Tatort: Die ewige Welle (ARD, Sonntag, 26. Mai 2019, 20.20 Uhr)

Drogen an der Eisbachwelle.
Seit der Intendant des BR (jawohl, derjenige mit dem Kanzlerinnengehalt!) gesagt hat, er könne wegen nicht genügend Geld nicht mehr die gewünschte Qualität liefern, also weniger Drehtage und mehr Wiederholungen, hat das den Fokus auf die BR-Produktionen geschärft.

Nach einer schön nostalgischen 1984er-Nackt-Schwimm-Szene in Portugal scheint einem der Überfall 35 Jahre später in München auf einen Eisbachwellen-Surfer auf dem Heimweg (Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht, Regie: Andreas Kleinert) bereits mit zu wenig Zeit und zu wenig Geld (und vielleicht auch zu wenig Überlegung) dilettantisch gefilmt. Dann wacht der Überfallene im Krankenhaus auf und Leitmayr hat ein Aha-Erlebnis, das wohl auch mit zu wenig Zwangsgebührengeld in den Kasten musste.

Soll man sich überhaupt noch Zeit nehmen und sich mit so einem Märchen-Zusammengestöpsele-Produkt beschäftigen? Zu differenzieren, was akzeptabel war, was nicht? Na denn…

Das Bühnenbild ist schön romantisch, etwas vertüdelt, liebevoll, kleindörflich mit viel Einsatz der Ausstattung und des Lichtes (immer im Hinblick auf das zu wenige Geld, was die ARD laut deren Sprecher mit den Zwangsgebühren einnimmt).

Die Story, das ist ein Stück vom Märchenonkel, der inzwischen Mühe hat; ein aus den Fingern gesaugtes Märchen, hirnverquast bis dort hinaus.

Die Story der Ausgangslage in Portugal ist eine Ménage-à-trois, die zeigt einen Anhauch von großem Kinofilm, da müssen sich die Darsteller auch nicht durch unspielbare Rollen quälen, wie später Andreas Lust als Mikesch, das gesuchte Eisbachopfer. Er beweist am deutlichsten, wie unspielbar seine Rolle ist. Das fällt auf die Drehbuchautoren Alex Buresch und Matthias Pacht zurück.

Der Regisseur Andreas Kleinert, der mal als große Kinohoffnung gegolten hat, erfüllt das Drehpensum mit deutlichen Performance-Dellen in diesem Krimi, der zwischen Melodram und Krimi dermaßen schwankt, dass dem Krimi der Krimi ausgetrieben wird.

Noch weniger spielbar ist die Tochter der unspielbaren Mikesch-Figur – oder sie ist ein eklatanter Castingmissgriff. Die beiden haben rein gar nichs miteinander gemein. Selbst ein Märchen sollte doch wenigstens eine minimale Glaubwürdigkeit im Interesse des Publikums gewährleisten.

Die Autoren dichten dem Kommissar Leitmayr eine Hippie-Vergangenheit an, deren Mitbeteiligte, ohne dass er es mitkriegt, unter seinen Augen in München alt werden. Der Melodram-Kommissar muss mehrfach große Augen machen, wenn er damit konfrontiert wird. Das überschreitet die Grenzen der Kommissarsprofessionalität andauernd und ist reines Märchen, aber kein besonders gut erfundenes.

Oder was soll es uns erzählen? Dass aus einem Hippie ein seriöser Fernsehkommissar geworden ist? Was wäre der Reiz dabei? Und aus seinem damaligen Kumpel ein Looser, der versucht, mit Drogendealerei aus der Scheiße rauszukommen (dazu passt das Surfen am Eisbach wie die Faust aufs Auge – oder gehören zu den Surfern auch Drogen?).

Dabei reitet er sich nur immer weiter rein. Der arme Andreas Lust muss ständig mit einer lebensgefährlichen Wunde durch den Film rennen. Mal denkt er dran, meist nicht. Dann agiert er als sei nichts, und wenn dann jemand sagt, es gehe ihm nicht gut, so ist das diametral der gespielten Realität entgegengesetzt. Vermutlich haben die das sogar so abgesprochen, die Mühe müsse sich der Darsteller nicht machen, wie im Märchen reiche allein die Behauptung, dass er lebensgefährlich verletzt sei, das brauche er nun wirklich nicht in jeder Einstellung spielen (das liege auch gar nicht drin bei der Gage, die der Intendant des BR dafür rausrückt).

Der ARD-Intendant jammert, er könne mit dem ihm zur Verfügung stehenden Geld kein qualitätsvolles Programm machen. Das beweist eine Sendung nach der anderen, auch dieser Tatort.

Wie unglaubwürdig schon die Ausgangsszene mit dem Messser im Bauch inszeniert ist. Da hätten die einfach mehr Zeit gebraucht. Aber die gibt es nicht. Insofern gibt es für den Zuschauer auch nicht das Sprungbrett mit der nötigen Elastizität für Spannung.

Was will uns dieser Möchtegern-Krimi erzählen? Dass München ein Märchenwald ist, in welchem grotesk-absurde Szenen ablaufen, allerdings nicht grotesk genug, um auch Witz zu beinhalten, gar Zeitkritik.

Wenn der Gesuchte in der leeren Straßenbahn mit blutender Bauchwunde mit dem Kommissar telefoniert und der Satz fällt, „dann sind wir vielleicht zusammen Vater“, so weiß man nicht, ist das jetzt gewollt schauderhaft oder zufällig oder einfach nur peinlich? Mir scheint das eher das Resultat von Ratlosigkeit angesichts eines Drehbuches, bei dem hinten und vorne nichts zusammengeht, das vor Weltfremdheit und Unglaubwürdigkeit, besonders wenn es um die Drogendealerei geht, nur so strotzt.

„Sie müssen nicht tot sein, damit wir ermitteln“.
„Ich möchte die Wiedersehensfreude nicht bremsen, aber vielleicht können wir kurz das Geschäftliche regeln.“
„Den Rest kannst privat machen, wir müssen uns um den Messerstecher kümmern“.

Der Assi Kalle berichtet den beiden neben die Unterführung hingestellten Kommissaren, dass das Opfer aus dem Krankenhaus abgehauen sei und eine tiefe Wunde habe, was eine ernste, lebensbedrohliche Lage darstelle. Schnitt. Der so beschriebene ist munter in der Stadt im Sonnenschein unterwegs, von tiefer Wunde keine Spur, irgendwie komisch gehen tut er.

Die Freundin von Mikesch ist auch ziemlich doof, dass sie nicht merkt, dass es ihm wirklich schlecht geht. Das spielt er aber erst später, kurz nachdem sie gegangen ist.

Und dann wird’s richtig Kindertheater, wie sie die Kartons auspacken mit dem Dope und es dem Heinrich anhängen wollen. Ach, alles so unglaubwürdig …
was sind das für Dealer! Oder so hingepfuscht. Die bräuchten ne Menge mehr Drehtage für so einen Stoff, der sich kaum zusammenreimt.

„Der Robert, der glaubt, Sie san sein Freund“ (dieser Schauspieler gibt sich wenigstens Mühe).

Batic mimt ab und an ein Ischias oder sowas – wie mit dem Vorschlaghammer … einzig, damit die Pointe mit dem Anbau für den Eigenbardarf vorgetragen werden kann …

… eine weltfremde Dealerszene in Kunstmuseum … Drogendealer-Melo …
und dann gibt’s noch eine richtig romantische Schießerei.