Mittelalterlich,

so kommentiert der Mann einer Aktivistin das Vorgehen des Staates in Kumpanei mit den Gewinnzielen von RWE gegen die Verteidiger des Hambacher Forstes.

Der Staat bleibt in dieser Frontdokumentation über den Widerstand gegen die Rodung des Hambacher Forstes, des letzten Maiglöckchenwaldes Europas, weitgehend gesichtslos. Er erscheint vor allem in Form von massiven Polizeikräften, denen in manchen Momenten ihrer innere Zerrissenheit anzusehen ist. Diese sollen, hier überschlägt sich die Absurdität des staatlichen, kopflosen Handelns, die Baumsiedlungen im Hambacher Forst, die von Aktivisten teils jahrelang bewohnt worden sind, räumen. Die Begründung ist nicht etwa die Profitgier von RWE, sondern es sind Bauvorschriften, die an sich für normale Wohnhäuser in Ortschaften und garantiert nicht für Baumhütten erfunden worden sind, falls es solche überhaupt gibt. Dieser Räumungseinsatz liefert Bilder, mit denen sich dieser Staat selbst als mittelalterlich desavouiert. Er bleibt gesichtslos dabei.

Die Bürger gewinnen Gesicht. Sie sind besorgt um die Zukunft. Sie verweisen auf den Klimawandel, auf die Ziele des Pariser Klimagipfels, auf den schädlichen Ausstoß der Kohleverbrennung. Aber richtig gestoppt wird das Vorgehen des Staates erst nach einem tödlichen Unfall. Auch das wirkt mittelalterlich. Vorher waren die Gerichte meist auf seiner Seite, Klimaziele hin oder her, Zukunft hin oder her. Vorschriften und Gesetze können immer so oder so ausgelegt werden.

Wobei das Thema Gewalt ein bei den Aktivisten reflektiertes Thema ist. Was ist Gewalt? Ist es Gewalt, einen Stacheldrahtzaun abzumontieren, einen Gegenstand zu beschädigen? Ist es Gewalt, wenn die Polizei Klopapier mit Pfefferspray einspritzt, wenn die Polizei friedliche Besetzer niederknüppelt? Die Bilder liefert sie.

Die Aktivisten sind zwar gegen Gewalt. Aber wie sollen sie angesichts einer brutalen Staatsgewalt, die offenbar nicht merkt, dass sie gegen die eigenen Bürger vorgeht, reagieren?

Provokateure gibt es auf beiden Seiten. Und auch die Erkenntnis bei den Aktivisten, dass offenbar nur Gewalttaten Öffentlichkeit erzeugen. Gespräche oder die Erfindung der Kohlekonferenz sind nicht schlagzeilenträchtig.

Die Dokumentation von Karin de Miguel Wessendorf geht über mehrere Jahre. Sie ist mit den Aktivisten unterwegs bei ihren Spaziergängen, bei Restbewohnern eines umgesiedelten Dorfes, bei den Baumbewohnern, bei Demonstrationen, bei Infoständen, bei der Aktion „Rote Linie“, bei der Konstituierung der Kohlekonferenz.

Die Gegenseite kommt in Form von Sprechern oder Bauleitern nur knapp zu Wort. Und in einem Ausschnitt aus der Hauptversammlung von RWE. Der Staat aber bleibt weitgehend ohne Gesicht. Das ist doch noch schlimmer als mittelalterlich.

Ohne die Hartnäckigkeit der Baubewohner und einiger Aktivisten, die friedlich den Stopp wollten, wäre der Forst wohl längst schon gerodet ohne erkennbaren Nutzen für die Menschheit, bloß weil RWE die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und weiter auf das bequeme Geldscheffelmodell setzen will.

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