Kommentar zu den Reviews vom 23. Mai 2019

Filme. Britische Selbstverwirklichung, asiatische Versöhnung, deutsche Selbsterhaltung, deutsche Musik-Neugier weltweit, amerikanische Selbstspaltung (physisch), französische Schnösel, Orientprunkoperette aus Hollywood, Menschenjagd als amerikanische Action, in Hollywood auf den Tod warten. Neuigkeiten. Nicht in Cannes spielt die Musik, sondern in München im mathäser im Dolby Cinema und bei einer Pressekonferenz wurde das Projekt einer Internet-Plattform für Dokumentarfilmer vorgestellt.

Kino
EDIE – FÜR TRÄUME IST ES NIE ZU SPÄT
Der Tod des Ehepartners schafft neuen Freiraum.

RAMEN SHOP
Nicht nur Liebe, auch Versöhnung kann durch den Magen gehen.

DIE ROTE LINIE – WIDERSTAND AM HAMBACHER FORST
Hier zeigt der Staat Gewalt statt Gesicht.

BLOWN AWAY – MUSIC, MILES AND MAGIC
Zwei Deutsche segeln um die Welt und fischen – Musik!

JONATHAN
Ein Mann mit zwei sich ausschließenden Körpern.

THE WILD BOYS
Coming of Age, Sex, Gewalt, Knechtung, Züchtigung und Trauminsel.

ALADDIN
Und der Teppich fliegt und fliegt und fliegt.

JOHN WICK: KAPITEL 3
Die Macher haben die Ausgangslage des ersten Filmes vergessen, der Held hat davor kapituliert, macht Kniefall und dient dem Vergessen.

SUNSET OVER HOLLYWOOD
Mäuschen im Hollywood-Luxus-Altenheim.

Neuigkeiten
Kino-Offensive (das DOLBY CINEMA im mathäser)
Das ultimative Kinoerlebnis!

Eigeninitiative für den Dokumentarfilm
DOKfans will zur Popularisierung des Dokumentarfilmes beitragen, eine Privatinitiative.

Aladdin

Overlamped.

Und nochmal die Wunderlampe reiben und nochmal, drei Wünsche hat der Reiber und nach dem gefühlt zehnten Mal ist immer noch nicht Schluss. Und wieder taucht Will Smith als der teilanimierte Riese von Lampengeist auf und erfüllt die Wünsche des Reibers und macht Späße aus dem Repertoire des Pausenclowns.

Der Lampenreiber ist nicht immer derselbe, es kann auch der ehrgeizige Jafar (Marwan Kenzari) sein, der wie Aladdin (Mena Massoud) als kleiner Dieb in der Stadt angefangen hat, inzwischen Wesir am Hof ist und es bis an die Spitze des Sultanats bringen möchte und dazu vor keinen Mitteln zurückschreckt.

Deshalb will er an die Lampe kommen, die in einer von einem Steinungeheuer wie einem Höllenhund bewachten Höhle voller Schmuck und Juwelen und Gold liegt. Die soll Aladdin holen, weil Jafar ihn erwischt hat, wie er sich heimlich zu Prinzessin Jasmine (Naomi Scott als ewiggültige Schönheit) in den streng bewachten Palast geschlichen hat. Er ist bei einem seiner Diebeszüge im Basar, er macht die immer mit seinem Äffchen, an sie geraten und hat sie so kennengelernt; sie war mit ihren prachtvollen Geschmeiden sein Opfer.

Die Geschichte ist bekannt. Es kommt hinzu der fliegende Teppich. Der ist niedlich animiert, kann mit seinem Bommeln an den Ecken wedeln, kann sich krümmen wie ein kleines, sympathieheischendes Tier und fliegt die wahnsinnigsten Kapriolen über die verwinkelte orientatische Stadt.

Überhaupt ist die Ausstattung prunkvoll, so richtig schön, wie man sich anno dunnemals den Orient und seine Märchen vorgestellt hat oder wie wir ihn aus der Operette kennen, denn gesungen wird auch ab und an, das machen die mit Talent.

Die Kostüme sind ein Mixstil, es bewegt sich immer was auf der Leinwand und es ist richtig eine Erleichterung aus dem Nahen Osten so etwas Altverspieltes, mit einigen neuen Zerbröseleffekten Angereichertes zu sehen, statt immer nur die Terror- und Hass- und Rachenachrichten aus Israel, Palästina, Syrien, Iran, Irak und Saudi-Arabien, was in der eigenen Botschaft in Istanbul Landsleute zerstückelt oder aus der Türkei mit ihrem Despoten, der sich selbst ein dröges Märchenschloss baut, sich aber den überladenen Holly-Bollywood-Prunk wie hier von Disney nicht richtig traut. Der Orient ist nur noch bei Disney das, was er einmal war.

Die Regie führte Guy Ritchie (King Arthur – The Legend of the Sword), der mit John August auch das Drehbuch geschrieben hat.

Blown Away – Music, Miles and Magic

der etwas andere Musikfilm
oder
der etwas andere Reisefilm
.

Oder: eine aparte Mischung von beidem. Oder: über den Umgang mit einem Erbe.

Ben Schaschek erbt nach seinem Studium der Tontechnik 15′ 000 Euro. Damit will er etwas Abgefahrenes machen, „das Raster verlassen“, wie es später im Film einer nennt.

Mit dem Geld fliegen er und sein Freund Hannes Koch auf die Salomon Inseln, kaufen dort das Segelboot „Marianne“ mit der Absicht, um die halbe Welt nach Hause zurückzusegeln.

Die Route führt über Australien, Indonesien nach Indien, Madagaskar, Südafrika, Brasilien dann über Kuba nach Miami und von dort über Irland nach Hamburg. Zwischendrin nehmen sie sich ausgiebig Zeit für Landausflüge. In den USA kaufen sie einen ausgemusterten Schulbus, bauen ihn um für eine ausgedehnte Ostküstenreise.

So besehen würde sich der Film nicht groß von anderen aus der aktuellen Welle von Reisefilmen unterscheiden. Aber sie haben sich auch ein Ziel gesetzt. Sie wollen überall auf der Welt Musik aufnehmen. Und zwar nicht studiomäßig, sondern im Freien, so dass auch noch ferner Autoverkehr oder die Natur im Hintergrund zu hören ist. Das ergibt mitunter pittoreske Bilder und liefert zumindest subkutan die Message, dass Musik die Menschen weltweit verbindet. Und statt Geld erhalten die Musiker eine schöne Nennung für ihre Aufnahmen im Sinne einer Visitenkarte.

Auf eine dezidierte Message, die ein Film ja irgendwie haben soll, sind sie nach über vier Jahren Reise in den USA gestoßen: Tiokasin Ghosthorse, Ureinwohner-Aktivist, richtet mahnende Wort an die Menschheit über das Geheimnis der Dinge, dass alle Dinge miteinander verbunden sind.

Das Private, die Liebe, das Persönliche lassen die beiden Weltreisenden außen vor. Es ist ein Abenteuer- und Musiksuchfilm, selbstverständlich mit viel Traumschiff-Beifang, Segelimpressionen, kiloschwere Fische an der Angel, Städte- und Eisenbahn-An- und Aussichten.

Das Segeln müssen sie sich erst selbst beibringen. Tagebuchmäßig protokollhaft sprechen sie ab und an direkt in die Kamera über den Fortgang der Reise. Von Benni ist am Schluss zu erfahren, dass seine Mutter während der fast 5 Jahre Abwesenheit von Zuhause gestorben ist. Die Gitarre von seinem Opa spielt eine Rolle, sie geht durch die Reisestrapazen aus dem Leim; dem ist eine schöne Sequenz über einen Gitarrenflicker in den USA zu verdanken.

Über die Kilometer und die Kosten der Reise halten die beiden jungen Männer einen auf dem Laufenden: fast 5 Jahre, über 50′ 000 Kilometer für durchschnittlich 12 Euro am Tag all inclusive. Mit dem Geld wären sie in Berlin nicht über die Runden gekommen und den feinen frischen Meeresfisch hätten sie auf ihrem schaukelnden Yacht-Herd auch nicht zubereiten können.

Die Inschrift auf dem Boot: sailingconductors.

John Wick: Kapitel 3

Am Faszinierendsten
an dieser dritten Auflage der John Wick-Filme scheint mir die raffinierte Chronometer-Werbung für Carl. F. Bucherer, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob es für diese Firma ist, man bekommt bei den flashhaft im Hintergrund eingeblendeten und sich in Bewegung befindlichen Ziffernblattbildern immer nur Bruchstücke der Inschriften zu lesen, auch weil man ja trotzdem die Handlung im Vordergrund nicht ganz aus dem Auge lassen möchte. Obwohl es, dies zu tun, gute Gründe gibt.

Im ersten Film war für mich die John Wick -Figur (Keanu Reeves) von Interesse, weil er einen Widerstand gegen die Action, die er glaubte hinter sich gelassen zu haben, zeigte, ja er hatte sein Gewehr sogar einbetoniert. Kunstbücher fanden sich in seiner Wohnung, was ich als einen Hinweis auf die möglicherweise empfindsame Seele eines Killers deutete.

Nichts mehr davon in diesem Kapitel 3. Wick hat den Widerstand gegen die Action aufgegeben, das Privatleben, den Ruhestand vergessen. Er liefert jetzt die von den Drehbuchautoren Derek Kolstadt, Shay Hatten + 4 geschriebene und von Chad Stahelski inszenierte Action wie am Fließband ab, nur noch mit dem Ausdruck des Gehetzten. Denn auf ihn ist ein Kopfgeld von 14 Millionen und später sogar mehr ausgesetzt, da er ein Excummunicado ist, ein zum Abschuss Freigegebener.

Sicher haben sich die Macher bemüht, die Feuerwaffen- und Mann-gegen-Mann-Action mit Nuancen zu versehen, sie in glitzernden Glas-Stahl-Spiegelpalästen, Bibliotheken oder anderen Opernaussattungslocations, wie großes, klassisches Theater-Ballett stattfinden zu lassen. Aber das kommt nur noch wie eine Andeinanderdreihung daher, wie ein Almanach, interessant für Kampffans und Spezialisten.

Ein simpler Menschenjagdfilm und alle paar Minuten wird geschlägert, immer hat Wick mehrere Gegner gleichzeitig zu erledigen nach ähnlichem Schema. Und immer wieder muss Wick selber sich derrappeln, Wick, der Derrappler.

Die Texte sind von bescheidener Natur: I should shoot you right in the head, das sagt Sophia (Halle Berry), deren Gesichtsmuskeln sich dabei in unerwarteten Richtungen mitbewegen. Du hast die Regeln gebrochen und dich gegen die Tafel gestellt. Ich habe gedient. Ich will zu Diensten stehen. Solche Texte können nicht so richtig zünden, wirken steril. Das Sippenhaftelement kommt ins Spiel, alle, die den Excommunicado vorher unterstützt haben, müssen sich nun vorsehen.

Es scheint vergessen worden zu sein, vor lauter Fokus auf Variierung der immer gleichen Action, ein geistiges Gerüst zu erstellen. The best of your life will be the death of others. Brauchen wir zu Trump-Zeiten noch solchene Moral? You, Jonathan, do, what you do best. What? Hunt! – Dabei wollte er doch Pensionär sein. Das hat er scheint‘ s vergessen, seine andere, vielleicht spannendere, undurchdringlichere Seite vergessen.

The Wild Boys

Performance in exotisch-erotischem Schwarz/Weiß oder mit Farbfiltern, eine Phantasmagorie zum Exzess oder der Züchtigung des geschlechtlichen Triebes verwöhnter, reicher Jungs auf La Réunion.

Schon die Einführung des Filmes von Bertrand Mandico gerät krass. Die Literturlehrerin lädt fünf reiche Schnösel aus der Klasse zum Nachspielen einer Szene aus Macbeth ins Schilf nahe dem Ufer: Romouald (Pauline Lorillard), Jean-Louis (Vimala Pons), Hubert (Diane Rouxel), Tanguy (Anael Snoek), Sloane (Mathilde Warnier).

Die Jungs sind in weißen Hemden, haben Hosenträger an und weiße Masken vorm Gesicht. Sie kippen starken Alkohol. Das Vorspielen endet grausam in einem Gewalt- und Sexexzess.

Es folgt eine performative, symbolische Gerichtsverhandlung. Die Jungs lügen sich und dem Gericht fett einen vor. Der Zuschauer hat es eindeutig anders gesehen. Der Elternrat entscheidet, die Jungs als Erziehungsmaßnahme einem holländischen Kapitän (Sam Louwyck) zur Züchtigung auf sein Schiff mitzugeben.

Auf dem Schiff werden Varianten von Herrschaft durchgespielt, von Ankettung und sexueller Sehnsucht, von Gruppenzwang und Befreiungsversuchen, die Intimität zwischen Quäler und Opfer.

Die letzte Station dieser Erziehungsmaßnahme ist eine Insel („ein schwarzer moosbedeckter Scheißhaufen“), die mit einer Auster verglichen wird. Mit der Person Séverin(e) (Elina Löwensohn), die sich für die Auster hält, hat es eine Besonderheit, mystisch, drahtzieherisch, sie steht hinter dem Kapitän, der nur als ein Vollzieher – und also nicht besonders intelligent – dasteht.

Die ersten Beschreibungen der Insel sind wie die einer Kloake, stinkig, bissig, unattraktiv, obwohl die Natur reichlich gedeiht. Dann plötzich ein Wechselbad der Gefühle, die Natur als ein Paradies, das auch sexuelle Gelüste befriedigt – nicht nur dies, sie scheint die Fähigkeit zur Geschlechtsumwandlung zu besitzen. Hier suhlt der Film sich genüsslich im orgiastisch Trancehaften und auch der Schwulität solcher Vorgänge, in der Ewigkeitssehnsucht, dem Widerstand gegen jegliche moralisch-sittliche Begrenzung von Gefühl und Trieb.

Ein weiterer Versuch kinobildhafter Annäherung an das anscheinend nie lösbare Problem der Geschlechtlichkeit des Menschen und seiner Aufspaltung in mindestens zwei Varianten und das Element der Herrschaft dabei mit den Mitteln einer Grausamkeitsperformance, von Grausamkeits- und Allmachtsphantasien und der Vorstellung, über einen anderen Menschen verfügen zu können (wie über einen Hund an der Kette), auch dem Tier im Menschen sowie den beiden Geschlechtern, Entidealisierung des Menschen. Vielleicht die negative Variante von moralischem Dozierkino? Verkommenheit als Prinzip, Grausamkeit als Prinzip oder um ihrer selbst willen.
„On se croyait immortel“.
„Das war, bevor ihnen Brüste wuchsen. Zurück zur Insel“.

Sunset over Hollywood

Uli Gaulke (As Time goes by in Shanghai) hat in Hollywood ein Künstleraltenheim entdeckt und war der Ansicht, er müsse uns darüber berichten. Denn das ist nicht gerade das, was wir unter einem Altenheim bei uns vorstellen. Es handelt sich um eine ausladende Anlage mit Wohnblocks und mit Bungalows. Also nichts wie das Haus der Friedmann-Stiftung am Viktualienmarkt in München für bedürftige Künstler.

In der großzügigen Anlage in L.A. verbringen Hollywoodkünstler ihren Lebensabend: Schauspieler, Produzenten, Regisseure, Autoren, Schnittmeister. Stifter der Häuser sind berühmte Hollywoodstars.

Allerdings ist hier im Film von Uli Gaulke, der mit Marc Petzke auch das Drehbuch geschrieben hat, nichts über die Aufnahmebedingungen, nichts über die Kosten zu erfahren, nichts über die Hintergründe. Zu tief will Gaulke nicht in die Materie eindringen.

Gaulke zieht es vor, ein Traumbild vom Traumalter der Künstler der Traumfabrik im Traumaltenheim zu entwerfen.

Die fahren rüstig und munter auf ihren Elektroscootern auf dem Gelände herum.

Viel Zeit verbringt eine von Gaulke herausgepickte Gruppe in einem Creative Writing Workshop. Die alten Hollywoodherrschaften versuchen, Casablanca fortzuschreiben. Sie drehen selbst einen Film. Sie schauen ihn sich an.

Eine Dame geht mit über 100 Jahren noch munter zu Auditions und spielt immer wieder in Filmen mit.

Im Zusammenhang mit dem Schreibworkshop wird es einen Moment etwas persönlicher, wenn Einzelne aus ihrer Kindheit und dem Verhältnis zu den Eltern erzählen. Das hat Gaulke wohl in seinen Film genommen, um dem zu Recht erwartbaren Einwand der schieren Oberflächlichkeit und billigen Mäuschendoku etwas entgegenzusetzen zu haben.

Zwischendrin gibt es Clips aus berühmten Hollywoodfilmen.

Der Film Ü 100 von Dagmar Wagner über Hundert- und Mehrjährige in Bayern ist dagegen deutlich breiter aufgestellt.

Ramen Shop

Sanft verpackte Grausamkeit.

Eine Grausamkeit, die stellvertretend steht für die Gräuel, die die Japaner beim Angriff auf Singapur 1942 angerichtet haben, ist der rabenschwarze Kern, um den herum Eric Khoo sensibel und fast verträumt schön die Geschichte des jungen Japaners Masato (Takumi Sahito) erzählt.

Masato begibt sich nach Singapur auf Spurensuche nach seiner Familie. Kochen scheint ein Faible in dieser Familie zu sein. Und Erico Khoo widmet sich der Suppenzubereitung und deren Genuss so ausführlich (wobei die Asiaten immer gerne essen in ihren Filmen), dass der scheidende Berlinale-Chef sich bemüßigt sah, den Film in der Reihe kulinarisches Kino zu zeigen. Das Logo dieser Reihe prangt nun im Vorspann, was mir wie eine Beleidigung des Filmes vorkommt, denn nicht nur die Liebe geht durch den Magen, auch die Versöhnung.

Khoo lässt sich Zeit, Masato in Singapur sich umsehen zu lassen. Er schildert erst das Verhältnis zuhause, der Vater lebt noch und betreibt ein Restaurant. Der Sohn fühlt sich unglücklich. Vater stirbt. Jetzt ist der Sohn frei, sich auf die Suche zu machen.

Über einen Kochblog lernt er Miki (Seiko Matsuda) kennen. Er selbst ist die ersten Jahre seines Lebens in Singapur aufgewachsen, dann aber nach Japan zurückgekehrt.

Der Film gibt einen Einblick in die Nationalitätenverhältnisse in Ostasien, Vorurteile einerseits und Singapur als Schmelztiegel der Kulturen andererseits. So wird im Film Mandarin gesprochen, Kantonesisch, Japanisch und auch Englisch. Die Untertitel sind je nach Sprache in einer anderen Farbe, vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch sinnig.

Mit feiner Nase und der Erinnerung an Gerüche, mit Herumfragen und mit Hilfe von Miki findet Masato, der seit seiner Kindheit nicht mehr in Singapur war, die Spuren seiner Familie, macht einen Onkel ausfindig, der ein Restaurant betreibt, eine bekannte Rippchen-Suppenküche.

Masato stößt auf die Spur seiner Oma, von der er nichts wusste und die seine Mutter offenbar verstoßen hat. Hier wird sich weisen, welche enorme Kraft Kulinarik auf dem Weg zur Versöhnung erstarrter Vorurteile schaffen kann.

Khoo lässt sich genügend Zeit für Impressionen vom Land, von dörflicher Idylle, von Reisfeldern aber auch von der Großstadt Singapur mit ihrer imposanten Skyline. So stellt er einen höchst genießbaren Film her. Sowohl Erzählungen aus der Familie als auch Fotoalben, Tagebücher und Kochrezepte sind wichtige Bausteine auf der Suche von Masato nach seiner Familie.

Jonathan (2019)

Dieser Film von Bill Oliver, der mit Gregory Davis und Peter Nickowitz auch das Drehbuch geschrieben hat, macht es einem einerseits leicht.

Er erklärt klipp und klar die Dualität des Menschen als physikalisches Konstrukt: ich und mein Bruder in einem Körper. Es ist Jonathan/John (Ansel Elgort). Sie teilen sich den Tag auf. Der Bruder John steht für das Dunkle, die Nacht, das ausgelebte Leben, hm, vielleicht die Liebe, das Brechen von Regeln.

Jonathan ist der Brave, der Biedere, der Zuverlässige, der Korrekte, der am Anfang einer Karriere als Architekt steht: sein Bruder erweist sich als Karrierehindernis, weil er Zeit mit ihm teilen muss, Teilzeitarbeit und Karriere vertragen sich nicht.

John bricht Regeln, die sie sich gegeben haben (sich alles zu erzählen, kein Verhältnis mit einer Frau einzugehen).

Es gibt zwei Betten im Schlafzimmer der Steril-Hipster-Wohnung, in der Jonathan haust, das andere Bett ist für John. Meist jedoch sieht man Jonathan aufwachen und er ist irritiert, wenn der Wecker wieder eine zeitliche Drift aufweist, wenn es 07.03 Uhr ist statt 07.00 Uhr, das deutet auf Zeitüberschreitungen von John hin.

Konflikt zwischen den beiden Ichs liegt in der Luft. Die Kommunikation läuft über Videoaufnahmen. Sie beinhaltet die Einkäufe für den gemeinsamen Haushalt, Kühlschrank, Wäsche, Zustand von Gesundheit, Beziehungen (Nachbar mit Goldkettchen).

Als physische Besonderheit haben die Brüder eine Art Zapfstelle oder Zugang, der aussieht wie eine Narbe, hinterm Ohr.

Jonathan ist in Behandlung bei der Psychiatrin Nariman (Patricia Clarkson). Sie versucht vor allem, der Jonathan-Identität zum Durchbruch zu verhelfen. Aber John droht mit Selbstmord. Sie meint, John müsse entfernt werden. Wobei die Frage ist, was dann übrige bleibt, wenn das Dunkle fehlt.

Die deutsche Synchro passt sich nahtlos an das Sterildesign des Filmes an, an die Laboratmosphäre, die faktisch immer gleich große Ausschnitte aus dem Leben untersucht, das heißt, die Szenen sind vorwiegend in einer halbnahen Kadrage aufgenommen, die Innenausstattungen sind mehr erzählerischer Rahmen als von Detailbelang, sollen eine Art Aufgehobenheit signalisieren.

Die Figuren selber, vor allem John und mehr noch Jonathan sind ohne Porenspuren geschminkt auf unschuldig rein, jugendlich, unbeschriebenes Blatt. So erscheint Jonathan als der Reine, der Unversaute, wobei die Verlebtheit von John sich im Rahmen hält, er hat lediglich etwas kühnere Hemden und etwas weniger streng frisiertes Haar.

So offen der Film seine Analyse vorlegt, hinterlässt er doch Rätsel, der Traum von Skandinavien von Jonathan (er denkt an den Sommer ohne Nacht), dass er nicht möchte, dass John von ihm entfernt werde, wie die Psychiatrin rät, aber dann wieder mit der Taxe zum J.F.K. gefahren wird und den Taxifahrer am Meeresstrand als unbekannten Vertrauten behandelt und von seinem Glück erzählt, von welchem, dem der Dualität oder der überwundenen Dualität, dass er also sich selbst keinen Privatdetektiv mehr auf die Fersen schicken muss?

Der Film spielt in New York. Le Corbusier, Guggenheim-Museum und Met werden als kulturelle Referenzen angeführt. Die musikalische Untermalung ist spährisch-ätherisch, so wie das Bild auch einen leichten Touch von irreal aufweist.

Edie – Für Träume ist es nie zu spät

Protokollarisch einprägsam zeichnet Simon Hunter, dessen Idee Edward Lynde-Bell und Elizabeth O‘ Halloran zum Drehbuch umgeschrieben haben, eine einfache menschliche Geschichte in die schöne Landschaft Schottlands.

Schön ist das richtige Wort. Diese Landschaft ist nicht idyllisch, sie ist nicht pittoresk, sie ist nicht thrilling, sie ist, da es keine Bäume gibt, auch nicht romantisch, sie ist weder einladend noch abtörnend, sie ist nicht verheissungsvoll noch verschlossen, sie ist und ist und ist, sie hat Seeen und weiche Linien, aber die Berge sind auch keine alpinen Steinhaufen, es ist eine schöne schottische Landschaft, die die Geschichte der betagten Eddie (Sheila Hancock) wie auf einem brokatenen Samtkissen zur Wirkung bringt.

Edies langjähriger Gatte und Quälgeist stirbt. Beim Stöbern in alten Bildern stößt sie auf eine Ansichtskarte von einem Berg. Dieser steht symbolisch für die große Liebe. Es war die Idee, ihn gemeinsam zu besteigen. Es kam anders.

Das kann Tochter Nancy (Wendy Morgan) in alten Tagebüchern, die Edie geschrieben hat, nachlesen. Diese waren zwar nur für sie selber, da sie niemanden hatte, mit dem sie reden konnte.

Das Pflegeheim „Ivy Manor“ ist nichts für Edie. Das wird an einer beispielhaften Szene gezeigt. Edie ist nicht für zeittotschlagendes Basteln geboren. Sie bricht aus, lässt ihren Traum lebendig werden.

Sie macht sich auf den Weg nach Iverness. Dort will sie Camping- und Sportausrüstung kaufen und auf den Berg steigen. Es wird Hindernisse geben, Kondition, Sturm. Aber in Jonny (Kevin Guthrie) findet sie einen freundlichen Menschen, der sie respektvoll in ihrem Vorhaben unterstützt.

Bemerkenswert an dem Film ist auch, dass er an einer besonders schönen Stelle aufhört und nicht pflichtschuldigst versucht, noch irgendwelche offenen Handlungsstränge zu einem Ende zu bringen. Wenn das mal keine Freiheit ist, Traumerfüllung. Was will der Mensch mehr.

Die rote Linie – Widerstand im Hambacher Forst

Mittelalterlich,

so kommentiert der Mann einer Aktivistin das Vorgehen des Staates in Kumpanei mit den Gewinnzielen von RWE gegen die Verteidiger des Hambacher Forstes.

Der Staat bleibt in dieser Frontdokumentation über den Widerstand gegen die Rodung des Hambacher Forstes, des letzten Maiglöckchenwaldes Europas, weitgehend gesichtslos. Er erscheint vor allem in Form von massiven Polizeikräften, denen in manchen Momenten ihrer innere Zerrissenheit anzusehen ist. Diese sollen, hier überschlägt sich die Absurdität des staatlichen, kopflosen Handelns, die Baumsiedlungen im Hambacher Forst, die von Aktivisten teils jahrelang bewohnt worden sind, räumen. Die Begründung ist nicht etwa die Profitgier von RWE, sondern es sind Bauvorschriften, die an sich für normale Wohnhäuser in Ortschaften und garantiert nicht für Baumhütten erfunden worden sind, falls es solche überhaupt gibt. Dieser Räumungseinsatz liefert Bilder, mit denen sich dieser Staat selbst als mittelalterlich desavouiert. Er bleibt gesichtslos dabei.

Die Bürger gewinnen Gesicht. Sie sind besorgt um die Zukunft. Sie verweisen auf den Klimawandel, auf die Ziele des Pariser Klimagipfels, auf den schädlichen Ausstoß der Kohleverbrennung. Aber richtig gestoppt wird das Vorgehen des Staates erst nach einem tödlichen Unfall. Auch das wirkt mittelalterlich. Vorher waren die Gerichte meist auf seiner Seite, Klimaziele hin oder her, Zukunft hin oder her. Vorschriften und Gesetze können immer so oder so ausgelegt werden.

Wobei das Thema Gewalt ein bei den Aktivisten reflektiertes Thema ist. Was ist Gewalt? Ist es Gewalt, einen Stacheldrahtzaun abzumontieren, einen Gegenstand zu beschädigen? Ist es Gewalt, wenn die Polizei Klopapier mit Pfefferspray einspritzt, wenn die Polizei friedliche Besetzer niederknüppelt? Die Bilder liefert sie.

Die Aktivisten sind zwar gegen Gewalt. Aber wie sollen sie angesichts einer brutalen Staatsgewalt, die offenbar nicht merkt, dass sie gegen die eigenen Bürger vorgeht, reagieren?

Provokateure gibt es auf beiden Seiten. Und auch die Erkenntnis bei den Aktivisten, dass offenbar nur Gewalttaten Öffentlichkeit erzeugen. Gespräche oder die Erfindung der Kohlekonferenz sind nicht schlagzeilenträchtig.

Die Dokumentation von Karin de Miguel Wessendorf geht über mehrere Jahre. Sie ist mit den Aktivisten unterwegs bei ihren Spaziergängen, bei Restbewohnern eines umgesiedelten Dorfes, bei den Baumbewohnern, bei Demonstrationen, bei Infoständen, bei der Aktion „Rote Linie“, bei der Konstituierung der Kohlekonferenz.

Die Gegenseite kommt in Form von Sprechern oder Bauleitern nur knapp zu Wort. Und in einem Ausschnitt aus der Hauptversammlung von RWE. Der Staat aber bleibt weitgehend ohne Gesicht. Das ist doch noch schlimmer als mittelalterlich.

Ohne die Hartnäckigkeit der Baubewohner und einiger Aktivisten, die friedlich den Stopp wollten, wäre der Forst wohl längst schon gerodet ohne erkennbaren Nutzen für die Menschheit, bloß weil RWE die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und weiter auf das bequeme Geldscheffelmodell setzen will.