Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen

Die blutige Geschichte Rumäniens.

Regisseurin Mariana Marin (Ioana Jacob) will den Rumänen in einem Open-Air-Spektakel als Volksstück einen Ausschnitt aus der eigenen Geschichte näher bringen. Dabei ist eine Korrektur des rumänischen Selbstbildes vorgsehen.

Bis jetzt haben sich die Rumänen immer als Opfer gesehen. Aber in der Nazizeit war das nicht so. 380 000 Juden sollen sie ermordet haben.

Im Theaterspektakel geht es um das Judenmassaker in Odessa. Mariana hat sorgfältig recherchiert. Das dürfte auch der Regisseur und Drehbuchautor dieses Quasi-Doku-Filmes, Radu Jude, getan haben.

Quasi-Doku insofern, als der Film die Geschichte über diese Theateraufführung wie dokumentarisch begleitet. Von den ersten Recherchen, Besichtigung historischen Footages der Befreiung Odessas, aber auch von Judentötungen in Litauen oder in Polen, da es aus Rumänien nicht genügend historisches Bildmaterial gibt. Wie wichtig die Juden in Odessa waren. Und wie sie plötzlich zu vernichten waren, weil sie den Rumänen alles wegnähmen.

Ein Diskussionsstrang auf dem Weg zur Aufführung ist derjenige von Mariana mit dem Kulturfunktionär (der das Kulturevent sponsert), Movila (Alexandru Dabija). Ob es denn gerade dieses Stück aus der Geschichte sein müsse. Es gebe doch so viel anderes Böses auf der Welt, Boko Haram oder den IS.

Ein weiterer Nebenstrang ist die Geschichte mit Marianas Freund Traian (Alex Bogdan). Auch die beiden diskutieren die Aufführung. Aber auch das Thema Kind. Es geht um das Casting der Darsteller, um Kostümproben und -aussuche. Gewehraussuche. Und immer wieder ergeben sich auch unter den Komparsen während der Proben Gespräche über den brisanten historischen Stoff. Die zeigen, dass die nationalistischen Geister längst noch nicht ausgestorben sind. Erst recht bei der Aufführung wundert sich Mariana, an welchen Stellen applaudiert wird. Der General Antonescu, der das Massaker zu verantworten hat, erlebt in Rumänien heute noch eine Art Heiligenverehrung.

Geistigen Input für die Diskussionen lierfern: Isaak Babel, Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt, Günter Gaus.

Radu Jude bringt eine Variante von Aufarbeitungsfilm, wie sie heutig, lebendig, spannend und ohne jede Bedröppelung auskommt und wo der typische 2. Weltkriegskostümfundus direkt bizarr eingesetzt wird durch die (gezielt unpassend) gecasteten Komparsen mit ihren privaten Frisuren und ohne Rücksicht auf militärische Körperlichkeit.

Ioana Jacob als die Regisseurin des Spektakels ist nicht nur immer apart gekleidet und sieht hübsch aus, sie spielt das auch überzeugend mit den passenden Privatismen.

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