strand.

Bald 30 Jahre Mauerfall. Da lohnt sich ein Blick zurück. Denn der gefräßige Westen hat die faulige DDR mit Haut und Haar geschluckt, leidet heute noch unter Verdauungsbeschwerden. Grund genug, zurückzuschauen.

Ein flippiges Kapitel aus dem Bauern- und Arbeiterstaat holt Marco Wilms mit seinem Film von 2009, den er jetzt bei zwei Vorführungen in Berlin zeigt, zurück (Samstag, 29. 6., 2019, 22.00 Uhr, Kino Lichtblick und Mitwoch, 3. 7. 2019, 20.00 Uhr, Kino Toni, Berlin).

Wer assoziiert die DDR schon mit dem Begriffen „Mode“ und „Modenschau“. Wilms ist dort Model zur Vorführung von Mode. Er bewegt sich in einer Gruppe von Kreativen, die sich vom DDR-System nicht den Schneid abkaufen lassen. Sie organisieren Underground-Modeschauen mit einem Pep und einer Leidenschaft, die sich vor den großen westlichen nicht zu verstecken brauchen.

Die Gruppe nennt sich „Chic, Charmant und Dauerhaft“, CCD. Gearbeitet wird mit dem Material, was verfügbar ist: Erdbeerfolie beispielsweise oder Duschvorhänge. Grell geschminkt führen die Models die Klamotten auf improvisierten Laufstegen in Privaträumen vor.

Der Bogen von CCD spannt sich im Film bis zu den Performances von „Allerleihrau“ zur Zeit der Agonie der DDR in der Gethsemane-Kirche in Berlin, Aufführungen von apokalyptischer Intensität.

Marco Wilms hat Akteure von damals 2009 wieder aufgesucht, findet eindrückliche, aussagekräftige Schwarz-Weiß-Fotos, Schmalfilme, TV-Aufzeichnungen von offiziellen Modeschauen (auf der Kuhwiese beispielsweise oder am FKK-Strand oder die absurde Story vom ersten Striptease im DDR-Fernsehen), DDR-Werbung.

Er stößt auf Anekdoten, denn wer sich auffällig anzog und aufführte geriet zunehmend ins Visier der Stasi. Oder die Friseure, die mit Schamhaarfrisuren werben und für Wirbel sorgen. Wie die Gruppe auf den Einwand zu einer Modenschau, das könne ja kein DDR-Brüger kaufen und sei deshalb abzulehnen, antwortet, das seien Anleitungen zum Selbermachen. Zur Schau werden Schnittmuster verteilt.

Es wird aber auch diskutiert der Zusammenhang zwischen Kreativität und staatlicher Zwangssituation und ob diese künstlerischen Explosionen von damals heute, wo es nur ums Geld geht, noch möglich seien.

Als Drüberstreuer zur Erinnerung organisiert Wilms eine Retro-Revival-Show mit nachgeschneiderten Kostümen. Fazit: ein tolles Fest lässt sich jederzeit organisieren, aber das gewisse Gefühl von damals ist so nicht wiederherstellbar. Durch diesen Film ist es wunderbar erinnerbar, ein Aufheller im DDR-Geschichtsbild.

Die wichtigsten Protagonisten sind Frank Schefer, damals DDR-Fernseh-Cheffrisör, Sabine von Oettingen, Designerin und Master Mind der Science-Fiction-Modeschauen in der DDR, und Robert Paris, Fotograf. Ein damals ganz junger Stasi-Offizier beleuchtet die wurstige Seite der Stasi (visuell Auffällige am Alexanderplatz wurden „eingesammelt“).

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Ein Thema mit einem Schattendasein in unserer Gesellschaft und doch vielleicht von größerer Tragweite als vermutet, denn Menschen, die mit Geschwistern mit Behinderung aufwachsen, lernen ganz selbstverständlich Toleranz. Siehe Review von stefe.

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Flucht im Seelenverkäufer über den Lagodasee.

Auf dem Lagodasee spielte sich 1941 ein Kriegsdrama ab, das in manchen Dingen an die dramatischen Vorfälle im Mittelmeer von heute erinnert, wo immer wieder Schiffe mit Flüchtlingen untergehen.

Auch 1941 sind die Menschen aus St. Petersburg nicht aus Lust und Laune geflohen. St. Petersburg war von den Nazis eingekesselt und sollte ausgehungert werden. Der einzige Fluchtweg, der noch blieb, war der über den Lagodasee. Diesen hatte die Luftwaffe der Deutschen nicht auf dem Radar.

Aleksey Koziov beschreibt mit seinem erstklassigen Kinofilm diese Flucht. Als Rahmenhandlung inszeniert er eine Dokumentation über einen Dokumentarfilm, der mit einer der Überlebenden gedreht wird. Die alte Dame wird im Rollstuhl durch ihre Wohnung gefahren und sie erzählt.

Im Film ist die zentrale Liebesgeschichte die zwischen Kostya (Andrey Mironov-Udalov) und Nastya (Maria Meinkova). Um sie herum wird die Geschichte dieser dramatischen Rettungsfahrt geschildert mit Diskussionen, ob der Seelenverkäufer Schiff Nr. 752 überhaupt soviele Menschen aufnehmen kann. Aber auf dem Lagodasee gibt es nicht so viele verfügbare Schiffe. Es geht darum, so viele Menschen wie möglich zu retten, trotz Mängeln am Schiff.

Kostya möchte unbedingt mit Nastya zusammenbleiben. Entgegen dem Befehl für seine Truppe, die in letzter Sekunde an die Front beordert wird, schickt ihn sein Vater aufs Schiff – aus undurchsichtigen Gründen. Das schafft Probleme, speziell mit einem Geheimdienstler, der über alles Bescheid zu wissen scheint; es erweckt den Eindruck von Protektion.

Während das Schiff gezogen von einem Schlepper losfährt, wird um Petersburg herum der Krieg praktiziert. Hier ist auch der Vater von Nastya in Gefechte verwickelt. Diese Kämpfe sind so inszeniert, dass man sich über deren Absurdität durchaus bewusst wird.

Parallel zur filmischen Frontdramatik entwickelt sich auf dem Lagodasee eine weitere, doppelte Dramatik. Ein Sturm zieht herauf und die Nazis sind inzwischen auf die Fluchtroute aufmerksam geworden und schicken Bomberpiloten. Die Versenkung des Frachtschiffes soll ein Geburtstasgsgeschenk für einen deutschen Feldmarschall werden.

Die deutsche Sychro ist industriell zu nennen, erfüllt ihren Zweck der Verständnismöglichkeit. Die feinen Kinoqualitäten des Filmes dürften auf dem Heimkinobildschirm bestens zur Geltung kommen. Ein Film, der durch die heutige, weltweite Migrationsbewegungen eine schmerzliche Aktualität gewinnt, weil er von der Seite berichtet, von der wir am liebsten nichts wissen möchten.

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Die Filme verbindet eine gewisse Schonungslosigkeit. Blick in die Eingeweide der Liebe in Mexiko. Ortsbestimmung des Frauseins in Deutschland. Erziehung mit dem Gürtel in Mexiko. Kein optimistischer Blick auf Südafrika. Altern in New York (Nahaufnahme). Inkongruente Männer in Frankreich. Haustiere zügellos in New York. Absichtsvoll schonungsloser Blick auf Traumberufe sowie drehbuchverloren in Deutschland. Im Fernsehen wurden aus Lebenslinien ein Psychogramm und es gab eine Wiederholung einer Sendung über einen peniblen Regisseur.

Kino
NUESTRO TIEMPO
Liebe: schonungslos hineingeblickt.

DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN
Solange Frau einen Körper hat, gibt es Hintergedanken. Aber was wäre sie ohne Körper?

MAMACITA
Eine Frau wie ein General, aber der Enkel knackt sie.

FIVE FINGERS FOR MARSEILLES
Nicht netter als die biblische Geschichte oder ein Western.

WO IST KYRA
Altern: schonungslos.

EIN BECKEN VOLLER MÄNNER
Das Runde eckig machen? Männer im Wasser: schonungslos.

PETS 2 – THE SECRET LIFES OF PETS 2
Ist die Herrschaft aus dem Haus, tanzen die Haustiere und veranstalten Blödsinn.

ALL I NEVER WANTED
Dem Glanz von Traumberufen zurecht misstraut.

WENN FLIEGEN TRÄUMEN
Deutsche Drehbuchkrankheit: schonungslos offengelegt.

TV
LEBENSLINIEN: MIROSLAV NEMEC – DER TATORTKOMMISSAR UND ICH
Das Ich, das Es und der Erfolg.

SCHWERMUT UND LEICHTIGKEIT: DIETLS REISE
Tipp für Nachwuchsregisseure: so genau kann man an Sprache arbeiten!

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Einen erfrischend offenen bis ernüchternden Blick auf Traumberufe werfen die beiden Filmemacherinnen Annika Blendl und Leonie Stade, die mit Oliver Kahl zusammen das Drehbuch geschrieben haben.

Es geht um die Traumberufe Model, Schauspieler und ihren eigenen, das Filmemachen. Sie schauen mit kühler Distanz und Unvoreingenommenheit auf das Spiel mit den Träumen und die oft prosaische bis bittere Realität dahinter.

Die Auswahl des Castes verstärkt diesen Eindruck der Offenheit und des klaren Blickes, sie versuchen, sich nichts vorzumachen, der Realität der Traumberufe ins Auge zu schauen, eine eher seltene Position in Bereichen, in denen das Schwärmen, Vernebelung und der Bluff zum Alltag gehören.

Das fängt schon mit den affigen Kapriolen an, die deutsche Subventionsstars auf dem Roten Teppich des Filmfestes München aufführen. Die beiden Filmemacherinnen nehmen sich nicht aus. Sie passen sich dem provinziellen Glamour-Diktat des Münchner Filmfestes nahtlos an.

Sie sind auf der Suche nach Produzenten, also Geldgebern für ein neues Projekt, denn ihr Traumprojekt „Man on Mars“ hat nicht funktioniert. So bescheiden sie sich denn auf die Idee einer Dokumentation über Inhaber von Traumberufen. Sie inszenieren fakedokumentarisch ihre eigenen Gespräche mit dem Produzenten und wie er das Projekt begleitet und 100′ 000 Euro locker macht. Sie werden mit dem Boden der Tatsachen konfrontiert – und lassen das auch zu, nutzen es als Chance.

Dafür begleiten sie die 40-jährige TV-Krimi-Seriendarstellerin Mareille (Mareille Blendl) und das blutjunge, minderjährige Nachwuchsmodel Lida (Lida Freudenreich).

Mareille war erfolgreiche TV-Kommissarin. Aber die Produzenten ersetzen sie durch eine Jüngere, lassen sie den Serientod sterben. Sie hat keine Angebote. Ein Theater in Lindau inszeniert gerade „Die Jungfrau von Orleans“ von Schiller. Theaterleiter Jochen (Jochen Strodthoff) will mit der prominenten Darstellerin einen Coup landen. Das ist der eine Strang der Dokufiction oder Fakedoku oder Halbfiction/Halbdoku.

Der andere kümmert sich um Lida. Sie bekommt eine Chance in Mailand bei einer Agentur, rennt dort von Casting zu Casting und gewährt so den Dokumentaristinnen einen schonungslosen Einblick in die Brutalität des Gewerbes mit der Schönheit und dem Traum von der Berühmtheit.

Der Schwachpunkt dieses erfrischenen Filmes ist – mal wieder, aber es fehlt hier einfach an Kapazitäten in Deutschland, die das lehren könnten – das Konstrukt der Geschichte, die Entwicklung der Vorgänge in Lindau und Mailand, die wirkt, bei aller Qualität glaubwürdiger Einzelmomenthaftigkeiten, doch arg betulich, bieder, naiv, süßlich und erfunden bis zwangskonstruiert.

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Schmerz und Reichtum.

Dieser Film von José Pablo Estrada Torrescano über seine „Mamacita“ wie seine Oma genannt wird, bringt in seltener Deutlichkeit die Spanne zwischen menschlicher Einsamkeit und des von ihr geschaffenen Reichtums zu Geltung, zwischen äußerlicher, perfekter Fassade, auch mit den Mitteln der Schönheits- und Reichtumsindustrie, und dem unglücklichen Menschen dahinter, der nie ein Leid aus der Kindheit vergessen kann, dem aber dieses Leid auch ein unglaublicher Motor zur Schaffung des Beweises wird, dass diese Leidgeprüfung etwas wert ist.

Mamacita habe das alles selber geschaffen. Es ist ein Imperium aus Schönheitsfarmen in ganz Mexiko. Oma lebt herrschaftlich umgeben von Personal, das sie wie Leibeigene behandelt. Trotzdem bleiben sie jahrzehntelang bei ihr. Sie duldet keinen Widerspruch, auch wenn die Wahrheit noch so evident anders ist, wenn die Sauce längst übergelaufen ist, ja sie wird richtig böse, wenn einer sich traut, darauf hinzuweisen; die Welt hat so zu sein, wie Mamacita es sich wünscht. Keiner traut sich ihr zu widersprechen. Sofort hält sie ihren Enkel, der mal einen Satz sagt, der sich wie eine Kritik anhört, für undankbar und dass sie nichts mehr von ihm wissen möchte.

Mamacita selber hat ein höchst ungewöhnliches Schicksal. Sie ist das Produkt einer kopflosen Liebe zwischen Halbgeschwistern. Die Kirche will das Kind nicht anerkennen. Ihr Opa ist ein General und das Geld, was die Kirche für die Anerkennung verlangt, das ist ihm zuviel. So wird denn ihre Mutter in einen Turm eingesperrt und das Inzest-Mädchen vom General erzogen, vor dem sie immer irre Angst hatte. Sie selbst wird früh schwanger. Hat, so viel aus dem Film zu sehen ist, etwa sieben Töchter. Auch sie haben zu parieren, haben beim Aufbau ihrers Geschäftes mitzuwirken. Stramm. Schläge mit dem Gürtel sind eingängiges Erziehungsmittel, sogar von Ärzten empfohlen.

Es gibt Archivaufnahmen von Auftritten der erfolgreichen Frauen, wie im Märchenland. Wobei der Filmemacher selber nicht ungeschoren davongekommen ist. Seine Mutter stirbt, wie er 13 ist. Für Oma ist das ein Makel. Der Bub bleibt außen vor.

Andererseits ist Mamacita es, die von Enkel Nummer 17 (von 23), der in Düsseldorf Film studiert, verlangt, einen Film über sie zu machen. Dabei gelingt ihm eine handfeste Überraschung, die unabdingbare Voraussetzung für jede spannende Geschichte ist, eine Wandlung, eine Veränderung in der Hauptfigur zu erreichen. Das gelingt mit einem ungewöhnlichen Trick, so dass Oma für einen Moment die perfekte Maske fallen lässt und als gerührter Mensch rüberkommt, das aber auch sofort verbalisiert. Das ist, speziell für einen Dokumentarfilm, ziemlich einmalig.

Ein Bild endloser Einsamkeit ist es, wenn Mamacita vor dem Zubettgehen mit Hilfe ihres Personals ihre teuren Ringe und Ketten auszieht.

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Und wieder sind die Haustiere los, geraten ordentlich-bürgerliche Haushalte außer Kontrolle und muss zum richtigen Zeitpunkt alles wieder in Ordnung sein, wenn die Herrschaften aus dem Urlaub zurückkommen. Auch sie erleben mit ihren Haustieren, die sie mitnehmen, lauter Unerwartetes auf dem Bauernhof, Schafe und Schweine und ein Pfau können erschrecken, verunsichern, belustigen, sorgen für Witze und Eskapaden.

Während auf dem Bauernhof der Urlaubs-Tier-Nonsense abläuft, gibt es in der Stadt Probleme zu lösen, die Eigenleben gewonnen haben. Aus dem einen Haushalt ist die Piepsbiene abhanden gekommen und bei einer alten Frau mit einer unübersehbaren Zahl von Katzen gelandet. Die muss unser Hauptheld, ein weißes Kaninchen im blauen Superman-Anzug, mit seinen Mitstreitern wiederbeschaffen. Außerdem gilt es, einen weißen Tiger aus den Fängen des bösen, russischen Zirkus Sergej zu befreien. Der Tiger wird von schwarzen Wölfen bewacht. Das sind waghalsige Abenteuer, die Mut, Geschick und Verwegenheit erfordern, die zu Verfolgungsjagden mit jeder Menge Slapstick im bewährten Sinne durch einen Rummelplatz, der gerade in Nachtpause ist, führt.

Der Film von Chris Renaud nach dem Drehbuch von Brian Lynch ist Rummelplatzkino, Vergnügen ohne den Anspruch von Tiefe (insofern passen die deutschen Stimmen perfekt; wobei nicht nachvollziehbar ist, wieso der Verleih Werbung mit deren Namen macht; es dürfte kaum ein Zuschauer wegen einem Synchronsprecher ins Kino gehen, noch dazu, wenn diese dumpf auf die Knalltube drücken). Der Film ist eine Aneinanderreihung von Pleiten, Pech und Pannen und auch von Erfolgen, alles nicht tierisch ernst, tierisch lustig, zum Ablachen, falls der Alltag einem zu öde ist. Kindereien erlaubt, Kindischsein erlaubt, Blödsinn, Tollerei, Witze und Gags erlaubt. Das Kino als ein Abreagieruniversum.

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Andrew Dosunmu, der mit Darci Picoult auch das Drehbuch geschrieben hat, nähert sich seinem Topos, einer Schelmengeschichte aus verzweifeltem Anlass, mit einer faszinierenden Mischung aus verhaltener Diskretion, also viele Einstellungen durch Durchbrüche, Spalten oder auch über Spiegel – und soweit wie möglich mit den üblichen alltäglichen Lichtquellen, also oft düster – und aus direkter Fixiertheit auf die Anstandsdistanz weit überschreitender Nähe zu Details.

Diese Details können neben der Handlung liegen, ein verwahrlostes Bettuch, ein nacktes Bein, den Rest der Liebesszene soll sich der Zuschauer imaginieren. Die Hand einer alten Frau, die mühsam versucht ihre Strümpfe anzuziehen, großes Gemälde.

Dosunmu erzählt viel über die Details. Die alte Frau, das ist Ruth (Suzanne Shepherd). Sie geht am Stock wie eine Greisin, mühsam, jede Bewegung ist ein Kampf. Sie wird gepflegt von ihrer Tochter Kyra (Michelle Pfeiffer). Die ist zu ihr gezogen. Sie hat keinen Job mehr. Sie sucht einen. In ihrem Alter sind Absagen die Regel.

Mutter stirbt. Kyra lernt Doug (Kiefer Sutherland) kennen. Das wird eine Liebesgeschichte. Aber Kyra braucht Geld. Sie wird zur Rentenschwindlerin. Sie verkleidet sich als ihre Mutter, vermummt sich, Perücke, Sonnenbrille, dicker Schal, Stock, richtig schön chargierter Gang. Diese Szenen wirken gespenstisch. Anfangs ist auch gar nicht klar, ob es sich um Symbolik handelt.

Auch die Musik lässt mit ihrem Grollen Abgründiges, Tiefgründiges, Metaphorisches vermuten. Das Gespenst der Mutter. Insofern kann ich dem ein Lächeln abgewinnen.

Wobei die Geschichte doch deutlich rationaler, banaler ist, eben die Rente. Das macht den Reiz dieses Filmes aus, wie Dosunmu das erzählt, wie er mit seiner Haltung spielt. Michelle Pfeiffer macht das großartig.

Aber Doug kommt hinter die Schwindelei, ist nicht einverstanden, er kann ihr ja helfen. Für einen großen Teil des Publikums dürfte der Film zu düster sein. Ich kann ihm ein humoristische Grinsen abgewinnen, auch deshalb, weil die Darsteller das so prima vorführen und weil Dosunmu so diskret zwischen Nähe und Distanz, Anstand und Intimität der Vorgänge, die ihn interessieren, wechselt.

Die deutsche Synchro hat das begriffen und bleibt zurückhaltend gepflegt, verhält sich ähnlich wie die unaufdringliche Kamera, die oft ruhig bleibt, als stehe sie vor einer Guckkastenbühne: die Ehre gebührt dem, was geboten wird.

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Das deutsche Kino leidet unter cineastischer Anämie, eingeschnürt in die bürokratischen Konzepte von Förderung und finanzierender Fernsehmacht, unter dem Einfluss des Zwangsgebührenfernsehens.

Immer wieder gibt es Versuche von Einzelnen oder Gruppen, daraus auszubrechen, ein Kino nach eigenem Gusto zu machen.

Hier versucht sich die Schauspielerin Katharina Wackernagel nach dem Buch von Jonas Grosch als Regisseurin. Dabei tritt der extremste Mangel des deutschen Kinos eklatant zu Tage: dass es an Drehbuchkultur fehlt. In allem anderen zeigen die Darsteller und die verschiedenen Gewerke Talent oder erfahrene Übung.

Aber bloß sich das Thema Einsamkeit und Psychose in unserer heutigen Gesellschaft vorzunehmen und dazu vieles zu erfinden, was ein Stück weit sich zum Road-Movie in Richtung Norwegen entwickelt, trägt nicht, ist zu dürftig.

Oder es fehlt vollkommen am Bewusstsein, was der Stellenwert einer gut ausgedachten Geschichte ausmacht.

Die zwei Halbschwestern Naja (Thelma Buabeng) und Hannah (Nina Weniger) haben eine Erbschaft gemacht: ein Feuerwehrauto und das Haus ihres Vaters in Norwegen. Hier fängt die Konstruktivitis schon an. Die eine kann nicht autofahren, die andere hält Geschwindigkeiten über 70 Stundenkilometer nicht aus, die eine will das Feuerwehrauto, die andere das Haus, geteiltes Erbe gleich geteiltes Leid.

Zu ihnen gesellt sich auf dem Weg nach Norwegen ein Latino, der vom Himmel fiel, Carlos (Johannes Klaußner). Diese werden verfolgt von einer Gruppe in einem PKW, darin sitzen Luz (Niels Bormann), Marie (Tina Amon Amonsen), Ole (Robert Glatzeder) und Filmemacher Peter (Zoltan Paul; der Filmemacher ist, zuletzt aufgefallen mit Breakdown in Tokyo – ein Vater dreht durch).

Es entsteht der Eindruck: Shooting first, der Drang zum Drehen und daran Spaß zu haben, scheint den Drang, ein taugliches Drehbuch zu schreiben bei weitem zu überflügeln. So verliert sich das Interesse am Film schnell im Ungefähren. La génération dépro mit Pillen, Schnaps und Psychiater Dr. Faust (Helmut Mooshammer) im eigenen Spiegel.

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