Archiv für 30. Mai 2019

Die Amis unterhalten mit witziger, die Japaner mit harter Animation, die Briten erzählen von einer märchenhaften Sängerkarriere, die Deutschen bringen das kongeniale Biopic eines berühmten Fotografen und ein religionskritisches Debüt, aus der Slowakei gibt es ein verhalten-schönes Coming-of-Age, die Rumänen entdecken ihre Schuld, in den USA übt sich eine böse Frau in Horror, soll Godzilla die Welt retten und verirrt sich ein Movie in Zeitschlaufen; ein Deutscher will europäische Themen ventilieren und einer Französin verrutscht im Weltall das Niveau. Im TV gabs wieder einen offensichtlich gremienkompatiblen Tatort mit viel zu wenig Drehtagen.

Kino
MISTER LINK – EIN FELLIG VERRÜCKTES ABENTEUER
Der urige Slapstick transportiert eine beachtlich subtile Moral.

MIRAI – DAS MÄDCHEN AUS DER ZUKUNFT
Die Kämpfe eines Erstgeborenen nach Ankunft eines Schwesterchens.

ROCKETMAN
Das Musikgenie, die Raketenkarriere, die Drogen, die Heilung.

PETER LINDBERGH – WOMEN‘ S STORIES
Auf rastloser Jagd nach Schönheit – und dabei Weltstars kreieren.

ORAY
Der Protagonist Oray behauptet, die Religion gebe ihm Freiheit. Der Film stellt es etwas anders dar.

ORANGENTAGE
Ein remarkables Coming-of-Age aus der Slowakei.

MIR IST ES EGAL, WENN WIR ALS BARBAREN IN DIE GESCHICHTE EINGEHEN
Die Rumänen waren in der Nazizeit nicht nur Opfer. Eine Regisseurin macht daraus ein Theaterspektakel.

MA
Wozu ein Mensch fähig werden kann, wenn ihm Böses angetan wurde.

GODZILLA II – KING OF THE MONSTERS
Wer hier von Monstern noch nicht genug kriegt, dem ist nicht zu helfen.

HAPPY DEATH DAY 2U
Der Film bleibt in seinen eigenen Zeitschlaufen hängen.

ROADS
Aktuelle Themen in den Film gepackt (Migration, Drogen, Rassismus) und schon fließen die öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührengelder und die hohe Anerkennung durch die Filmintellektuellen.

HIGH LIFE
Auch Intellektuelle Frauen haben niedere Instinkte.

TV
TATORT: DIE EWIGE WELLE
Die berühmte Münchner Eisbachwelle mit Drogen in Verbindung gebracht.

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Mister Link, ein guter Film für Kinder. Mister Link, ein Spaßvogel, immer lustig drauf. Mister Frost, Abenteurer, aber ein Egoist“. Quintessenz von Jonas (9 Jahre).

Mr. Link und Lionel Frost auf dem Weg zu den Yetis. – Zeichnung von Malaika (5 Jahre)

Subtile Moral.

Die Moral, die Chris Butler (Kubo der tapfere Samurai) seinem unterhaltsamen Abenteuer-Animationsfilm beipackt, ist ungewöhnlich, subtil und ernst zu nehmen: man solle sich vielleicht seine Ziele genau überlegen, wo man dazugehören möchte. Ob es so erstrebenswert sei, einem bestimmten, exklusiven Club von Akademikern, Forschern, Abenteurern beitreten zu wollen, dem erlesenen „The Optimates Club“, der in Ledersesseln und getäferten Räumen in London residiert, sich für wichtig hält und welchem Lord Piggot-Dunceby vorsteht, der eher einem Pavian denn einem Professor ähnlich sieht.

(Als konkretes Beispiel aus Deutschland könnte man nehmen: es sollte sich einer sehr wohl überlegen, ob er beispielsweise der Deutschen Filmakademie beitreten will – ist diese doch zuständig für die Vergabe des dümmsten Filmpreises der Welt – dieser wird nach einem undurchsichtigen Verfahren ermittelt und gibt sich als Staatspreis aus, obwohl er nur ein Vereins-, ein Innungspreis ist; Hybris pur).

Der den Beitritt zu so einer erlauchten Gemeinschaft anstrebt und die erwähnte Moral schmerzlich lernt, das ist Mythenforscher Sir Lionel Frost.

Als Eintrittsbillett in den Club will er den Nachweis des Yeti erbringen. Einen Fußabdruck hat er schon. Und einen Weggefährten ebenso. Das ist Mr. Susan Link, eine Vorstufe zum heutigen Menschen mit einem süßen Gesicht wie ein kleiner Schimpanse und mit einer Art Federkleid wie mit Noppen aus Gummi, Modell Uhu mit birnenförmigem Bauch. Eigentlich ist er ein Er und keine Sie, aber er missversteht die Art, wie Menschen sich Namen geben und deshalb wird er zu Susan.

Adelina hängt am Schiff, Susan (Mr. Link) hilft. – Zeichnung von Malaika (5 Jahre)

Er ist ein letzter seiner Art und fühlt sich einsam. Er hat die fixe Idee, die Yetis könnten ihm gegen die Einsamkeit helfen – und das ist der andere Teil der subtilen Moral dieses Filmes, dass die fixe Vorstellung von Hilfe gegen Einsamkeit mehr fix als lebensnah sein dürfte. Deshalb lockt er den Forscher Frost auf seine Spur, legt ihn rein, er will ihn an seinem Ehrgeiz (mittels Yeti beim feinen – resp. ‚albernen‘ – Club Aufnahme finden) zökeln und für seine Zwecke einspannen.

Das sind die Motoren dieser verrückten Abenteuergeschichte, es wird sich den beiden noch Adelina Fortnight, eine spanische Witwe, anschließen, bei der sie erst einbrechen müssen wegen einer Landkarte. An ihr sind der Schönheitsfleck rechts unterhalb vom Kinn und ihre Frisur die hervorragendsten Merkmale und dass sie nicht leicht, genauer: überhaupt nicht verführbar ist; ihr Verhältnis zu Frost ist zwiespältig; wie sie aber gewahr wird, dass Lord Piggot-Dunceby ihm einen Verfolger auf die Spur setzt, ist sie auf Frosts Seite.

Die Reise führt die Drei von Mexiko über New York, England, Frankreich, die Schweiz, Italien nach Indien und dann in Richtung Himalaya nach Shangri-La. Hier gilt es, mit einer Oma mit einem Huhn auf dem Kopf sich gut zu verstehen. Trickreich ist das Tabu, dass in ihrer Gegenwart das Wort Huhn nicht erwähnt werden darf, sonst dürfte sie ihr Wissen um den geheimen Aufenthaltsort der Yetis nicht preisgeben.

Das Abenteurertrio wird spätestens im Yetireich, das versteckt liegt und entsprechend fremdenfeindlich ist, zur Erkenntnis kommen, dass ihre Zielsetzungen möglicherweise nicht allzu überlegt waren.

Immerhin, sie haben die verrückte Reise überlebt, obwohl der Klubpräsident ihnen einen hartnäckigen Killer auf die Fersen hetzt, sie sind noch einmal davon gekommen, wenn auch nach waghalsigen Akrobatik- und Überlebenkunststücken und der lachende Dritte bei dieser Geschichte ist der bestens unterhaltene Zuschauer, der bestimmt diese gewisse Britishness schätzt, die auf Formales wert legt, wobei Wörtlichkeit zu folgerichtigen Fehlern führt und gezielte Aktionen immer Wirkung haben, oft nicht die erwünschte, die einfache Kunst des Slapstick humorvoll eingesetzt. Erkennbar ist auch, dass die bei der deutschen Fassung versuchen, ein ordentliches Hochdeutsch zu sprechen.

Susan (Mr. Link) im Verlies aus Eis. – Zeichnung von Malaika (5 Jahre)

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Dieser Film von Tate Taylor (Get on Up – Die James Brown Story, The Help) nach dem Drehbuch von Scotty Landes will pure Unterhaltung sein. Er will geschickt kalkuliert zeigen, was passiert, wenn Menschen anderen Menschen Böses tun.

Die böse Frau.
Sue Ann (Octavia Spencer) ist die böse Frau. Das wird bald klar. Und auch, weshalb sie böse ist und Rache nehmen will, wird in knappen Rückblenden erklärt. Der Zuschauer weiß also, worauf alles hinauslaufen wird.

Allerdings ist die Erzählung so kalkuliert, dass der Zuschauer dem Konstrukt folgen muss, weil es doch nicht ganz gradlinig ist und immer mit neuen, überraschenden Informationen und Wendungen aufwartet.

Der Film fängt schön konventionell wie ein üblicher Horrorfilm an. Erica (Juliette Lewis) ist mit ihrer Tochter, der schönen Maggie (Diana Silvers) im PKW mit Anhänger unterwegs in die Provinzstadt. Sie zieht in ein leeres Haus ein, das nicht zu dicht von anderen Häusern umgeben ist. Es bleibt Platz für Fantasien.

Erica tritt einen neuen Job in einer größeren Gaststätte mit einer Menge Spielautomaten und einer riesigen Alkoholauswahl an, sexy gekleidet wie einsten die Bunnys.

Die Tochter, sie sei 16, kommt in eine neue Schule. Schnell findet sie Anschluss. Die neuen Freunde und Freundinnen nehmen sie zu ihren Feiern mit. Da sie noch nicht volljährig sind, müssen sie Erwachsene vorm Geschäft abpassen und anhauen, ob sie ihnen Alkoholika besorgen.

Auch Maggie muss das versuchen. Bei Sue Ann wird sie fündig. Die macht erstaunlich schnell mit. Sie sagt ganz nebenbei, sie hätten das als Jugendliche genau so gehalten, zeigt sich verständnisvoll.

In so einer Provinzstadt, bei der ein riesiger Kühlturm raucht, gibt es verlassene Ecken, in denen man feiern kann, verlotterte Bauten, verwahrloste Lagerplätze.

Sue Ann selbst arbeitet in Brooks Veterinärklinik. Das wird später noch zu schauderlichen Aktivitäten führen. Sie taucht erneut bei den Kids auf, wie sie Alkohol brauchen. Aber sie überlistet sie dazu, auf ihrem abgelegenen Anwesen zu feiern. Das wird zur hippen Location für die Partyjugend.

Wohl dosiert streuen die Filmemacher nun Merkwürdigkeiten in die Handlung ein, lassen alte Beziehungen wieder aufleben, bis klar ist, welches Rachepotential in Ma, Abkürzung für Mutter, in dieser schrecklich netten und jugendverständigen Mutter steckt.

Es wird Schauderhaftes passieren. Aber da der Film zur Unterhaltung gedacht ist, finden Taylor und Landes eine Lösung, die den Zuschauer nach dem doch recht modellhaften Beispiel (hier ist Genre gefragt und nicht Tiefgang – die Musik unterstützt das energievoll) unbelastet nach Hause entlässt. Nothing to do in this town, it sucks.

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Sozialisierung in aller japanischen Härte.

Die ersten Minuten dieser meisterlichen Animation von Mamoru Hosoda (Der Junge und das Biest) schildern das runde, zufriedene Leben des vierjährigen Buben Kun.

Kun wohnt in einem Einfamilienhaus moderner Architektur in einem Wohnviertel von Yokohama. Ein Drohne hat die Stadt im Fokus und nähert sich dem Anwesen. Der Bub wird gehütet von seiner eleganten Oma. Er spielt, die Oma soll die Unordnung aufräumen. Ein Hund ist auch vorhanden. Das Leben in dieser Großstadtidylle ist beinah langweilig zu nennen, ruhig und gewöhnlich.

Das wird nicht lange so weitergehen. Schon stehen Mama und Papa vor der Tür. Schwesterchen Mirai wurde geboren. Damit fängt die Dramatik im Film, speziell im Leben von Kun, an. Etwas gerät in Unordnung.

Kun ist jetzt nicht mehr der Prinz, ist nicht mehr das Ein und Alles. Er muss die Härten des Abgebens, Verzichtens und Teilens lernen. Er macht das durch, was viele Erstgeborene als extistenziellen Bruch erfahren, was aber auch den Weg zu einer breiteren Sozialisation ebnet.

Der Film schildert diesen alles andere als komfortablen Prozess aus der Sicht des Jungen. Insofern ist er kein Erziehungsfilm, sondern er fühlt und denkt sich hinein in die Lage eines Menschen, der durch sein verändertes Verhalten für die Umwelt plötzlich schwierig und unerträglich wird.

Kun mag die kleine Schwester nicht, er trotzt, er mag die Mutter nicht. Er schreit, er verweigert sich. Hosoda schildert das mit aller japanischen Härte. Diese macht er aber erträglich durch Extrapolationen in Traum- und Fantasiewelten, in Zeitreisen, die die Koordinaten der Entwicklung abstecken, in kompensatorischen Wutfantasien (die Mutter eine Hexe wie im Bilderbuch), in die Kun sich flüchtet, die zentral mit der Verarbeitung des Geschwisterschocks zu tun haben. Ergänzt werden diese Elemente durch einen Blick in die Familiengeschichte, in die am Rande die japanische Geschichte mit einfließt. Kun trifft auch auf eine Leidensgenossin, ein Mädel mit dem gleichen Schicksal.

Kun begegnet seiner kleinere Schwester als größeren, oder er begegnet sich selbst als großem Prinzen, als Abenteurer, Reiter oder Motorradfahrer, oder auch sich selbst als Halbwüchsigem mit seiner ebenfalls halbwüchsigen Schwester, er hat Horrorfantasien des Ausbüchsens, der Erfahrung der Fremdheit im Shinkansen (wenn die Sessel sich drehen, sitzen lauter Gerippe darin). Und der vom Haushalt überforderte Vater (Mutter arbeitet nach kurzer Geburtspause wieder), bemüht sich, Kun das Fahrradfahren beizubringen.

Mit all diesen vielfältigen filmisch und erzählerisch ergiebigen und gerne auch turbulent ausgeschlachteten Mitteln führt Hosoda die Geschichte dahin, dass die Familie nach den ersten Härten mit dem neuen Geschwisterchen sich richtig auf den Familienurlaub freuen kann.

Die deutsche Synchro ist passabel, könnte einen Tick persönlicher sein.

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Ein Biopic über Elton John, süß und nahrhaft wie ein Plumpudding. Ein Märchen, wie nur das Showgeschäft es schreiben kann. Selbstverständlich kommen Unglücksmomente vor, nie aber muss der Zuschauer bangen, der Protagonist schaffe es nicht. Er kommt dem Sog der Geschichte und deren Inszenierung nicht aus.

Dexter Fletscher erzählt nach dem Drehbuch von Lee Hall vom Buben in den 50er Jahren, der in britischen Kleinbürgerverhältnissen aufwächst, von der frühen Trennung der Eltern. Seine musikalische Begabung kann nicht übersehen werden, umso mehr, als es in der Familie eine Verehrung der Musik gibt. Vater liebt Jazz-Platten.

Bald schon startet Elton (Taron Eggerton, der den Star großartig verkörpert und selbst die Lieder singt) sein Studium an der Royal Academiy of Music. Die Karriere fällt ihm leicht, er muss nicht kämpfen, oder wenn schon, mit den Negativseiten des Erfolges.

Es gibt Menschen, die bedingungslos zu ihm halten, sein Freund Bernie (Jamie Bell) wird immer an seiner Seite sein, begleitet ihn bei seinem Coming-Out. Sein erster Manager und Lover dagegen, John Reid (Richard Madden) bleibt dubios, ist aber wichtig für den Aufstieg.

Nach Vorgeplänkeln in England gewinnt die Karriere Momentum mit dem Auftritt im „Troubadour“ in L.A. Von da ausgeht die Karriere ab wie eine Rakete.

Bei Fletcher flutscht die Erzählung wie aus einem Guss, geht schnell und leicht Karrierestationen durch, die Einsamkeit, scheinbare Liebe, Jubel, Autogramme, Couture-Show, Reichtum, Schloss, die Verhältnisse der Eltern, Verschwendungssucht, dann Alkohol und Koks.

Mit viel Elton-John Musik drüber oder direkt, auch als Musical-Nummern auf verschiedene Darsteller verteilt. Volle Dröhnung an Musik und bei John an Drogen. Bis es merkt, dass es reicht, bis er einen Auftritt im ausverkauften Madison Square Garden Auftritt bleiben lässt, filmisch effektvoll das Theater im Federkostüm verlässt, sich zu einer Gruppe Anonymer Alkoholiker fahren lässt und den entscheidenden Satz hervorbringt.

Um diese Sitzung herum gruppiert sich in Rückblenden das Biopic, auch mit exzellenten Kinderdarstellern für den kleinen Elton, der ja so gar nicht hieß, sondern Reginald Kenneth Dwight, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihn die Drogen schier fertig machen.

Den Rest besorgt der Abspann, und dass Elton John seither, seit 28 Jahren, clean sei, insofern auch ein Film über einen erfolgreichen Alkohol- und Drogenentzug („I am still standing“).

Der Film wurde der Presse vorab im ersten, deutschen DOLBY CINEMA im Mathäser in München gezeigt: ein Musikerlebnis pur, etwas Besseres kann dem Film nicht passieren.

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Ausschlachten der Schwarmintelligenz öffentlich-rechtlicher Fernsehredakteure.

Abhaken einiger wesentlicher Punkte zum Thema „Migration“, Flucht übers Mittelmeer, Polizei, Auffanglager, Rassenvorurteile und schon geraten die Filmintellektuellen ins Schwärmen, ohngeachtet, ob der Film auch spannend, plausibel und nachvollziehbar gemacht ist.

Sebastian Schipper, der mit Oliver Ziegenbalg auch das Drehbuch geschrieben hat, versammelt diese Punkte plus zerrüttete Familienverhältnisse im Kongo und in London, Hasch und Schwulität, Illegalität und Fahren ohne Führerschein wie bei einer Power Point Präsentation im Drehbuch.

Die meisten Themen werden eh nur im Dialog, also papieren erwähnt (William aus dem Kongo (Stéphane Bak) hat 200 ertrinken gesehen, zitiert einige Dramen um Bootsflüchtlinge von Marokko nach Spanien). Der Protagonist Gyllen (Fionn Whitehead) erzählt von seiner ihn schlagenden Mutter. Dass der Vater Paul (Ben Chaplin) eine junge, schwangere Frau oder Geliebte hat, das ist zu sehen. So weit ist also den Fernsehredakteuren des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes schon gedient.

Wichtige Themen kommen vor, stehen im Drehbuch zu lesen, ja es gibt sogar eine heausgehobene, explizite Rassimus-Szene zwischen den beiden Roadmovie-Akteuren William und Gyllen, ja wir sind in der Antivorurteilslehrstunde.

Nur, will das jemand im Kino sehen? Denn spannend ist das vorgebliche Roadmovie nun nicht gerade erzählt, das hat mir sogar einer konzediert, der zufrieden war mit dem iedologisch korrekten Auffsummieren der Punkte zum Migrationsthema.

Aber wozu ein Roadmovie drehen, den ganzen Aufwand betreiben, wenn es nur der ideologischen Vergewisserung dienen soll?

Der Film fängt mit einer prototypischen Roadmovie-Szene an. Ein Campingwagen steht in Meeresnähe. Ein Junge zappelt aufgeregt um das Gefährt herum. Er tätigt verschiedene Anrufe. Aus jedem wird deutlich, dass er ein Problem mit seinem Campingwagen hat.

(Ein Kritiker-Kollege hat gegen die Einwände mit dem ideologischen Abhaken – und dadurch Zwangsgebührengelder auf den eigenen Kanal lenken mittels leicht überzeugbarer Fernsehredakteure – aufgeführt, es handle sich um ein Märchen, denn dass es sich hier weder um ein Drama, noch Melodram, noch eine Abenteuergeschichte handle, da war man sich einig. Fängt so ein Märchen an: ein junger Mann mit Problemen mit einem Campingwagen telefoniert zappelig und wild in der Gegend herum? Es war einmal ein junger Mann, der schien seinen Campingwagen nicht mehr bewegen zu können und telefonierte wild zappelnd in der Gegend herum, fangen so Märchen an? Ist man da interessiert, wie es weitergeht?)

Es taucht ein junger Mann aus dem Kongo mit einem Stock auf. Es stellt sich heraus, er ist um die 18 wie Gyllen. Beide haben keinen Führerschein. Sind diese Infos so gewichtig, dass sie ein Sprungbrett für ein Roadmovie sein können? Doch eher nicht.

Die dünne Plotbehauptung ist die, dass Gyllen seinen Vater in Frankreich besuchen möchte und William seinen Bruder, der es als Flüchtling bis Frankreich geschafft hat, dort aufspüren möchte – ohne jeden Anhaltspunkt.

So eine Grundstruktur könnte einen spannenden Film in Gang setzen, wenn die Filmemacher sich für die Menschen interessierten. Denn Menschen sind durch Konflikte gekennzeichnet und wenn zwei Menschen mit verschiedenen Zielen zusammenkommen, so kann es dramatisch Ergiebiges absetzen.

Wenn aber ein Filmemacher nur hohler Moralist sein will und Standardpositionen zum Thema Migration absondern will, dann fällt ihm wohl zu seinen Figuren nicht viel ein und die sondern stattdessen ihre Texte mehr oder weniger glaubwürdig ab und bleiben anonsten von der Regie verlassen und der Film verzichtet auf jegliche menschliche Komplexität.

Das scheint ein Moritz Bleibtreu besonders gespürt zu haben. Deshalb führt er mit seiner kleinen, unplausiblen Rolle Lutger einen Zirkus auf, als ob er sich in einem Schnellsprechwettbewerb schlagen möchte. Niente capito. Muss eine ziemlich Verzweiflungstat von Moritz Bleibtreu gewesen sein, die Rolle zuzusagen.

Sebastian Schipper scheint mir vor allem ein Windmacher. Er sollte Power Point Präsentationen produzieren und nicht Filme. Statt die Emotionen zwischen den beiden Protagonisten zu erforschen und zu ergründen, muss am Schluss ein Papiersatz her: eine Umarmung müsse mindestens 20 Sekunden dauern, um Endorphine freizusetzen. Und dann wird gezählt. Und der Film zieht sich. Öffentlich-rechtliches TV-Funktionärskino. Der Zwangsgebührenzahler ist dabei der Abgezockte.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Gefangen im Islam.

Mit einem gut durchdachten Buch, einem exzellenten Cast, einer Kamera, die nach dem Kubrik-Motto handelt, erst muss es etwas geben, was sich lohnt zu filmen, und mit prima Regie reflektiert Mehmet Akif Büyükataly in seinem Debütfilm den Karl-Marx Satz von der Religion als dem Opium fürs Volks (ohne in explizit zu zitieren) am Beispiel des Islam und einiger Zuwanderer.

Auftakt. Oray (Zejhun Demirov) hat eine kriminelle Vergangenheit, ist mit Riza (Tanju Bilir) verheiratet und stellt sich uns anfangs des Filmes als geläuterter Gläubiger vor, dem der Islam den Sinn fürs Leben gegeben habe, der ihm die Freiheit gebe; dass er ohne Islam immer noch kriminell wäre.

Der Rest des Filmes erzählt die Geschichte so ziemlich als das Gegenteil der Bahauptung, womit sie für mich zur Illustration des berühmten Marx-Satzes wird.

In einer wilden Liebesszene ist Oray über seine Frau gebeugt, lässt Speichel auf sie herabtropfen. Das regt sie auf, sie habe sich gerade geduscht. Er wirft ihr das Wort Talaq hinterher.

Das hat religiöse Konsequenzen. Sein Hodscha in Hagen, wo das Paar wohnt, meint, er müsse sich drei Monate von ihr trennen und „rein“ werden, dann dürften sie wieder zusammensein. Deshalb reist Oray umgehend nach Köln, findet über die Religion sofort Anschluss.

Es gibt eine theologische Erörterung mit einem anderen Gemeindevorsteher, der nachfragt, ob er das Wort nur einmal oder dreimal gesagt habe, denn das habe gravierend unterschiedliche Folgen. Oder ob Boxen haram sei. Man fühlt sich erinnert an die sophistische Diskussion, wie viele Engel auf einem Stecknadelkopf Platz hätten.

Oray findet schnell eine Wohnung, einen Job auf dem Markt. Eines Tages taucht seine Ehefrau auf. Sie lieben sich. Das ist nicht vorschriftsgemäß. Wobei sie die Position vertritt, sie seien erwachsene Menschen und könnten ihre Probleme selber lösen.

Aber Oray steht unter dem Einfluss der Religion. Er nimmt sich des Jungen Ebu Bekir (Mikael Bajrami) an, führt ihn zum Islam. Aber Oray selber kann nicht aus seiner Haut. Er verletzt wieder und wieder die Gebote des Islam. Er hat Schulden, will gleichzeitig den großzügigen Macker raushängen lassen. Das geht sich alles nicht auf.

Statt ihn zu befreien, bringt die Religion Orsay nur immer in neue Bredouillen. Aber die Religion ist gewappnet, versteht sich darauf, sich ihre Schäfchen zu kaufen. – Ein sehenswertes Debüt mit bescheidenen Mitteln spannend gemacht.

Zitate: Nur der Islam kann uns bändigen. Was willst Du ohne Islam hier drinnen. Du bist Gefangener von Karriere, Geld, Frauen. Was nutzt Dir das, wenn Du kein Islam im Herzen hast, was bringt Dir das unter der Erde?

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Im Film von Carlos Sauro über den Architekten Renzo Piano gibt dieser seinen Neid auf die Fotographie zu, die den Moment für immer einfange.

Das wird verständlich und nachvollziehbar spätestens in diesem Film von Jean-Michel Vecchiet über den Fotographen Peter Lindbergh; eine wahre Sturzflut von Bildern des Hungers nach Einfangen des Lebens, der Liebe, der Wahrheit, des Momentes.

Jean-Michel Vecchiet kennt Peter Lindbergh lange, war oft am Set bei Shootings, durfte dokumentieren, wozu er Lust hatte, nur für Statements war Lindbergh nicht zu haben.

Aber die Bilder und eine Masse an Archivfootage erzählen genug, erzählen von einem Foto-Adrenalin-Junkie, der die Models zu extremer Schauspielerei antreibt, der sie in aufwändigen Settings agieren lässt, der seine Kamera wie mit einem Maschinengewehr Salven abschießen lässt (das verstärkt die Tonspur noch), der seine Models nie erstarren lässt, sondern sie in ständiger Bewegung hält, mal ganz langsam eine Drehung machen oder mit einem Mann, der auf sie einredet, mitten durchs Gewühl von L.A. gehen lässt.

Die Tonspur übernimmt diese Heftigkeit und Intention der Emotion, dieses Hungers nach Leben.

Der Film geht in etwa chronologisch vor. Vecchiet lässt mehrere Frauen, die näher mit Lindbergh zu tun hatten oder haben, zu Wort kommen. Er wendet selbst die Lindbergh-Methode an; nie wirken die Statements wie Statements, das kommt gut. Es sprechen Models, Geliebte, Schwester, Agentin. Lindbergh wird charakterisiert, als Macher der Models zu Topstars, die gerade ihre Natürlichkeit auszeichnet.

Sein Leben fängt noch im Krieg an. Die Mutter flieht mit dem Baby aus Polen ins Allgäu. Schule ist nichts für ihn. Die Lehrer erfinden für seine Leistung die Note 8, wobei 6 schon für absolut ungenügend steht.

Lindberghs Leidenschaft kennt keine Grenzen, wenn er fotografiert, wenn ihm etwas gelingt, wenn er seine Models animiert; aber er kann auch frustriert sein, wenn an einem großen Set, das auf eine Ufo-Ankunft wartet, keine Atmosphäre aufkommt. Er will gute Stimmung haben; das übeträgt sich.

Woher kommt das Wunder dieser Energie, dieser schier endlosen Begeisterungsfähigkeit? Der Film versucht gegen das Ende eine Antwort mit einem Blick zurück zum Krieg, nach Polen. Hier kehrt im furiosen Umgang mit explodierender Bilderwelt aus extravagentestem Footage des und über Peter Lindbergh Nachdenklichkeit ein.

Ein kleiner Makel scheint mir die Besetzung des Sprechers, der auf Deutsch ein paar Lindbergh-Zitate einliest, hört sich an wie ein braver, ordentlicher Schulbub, was Lindbergh ja gerade nicht war.

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Coming of Age mit Pferden

oder die Heldenreise eines jungen Mannes in mildromantischen Bildern ohne Kitsch und Sentimentalität, mit nüchternem Herz erzählt.

Dieser hübsch begabte Held heißt Darek (Tomás Delcky). Er lebt mit seinem Vater (Stanislav Majer) und seiner andersbegabten kleineren Schwester Ema (Hana Bartonova) in Posek.

Der Film von Ivan Pokorny nach dem Drehbuch von Procházková hat alles, was dieses Coming-of-Age packend macht, das Narrativ für eine Heldenreise erfüllt.

In der Schule hat Tarek den miesen Kollegen Hugo (Jakub Cech), mit dem er sich blutig rauft. Er trifft auf die zugewanderte Deutsche Hanna (Emilie Neumeister) und bei ihr werden in ihm Fantasien wach. Er hat die kleinere Schwester Emma, die besonderer Zuneigung bedarf, denn die Mutter, die besonders hübsch gewesen ist – sie ist in Rückblenden zu sehen – ist gestorben; das Sozialamt steht in den Startlöchern.

Der Vater hat genau so Mühe, mit diesem Tod umzugehen, wie Darek. Es kommen finanzielle Probleme hinzu, Vater verliert den Job in der Glasfabrik. Und der vollverliebte Darek wird mit dem Eifersuchtsproblem konfrontiert, wie Hanna mit dem angeberischen Roman (Michal Sikora) auf dem Sozius des grün gestrichenen Motorades losbraust.

Die Pferde kommen ins Spiel, weil sie auf der Landwirtschaft ein Geschäft werden können. Ein gewisser Uli (Steffen Groth) hat die Idee. Pferde mit Defekten sollen hier aufgepäppelt und anschließend mit Gewinn verkauft werden.

Allerdings ist Darek nicht im Klaren, wie das gehen soll. Straight, naiv und jung setzt er auf die Pferde ganz seriös, macht seine Erfahrung mit einer wilden Stute. Darüber redet er mit dem beinamputierten Pferdeflüsterr Havlik (Leos Noha), der von Ereignissen spricht, die kommen müssen, schicksalshaft, die einen weiterbringen können.

Eine leicht morbid romantische Location haben die Filmemacher auf dem Dach eines aufgelassenen Industriebaus gefunden, es stehen noch verrostete mannhsohe Lettern oben. Im Film wird dieses Dach zum zentralen Liebesdach. Aber nicht allein, auch im Pferdestall ist Raum für so eine Szene und dann erleichternd, wenn die Heldenreise vorbei ist, an einem kleinen wilden Flussbad.

Pokorny arbeitet mit seinen Schauspielern wunderbar, so dass sie die Geschichte ungehindert zur Geltung bringen lassen. Die deutsche Synchro ist gediegen.

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Die blutige Geschichte Rumäniens.

Regisseurin Mariana Marin (Ioana Jacob) will den Rumänen in einem Open-Air-Spektakel als Volksstück einen Ausschnitt aus der eigenen Geschichte näher bringen. Dabei ist eine Korrektur des rumänischen Selbstbildes vorgsehen.

Bis jetzt haben sich die Rumänen immer als Opfer gesehen. Aber in der Nazizeit war das nicht so. 380 000 Juden sollen sie ermordet haben.

Im Theaterspektakel geht es um das Judenmassaker in Odessa. Mariana hat sorgfältig recherchiert. Das dürfte auch der Regisseur und Drehbuchautor dieses Quasi-Doku-Filmes, Radu Jude, getan haben.

Quasi-Doku insofern, als der Film die Geschichte über diese Theateraufführung wie dokumentarisch begleitet. Von den ersten Recherchen, Besichtigung historischen Footages der Befreiung Odessas, aber auch von Judentötungen in Litauen oder in Polen, da es aus Rumänien nicht genügend historisches Bildmaterial gibt. Wie wichtig die Juden in Odessa waren. Und wie sie plötzlich zu vernichten waren, weil sie den Rumänen alles wegnähmen.

Ein Diskussionsstrang auf dem Weg zur Aufführung ist derjenige von Mariana mit dem Kulturfunktionär (der das Kulturevent sponsert), Movila (Alexandru Dabija). Ob es denn gerade dieses Stück aus der Geschichte sein müsse. Es gebe doch so viel anderes Böses auf der Welt, Boko Haram oder den IS.

Ein weiterer Nebenstrang ist die Geschichte mit Marianas Freund Traian (Alex Bogdan). Auch die beiden diskutieren die Aufführung. Aber auch das Thema Kind. Es geht um das Casting der Darsteller, um Kostümproben und -aussuche. Gewehraussuche. Und immer wieder ergeben sich auch unter den Komparsen während der Proben Gespräche über den brisanten historischen Stoff. Die zeigen, dass die nationalistischen Geister längst noch nicht ausgestorben sind. Erst recht bei der Aufführung wundert sich Mariana, an welchen Stellen applaudiert wird. Der General Antonescu, der das Massaker zu verantworten hat, erlebt in Rumänien heute noch eine Art Heiligenverehrung.

Geistigen Input für die Diskussionen lierfern: Isaak Babel, Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt, Günter Gaus.

Radu Jude bringt eine Variante von Aufarbeitungsfilm, wie sie heutig, lebendig, spannend und ohne jede Bedröppelung auskommt und wo der typische 2. Weltkriegskostümfundus direkt bizarr eingesetzt wird durch die (gezielt unpassend) gecasteten Komparsen mit ihren privaten Frisuren und ohne Rücksicht auf militärische Körperlichkeit.

Ioana Jacob als die Regisseurin des Spektakels ist nicht nur immer apart gekleidet und sieht hübsch aus, sie spielt das auch überzeugend mit den passenden Privatismen.

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